Frei oder nicht frei?

Copyright: Getty Images/ Chad Baker
Frei oder nicht

Im Alltag glauben wir, uns meist völlig frei entscheiden zu können. Doch offenbar gehen neuronale Prozesse den bewussten Beschlüssen voraus und lassen uns scheinbar keine Wahl. Ist Willensfreiheit also nichts als eine schöne Illusion?

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Thomas Fuchs

Veröffentlicht: 21.05.2012

Das Wichtigste in Kürze
  • Experimenten der Hirnforschung zufolge gehen bewussten Entscheidungen neuronale Prozesse im Gehirn voraus.
  • Manche Naturwissenschaftler und Philosophen folgern daraus, dass letztlich das Gehirn die Entscheidung trifft und wir keinen freien Willen im klassischen Sinne haben.
  • Allerdings sind die Experimente methodisch nicht unumstritten.
  • Zudem sehen gerade Philosophen keinen Widerspruch darin, dass auch freien Willenshandlungen neuronale Prozesse zu Grunde liegen.
Bedingungen der Willensfreiheit

Philosophen haben verschiedene Kriterien herausgefiltert, die erfüllt sein müssen, damit man von Willensfreiheit sprechen könne. Zum einen das Prinzip des Anderskönnens: Die Person muss eine Wahl zwischen verschiedenen Alternativen haben und hätte sich auch anders entscheiden können. Zum zweiten das Prinzip der Urheberschaft: Die Person selbst muss die Wahl zwischen den Alternativen treffen können. Zum dritten wichtig sei das Prinzip der Autonomie: Die Wahl muss autonom und selbständig, also nicht unter Zwang erfolgen.

Nicht alle Philosophen und Naturwissenschaftler halten alle drei Kriterien für notwendig. Die philosophische Position des Kompatibilismus geht davon aus, dass Willensfreiheit und (naturwissenschaftlicher) Determinismus kompatibel sind. Sie verlangt von einer freien Entscheidung lediglich, dass sie von der Person selbst und autonom gefällt wird.

Freier Wille: Eine Rekonstruktion?

Forschungen legen nahe, dass das Gefühl der Willensentscheidung möglicherweise zum Teil eine nachträgliche Rekonstruktion ist. Das legen Experimente nahe, bei denen man Probanden ein wenig hinters Licht führt. Zeigt man ihnen in einer abgewandelten Form des Libet-Experiments das eigene Knöpfchendrücken akustisch später an, als sie es ausgeführt haben, setzen sie auch den Zeitpunkt ihrer Willensentscheidung später an. So geschehen unter anderem 2010 in einer Studie des Psychologen Davide Rigoni und seinen Kollegen von der italienischen Università degli Studi di Padova.

In dem Science-​Fiction-​Film „Minority Report“ von Steven Spielberg nimmt ein Polizist Mörder fest, bevor sie die Tat überhaupt begangen haben. Ihre Straftaten lassen sich angeblich mit absoluter Sicherheit vorhersagen. Als er selbst in Verdacht gerät, einen Menschen in naher Zukunft zu töten, versucht er verzweifelt, das Gegenteil zu beweisen, da er sich zu solch einer Tat überhaupt nicht fähig fühlt. Der Film greift damit ein klassisches Thema der Philosophie und der Wissenschaftstheorie auf: Ist der Mensch frei in seinen Entscheidungen oder stehen diese auf Grund vorangegangener Ereignisse bereits fest?

Der Mathematiker und Physiker Pierre-​Simon Laplace (1749 – 1827) bringt den wissenschaftlichen Determinismus der klassischen Physik in einem Gedankenexperiment auf den Punkt: Wenn eine Intelligenz zu einem gegebenen Zeitpunkt über alle Naturkräfte Bescheid wüsste und alle Beziehungen zwischen den Teilen des Universums verarbeiten könnte, so wäre sie in der Lage, Bewegungen und allgemeine Beziehungen zwischen allen Teilen für alle Zeitpunkte in der Zukunft vorherzusagen. Da es sich beim Gehirn um ein physikalisches System handelt, sind möglicherweise auch die Vorgänge in unserem Kopf durch die jeweils vorhergehenden genau festgelegt – also determiniert.

