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Das limbische System

Das limbische System kann auf eine wandlungsvolle neurowissenschaftliche Geschichte zurückblicken. Lange galt es als unitäres Zentrum unserer Emotionen, und zahlreiche populärwissenschaftliche Texte transportieren nach wie vor diese vereinfachte Botschaft. Tatsächlich aber gehen die Funktionen des limbischen Systems weit darüber hinaus, denn neben der Steuerung von Emotionen beeinflusst es zum Beispiel auch Gedächtnis oder Antrieb. Und auch umgekehrt betrachtet ist unser Gefühlsleben eine zu komplexe Angelegenheit, als dass es allein durch die recht begrenzten Strukturen des limbischen Systems erklärbar wäre.


Historische Fehldeutungen

Welche Strukturen und Areale zum limbischen System zählen, lässt sich nicht eindeutig sagen – die Angaben variieren entsprechend der Position und des Konzeptes des jeweiligen Autors. Die älteste Definition stammt von dem französischen Arzt Paul Broca (1824 – 1880). Er postulierte 1878, es gebe in der Großhirnrinde ein Areal, das sich vom restlichen Cortex grundlegend unterscheide – und von dem Broca fälschlicherweise annahm, es sei ausschließlich für das Riechen zuständig. Weil sich dieses Areal ringförmig um den Hirnstamm legt, wählte er den lateinischen Begriff „limbus“,  was so viel bedeutet wie „Saum“ oder „Rand“.

1949 formulierte der US-amerikanische Mediziner und Hirnforscher Paul McLean die Theorie, das limbische System sei das Zentrum unserer Emotionen und stelle damit – ungefähr wie eine biologische Matrjoschka-Puppe – ein emotionales Gehirn im Gehirn dar. Seine inzwischen überholte Theorie unterfütterte er auch mit evolutionären Thesen: Zuerst, so glaubte er, sei das grobe Überleben des Reptiliengehirns gekommen, dann die emotionale Steuerung des limbischen Systems und ganz zuletzt erst hätten sich die höheren corticalen Bereiche entwickelt. Nichts davon trifft zu.

Das Wichtigste in Kürze

Der Begriff „limbisches System“ ist sehr unscharf und bezeichnet eine Gruppe von Strukturen, die mit der Verarbeitung von Emotionen und mit Gedächtnisprozessen befasst sind. Welche dies sind, darüber gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Die wichtigsten sind Hippocampus, Amygdala, Gyrus cinguli und Gyrus parahippocampalis.

McLean ging davon aus, dass zusätzlich zu den von Broca bestimmten Arealen auch die Amygdala und das Septum am limbischen System beteiligt seien. Zumindest in Bezug auf die Amygdala ist McLeans biologische Einteilung auch heute noch wissenschaftlich akzeptiert.

Teilbereiche des limbischen Systems

Heutzutage zählen die meisten Wissenschaftler zum limbischen System den Hippocampus, Gyrus cinguli, Gyrus parahippocampalis, die Amygdala und das Corpus mammillare. Manche Autoren nennen zusätzlich das Riechhirn – inklusive Septum – und Teile des Thalamus. Damit umfasst das limbische System Strukturen und Areale der Basalganglien sowie von Groß- und Zwischenhirn. Spätestens hier wird klar: Das limbische System definiert sich nicht topographisch über die lokale Nähe der Strukturen, sondern über ihre funktionalen Verbindungen.

Und tatsächlich sind die beteiligten Strukturen eng miteinander verknüpft. Zahlreiche Studien legen nahe, dass das limbische System unser affektives Verhalten zumindest teilweise kontrolliert und damit Gefühle und Sexualität beeinflusst. Zudem spielt es eine zentrale Rolle bei der Abspeicherung von Gedächtnisinhalten und ist so an Lernprozessen beteiligt. Besonders wichtig hierbei ist der Papez-Kreis, benannt nach dem US-amerikanischen Neurologen James Papez, der diesen Schaltkreis in den 1930er Jahren entdeckte.

