Immunsystem außer Rand und Band

Grafik: MW
Immunsystem außer Rand und Band

Bei der Multiplen Sklerose werden körpereigene Strukturen als fremde Eindringlinge fehlgedeutet und attackiert.  Entzündungen zerstören dann nicht nur das elektrische Isoliermaterial von Nervenleitungen, sondern auch die Neurone selbst.

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Ricarda Diem, Prof. Dr. Bernhard Hemmer

Veröffentlicht: 08.12.2025

Niveau: mittel

Kurz und knapp
  • Der Startschuss der Multiplen Sklerose (MS) erfolgt wohl im peripheren Immunsystem: Es verwechselt Proteine im Zentralen Nervensystem (ZNS) mit feindlichen Viren und leitet Abwehrmaßnahmen ein.
  • m Zuge der ersten Maßnahmen gelangen T- und B-Zellen als Teil der Immunabwehr von der Peripherie über die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn. Dort schütten sie Botenstoffe aus, die die Schranke öffnen.
  • Als Nachhut treffen dann weitere Entzündungszellen ein, die die Myelinscheiden angreifen und damit für die Schübe sorgen, in denen die Erkrankung in den frühen Phasen verläuft.
  • Anders als lange Zeit gedacht, gehen die Entzündungsreaktionen aber auch in späteren Phasen weiter, in denen die Erkrankung fortschreiten kann. Sie spielen sich aber hinter einer wieder geschlossenen Blut-Hirn-Schranke ab – abgekoppelt vom peripheren Immunsystem. Es ist weiterhin unklar, ob das Immunsystem in dieser Phase den Untergang von Nervenzellen vorantreibt oder eine Reaktion auf den Untergang von Nervenzellen darstellt. 
  • In Zukunft wird es eine wichtige Aufgabe sein, MS gezielter zu behandeln und nur die schädlichen Immunzellen zu blockieren. Darüber hinaus bedarf es neuer Therapieansätze, die gezielt auf die chronische progrediente Phase abzielen. 

Blut-Hirn-Schranke

Blut-Hirn-Schranke/-/blood brain barrier

Eine selektiv durchlässige Membran, die von den Zellen in den Wänden der kapillaren Blutgefäße im Gehirn gebildet wird. Sie schützt das Gehirn vor Schadstoffen über das Blut, erlaubt jedoch den Übergang von Nährstoffen und Sauerstoff aus dem Blut ins Gehirn.

Ursache unbekannt

Die eigentliche Ursache der Multiplen Sklerose liegt trotz aller Anstrengungen seitens der Forschung im Dunkeln. „Für MS gibt es eine polygenetische Veranlagung“, sagt Wolfgang Brück, Vorstand Forschung und Lehre am Institut für Neuropathologie der Universitätsmedizin Göttingen. Heute seien mehr als 230 Risikogene bekannt, die zum Ausbruch von MS beitragen. „Und auffällig ist: alle diese Risikogene hängen mit dem Immunsystem zusammen.“ Zudem gebe es wohl Umweltfaktoren wie Virusinfektionen (insbesondere das Epstein-Barr Virus), die zwar nicht direkt die Ursache der MS sind, aber möglicherweise für Veränderungen des Immunsystems sorgen, sodass letztlich Immunzellen Gehirn und Rückenmark angreifen.

Rückenmark

Rückenmark/Medulla spinalis/spinal cord

Das Rückenmark ist der Teil des zentralen Nervensystems, das in der Wirbelsäule liegt. Es verfügt sowohl über die weiße Substanz der Nervenfasern, als auch über die graue Substanz der Zellkerne. Einfache Reflexe wie der Kniesehnenreflex werden bereits hier verarbeitet, da sensorische und motorische Neuronen direkt verschaltet sind. Das Rückenmark wird in Zervikal-​, Thorakal-​, Lumbal und Sakralmark unterteilt.

Startschuss: Peripherie oder Gehirn?

