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Klingeln im Ohr

Er zerrt nicht nur an den Nerven, sondern kommt auch daher: Tinnitus, so sind Forscher zunehmend überzeugt, entsteht im Gehirn. Im Zentrum des Geschehens könnten Umbauvorgänge oder übererregte Neuronen in der Hörrinde stehen.

Copyright: Jutta Kuss/fStop/Getty Images


Gerade klang die Musik noch beschwingt und jubilierend. Doch mit einem Mal bricht sie ab und ein schriller Ton auf der Violine beginnt an den Nerven zu zerren: Im Streichquartett Nr. 1 e-Moll „Aus meinem Leben“ setzte der böhmische Komponist Bedřich Smetana (1824–1884) das Ohrgeräusch, das ihn plagte, musikalisch um. „Die größte Qual bereitet mir das fast ununterbrochene Getöse im Inneren, das mir im Kopf braust und sich bisweilen zu einem stürmischen Gerassel steigert“, schrieb der Komponist in einem Brief.

So wie Smetana leiden heute rund drei Millionen Menschen in Deutschland an nervtötenden Ohrgeräuschen, die ohne Reize von außen auftreten: Tinnitus, das „Klingeln der Ohren“, macht sich oft als schrilles Pfeifen bemerkbar. Andere hören ein Zischen, Kreischen oder ein konstantes Summen. Nistet sich der ungebetene akustische Gast länger als drei Monate ein, spricht man nicht mehr vom akuten, sondern vom chronischen Tinnitus. Bei vielen Betroffenen hat das Ohrgeräusch massive Auswirkungen auf Körper und Geist. Es kann zu Depressionen, Schlafstörungen, verminderter Konzentration oder psychischem Stress führen. Umgekehrt vermag aber auch Stress, beispielsweise durch Überarbeitung, das Störgeräusch auszulösen oder zu verschlimmern.

Umbauvorgänge in der Hörrinde als Ursache?

Zwar beginnt Tinnitus meist mit einer Störung an der Peripherie. Das kann etwa ein Schalltrauma durch ein sehr lautes akustisches Ereignis sein oder ein Fremdkörper im Gehörgang. Dennoch sehen viele Forscher immer mehr das Zentrale Nervensystem als den eigentlichen Verursacher. Der weit verbreiteten Remapping-Theorie zufolge könnten Umbauvorgänge in der Hörrinde, dem auditorischen Cortex, für Tinnitus verantwortlich sein.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Auslöser von Tinnitus ist häufig ein Defekt wie zerstörte Haarzellen im Innenohr. Die eigentliche Ursache suchen Forscher mittlerweile aber im Gehirn.
  • Einer weit verbreiteten Theorie zufolge entsteht Tinnitus durch Umbauvorgänge im Gehirn: Die noch intakten Frequenzen im normalen Hörbereich werden in der Hörrinde überrepräsentiert – das Klingeln entsteht.
  • Möglicherweise sind neben der Hörrinde noch andere Hirnareale an dem Entstehen des nervtötenden Geräuschs beteiligt. Limbische Regionen etwa könnten zur negativen emotionalen Färbung des Klingelns im Ohr beitragen.
  • Zumindest chronischer Tinnitus gilt als unheilbar. Therapien wie das Retraining zielen daher darauf ab, dass sich Betroffene an das Klingeln im Ohr gewöhnen und ihm so weniger Bedeutung geben.

Muskuläre Rückmeldung

Neben dem Retraining gibt es noch andere Behandlungsmöglichkeiten wie das Biofeedback: Bei Tinnitus-Patienten wird häufig das so genannte Muskel-Biofeedback angewandt. Der Betroffene bekommt optisch oder akustisch den Spannungszustand seiner Muskeln oder Muskelgruppen rückgemeldet und soll versuchen, die Muskeln anhand dieses Feedbacks zu entspannen. Gelingt dies, lässt sich bei einigen Tinnitus-Patienten auch das Ohrgeräusch vermindern. Dies ist insbesondere bei begleitenden Muskelverspannungen im Nacken- oder Kieferbereich oder bei Stress möglich.

Subjektiver – objektiver Tinnitus

Den subjektiven Tinnitus kann nur der Betroffene selbst wahrnehmen. Vermutlich kommt er durch eine Fehlverarbeitung im Gehirn zustande. Beim objektiven Tinnitus hingegen liegt eine konkrete Erkrankung zu Grunde. Dann kann beispielsweise der Arzt das Pfeifen beim Abhören mit einem Stethoskop erkennen. Beim objektiven Tinnitus handelt es sich allerdings um ein sehr seltenes Phänomen.

