Das Ventrikelsystem

© dasGehirn.info

Wer das erste Mal sieht, was sich da tief in unserem Gehirn versteckt, mag staunen: Ein Höhlensystem, gefüllt mit klarer Flüssigkeit und von der Natur in eigenartiger Weise geformt. Ist das ein Alien mit Helm? Oder eher ein Mensch mit Widderhörnern?

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Jochen F. Staiger

Veröffentlicht: 20.09.2025

Niveau: mittel

Kurz und knapp

Das Hohlsystem im Inneren unseres Gehirns besteht aus vier miteinander verbundenen Kammern, den Ventrikeln, auch innerer Liquorraum genannt. Sie sind mit Liquor gefüllt, einer klaren, eiweißarmen und fast zellfreien Flüssigkeit. Sie dient der mechanischen Dämpfung des ZNS sowie der humoralen Kommunikation.

Was der Liquor verrät

Zum Zweck der Diagnose kann der Arzt dem Patienten Liquor über eine Lumbalpunktion aus dem äußeren Liquorraum (Subarachnoidalraum) entnehmen. Dafür führt er eine lange Nadel zwischen drittem und viertem Lendenwirbel ein. Seltener – nur wenn eine Lumbalpunktion nicht möglich ist – punktiert er direkt den äußeren Liquorraum am Schädel.

Das klingt sehr unangenehm, kann sich aber lohnen, um eine Diagnose zu sichern und auf dieser Grundlage eine spezifische Therapie aufzubauen. Zum Beispiel lassen sich im Liquor hervorragend Entzündungen des Zentralnervensystems und der Hirnhäute nachweisen: Die Flüssigkeit enthält dann mehr Zellen und Eiweiße als normal – unter anderem weiße Blutkörperchen. Hin und wieder finden sich auch bakterielle Erreger direkt im Liquor wieder. Bei der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose sammeln sich vermehrt Antikörper, genauer Immunoglobulin G, in der Gehirnflüssigkeit. Im Falle eines Tumors lassen sich auch Krebszellen detektieren.

Auch die äußere Erscheinung des Liquors verrät vieles: Bei einer Hirnhautentzündung (Meningitis) ist die Flüssigkeit beispielsweise trüb gefärbt. Blutiger Liquor ist ein Hinweis auf eine häufig tödliche Subarachnoidalblutung, bei der Blutgefäße im äußeren Liquorraum gerissen sind.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose/Encephalomyelitis disseminata/multiple sclerosis

Eine häufige neurologische Krankheit, die vorwiegend im jungen Erwachsenenalter auftritt. Aus noch ungeklärtem Grund greifen körpereigene Zellen die Myelinscheiden der Nervenzellen an und zerstören diese. Das kann im gesamten zentralen Nervensystem geschehen, weshalb zwei verschiedene Multiple-​Sklerose-​Patienten an ganz unterschiedlichen Symptomen leiden können. Häufige Beschwerden sind Sehstörungen, Taubheitsgefühle in Armen und Beinen, aber auch Koordinationsprobleme, Muskelschwäche und Blasenstörungen.

Dieses Ding ist wirklich Teil meines Gehirns? Das ist oft der erste Gedanke, wenn man Bilder vom Ventrikelsystem betrachtet. Man weiß nicht ganz, ob es sich dabei vielleicht um einen Aprilscherz handelt oder um einen Tintenkleckstest beim Psychologen. Aber nein, ganz ehrlich: Unser aller Gehirn ist innen zum Teil hohl, und das Höhlensystem erinnert tatsächlich an einen Alien mit Helm! Und nicht nur das: Aus seinen Kammern erstrecken sich Gebilde von ungewöhnlicher Struktur und mit einzigartigem Namen – das Bochdalek´sche Blumenkörbchen beispielsweise. Eine Laune der Natur? Natürlich nicht, denn das Ventrikelsystem hat diverse Funktionen.