„Wir wissen, dass Immunzellen aus der Peripherie ins Gehirn einwandern“, so Manuel Friese, Direktor des Instituts für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Allerdings ist bisher nicht vollständig geklärt, ob die MS tatsächlich im Immunsystem in der Peripherie oder im ZNS beginnt.“ Manche Forscher sehen diese Aktivität des Immunsystems lediglich als Reaktion auf Vorgänge, die im ZNS ihren Anfang nehmen. Was diese Vorgänge sein könnten, sei derzeit aber vollkommen unklar.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose/Encephalomyelitis disseminata/multiple sclerosis

Eine häufige neurologische Krankheit, die vorwiegend im jungen Erwachsenenalter auftritt. Aus noch ungeklärtem Grund greifen körpereigene Zellen die Myelinscheiden der Nervenzellen an und zerstören diese. Das kann im gesamten zentralen Nervensystem geschehen, weshalb zwei verschiedene Multiple-​Sklerose-​Patienten an ganz unterschiedlichen Symptomen leiden können. Häufige Beschwerden sind Sehstörungen, Taubheitsgefühle in Armen und Beinen, aber auch Koordinationsprobleme, Muskelschwäche und Blasenstörungen.

Es ist wie bei einem Dominospiel: Kaum fällt der erste Stein, setzt bei der Multiplen Sklerose (MS) eine fatale Kettenreaktion ein, die bis ins Gehirn reicht und dort verheerende Schäden anrichtet. Das Immunsystem spielt bei dieser Erkrankung verrückt und geht gegen körpereigenes Gewebe vor. Zumindest bei einem Teil der Erkrankten führt dies mittelfristig zu alltagsrelevanten Einschränkungen. Obwohl die Mechanismen der MS nur bedingt verstanden sind, ist eine frühe therapeutische Intervention essenziell, um den Verlauf zu beeinflussen.  

Einer der ersten Steine des Dominospiels, der kippt und die anderen mit sich reißt, fällt vermutlich nicht im Gehirn. In frühen Phasen, in denen die Erkrankung in Schüben auftritt und zwischen denen Monate der Erholung liegen können, ist wohl das periphere Immunsystem der Auslöser der Kettenreaktion. Damit das Immunsystem seine Arbeit ordentlich machen kann, muss es zunächst unterscheiden, wer „Freund“ und wer „Feind“ ist; wer zu den körpereigenen Zellen gehört und wer ein körperfremder Eindringling ist. Doch das geht bei MS schief.

Vermutlich trägt es sich so zu: In den Lymphknoten oder der Milz wird das Immunsystem durch eine Infektion aktiviert. Hier spielt wahrscheinlich die Infektion mit dem Epstein Barr Virus eine zentrale Rolle. Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Virus werden Immunzellen aktiviert, die mit Eiweißen im Gehirn und Rückenmark kreuzreagieren. Damit hat das Immunsystem fälschlich das ZNS im Fokus.

Die aktivierten T- und B-Zellen (= Lymphozyten) machen sich auf ihren Weg über den Blutkreislauf ins Gehirn auf. Dort müssen sie zunächst die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Die mächtige Barriere trennt den Blutkreislauf vom Gehirn und sorgt dafür, dass keine fremden Stoffe, Krankheitserreger oder giftige Stoffwechselprodukte in das Denkorgan eindringen. „Durch die Blut-Hirn-Schranke gelangen die T- und B-Zellen unter anderem über so genannte Integrinmoleküle, die auf ihrer Oberfläche sitzen“, sagt Manuel Friese. „Diese Moleküle ermöglichen es den Lymphozyten, an Bindungsstellen auf der Gefäßwand 'anzudocken' und ins Gewebe des Zentralen Nervensystems einzuwandern“, so der Direktor des Instituts für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Im Gehirn angekommen schütten die Lymphozyten dann Botenstoffe aus, die die zuvor noch intakte Schranke öffnen.

Rückenmark

Rückenmark/Medulla spinalis/spinal cord

Das Rückenmark ist der Teil des zentralen Nervensystems, das in der Wirbelsäule liegt. Es verfügt sowohl über die weiße Substanz der Nervenfasern, als auch über die graue Substanz der Zellkerne. Einfache Reflexe wie der Kniesehnenreflex werden bereits hier verarbeitet, da sensorische und motorische Neuronen direkt verschaltet sind. Das Rückenmark wird in Zervikal-​, Thorakal-​, Lumbal und Sakralmark unterteilt.