Zerstört etwa übermäßiger Lärm Haarzellen im Innenohr, die einer bestimmten Frequenz zugeordnetet sind, bekommen die entsprechenden Neuronen der Hörrinde schlicht keinen oder wesentlich geringer auditiven Input. Dadurch sinkt ihre hemmende Wirkung auf die Nachbarn, die angrenzende Frequenzen repräsentieren. Diese Frequenzen werden daraufhin in der Hörrinde überrepräsentiert und bilden nun das lästige Ohrgeräusch ohne eine externe Schallquelle. Soweit die Theorie.

„Unklar ist aber noch, ob die Hirn-Reorganisation eine kausale Voraussetzung des Tinnitus ist oder eher ein Kompensationsversuch“, sagt Berthold Langguth, Leiter des Tinnituszentrums der Uni Regensburg. Die Remapping-Theorie geht davon aus, dass sich die cortikale Antwort des normalen Hörfelds erhöht und dadurch das Pfeifen entsteht. Allerdings: Tinnitus bewegt sich meist genau in dem Spektrum, das eigentlich durch die zerstörten Haarzellen ausfallen müsste, nämlich im Hochfrequenzbereich.

Alternative Theorie: Übererregte Nervenzellen in der Hörrinde

Eine Studie von Neurowissenschaftlern um Sungchil Yang und Shaowen Bao von der University of California in Berkeley unterstrich 2011 diesen Widerspruch noch. Die Forscher untersuchten Ratten, die an Tinnitus litten, und stellten fest, dass die hemmende synaptische Übertragung in der Hörrinde der Nager reduziert war – und zwar genau in den Gebieten, die keinen auditiven Input mehr erhielten. Die entsprechenden Neuronen waren auf diese Weise leichter erregbar. Möglicherweise ist das eine Strategie, um den neuronalen Aktivitätslevel konstant zu halten und trotz des fehlenden Inputs nicht untätig zu bleiben. Als die Forscher durch Medikamentengabe bei ihren tierischen Probanden den Spiegel des hemmenden Botenstoffs GABA erhöhten, konnten sie keinen Tinnitus mehr feststellen – und zwar völlig unabhängig von der Reorganisation im auditorischen Cortex.

Statt der Umbauvorgänge könnte demnach die gesteigerte Erregbarkeit arbeitslos gewordener Neurone der Auslöser des Ohrgeräuschs sein. “Das würde zu der klinischen Erfahrung passen, dass der Tinnitus genau in dem Frequenzbereich wahrgenommen wird, wo der größte Hörverlust besteht”, so Langguth.

Hirnareale jenseits der Hörrinde offensichtlich ebenfalls beteiligt

Andere Forscher wie der Neurophysiologe Josef Rauschecker vom Georgetown University Medical Center in Washington halten eine umgebaute Hörrinde zwar für eine notwendige Bedingung von Tinnitus, aber längst nicht für eine ausreichende. “Immerhin entwickeln nur 20 bis 40 Prozent der Betroffenen mit lärmbedingtem Hörverlust das nervtötende Klingeln”, sagt er. “Ein Modell meiner Arbeitsgruppe schreibt daher dem limbischen System eine ebenfalls entscheidende Rolle zu.”

Rauschecker und seinen Kollegen zufolge ist insbesondere der mediale präfrontale Cortex – den einige Wissenschaftler zum erweiterten limbischen System zählen –, normalerweise in der Lage, die Tinnitus-Signale aus dem auditorischen Cortex zu unterdrücken. Doch wie die Forscher mit Hilfe bildgebender Verfahren zeigen konnten, ist bei Tinnitus-Patienten das Volumen dieser Hirnregion vermindert. Vereinfacht gesagt funktioniert offensichtlich der Schalter für die Rauschunterdrückung im limbischen System nicht richtig.

Der Denkansatz des Teams um Rauschecker vermag einige offene Fragen zu beantworten. “Ich denke aber nicht, dass er sich dafür eignet, alle verschiedenen Formen von Tinnitus zu erklären”, sagt Berthold Langguth. Er und seine Kollegen vermuten, dass mehrere Netzwerke im Gehirn zum Klingeln im Ohr beitragen. “Mit unserem Modell wollen wir der klinischen Erfahrung Rechnung tragen, dass Tinnitus äußerst vielgestaltig ist.” Bei den verschiedenen “Typen” von Tinnitus-Patienten seien jeweils unterschiedliche Netzwerke im Gehirn gleichzeitig aktiv.

