Vom Laut zum Wort
Sprache erzeugen und verstehen zu können, macht den Menschen zu etwas Einzigartigem in der Evolution. Wie die Hirnforschung mittlerweile weiß, sind an der Sprachverarbeitung Areale in und unterhalb der Großhirnrinde beteiligt.
Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Katharina von Kriegstein
Veröffentlicht: 13.10.2023
Niveau: mittel
- Einzelne Gruppen von Neuronen reagieren sensibel auf die Phoneme der menschlichen Sprache.
- In der Großhirnrinde sind Teile des Frontal- und Temporallappens für das Sprachverstehen und die Sprachproduktion wichtig.
- Sprache kann das Gehirn unter anderem anhand charakteristischer Frequenzen von anderen Geräuschen unterscheiden.
Das Telefon klingelt, am anderen Ende erklingt nur ein knappes „Hallo“ – trotzdem ist es kein Problem, den Ehemann oder gar den Chef an seiner Stimme zu erkennen. Manchen Menschen jedoch fehlt diese Fähigkeit, die Besonderheiten einer Stimme zu erkennen und einer bekannten Person zuzuordnen. Diese als Phonagnosie bezeichnete Störung könnte mit einer Schädigung von Regionen wie dem rechten Temporallappen zusammenhängen, die selektiv Stimmen zu verarbeiten scheinen. Bis vor kurzem wurde Phonagnosie lediglich als Folge von Schlaganfällen beobachtet. Doch 2009 entdeckten Forscher des University College London bei einer 60jährigen Patientin, „KH“ genannt, auch eine möglicherweise angeborene Form. Anatomische Defekte ließen sich bei der Patientin nicht feststellen. „KH“ kann weder unbekannte Stimmen lernen noch Stimmen von ihr bekannten Personen wiedererkennen.
Es sind nur zwei, noch dazu identische und denkbar einfache Geräusche – doch bei dem erwartungsvollen Zuhörer löst es ein Feuerwerk von Gefühlen aus, als der Sprössling zum ersten Mal so etwas wie „Pa-Pa“ brabbelt. Der Kleine wird umarmt, gedrückt und stolz herumgezeigt. Rührend, aber doch auch eine Reaktion auf ein – Verzeihung! – ziemlich zufälliges Ereignis. Denn sicher hat der Nachwuchs unzählige Male zuvor schon ganz ähnliche Silben ausprobiert, wie „ba“, „ma“ oder „da“, – so genannte Phoneme.
So ähnliche Silben wie „ba“ und „pa“ unterscheiden sich sogar nur durch das, was Linguisten als die elementarste sprachliche Einheit bezeichnen, das „phonemunterscheidende Merkmal“. Selbst im Hirn von Affen konnten Forscher Nervenzellen nachweisen, die auf solche phonemunterscheidenden Merkmale eines akustischen Reizes sensibel reagieren, also auf einen Laut wie „ba“ antworten, nicht jedoch auf „pa“. Beim Menschen sind es wohl einzelne Gruppen von Neuronen, die in der Lage sind, die etwa 100 Phoneme des linguistischen Alphabets zu erkennen, aus dem sich alle bekannten Sprachen zusammensetzen lassen.
Doch menschliche Sprache ist mehr als das Erkennen aufeinanderfolgender Phoneme. Nicht umsonst lässt erst das zweimalige „Pa“ des Babys den Vater dahinschmelzen, weil es erst so als sinnvoll erkennbar wird. Auch wenn der Sprössling mit seinem Gebrabbel wohl noch nicht diesen bärtigen Kerl gemeint hat, interpretiert das stolze Vaterhirn eine tiefe Bedeutung in diese zwei Silben hinein. So wie das launisch vorwurfsvoll betonte „Papa“ des späteren Teenagers wiederum eine ganz andere Semantik bekommen wird. Und spricht das Kind erst in zusammenhängenden Sätzen, dann wird Papa grammatikalisch mal als Subjekt, mal als Objekt erkannt.
Zentrale Sprachareale: Syntax und Semantik
Für all diese sprachlichen Kognitionsleistungen machte man bis in die 1970er Jahre vor allem das Broca-Areal im Gyrus frontalis inferior und die Wernicke-Region verantwortlich, die sich bei Rechtshändern meistens im linken Temporallappen befindet, bei Linkshändern jedoch häufiger rechts. Das hatten vor allem Untersuchungen von Patienten mit Hirnverletzungen wie zum Beispiel Schlaganfällen ergeben. Demnach schien das Broca-Areal vor allem für Sprachproduktion und das Wernicke-Areal für Sprachverstehen zuständig zu sein. Doch jüngere Forschungen zeigen, dass es diese klare Trennung wohl so nicht gibt.
Patienten mit Broca-bedingten Sprachstörungen (Aphasie), haben nach genaueren Untersuchungen meist auch Schwierigkeiten beim Sprachverstehen, zum Beispiel bei Unterschieden im Satzbau, der Syntax. Deshalb geht man inzwischen davon aus, dass in der Broca-Region Satzbau und Grammatik verarbeitet werden – und zwar sowohl für das Sprechen als auch beim Verstehen von Gesprochenem. Ähnlich ist es bei Patienten mit Schäden im Wernicke-Areal, das nach heutigem Verständnis möglicherweise eine Verbindungsstelle zwischen sprachlicher und semantischer Information darstellt. Nicht nur beim Zuhören verstehen Patienten mit Schädigungen des Wernicke-Areals Wörter nicht immer korrekt. Auch beim Sprechen bringen sie Wörter durcheinander, sagen etwa anstatt Apfel Birne oder auch Beißfrucht.