Betrachten wir den Alien genauer: Ein plattgedrückter Kopf mit Augen und einer insektenartigen Schnauze, ein ungewöhnlich langer, dünner, gebogener Hals an einem mickrigen Oberkörper mit zwei kümmerlichen Ärmchen und auf dem Kopf ein ausladender Helm – so präsentiert sich ein Ausguss des Ventrikelsystems in den Lehrbüchern. Nüchterner betrachtet handelt es sich um vier Hohlräume, die miteinander in Verbindung stehen und mit einer klaren Flüssigkeit, dem Hirnwasser (Liquor cerebrospinalis) gefüllt sind. Dieser Liquor füllt nicht nur die Ventrikel im Inneren, er umhüllt auch außen das Hirn sowie das Rückenmark und bildet einen wirksamen Puffer zwischen hartem Schädelknochen und weichem Gehirn. Nicht mehr als 150 Milliliter Flüssigkeit befinden sich in diesem Liquorsystem. Alles andere wäre ungesund, oder anders gesagt: ein Hydrocephalus.

Ventrikelsystem

Ventrikelsystem/-/ventricular system

Ein System aus Hohlräumen im Gehirn, die mit Cerebrospinalflüssigkeit (Gehirn-​Rückenmarks-​Flüssigkeit) gefüllt sind. Dies ermöglicht für das Gehirn Schutz, Ernährung, Homöostase und Abtransport von Abfallstoffen.

Rückenmark

Rückenmark/Medulla spinalis/spinal cord

Das Rückenmark ist der Teil des zentralen Nervensystems, das in der Wirbelsäule liegt. Es verfügt sowohl über die weiße Substanz der Nervenfasern, als auch über die graue Substanz der Zellkerne. Einfache Reflexe wie der Kniesehnenreflex werden bereits hier verarbeitet, da sensorische und motorische Neuronen direkt verschaltet sind. Das Rückenmark wird in Zervikal-​, Thorakal-​, Lumbal und Sakralmark unterteilt.

Aufbau und Lage

Das Ventrikelsystem besteht aus vier Kammern, die sich einzelnen Abschnitten des Gehirns zuordnen lassen und die mit römischen Zahlen durchnummeriert sind. In den beiden Hemisphären liegen die zwei Seitenventrikel, Nummer I und II. Sie entsprechen dem Helm des Aliens, werden in Lehrbüchern aber auch oft mit einem Horn verglichen. Beide Kammern gliedern sich in das ausufernde Vorderhorn (Cornu frontale) im Stirnlappen, den schmaleren, bogenförmigen Mittelteil (Pars centralis) im Scheitellappen, das kleine, nach hinten zeigende Hinterhorn (Cornu occipitale) im Hinterhauptlappen und das seitlich nach vorn laufende Unterhorn (Cornu temporale) im Schläfenlappen. Dieses grenzt nach unten hin an den Hippocampus, die anderen Abschnitte werden nach oben vom Corpus callosum, nach unten vom Thalamus begrenzt.

Der dritte Ventrikel ist ein enger und hoher, spaltförmiger Raum. Er bildet den Kopf des Aliens und lässt sich dem Zwischenhirn zuordnen. Dabei stößt er zur Seite hin an den Thalamus, den Epithalamus und den Hypothalamus. Dort, wo sich sich rechter und linker Thalamus berühren – an der Adhaesio interthalamica –, entsteht eine rundliche Aussparung im dritten Ventrikel: das Auge des Außerirdischen. Der Hohlraum läuft in vier schmale, längliche Ausbuchtungen aus – zwei im Gesicht des Aliens, zwei am Hinterkopf.

Der vierten Ventrikel schlussendlich liegt zwischen Hirnstamm – genauer Medulla oblongata und Pons – einerseits und dem Kleinhirn andererseits. Er bildet den Körper des Aliens mit den beiden Ärmchen. An deren offenen Enden, den Aperturae laterales, sind sie zum äußeren Liquorraum zwischen innerer und mittlerer Hirnhaut geöffnet – besagtem „Puffer“ zum Schädelknochen. Eine weitere solche Verbindung bildet die Apertura mediana – sozusagen das Stummelschwänzchen des Aliens. Der vierte Ventrikel setzt sich nach unten hin in den Zentralkanal des Rückenmarks fort.