Der Papez-Kreis

Der Papez-Kreis läuft vom Hippcampus über den Fornix zu den Corpora mamillaria und weiter über den Thalamus zum Gyrus cinguli, der seinerseits wieder zurück zum Hippocampus projiziert. Damit schließt sich ein Kreis, der essentiell für das Gedächtnis ist: Wird er durch Operationen oder Läsionen unterbrochen, verlieren die Patienten die Fähigkeit zum Abspeichern von neuen Gedächtnisinhalten. Zwar erinnern sie ihre Vergangenheit – je älter die Erinnerung, umso besser –, doch der Weg vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis ist zerstört.

Aufgrund der emotionalen Regulation werden Störungen im limbischen System auch immer wieder mit ungewöhnlichen Emotionen oder Stimmungen in Zusammenhang gebracht, so etwa mit Schizophrenie oder Bipolaren Störungen, Angst- oder Aggressionsstörungen, aber auch mit Depressionen.

Umstritten, aber bedeutsam

Das limbische System besteht aus einer eng vernetzten Gruppe von Hirnarealen, die in verschiedene Bereiche des Großhirns, aber auch des Hirnstamms aussenden. Wichtige Bestandteile sind Hippocampus, Gyrus cinguli, Gyrus parahippocampalis, Amygdala und Corpus mamillare. Die Definition des limbischen Systems ist umstritten, da es ein historisch geprägter Begriff ist, dessen Funktionen sich nicht so eindeutig abgrenzen lassen, wie man dies früher vermutet hat. Dies gilt vor allem für die Verarbeitung von Emotionen, die man vereinzelt auch heute noch allein dem limbischen System zuschreibt. Doch inzwischen wissen wir, dass seine Strukturen für die Verarbeitung von Emotionen, für Lernen und Erinnerung eine zwar große Rolle spielen – aber eben keine ausschließliche.

Kommentare
Robert Urban

Sehr geehrte Frau Krämer,
es überrascht mich wie Sie durch das "Nichts davon trifft zu." am Ende des zweiten Absatzes den gesamten Ansatz von McLean vom Tisch zu wischen scheinen.
Auf welchen Quellen beruht Ihre Aussage ?
22.01.2014 10:50 Uhr
Arvid Leyh

Hallo Herr Urban!

Stellvertretend für Frau Krämer hier eine Antwort von mir: McLeans evolutionäre Darstellung der Hirnentwicklung gilt tatsächlich als überholt. Ich glaube, bei Roth und Wullimann (Brain Evolution and Cognition) schon so etwas gelesen zu haben, eine ausführlichere Darstellung finden Sie jedenfalls bei der englischen Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Triune_brain
Aber es stimmt, Jaak Panksepp führt McLean trotzdem gern an.
27.01.2014 14:00 Uhr
Stefan Pschera

Wie definiert sich das limbische System?

1. Über die Struktur, also die Anatomie? Dann gibt es keine Probleme. Es ist die anatomische ca. Struktur unterhalb der Rinde und oberhalb vom Hirnstamm.

2. Funktionell dies einzugrenzen wird es schwieriger. Viel wird dort zwischen Hirnstamm und Hirnrinde emotional bewertet. Aber eben nicht nur dort.
Also. das limbische System wird nicht lokal (Anatomie= Struktur), sonder über deren Funktion definiert.
Und hat die Autorin, Tanja Krämer, Schwierigkeiten, eiert herum. Es fällt schwer, Emotion dem lymbischen System zuzuordnen. Emotion wird eben quer durch generiert, auch in der Rinde.
01.02.2014 22:17 Uhr
Stefan Pschera

Wann endlich ist es vorbei mit dem Lokaldenken? Die Lokalisationstheorien sind „Schnee von gestern“.
Immer wieder wird erwähnt, Funktion ist lokal nicht eingrenzbar und dann dieser Artikel. Die Funktion des lymbischen Systems wird erklärt und dann zögerlich festgestellt, es geht nicht. Nicht umsonst wird die Konnektom-Forschung mit Milliarden gefördert. Dies zeigt die Skepsis gegenüber den Lokalisationstheorien. Das Konnektom gliedert eben anders. Die Lokalisation konnte und kann das Gehirn nicht erklären. Endlich umdenken! Die Fasern des Konnektoms erfüllen selbst Funktion!

 
30.05.2014 21:42 Uhr
3D-Gehirn
Infos zum Beitrag
Datum:
01.08.2011
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Herbert Schwegler
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