Viele Ursachen der Multiplen Sklerose

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Viele Ursachen der Multiplen Sklerose
Author: Susanne Donner

Rauchen, zu wenig Sonne und der westliche Lebensstil können Multiple Sklerose begünstigen – vor allem, wenn eine erbliche Veranlagung vorhanden ist. Doch eine überragende Rolle spielt die Entgleisung des Immunsystems.

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Heinz Wiendl, Dr. Timo Volk

Veröffentlicht: 07.10.2025

Niveau: mittel

Kurz und knapp
  • Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, die sich im Zentralen Nervensystem niederschlägt. 
  • Mindestens 230 Genvarianten beeinflussen das Risiko für die Erkrankung.
  • Weil fast alle MS-Patienten mit Epstein-Barr-Viren infiziert sind, sehen viele Forscher darin eine wichtige Voraussetzung für die Erkrankung. 
  • Geographische Faktoren wie zu wenig Sonne und in der Folge zu wenig Vitamin D machen das Immunsystem anfälliger für eine MS. 
  • Geschlechtshormone haben einen großen Einfluss auf Autoimmunerkrankungen wie die MS. Rauchen und die Ernährung sind dagegen beeinflussbare Risikofaktoren.
  • Auch andere Ursachen werden diskutiert, etwa bestimmte Mikroben im Darm.

Es ist ein besonderer Erfolg, den die Multiple-Sklerose-Forschung derzeit erlebt. Einer Reihe verschiedener Therapieansätze ist es zu verdanken, dass Patienten häufig, trotz langer Jahre mit dem Nervenleiden, nahezu symptomfrei sind. Noch gibt es zwar die junge Frau, die mit Anfang vierzig im Rollstuhl sitzt und eine Haushaltshilfe benötigt. Doch diese Schicksale werden seltener. Und es mehren sich die Fälle wie jene über 60-Jährige, der nur längere Strecken zu Fuß schwerfallen, die aber selbstständig lebt.  

Die Verläufe fächern sich derart auf, weil Multiple Sklerose keine Krankheit mit einem einheitlichen Erscheinungsbild ist, sondern verschiedene Verlaufsformen umfasst. Mehr als 80 Prozent der Patienten leiden anfänglich unter einer schubförmigen MS, bei der sich die Symptome zwischen den Ausbrüchen teilweise oder sogar vollständig zurückbilden (relapsierend-remittierende MS, RRMS). Die Krankheit kann aber auch von Anfang an konstant oder unterbrochen von Perioden des Stillstandes fortschreiten (primär progrediente MS). Bei etwa der Hälfte aller Patienten mit einer RRMS geht die Krankheit binnen zehn Jahren in eine progrediente Form über; man spricht dann von einer sekundär progredienten MS (SPMS).

Tatort: Immunsystem

Sowohl eine erbliche Veranlagung als auch verschiedene Auslöser wie Umwelt und Lebensstil befeuern die MS. „Es gibt nicht das eine pathologische Element“, sagt Privatdozentin Klarissa H. Stürner, Oberärztin der Neuroimmunologischen Ambulanz des Universitätsklinikums Kiel. Einer der Hauptverdächtigen aber sind die Gene. Schon lange war bekannt, dass die Erkrankung des Zentralnervensystems eine erbliche Komponente hat. Zwillingsstudien ergaben, dass das Risiko für den zweiten Zwilling, ebenfalls an MS zu erkranken, bei 20 - 30 Prozent liegt. Es ist jedoch nicht ein einzelnes Gen, auf das sich das erbliche Risiko konzentriert. Die Erblichkeit der Multiplen Sklerose beruht auf Varianten in vielen Genen, wobei jede dieser Varianten nur einen kleinen Teil zum gesamten Krankheitsrisiko beiträgt.

Ein internationales Konsortium verglich das Erbgut von nahezu 50000 MS-Patienten mit fast 70000 nicht erkrankten Kontrollpersonen. Dabei fand man mehr als 230 Genvarianten, die das Risiko beeinflussen, an MS zu erkranken. Ein Großteil davon betrifft periphere Immunzellen und die Mikroglia im Gehirn. Weiterhin kompliziert wird das Bild dadurch, dass das Risiko zu erkranken von anderen Genvarianten abhängt als das Risiko für das Fortschreiten der Krankheit.

Eine harmlose Infektion am Anfang?

Eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Erkrankung kann eine Infektion mit dem gleichen Virus sein, der auch das Pfeiffersche Drüsenfieber hervorruft – welches viele Menschen im Kindes- und Jugendalter bekommen. Epstein-Barr-Viren (EBV) befallen dabei die B-Lymphozyten und vermehren sich darin. Frisch Infizierte bekommen manchmal Fieber und Gliederschmerzen, haben keinen Appetit und sind über Wochen extrem müde. Gerade im Kindesalter verläuft die Infektion meist ganz stumm. Bei ca. 95 Prozent der Bevölkerung lässt sich das Virus im Erwachsenenalter in den B-Lymphozyten nachweisen, in denen es sich schlafend einquartiert. „Das Epstein-Barr-Virus ist nicht der Auslöser der Multiplen Sklerose. Aber es aktiviert das Immunsystem, insbesondere die B-Lymphozyten, in einer Weise, dass die Erkrankung später auftreten kann“, sagt Privatdozent Volker Siffrin, Gruppenleiter am Neuroimmunologie-Labor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin.