In den letzten Jahrzehnten hat auch die Hirnforschung einen spannenden Beitrag zu der Debatte um die Willensfreiheit geleistet. In einem klassischen Experiment Anfang der 1980er Jahre untersuchte der Neurophysiologe Benjamin Libet von der University of California den Zusammenhang zwischen Hirnaktivitäten und Willensentscheidungen. Versuchspersonen sollten dabei die rechte Hand bewegen, sobald sie den Drang dazu verspürten. Mit Hilfe einer speziellen Uhr mussten sie diesen inneren Impuls datieren. Währenddessen registrierten die Wissenschaftler mittels Elektroenzephalografie das so genannte negative Bereitschaftspotenzial im motorischen Cortex – eine Hirnaktivität, die im Vorfeld von willkürlichen Bewegungen auftritt.

Intelligenz

Intelligenz/-/intelligence

Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dem britischen Psychologen Charles Spearman zufolge sind kognitive Leistungen, die Menschen auf unterschiedlichen Gebieten erbringen, mit einem Generalfaktor (g-​Faktor) der Intelligenz korreliert. Demnach lasse sich die Intelligenz durch einen einzigen Wert ausdrücken. Hierzu hat u.a. der US-​Amerikaner Howard Gardner ein Gegenkonzept entwickelt, die „Theorie der multiplen Intelligenzen“. Dieser Theorie zufolge entfaltet sich die Intelligenz unabhängig voneinander auf folgenden acht Gebieten: sprachlich-​linguistisch, logisch-​mathematisch, musikalisch-​rhythmisch, bildlich-​räumlich, körperlich-​kinästhetisch, naturalistisch, intrapersonal und interpersonal.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Erst Bereitschaftspotenzial, dann Entscheidung

Zu seiner eigenen Überraschung musste Libet feststellen: Das Bereitschaftspotenzial trat einige hundert Millisekunden vor der bewusst erlebten Handlungsabsicht auf. Einige Neurowissenschaftler und Philosophen schlossen daraus, dass nicht die bewusste Willensentscheidung, sondern unbewusste Hirnaktivitäten für die Handlungen eines Menschen kausal bestimmend sind.

Doch das Experiment und die Interpretationen gerieten im Laufe der Jahre immer wieder unter Beschuss. „Nach Ansicht einiger Hirnforscher entscheidet letztlich das Gehirn und nicht die Person“, sagt Ansgar Beckermann, emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Bielefeld. „Dahinter steckt ein sehr traditionelles Menschenbild: Ein Mensch könne demnach nur frei in seinen Entscheidungen sein, wenn immaterielle Willensakte eines Ichs die Handlungen kausal hervorrufen. Da das nicht der Fall ist, sprechen sie dem Menschen jegliche Willensfreiheit ab.“ Dabei sei es falsch, die Person und ihr Gehirn radikal voneinander zu trennen. „Ähnlich wie ein Mensch mit seinen Augen sieht, denkt und entscheidet er mit Hilfe seines Gehirns“, so Beckermann.

Auch der Versuchsaufbau musste Kritik einstecken. Hatte nicht die Aufforderung, die rechte Hand zu bewegen, die Entscheidung schon von Anfang an angebahnt? Vielleicht erklärte das am Ende, warum das Bereitschaftspotenzial schon so früh aufgetreten war. Den Psychologen Christoph Herrmann von der Universität Oldenburg trieb in diesem Zusammenhang die Frage um, was das Bereitschaftspotenzial eigentlich besagt.

