“Eine Art Entzündungsbrei hinter geschlossenem Vorhang”

Jürg Kesselring
Jürg Kesselring

Entzündlich und neurodegenerative Prozesse gehen bei MS Hand in Hand, meint der Neurologe Jürg Kesselring. Im Interview erklärt er, wie sich diese Erkenntnis therapeutisch nutzen ließe.

Veröffentlicht: 12.02.2017

Das Wichtigste in Kürze
  • Lange Zeit ging man bei Multiple Sklerose von zwei voneinander unabhängigen Ereignisketten aus: In frühen Phasen, in denen die MS in Schüben auftritt, würden Entzündungsprozesse das Krankheitsgeschehen bestimmen. In späteren Phasen, in denen die Erkrankung fortschreiten kann, herrsche die Degeneration von Nervenzellen vor.
  • Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand kann man aber die beiden Prozesse nicht streng voneinander trennen. Entzündungen und Neurodegeneration treten parallel auf. Offensichtlich dominieren in den frühen Phasen der MS die Entzündungsprozesse, die in späteren Phasen zwar zurückgehen, aber immer noch ihre schädliche Wirkung tun.
  • In der frühen Phase dringen Immunzellen aus der Peripherie über die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn ein, darunter Entzündungszellen, die die Myelinscheiden von den Axonen abschaben. Die Nervenzellen degenerieren in der Folge.
  • In späteren chronischen Phasen finden solche Entzündungen weiterhin statt, allerdings hinter einer wieder intakten Blut-Hirn-Schranke.
  • An der fortschreitenden Degeneration von Nervenzellen sind nach neuesten Erkenntnissen auch Stoffwechselprozesse beteiligt. Die Mitochondrien kommen ihrer Funktion als Energielieferanten der Zellen nicht mehr ausreichend nach.



 

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose/Encephalomyelitis disseminata/multiple sclerosis

Eine häufige neurologische Krankheit, die vorwiegend im jungen Erwachsenenalter auftritt. Aus noch ungeklärtem Grund greifen körpereigene Zellen die Myelinscheiden der Nervenzellen an und zerstören diese. Das kann im gesamten zentralen Nervensystem geschehen, weshalb zwei verschiedene Multiple-​Sklerose-​Patienten an ganz unterschiedlichen Symptomen leiden können. Besonders häufig sind Sehstörungen und Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose/Encephalomyelitis disseminata/multiple sclerosis

Eine häufige neurologische Krankheit, die vorwiegend im jungen Erwachsenenalter auftritt. Aus noch ungeklärtem Grund greifen körpereigene Zellen die Myelinscheiden der Nervenzellen an und zerstören diese. Das kann im gesamten zentralen Nervensystem geschehen, weshalb zwei verschiedene Multiple-​Sklerose-​Patienten an ganz unterschiedlichen Symptomen leiden können. Besonders häufig sind Sehstörungen und Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Neurodegeneration

Neurodegeneration/-/neurodegeneration

Sammelbegriff für Krankheiten, in deren Verlauf Nervenzellen sukzessive ihre Struktur oder Funktion verlieren, bis sie teilweise sogar daran zugrunde gehen. Vielfach sind falsch gefaltete Proteine der Auslöser – wie etwa bestimmte Formen der Eiweiße Beta-​Amyloid und Tau im Falle von Alzheimer. Bei anderen Krankheiten, beispielsweise bei Parkinson oder Chorea Huntington, werden Proteine innerhalb der Neurone nicht richtig abgebaut. In der Folge lagern sich dort toxische Aggregate ab, was zu den jeweiligen Krankheitserscheinungen führt. Während Chorea Huntington eindeutig genetisch bedingt ist, scheint es bei Parkinson und Alzheimer allenfalls bestimmte Ausprägungsformen von Genen zu geben, welche ihre Entstehung begünstigen. Keine dieser neurodegenerativen Erkrankungen kann bisher geheilt werden.