Broca-Areal
Broca-Areal/-/Broca´s area
Ein Areal des präfrontalen Cortex (Großhirnrinde), das sich meist in der linken Hemisphäre befindet. Maßgeblich an der motorischen Erzeugung von Sprache beteiligt. Erstmals beschrieben von dem französischen Neurologen Paul Pierre Broca im Jahr 1861.
Nicht nur einseitige Aktivität
In der Regel findet der Großteil der Sprachverarbeitung in der linken Großhirnhemisphäre statt, doch es lassen sich für bestimmte Aufgaben auch immer wieder beidseitige Aktivitäten feststellen. So zeigen Untersuchungen von Patienten mit Verletzungen des „Balkens“ – des Corpus callosum, der die beiden Hirnhälften verbindet –, dass die rechte Hemisphäre offenbar nötig ist, um lautübergreifende akustische Merkmale wie Akzent oder Intonation zu verarbeiten. Eine Studie von Forschern der Berliner Charité aus dem Jahre 2008 weist darauf hin, dass für das Erkennen von Satzstrukturen und -inhalten sogar eine Kooperation von Gehirnrinde und Thalamus nötig ist. Überhaupt wird mittlerweile immer deutlicher, dass nicht allein das Broca- und das Wernicke-Areal an der Sprachverarbeitung beteiligt sind, sondern auch andere Bereiche der Großhirnrinde und solche unterhalb der Großhirnrinde, darunter womöglich auch die Basalganglien.
Basalganglien
Basalganglien/Nuclei basales/basal ganglia
Basalganglien sind eine Gruppe subcorticaler Kerne (unterhalb der Großhirnrinde gelegen) im Telencephalon. Zu den Basalganglien zählen der Globus pallidus und das Striatum, und je nach Autor weitere Strukturen, wie z. B. die Substantia nigra und der Nucleus subthalamicus. Die Basalganglien werden primär mit der Willkürmotorik in Verbindung gebracht, beeinflussen aber auch Motivation, Lernen und Emotion.
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Von der Form zum Inhalt
Der Weg, den Sprache durch das Gehirn nimmt, bis sie dem Zuhörer bewusst wird, ist überraschend. Denn laut der Sprachforscherin Angela Friederici vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften wird zuallererst nicht die Bedeutung, sondern die Grammatik eines Satzes untersucht. Form vor Inhalt: Innerhalb von 200 Millisekunden analysiert das Gehirn von Erwachsenen Nomen, Verben, Präpositionen und andere grammatikalische Finessen. Bei Kindern dauert es noch bis zu 350 Millisekunden – ein Hinweis, dass die Grammatikregeln gelernt werden müssen, dann aber automatisiert ablaufen. Erst in einer zweiten Phase, bis zu 400 Millisekunden später, interpretiert das Gehirn schließlich die Bedeutung der Wörter. In der dritten, der Analysephase nach 600 Millisekunden, hat das Hirn Grammatik und Semantik eines Satzes schließlich in Einklang gebracht.
Bloße Töne von Sprache unterscheiden
Doch wie erkennen Eltern in der dahingebrabbelten Lippenakrobatik ihres Kindes überhaupt Sprache und nicht mehr nur Töne? Was macht – abgesehen von einer gesteigerten Erwartungshaltung der Eltern – den Unterschied aus zwischen Schallwellen vom menschlichen Sprachapparat und von Musikinstrumenten oder Autos? Die Cochlea-Schnecke im Innenohr hat offenbar, ähnlich wie die Netzhaut des Auges, eine Entsprechung im Gehirn. Hohe Frequenzen werden von anderen Neuronengruppen – „Feldern“ – im auditorischen Cortex verarbeitet als niedrigere Frequenzen.
Und so wie der Presslufthammer ein charakteristisches Frequenzspektrum abdeckt, spielt sich auch die menschliche Sprache in einem bestimmten Bereich ab: 80 Hz bis 12 kHz, wobei der Grundton bei Männern um die 125 Hz liegt, bei Frauen rund doppelt (250 Hz) bzw. bei Kindern fast viermal so hoch (440 Hz). Schon deswegen wird das „Pa-Pa“ teilweise von anderen Neuronen verarbeitet als andere Geräusche, sei es Musik, Lärm oder nur Gebrabbel.
Cortex
Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex
Cortex bezeichnet eine Ansammlung von Neuronen, typischerweise in Form einer dünnen Oberfläche. Meist ist allerdings der Cortex cerebri gemeint, die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.
zum Weiterlesen:
- Test zur Erkennung von Stimmen an der TU Dresden; URL: https://phonagnosie.zih.tu-dresden.de/; zur Webseite.
- Wahl M. et al: The Human Thalamus Processes Syntactic and Semantic Language. Neuron 2008; 59(5):695-707, 2008 (zum Abstract).
Veröffentlichung: am 27.07.2012
letzte Aktualisierung: am 13.10.2023