Bei einem eigenen Experiment ließen er und seine Kollegen im Jahr 2008 daher ihre Probanden erst durch einen Hinweisreiz wissen, welchen Knopf sie drücken mussten. Dennoch ging die neuronale Aktivität dem präsentierten Reiz voraus. „Das Bereitschaftspotenzial spiegelt somit offensichtlich eine generelle Erwartung wider, dass man gleich eine Bewegung vollziehen wird, und bereitet keinen spezifischen Willensakt vor“, vermutet Herrmann. „Insofern sieht unsere Arbeitsgruppe in dem Libet-​Experiment keinen Beleg für eine Widerlegung der Willensfreiheit.“

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Sieben Sekunden schneller

Beinahe zeitgleich versuchten der Hirnforscher John-​Dylan Haynes und seine Kollegen vom Bernstein Center for Computational Neuroscience in Berlin das Experiment Libets zu verbessern. Sie ließen 2008 ihren Freiwilligen im fMRT-​Scanner die Wahl zwischen einem linken oder einem rechten Knopfdruck. Außerdem nahmen sie das ganze Gehirn ins Visier und nicht nur Bewegungsareale. Um die möglicherweise im wahrhaften Sinne des Wortes entscheidenden Hirnaktivitäten auslesen zu können, nutzten sie eine spezielle Software. Sie war darauf ausgerichtet, Hirnmuster zu erkennen, die mit der Willensentscheidung in Verbindung stehen könnten.

Tatsächlich „sagten“ zwei Hirnregionen die bewusste Entscheidung sieben Sekunden „voraus“, bevor die Probanden selbst von ihrem Beschluss wussten. Nach einer Vermutung von Haynes und seinen Kollegen ist ein Areal im frontopolaren Cortex die erste cortikale Stufe, auf der die eigentliche Entscheidung getroffen wird. Ein Areal im parietalen Cortex speichert dann den Beschluss, bevor er ins Bewusstsein gelangt.

„Wir haben im Alltag oft die Intuition, dass wir frei darin sind, die eine oder die andere Alternative zu wählen, zum Beispiel Kaffee oder Tee“, kommentiert John-​Dylan Haynes die Ergebnisse seiner Studie. „In solchen Fällen glauben wir nicht, dass der Ausgang dieser Wahl durch unsere Hirnaktivität vorherbestimmt ist. Es stimmt aber nicht, dass man sich jetzt völlig frei ohne vorherbestimmende Hirnaktivitäten für A oder B entscheiden könnte.“ Haynes fällt es im Alltag selbst oft schwer sich vorzustellen, seine Entscheidungen seien komplett determiniert. Dennoch zählt er sich zu den Deterministen.

Bei aller medialen und fachlichen Aufmerksamkeit erfuhr auch diese Studie einige Kritik. So lag die Trefferquote der Voraussage nur bei etwa 60 Prozent und damit nur leicht über dem Zufallsniveau von 50 Prozent. „Möglicherweise hat die von uns gemessene Hirnaktivität im frontopolaren und im parietalen Cortex nur einen kleinen Einfluss auf die Entscheidung“, erläutert Haynes. Oder es hängt damit zusammen, dass wir die Hirnaktivität nicht genau genug messen können“, sagt der Hirnforscher, der seine Ergebnisse 2011 mit einer ähnlichen Trefferquote replizieren konnte.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Tendenz oder Entscheidung?

Auch die Arbeitsgruppe von Christoph Herrmann wiederholte das Haynes-​Experiment in einer noch unveröffentlichten Studie. Allerdings wollte sie herausfinden, ob die neuronale Mustererkennung letztlich nur einer versteckten Tendenz der Probanden beim Knöpfchendrücken auf die Spur gekommen war. Denn Menschen können Knöpfe nicht vollkommen zufällig und ganz unabhängig von dem vorangegangenen Tastendruck mehrmals hintereinander betätigen. Statt Hirnaktivitäten zogen die Forscher nur den jeweils letzten Knopfdruck der Probanden heran, um den nachfolgenden vorherzusagen.

Tatsächlich gab es zwei Typen von Versuchspersonen: Solche, die überzufällig häufig zweimal nacheinander mit derselben Hand drückten und diejenigen, die die Hand ständig wechselten. Mit diesem Wissen kamen die Forscher auf eine ähnliche Trefferquote und ein ähnliches Zeitintervall wie Haynes und seine Kollegen. „Dass die Probanden natürlich im Gehirn speichern, was sie als letztes getan haben, liegt auf der Hand“, sagt Herrmann mit Bezug auf die von Haynes gemessenen Hirnaktivitäten. „Und dass Areale aktiv werden, die eine Handlung vorbereiten, ist ebenfalls klar.“ Damit sei also nicht die Willensfreiheit widerlegt. Mit einer ähnlichen Herangehensweise kam 2012 eine Studie der Psychologen Martin Lages und Katarzyna Jaworska von der University of Glasgow zu einem vergleichbaren Ergebnis.