Blut-Hirn-Schranke

Blut-Hirn-Schranke/-/blood brain barrier

Eine selektiv durchlässige Membran, die von den Zellen in den Wänden der kapillaren Blutgefäße im Gehirn gebildet wird. Sie verhindert das Eindringen von Schadstoffen über das Blut, erlaubt jedoch den Übergang von Nährstoffen aus dem Blut ins Gehirn.

Axon

Axon/-/axon

Das Axon ist der Fortsatz der Nervenzelle, der für die Weiterleitung eines Nervenimpulses zur nächsten Zelle zuständig ist. Ein Axon kann sich vielfach verzweigen, und so eine Vielzahl nachgeschalteter Nervenzellen erreichen. Seine Länge kann mehr als einen Meter betragen. Das Axon endet in einer oder mehreren Synapse(n).

Jürg Kesselring

Jürg Kesselring ist ein Schweizer Neurologe. Er arbeitet als Chefarzt für Neurologie und Rehabilitation am Rehabilitationszentrum in Valens. Aus der Feder des studierten Mediziners stammen Fachbücher zum Thema Multiple Sklerose und zur Rehabilitation.

 

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose/Encephalomyelitis disseminata/multiple sclerosis

Eine häufige neurologische Krankheit, die vorwiegend im jungen Erwachsenenalter auftritt. Aus noch ungeklärtem Grund greifen körpereigene Zellen die Myelinscheiden der Nervenzellen an und zerstören diese. Das kann im gesamten zentralen Nervensystem geschehen, weshalb zwei verschiedene Multiple-​Sklerose-​Patienten an ganz unterschiedlichen Symptomen leiden können. Besonders häufig sind Sehstörungen und Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen.

Herr Prof. Kesselring, lange Zeit ging man bei Multiple Sklerose von zwei voneinander unabhängigen Ereignisketten aus: Entzündliche Prozesse würden in neurodegenerative Prozesse übergehen. Was halten Sie von diesem Ansatz?
Man hat in der Tat geglaubt, man könnte Entzündungsprozesse und Neurodegeneration streng voneinander trennen. In frühen Phasen, in denen MS in Schüben auftritt, sollten Entzündungsprozesse das Krankheitsgeschehen bestimmen. In späteren Phasen, in denen die Erkrankung fortschreiten kann, sollte die Degeneration von Nervenzellen vorherrschen. Diese Theorie beruhte unter anderem darauf, dass antientzündliche Therapien in fortschreitenden Phasen wenig wirksam sind. Doch eine strikte Trennung von Immunreaktion und Neurodegeneration ist wahrscheinlich nicht möglich und auch nicht sinnvoll.

Warum glauben Sie das?
Der Pathologe Hans Lassmann von der Medizinischen Uni Wien und seine Kollegen haben wie ich finde sehr eindrücklich gezeigt (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17388952), dass Entzündungen und Neurodegeneration parallel auftreten. Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand scheint es so zu sein, dass in den frühen Phasen der MS die Entzündungsprozesse dominieren und in späteren Phasen zwar zurückgehen, aber immer noch ihre schädliche Wirkung tun.

Bleiben wir zunächst einmal bei dieser frühen Phase. Können Sie uns die etwas näher schildern?
Normalerweise trennt die Blut-Hirn-Schranke den Blutkreislauf vom Gehirn und sorgt dafür, dass keine fremden Stoffe, Krankheitserreger oder giftige Stoffwechselprodukte in das Denkorgan eindringen. Die Schranke ist also normalerweise dicht. Bei MS-Patienten hingegen ist sie geöffnet. Das sieht man daran, dass ein den Patienten ins Blut injiziertes Kontrastmittel ins Gehirn gelangt. Das kann man ganz früh bei den Betroffenen beobachten. Welche Mechanismen zur Öffnung führen, ist im Detail noch nicht bekannt. Der Effekt ist allerdings eindeutig: Immunzellen aus der Peripherie dringen ins Gehirn ein. Gut nachgewiesen ist das für Entzündungszellen wie T-Zellen. Zudem finden sich im Gehirn noch weitere Entzündungszellen wie Makrophagen. Und diese können als Teil des Entzündungsprozesses die Myelinscheiden, die elektrische Isolierung, von den Axonen abschaben.