Blut-Hirn-Schranke

Blut-Hirn-Schranke/-/blood brain barrier

Eine selektiv durchlässige Membran, die von den Zellen in den Wänden der kapillaren Blutgefäße im Gehirn gebildet wird. Sie schützt das Gehirn vor Schadstoffen über das Blut, erlaubt jedoch den Übergang von Nährstoffen und Sauerstoff aus dem Blut ins Gehirn.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose/Encephalomyelitis disseminata/multiple sclerosis

Eine häufige neurologische Krankheit, die vorwiegend im jungen Erwachsenenalter auftritt. Aus noch ungeklärtem Grund greifen körpereigene Zellen die Myelinscheiden der Nervenzellen an und zerstören diese. Das kann im gesamten zentralen Nervensystem geschehen, weshalb zwei verschiedene Multiple-​Sklerose-​Patienten an ganz unterschiedlichen Symptomen leiden können. Häufige Beschwerden sind Sehstörungen, Taubheitsgefühle in Armen und Beinen, aber auch Koordinationsprobleme, Muskelschwäche und Blasenstörungen.

Entzündungen und Nervensterben

Da der Weg ins Gehirn nun frei ist, nimmt die Kettenreaktion ihren Lauf. Die nächsten Steine des Dominospiels fallen, indem weitere Entzündungszellen in die Denkzentrale eindringen und Gliazellen und Nervenzellen angreifen. Durch die hierdurch verursachten Entzündungsherde kommt es zu Funktionsstörungen der betroffenen Nervenstränge mit entsprechendem neurologischem Einschränken. Diese reichen bei der MS von Gefühlsstörungen, Lähmungen, Sehstörungen bis hin zu neuropsychologischen Defiziten.  „Mit jeder Welle von Entzündungszellen im Gehirn kommt es zu Schädigungen und möglicherweise zu neuen Schüben bei den Patienten“, sagt Wolfgang Brück, Vorstand Forschung und Lehre am Institut für Neuropathologie der Universitätsmedizin Göttingen. Früher dachte man solche Entzündungsprozesse würden lediglich in frühen, schubförmigen Phasen der MS auftreten. In späteren Phasen, in denen die Erkrankung weiter fortschreitet, würden dagegen Nervenzellen degenerieren. „Heute wissen wir allerdings, dass schon in frühen Phasen Nervenzellen und ihre Fortsätze degenerieren und auch in den fortschreitenden Phasen Entzündungsreaktionen eine wichtige Rolle spielen.“

Allerdings sind die Umstände in den späten Phasen der Erkrankung andere. Die zuvor geöffnete Blut-Hirn-Schranke hat sich wieder geschlossen. Ab jetzt spielen sich die Entzündungsreaktionen direkt im Gehirn ab, gewissermaßen hinter einem geschlossenen Vorhang, abgekoppelt vom peripheren Immunsystem. Denn schließlich verfügt auch das Gehirn über eine eigene Immunabwehr. In seinen Reihen stehen etwa die Mikrogliazellen, die andauernd mit haarfeinen Ärmchen das Gewebe durchkämmen. Gibt es einen Notfall, wandern sie geschwind zum Ort der Katastrophe und fressen Krankheitserreger auf. Die Rolle der Mikroglia ist bisher immer noch unklar. Einerseits könnte sie die Entzündung unterhalten, die dann zur Nervenschädigung führt. Andererseits werden Mikroglia auch aktiv, wenn es durch andere Mechanismen zur Nervenschädigung kommt. In diesem Fall ist die Mikrogliaaktivierung nicht die Ursache, sondern die Folge einer Nervenschädigung. 