Die vier Ventrikel stehen miteinander in Kontakt. So verbinden zwei kurze Ausbuchtungen, die Foramina interventricularia, je einen Seitenventrikel mit dem dritten Ventrikel. Ob nun Widderhorn oder Alienhelm: Hier sind sie am Kopf des Aliens angewachsen. Dessen langer Hals ist eigentlich die „Wasserleitung des Mittelhirns“, der Aquaeductus mesencephali. Durch ihn gelangt der Liquor vom dritten in den vierten Ventrikel.

Die ungewöhnlichen Strukturen des Ventrikelsystems entstehen im Laufe der Embryonalentwicklung, nachdem das Neuralrohr – der Ursprung des Zentralnervensystems – sich zu Bläschen ausgestülpt hat. Dabei entsteht zuerst ein einzelner Hohlraum. Doch weil die verschiedenen Gehirnabschnitte unterschiedlich schnell und stark wachsen, untergliedert er sich zunächst in drei, dann in fünf Kammern. So entsteht allmählich das Alien im Gehirn.

Dieses Alien, dieses Ventrikelsystem hatte für die alten Griechen eine ganz besondere Bedeutung: Hier, so die einhellige Meinung, wäre der Sitz des menschlichen Geistes, ja, sogar seiner Seele. Das eigentliche Gehirn galt den alten Griechen dagegen nichts. Eine Meinung, die sich noch bis ins Mittelalter hinein hielt.

Ventrikelsystem

Ventrikelsystem/-/ventricular system

Ein System aus Hohlräumen im Gehirn, die mit Cerebrospinalflüssigkeit (Gehirn-​Rückenmarks-​Flüssigkeit) gefüllt sind. Dies ermöglicht für das Gehirn Schutz, Ernährung, Homöostase und Abtransport von Abfallstoffen.

Epithalamus

Epithalamus/Epithalamus/epithalamus

Ein hinter dem Thalamus (größter Teil des Zwischenhirns) gelegener Teil des Diencephalons (Zwischenhirn). Zu ihm gehören unter anderem die Habenulae und die Epiphyse.

Hypothalamus

Hypothalamus/-/hypothalamus

Der Hypothalamus gilt als das Zentrum des autonomen Nervensystems, er steuert also viele motivationale Zustände und kontrolliert vegetative Aspekte wie Hunger, Durst oder Sexualverhalten. Als endokrine Drüse (die – im Gegensatz zu einer exokrinen Drüse – ihre Hormone ohne Ausführungsgang direkt ins Blut abgibt) produziert er zahlreiche Hormone, die teilweise die Hypophyse hemmen oder anregen, ihrerseits Hormone ins Blut abzugeben. In dieser Funktion spielt er auch bei der Reaktion auf Schmerz eine wichtige Rolle und ist in die Schmerzmodulation involviert.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Hirnstamm

Hirnstamm/Truncus cerebri/brainstem

Der „Stamm“ des Gehirns, an dem alle anderen Gehirnstrukturen sozusagen „aufgehängt“ sind. Er umfasst – von unten nach oben – die Medulla oblongata, die Pons und das Mesencephalon. Nach unten geht er in das Rückenmark über. Er ist ein Zentrum lebenswichtiger Funktionen wie der Atmung und des Herzschlags und beinhaltet auf- und absteigende Bahnen zwischen Großhirn, Kleinhirn und Rückenmark.

Medulla oblongata

Verlängertes Mark/Medulla oblongata/hindbrain

Bereich des Gehirns, der ins Rückenmark übergeht. Die Medulla oblongata umfasst Nervenbahnen zwischen Rückenmark und höheren Gehirnregionen sowie zahlreiche Kerngebiete mit teils lebenswichtigen Aufgaben wie der Atmung, dem Herzschlag oder bestimmten Reflexen.