Basierend auf vielen Jahren Erfahrung mit MS-Patienten ergänzt Stürner, dass sie noch nicht einen MS-Patienten gesehen habe, der keinen Kontakt mit Epstein-Barr-Viren hatte. Löscht man sämtliche B-Lymphozyten, die Heimstätten der Viren, mit Medikamenten aus, verlangsamt das den Fortschritt der Erkrankung deutlich. Die kausale Rolle von EBV ist damit noch nicht belegt, neuere Erkenntnisse aus der Forschung weisen aber darauf hin, dass die Infektion mit EBV eine Art Grundvoraussetzung für die Entwicklung einer MS darstellen könnte. 

Sonne und Vitamin D

Die Reifung des Immunsystems wird auch durch einen anderen Faktor beeinflusst, der in Studien zur Multiplen Sklerose immer wieder aufblitzt: die Sonneneinstrahlung. Je häufiger und regelmäßiger die Haut der Sonne ausgesetzt ist, desto mehr Vitamin D produziert die obere Hautschicht. „Dieser Stoff hat sehr viele Funktionen, fast wie ein Hormon, und reguliert, wie aggressiv das Immunsystem ist. Zu niedrige Vitamin-D-Spiegel machen das Immunsystem „hyperaktiv“, sodass Autoimmunerkrankungen wie die Multiple Sklerose später leichteres Spiel haben“, erläutert Stürner. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass Multiple Sklerose am sonnenreichen Äquator so selten vorkommt und zu den Polen hin immer häufiger auftritt.

Das bedeutet aber: Es sind nicht nur die Gene, die dem Nervenleiden den Weg bereiten, und über die wir keine Kontrolle haben. Vielmehr können wir einige Faktoren auch selbst beeinflussen, wie etwa das Rauchen und möglicherweise Übergewicht. „Und das Leben in geschlossenen Räumen – fern der Sonne, das ist ein evolutionsgeschichtlich junges Phänomen, an das sich das Immunsystem noch nicht anpassen konnte“, ergänzt Siffrin. 

Insgesamt machen Ärzte die westliche Lebensweise dafür verantwortlich, dass die Häufigkeit von Multipler Sklerose in den Industrienationen immer weiter steigt. In Ländern wie den USA, Kanada, Großbritannien, Skandinavien und Deutschland hat sie sich seit den 1970er Jahren teilweise verfünffacht. Dabei spielen zwar auch die frühere Diagnose und die höhere Lebenserwartung der Patienten eine Rolle, doch reichen diese Faktoren alleine nicht aus, um den Trend zu erklären. 

Rauchen und Salz

Besonders Frauen sind von dem chronischen Nervenleiden betroffen. Dies liegt wahrscheinlich an den Geschlechtshormonen und deren Wirkung auf das Immunsystem. Ein Grund dafür ist wohl auch, dass sie immer häufiger rauchen. Einer Reihe von Studien zufolge erhöht auch das Rauchen das Risiko, an einer Multiplen Sklerose zu erkranken, um 50 Prozent. Schwedische Forscher konnten sogar zeigen, dass genetische Risikofaktoren und das Rauchen das Krankheitsrisiko potenzieren. Wer also eine erbliche Veranlagung für die Erkrankung hat und raucht, erhöht sein Risiko viel drastischer als die einzelnen Faktoren dies erwarten ließen.

Auch eine Eigenart der westlichen Ernährung beschäftigt die MS-Forscher: Das Essen, besonders Fertiggerichte und Fast Food, ist in den Industrieländern vergleichsweise salzig. Eine solche Kost könnte jedoch eine MS begünstigen, wie manche Forscher aus Experimenten mit Zellkulturen und Mäusen schließen. Der Professor Ralf Linker, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universität Regensburg hält das zumindest für glaubhaft, wenn auch noch nicht ursächlich belegt: „In Regionen mit McDonalds gibt es deutlich mehr Autoimmunerkrankungen.“

Nährboden im Darm

Die Ernährung beeinflusst womöglich auch indirekt das MS-Risiko: über die Besiedlung mit Bakterien im Darm. Hartmut Wekerle, Professor Emeritus am Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz in Martinsried zeigte dies mit Stuhlproben und zudem Mikroorganismen direkt aus dem Dünndarm von eineiigen Zwillingen, bei denen nur einer an MS erkrankt war. Symptome zeigten daraufhin hauptsächlich die Mäuse, die mit Proben der MS-Patienten besiedelt worden waren. Für Wekerle ein starker Hinweis darauf, dass sich im Dünndarm von Personen mit MS krankheitsauslösende Mikroorganismen befinden. 

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Ein paar Antworten und viel mehr Fragen

Auf die Frage nach den Ursachen der MS haben Forscher also einige mögliche Antworten gefunden und dabei viele neue Fragen aufgeworfen: Weshalb etwa gehen die Schübe in der Schwangerschaft deutlich zurück, im letzten Drittel sogar um achtzig Prozent? Und warum steigt die Schubrate nach der Geburt wieder leicht, aber messbar an? „Wir kennen die Ursachen nicht“, sagt die Neurologin Professor Kerstin Hellwig vom Universitätsklinikum Bochum. Sie und andere vermuten, dass die Hormone das Immunsystem mäßigen und somit das Fortschreiten der Erkrankung verhindern. „In der Schwangerschaft muss sich das Immunsystem umstellen, sodass es einen anderen Menschen im eigenen Körper, das Kind, nicht als fremd abstößt.“ Auch diese Beobachtung unterstreicht: Die MS ist ein multifaktorielles Geschehen, das zu durchschauen die Wissenschaft sicher noch lange beschäftigen wird.

Erstveröffentlichung am 28. April 2017
Letzte Aktualisierung am 7. Oktober 2025

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