Was hat das für eine Wirkung?
Das kann man sich wie bei einem Baum vorstellen. Ohne die Rinde bleibt der Baumstamm, der Nervenfortsatz, zwar zunächst intakt, aber er wird degenerieren, weil er nicht mehr richtig ernährt wird. Das könnte wiederum zu weiteren Entzündungsreaktionen führen, die den Abfall der geschädigten Nervenzellen beseitigen sollen, dabei die Erkrankung aber auch weiter vorantreiben.

Und wie geht es dann in den späteren, chronischen Phasen der MS weiter?
Das Team um Lassmann hat sehr eindrücklich beschrieben, dass auch bei den chronischen MS-Fällen weiterhin Entzündungsreaktionen im Spiel sind. Der Unterschied in diesen späteren Phasen der MS ist allerdings: Die Entzündungen finden hinter einer wieder intakten Blut-Hirn-Schranke statt, denn die Schranke repariert sich wieder nach akuten Anfällen innerhalb von vier bis sechs Wochen.

Könnte die geschlossene Schranke ein Grund sein, warum sich MS in späten Stadien schlechter behandeln lässt als in den frühen Phasen?
Nach meinem Verständnis könnte das in der Tat erklären, warum antientzündliche Medikamente, die in der schubförmigen Phase der MS recht gut wirken, bei der chronischen Form kaum Wirkung zeigen. Meine Kollegen und ich vermuten, dass die Medikamente letztlich nicht durch die Blut-Hirn-Schranke in die nach wie vor vorhandenen Entzündungsbereiche im Gehirn vordringen. Es gibt hinter dem geschlossenen Vorhang eine Art Entzündungsbrei, der sich wahrscheinlich aus ähnlichen Zellen zusammensetzt wie der in der frühen Phase.

Hans Lassmann und seine Kollegen sind zudem der Meinung, dass in den späteren Phasen ein Ausfall der Mitochondrien, der Kraftwerke der Zellen, zum Absterben der Neurone beiträgt.
Ja, genau. Das ist ein neuer Zweig der Forschung, der sicherlich sehr interessant ist. Hier kenne ich mich aber nicht gut genug aus. Ich selbst bin Kliniker, die Erkenntnisse der Pathologen interessieren mich aber natürlich im Hinblick darauf, dass ich die Patienten besser betreuen kann. Aber wir haben kürzlich eine Entdeckung gemacht, die zu diesen Befunden passt. Wir konnten nämlich bei unseren MS-Patienten Hinweise auf krampfartige Verengungen der Blutgefäße nachweisen. Das könnte erklären, warum ein Teil der Patienten über kalte Hände und Füße klagt. Den Anteil des Stoffwechsels an der MS wird man in Zukunft sicherlich noch genauer untersuchen müssen.

Gibt es schon Ideen, wie man die neuen Erkenntnisse therapeutisch nutzen könnte? 
Man müsste wahrscheinlich die entzündungshemmenden Medikamente hinter die Blut-Hirn-Schranke bringen. Entweder, indem man neue Transportsysteme durch die Schranke entwickelt oder indem man die Medikamente direkt in den Liquorraum injiziert.