Pons

Brücke/Pons/pons

Areal im Hirnstamm zwischen Medulla oblongata und Mesencephalon. Stellt eine Umschaltstation vieler Nervenbahnen zwischen Gehirn Rückenmark dar und enthält zahlreiche Kerne, darunter Hirnnerven und solche, die an der Steuerung der Motorik beteiligt sind-in Zusammenarbeit mit dem Cerebellum.

Empfohlene Artikel

Kreislauf des Liquors

Der Liquor cerebrospinalis ist ein beinahe zellfreies und eiweißarmes Ultrafiltrat des Blutes, dessen Zusammensetzung sich von allen anderen Körperflüssigkeiten unterscheidet. Er entsteht hauptsächlich an Adergeflechten im Ventrikelsystem, an den Plexus choroidei. Diese stark durchbluteten Auffaltungen der Ventrikelwände sehen aus wie kleine aneinandergereihte Brokkoliröschen. Sie sitzen im Dach des dritten Ventrikels und reichen bis in Mittelteil und Unterhorn des Seitenventrikels. Eine weitere Filtrierstation findet sich im vierten Ventrikel. Durch die Öffnungen an den Ärmchen schaut ein Teil des Brokkolis heraus, bis in den äußeren Liquorraum. Das erinnert mit viel Fantasie an ein Blumenkörbchen und nennt sich daher Bochdalek-Blumenkörbchen – zu Ehren seines Entdeckers, dem tschechischen Anatomen Vincent Alexander Bochdalek. Das Ependym, die innere einschichtige Zellverkleidung des Ventrikelsystems, konntrolliert die Zusammensetzung des Liquors.

Etwa 150 Milliliter Liquor fasst unser Schädel insgesamt, 30 innerhalb und 120 außerhalb des Gehirns. Dabei hat der äußere Liquorraum einen erstaunlichen Effekt: Indem er das Gehirn umhüllt, reduziert er dessen effektives Auflagegewicht auf den Knochen von 1500 Gramm auf nur 50 Gramm.

Jeden Tag bildet der Körper etwa einen halben Liter Liquor, der gesamte Inhalt wird also etwa dreimal pro Tag ausgetauscht. Wird mehr produziert als resorbiert, staut sich der Liquor im Schädel und es kommt zum äußeren Wasserkopf. Bei Säuglingen beginnt sich daraufhin der noch flexible Schädel zu vergrößern. Es kann aber auch der schmale Aquaeductus zwischen dem dritten und vierten Ventrikel verstopfen, woraufhin sich nur das Ventrikelsystem I-III ausdehnt – so entsteht ein so genannter innerer Wasserkopf. In jedem Fall sind schwere Kopfschmerzen und potenzielle Ausfallerscheinungen des Gehirns die Folge.

Mit Computertomographie und Magnetresonanztomographie lässt sich das Ventrikelsystem problemlos abbilden. Der Arzt kann dann auf Schnittbildern beurteilen, ob es größer ist als normal. Im Falle eines Wasserkopfs versucht er, mit einer Drainage den geregelten Liquorabfluss wieder herzustellen.

Ventrikelsystem

Ventrikelsystem/-/ventricular system

Ein System aus Hohlräumen im Gehirn, die mit Cerebrospinalflüssigkeit (Gehirn-​Rückenmarks-​Flüssigkeit) gefüllt sind. Dies ermöglicht für das Gehirn Schutz, Ernährung, Homöostase und Abtransport von Abfallstoffen.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose verschiedener Erkrankungen und Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der sich im starken Magnetfeld ausrichtet. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Erstveröffentlichung am 8. August 2011
Letzte Aktualisierung am 5. August 2025

No votes have been submitted yet.

Author

Wissenschaftliche Betreuung

Lizenzbestimmungen

Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.

BY-NC: Namensnennung, nicht kommerziell

Zugehörige Pressemeldungen