„Wir haben ganz bewusst nur solche Probanden genommen, die keine Vorliebe für die eine oder andere Taste hatten, also annähernd gleich oft die eine oder andere gedrückt haben“, versucht Haynes die Bedenken auszuräumen. „Zudem haben wir selbst versucht, aus den vorhergehenden Durchgängen das folgende Tastendruckverhalten vorherzusagen.“ Das habe aber nicht so gut geklappt wie mit dem „Auslesen“ der Hirnaktivitäten.

Determiniert und trotzdem frei

Und was sagt der Philosoph zu Haynes‚ Behauptung, man könne sich in einer bestimmten Situation nur so und nicht anders entscheiden? Ist das Prinzip, jederzeit anders wählen zu können, nicht unabdingbar für Willensfreiheit? „Ich glaube nicht, dass das der Kern dessen ist, was wir einem Menschen unterstellen, wenn wir ihn für etwas verantwortlich machen“, so Ansgar Beckermann. „Diese Freiheit ist erstens unmöglich, aber zweitens auch gar nicht wünschenswert.“ Spreche nach reiflichem Überlegen alles für A und nicht für B und würde man dennoch B wählen, würde diese Entscheidung nicht auf Gründen beruhen und wäre somit zufällig, willkürlich und irrational.

„Für die Idee von Verantwortung und Freiheit ist für mich stattdessen entscheidend, dass Menschen im Allgemeinen über Kontroll– und Steuerungsfähigkeiten verfügen“, sagt der Philosoph. Im Gegensatz etwa zu manchen psychisch Kranken oder Süchtigen sei der Mensch zumindest prinzipiell seinen Wünschen nicht hilflos ausgeliefert. Vielmehr habe er die Fähigkeit, vor dem Handeln innezuhalten, zu überlegen und gemäß dieser Einsicht zu handeln. „Eine so verstandene Idee von Willensfreiheit wird durch die Experimente der Hirnforschung nicht berührt.“

Kern

Kern/-/nucleus

Der Kern ist in einer Zelle der Zellkern, der unter anderem die Chromosomen enthält. Im Nervensystem ist der Kern eine Ansammlung von Zellkörpern – im zentralen Nervensystem als graue Masse, ansonsten als Ganglien bezeichnet.

zum Weiterlesen:

  • Bode, S. et al: Tracking the Unconscious Generation of Free Decisions Using UItra-​High Field fMRI. PLoS ONE. 2011; 6(6) (zum Abstract).
  • Herrmann, C. et al: Analysis of a choice-​reaction task yields a new interpretation of Libet’s experiments. International Journal of Psychophysiology. 2008; 67(2):151 – 157 (zum Abstract).
  • Lages, M, Jaworska, K. et al: How predictable are “spontaneous decisions” and „hidden intentions”? Comparing classification results based on previous responses with multivariate pattern analysis of fMRI BOLD signals. Frontiers in Psychology. 2012; 3(56) (zum Abstract).

Funktionelle Magnetresonanztomographie

Funktionelle Magnetresonanztomographie/-/functional magnetic resonance imaging

Eine Modifikation der Magnetresonanztomographie oder –tomografie (MRT, englisch MRI) die die Messung des regionalen Körperstoffwechsels erlaubt. In der Hirnforschung wird besonders häufig der BOLD-​Kontrast (blood oxygen level dependent) verwendet, der das unterschiedliche magnetische Verhalten sauerstoffreichen und sauerstoffarmen Bluts nutzt. Ein hoher Sauerstoffverbrauch kann mit erhöhter Aktivität korreliert werden. fMRT-​Messungen haben eine gute räumliche Auflösung und erlauben so detaillierte Information über die Aktivität eines bestimmten Areals im Gehirn.

No votes have been submitted yet.

Autor

Wissenschaftliche Betreuung

Lizenzbestimmungen

Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.

BY-NC: Namensnennung, nicht kommerziell