Therapieverfahren wie das Tinnitus-Retraining setzen auf Gewöhnung. Je weniger Aufmerksamkeit man dem Klingeln schenkt, desto weniger beeinträchtigt es die Lebensqualität. Grafikerin: Meike Ufer
Therapieverfahren wie das Tinnitus-Retraining setzen auf Gewöhnung. Je weniger Aufmerksamkeit man dem Klingeln schenkt, desto weniger beeinträchtigt es die Lebensqualität. Grafikerin: Meike Ufer
So nehmen Betroffene die Übererregung des auditorischen Systems erst bewusst wahr, wenn diese mit Aktivitäten in Aufmerksamkeitsnetzwerken im frontalen und parietalen Bereich verbunden sei. Das so genannte Salience-Netzwerk – beteiligt ist unter anderem das anteriore Cingulum – kodiert laut Langguth die Bedeutung des Tinnitussignals. “Dieses Netzwerk ist möglicherweise auch die Ursache, warum sich Tinnitus-Patienten darin unterscheiden, ob sie das Ohrgeräusch ausblenden können oder nicht”, sagt er. “Falls es mit aktiviert wird, ist die subjektive Bedeutsamkeit des Tinnitus hoch und die Ablenkung davon schwierig oder gar unmöglich.”

Das limbische System, zu dem etwa die Amygdala zählt, sorge dann für die emotional negative Färbung. “Zudem sprechen wir dem Gedächtnisnetzwerk um den Hippocampus eine entscheidende Rolle zu – vor allem beim chronischen Tinnitus.” Die Arbeitsgruppe um Langguth nimmt eine Art Tinnitus-Gedächtnis an. Da es im Frequenzbereich der zerstörten Haarzellen keinen neuen Input gebe, könne die Gedächtnisspur von dem Störgeräusch nicht mehr überschrieben werden. “So erklären wir uns die Hartnäckigkeit der Tinnitus-Wahrnehmung.”

Umlernen ist angesagt

Da zumindest chronischer Tinnitus als nicht heilbar gilt und auch medikamentöse Behandlungen umstritten sind, setzen manche Therapien an der subjektiven Wahrnehmung des nervigen Klingelns an. Das Tinnitus-Retraining beispielsweise ist eine Behandlung, die auf mehreren Elementen aufbaut und die neben Hörtherapie auch Aufklärung und Beratung über die Erkrankung und psychologische Betreuung beinhaltet. “Soweit es sich messen lässt, ist Tinnitus eigentlich kein lautes Geräusch”, sagt die Medizinerin Birgit Mazurek vom Tinnituszentrum der Berliner Charité, die selbst ihren Patienten diese Behandlung anbietet. Dennoch empfänden viele Betroffene die Ohrgeräusche als besonders laut. “Dieses subjektive Empfinden ist ganz offensichtlich das Ergebnis eines negativen Lernprozesses (Lernen durch Verknüpfen und  Synapsen im Labor), in dessen Verlauf sich die Wahrnehmung des Tinnitus immer weiter in den Vordergrund drängt.”

Gewöhnung statt Heilung

Das Tinnitus-Retraining richtet sich letztlich an Patienten, für die das Klingeln eine echte Belastung darstellt. Ein Umlernen  Extinktion: Umlernen lernen soll die Wahrnehmung des Ohrgeräusches vermindern oder beseitigen. Ziel ist, dass sich die Betroffenen an den Tinnitus gewöhnen und ihn in ihrem Alltag beherrschen. “Beim Retraining geht es darum, eine Verbesserung der Lebensqualität zu erzielen, – eine Heilung verspricht es gar nicht”, betont Mazurek. “Schließlich lässt sich die Ursache des Tinnitus oft nicht bestimmen.” Außerdem lasse sich auch gar nicht an Schäden in der Peripherie und den zentralen Strukturen drehen. “Man kann beispielsweise keine neuen Hörzellen bilden.” Beim pharmakologischen Eingriff wiederum sei die Gefahr von Nebenwirkungen wie Sprachstörungen sehr hoch.

Das Retraining ist langfristig angelegt. “Nach etwa sechs Monaten reduziert sich der Belastungsgrad, der sich danach noch weiter vermindern kann”, sagt Birgit Mazurek. Den Patienten gehe es nicht nur hinsichtlich des Tinnitus, sondern auch psychisch besser. Und wenn es nun bisher auch keine echte Heilung für chronischen Tinnitus gibt, so können Therapien demnach zumindest helfen, sich mit dem ungebetenen Gast zu arrangieren.

Kommentare
Gabriella ..

Ich glaube daran, das in manche Fälle Tinnitus heilbar sein kann. Ich würde mit Anspannung -Entspannungs übungen versuchen. Autogenes Training finde ich super.
Richtig entspannen kann man sich nur, wenn man sich vorcher angespannt hat.
Bei Enspannungsübungen Meditationsmusik hören.
UNBEDINGT MIT KOPFHÖRER
Man könnte auch das Geräusch in Meditation einbeziehen , bzw. verfolgen, statt verdrängen
28.08.2012 20:10 Uhr
3D-Gehirn
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Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Christo Pantev
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