Und wie könnte man die Neurodegeneration aufhalten?
Medikamentös gibt es hier bislang wenig Wirkungsvolles. Dennoch möchte ich eines betonen. Früher hat man gesagt: “Ja, das Gewebe ist halt degeneriert, – da kann man nichts machen.” Doch heute wissen wir, dass auch das Gehirn eines Erwachsenen ein Leben lang plastisch ist, – und ganz sicher auch ein durch die MS geschädigtes Gehirn. Auf solchen Erkenntnissen der Grundlagenforschung gründet sich unsere Zuversicht, dass wir auch mit unseren MS-Patienten mit chronischer Verlaufsform durch geeignetes Training im Rahmen einer Neurorehabilitation regelmäßig und auch längere Zeit anhaltend Verbesserungen erreichen können.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose/Encephalomyelitis disseminata/multiple sclerosis

Eine häufige neurologische Krankheit, die vorwiegend im jungen Erwachsenenalter auftritt. Aus noch ungeklärtem Grund greifen körpereigene Zellen die Myelinscheiden der Nervenzellen an und zerstören diese. Das kann im gesamten zentralen Nervensystem geschehen, weshalb zwei verschiedene Multiple-​Sklerose-​Patienten an ganz unterschiedlichen Symptomen leiden können. Besonders häufig sind Sehstörungen und Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen.

Neurodegeneration

Neurodegeneration/-/neurodegeneration

Sammelbegriff für Krankheiten, in deren Verlauf Nervenzellen sukzessive ihre Struktur oder Funktion verlieren, bis sie teilweise sogar daran zugrunde gehen. Vielfach sind falsch gefaltete Proteine der Auslöser – wie etwa bestimmte Formen der Eiweiße Beta-​Amyloid und Tau im Falle von Alzheimer. Bei anderen Krankheiten, beispielsweise bei Parkinson oder Chorea Huntington, werden Proteine innerhalb der Neurone nicht richtig abgebaut. In der Folge lagern sich dort toxische Aggregate ab, was zu den jeweiligen Krankheitserscheinungen führt. Während Chorea Huntington eindeutig genetisch bedingt ist, scheint es bei Parkinson und Alzheimer allenfalls bestimmte Ausprägungsformen von Genen zu geben, welche ihre Entstehung begünstigen. Keine dieser neurodegenerativen Erkrankungen kann bisher geheilt werden.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose/Encephalomyelitis disseminata/multiple sclerosis

Eine häufige neurologische Krankheit, die vorwiegend im jungen Erwachsenenalter auftritt. Aus noch ungeklärtem Grund greifen körpereigene Zellen die Myelinscheiden der Nervenzellen an und zerstören diese. Das kann im gesamten zentralen Nervensystem geschehen, weshalb zwei verschiedene Multiple-​Sklerose-​Patienten an ganz unterschiedlichen Symptomen leiden können. Besonders häufig sind Sehstörungen und Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Neurodegeneration

Neurodegeneration/-/neurodegeneration

Sammelbegriff für Krankheiten, in deren Verlauf Nervenzellen sukzessive ihre Struktur oder Funktion verlieren, bis sie teilweise sogar daran zugrunde gehen. Vielfach sind falsch gefaltete Proteine der Auslöser – wie etwa bestimmte Formen der Eiweiße Beta-​Amyloid und Tau im Falle von Alzheimer. Bei anderen Krankheiten, beispielsweise bei Parkinson oder Chorea Huntington, werden Proteine innerhalb der Neurone nicht richtig abgebaut. In der Folge lagern sich dort toxische Aggregate ab, was zu den jeweiligen Krankheitserscheinungen führt. Während Chorea Huntington eindeutig genetisch bedingt ist, scheint es bei Parkinson und Alzheimer allenfalls bestimmte Ausprägungsformen von Genen zu geben, welche ihre Entstehung begünstigen. Keine dieser neurodegenerativen Erkrankungen kann bisher geheilt werden.

zum Weiterlesen:

  • Haider; L.: The topograpy of demyelination and neurodegeneration in the multiple sclerosis brain. Brain. 2016 Mar; 139(3): 807–815.
  • Mahad DH et al.: Pathological mechanisms in progressive multiple sclerosis. Lancet Neurol. 2015 Feb;14(2):183-93. doi: 10.1016/S1474-4422(14)70256-X.
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