Gliazellen

Gliazellen/-/glia cells

Gliazellen stellen neben den Neuronen die zweite große Gruppe von Zellen im Gehirn dar. Sie wurden lange Zeit als die inaktiven Elemente des Gehirns, als „Nervenkitt“ bezeichnet. Heute weiß man, dass die verschiedenen Typen von Gliazellen (Astrozyten, Oligodendrozyten und Mikroglia im ZNS; Schwann-Zellen im PNS) klar definierte Aufgaben im Nervensystem erfüllen. So reagieren sie z. B. auf Krankheitserreger, spielen eine wichtige Rolle bei der Ernährung der Nervenzellen oder isolieren Nervenfasern. Ihr Anteil im Vergleich zu den Neuronen liegt bei etwas über 50 Prozent.

Blut-Hirn-Schranke

Blut-Hirn-Schranke/-/blood brain barrier

Eine selektiv durchlässige Membran, die von den Zellen in den Wänden der kapillaren Blutgefäße im Gehirn gebildet wird. Sie schützt das Gehirn vor Schadstoffen über das Blut, erlaubt jedoch den Übergang von Nährstoffen und Sauerstoff aus dem Blut ins Gehirn.

Mikroglia

Mikroglia/-/microglia

Der kleinste Typ der Gliazellen ist Teil des zellulären Immunsystems und unter anderem zuständig für die Entfernung abgestorbener Neurone. Mikroglia können sich amöbenartig fortbewegen.

Therapie bislang nur einseitig

„Das erklärt zum Teil auch, warum Medikamente, die das Immunsystem hemmen und in der schubförmigen Phase der MS recht gut wirken, bei der fortschreitenden Form kaum Wirkung zeigen“, sagt Wolfgang Brück. Diese Medikamente zielten nämlich auf das Immungeschehen in der Peripherie ab, sorgen etwa dafür, dass die Lymphozyten nicht ins Zentrale Nervensystem eindringen. „Für eine effektive Therapie bräuchte man eigentlich Medikamente, die vor Ort, eben im Gehirn, ihre Wirkung tun.“

Manuel Friese sieht es ähnlich: „Mit Medikamenten kann der Übertritt der T-Zellen ins Zentrale Nervensystem blockiert werden.“ Dadurch ließen sich zwar die Entzündungsschübe aufhalten und die Schädigungen im Gehirn vermindern. Aber das gewissermaßen unter den Schüben langsam ablaufende Fortschreiten der Erkrankung und der Behinderung werde damit nicht sicher verhindert. Schon lange vermutet Friese, dass es gar nicht die T-Zellen sind, die die Erkrankung und die Behinderungen vorantreiben. Sie seien nur der Auslöser für eine später im Gehirn autonom ablaufende Entzündung. Tatsächlich weiß man schon lange, dass auch B-Zellen eine zentrale Rolle in der Immunpathogenese spielen. Sie tragen nicht nur zur Antikörperproduktion bei, sondern beeinflussen auch die Aktivierung von T-Zellen und die Zytokinproduktion.

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Gute Seiten, schlechte Seiten

Dabei darf man allerdings nicht vergessen: Die Immunreaktion hat nicht nur ihre schlechten Seiten. „Sie sorgt wohl auch für eine Regeneration im Gehirn“, sagt Wolfgang Brück. Es könne also nicht nur darum gehen, das Immunsystem zu bremsen und zu blockieren. „Damit würden wir auch die positiven Seiten der Immunreaktion unterdrücken.“ Bislang wisse man allerdings noch gar nicht, was genau die guten und was die schlechten Immunzellen sind. In Zukunft müsse man jene Untergruppen der Entzündungszellen identifizieren, die tatsächlich negativ sind, und diese therapeutisch gezielt anvisieren. „Den vorteilhaften Anteil der Entzündungszellen müssen wir dagegen schützen“, spekuliert Brück über die Zukunft der MS-Therapie.

zum Weiterlesen:

  • Stadelmann C, Franz J, Nessler S. Recent developments in multiple sclerosis neuropathology. Curr Opin Neurol. 2025;38(3):173-179. doi:10.1097/WCO.0000000000001370. Volltext.
  • Hemmer B., Gehring K. et al. Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen, S2k-Leitlinie, 2024, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. (Online), abgerufen am 9.12.2025.

Erstveröffentlichung am 1. Mai 2017
Letzte Aktualisierung am 8. Dezember 2025

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