Andreas Vesalius – Begründer der modernen Anatomie

Andreas Vesalius (zugeschrieben Jan Stephan van Calcar, gemeinfrei)
Andreas Vesalius – Begründer der modernen Anatomie

Anatomie lernt man vom Hinschauen: Andreas Vesalius ersetzt Autoritätsglaube durch Empirie, macht das Sezieren von Leichen gesellschaftsfähig und hinterlässt ein Meisterwerk der Buchkunst.

Wissenschaftliche Betreuung: Wolfgang U. Eckart

Veröffentlicht: 01.05.2016

Das Wichtigste in Kürze
  • Bis in die Renaissance war Claudius Galenus die maßgebliche Autorität in der Anatomie. Doch er hatte vor allem an Tieren geforscht und von ihnen auf den Menschen geschlossen.
  • Andreas Vesalius studierte galenische Anatomie, erkannte aber, wie stark dessen Beschreibungen von den eigenen Beobachtungen abwichen und thematisierte dies deutlicher als seine Vorgänger.
  • Mit seinem anatomischen Atlas schuf er ein grundlegendes Werk der modernen Anatomie und ein Meisterwerk der Buchkunst.
  • Vesalius korrigierte zahlreiche Fehler Galens, auch Annahmen über die Anatomie des Gehirns. 

Bei diesem Spektakel lerne man weniger als beim Fleischer auf dem Markt: Andreas Vesalius, der 1533 nach Paris gekommen war, um bei berühmten Gelehrten wie Jacobus Sylvius Medizin und Anatomie zu studieren, war enttäuscht. Anatomie-​Unterricht, das hieß im 16. Jahrhundert: Der Professor trägt von einem erhöhten Platz aus die Schriften des römischen Arztes Claudius Galenus vor und weist einen „Barbier“ an, das entsprechende Organ an einer Leiche freizulegen.

Galen, der im 2. Jahrhundert zahlreiche medizinische Abhandlungen verfasst hatte, war im konservativen Paris noch immer die maßgebliche Autorität. Weil das römische Recht seiner Zeit jedoch die Sektion menschlicher Körper verbat, behalf sich Galen mit dem Studium von Tierkörpern – und schloss von ihrer Anatomie auf die des Menschen. Fanden sich beim Sezieren nun Abweichungen gegenüber seinen Beschreibungen, so beklagte Vesalius, gingen die Dozenten darüber hinweg, nahmen Zuflucht zu der abenteuerlichen Theorie, die Anatomie des Menschen habe sich eben seit Galen verändert, oder verloren sich in gelehrten Debatten.

Frühe Zweifel

Vesalius (1514 – 1564) war nicht der erste, der es wagte, Galen zu kritisieren – aber er trug maßgeblich dazu bei, diesen Missstand in der Anatomie zu beenden. Er gilt heute als Begründer der modernen Anatomie.

Der Name seiner Familie, Vesalius, erinnert an ihre Herkunft aus dem norddeutschen Wesel. Vesalius’ Vater war Apotheker am Kaiserhof Karls V. in Brüssel und soll seinen Sohn früh mit der Medizin und medizinischen Büchern bekannt gemacht haben. Schon als Kind, so berichten seine Biografen, sei er auf dem Richtplatz in der Nähe seines Elternhauses herumgestreift und habe dort die Überreste gehenkter Verbrecher betrachtet. Mit fünfzehn schrieb sich Vesalius an der Universität Löwen ein, die damals als Speerspitze humanistischer Ideale galt: Selberdenken sollte an die Stelle des Nachbetens der Autoritäten treten. Vesalius studierte die klassischen Fächer Grammatik, Rhetorik, Algebra und Astrologie sowie Musik, außerdem Griechisch und Hebräisch. Mit 18 ging er nach Paris, um Anatomie und Medizin zu studieren. Dort lernte Vesalius seinen Galen gründlich, wirkte selbst an einer Ausgabe seiner Schriften mit. Zudem übertrugen seine Lehrer dem ehrgeizigen und begabten Studenten die Aufgabe, in ihren Anatomie-​Vorlesungen die Leichen zu sezieren. Dabei wurde Vesalius allerdings immer deutlicher, dass die Überlieferung nicht zu seinen Beobachtungen passte.

1536 brach Krieg zwischen dem französischen König und Kaiser Karl V. aus. Vesalius floh zurück nach Löwen. Gesellschaftliche Kontakte verschafften ihm die Erlaubnis, öffentlich Sektionen durchzuführen, die auf großes Interesse stießen. Anders als seine Lehrer beschäftigte er für die Sektionen keine Assistenten, sondern legte selbst Hand an. Und er schnitt die Leichen nicht auf die übliche Weise auf, um an ein bestimmtes Organ zu gelangen, er legte sie Schicht für Schicht frei.

1537 ging Vesalius nach Padua, einer Hochburg der modernen Anatomie seiner Zeit, promovierte dort zum Doktor der Medizin und wurde noch am selben Tag zum Professor für Chirurgie ernannt. Auch hier gehörten öffentliche Sektionen zu seinen Aufgaben. Dazu wurden ihm die Leichen hingerichteter Verbrecher zur Verfügung gestellt. Ein Kupferstich zeigt Vesalius inmitten einer dichten Menge von Studenten und älteren Zuschauern, die Hand auf dem Leichnam. Wer nahe am Tisch stehen wollte, musste höheren Eintritt zahlen.

Ein Hauptwerk mit knapp 700 Seiten

Vesalius’ nächste Station war Venedig, auch hier lehrte er Anatomie und veröffentlichte 1538 als Lehrmaterial für Studenten sechs anatomische Tafeln, die der Maler und Grafiker Jan Stephan van Calcar anfertigte, ein Schüler Tizians. Diese Tafeln stehen noch ganz in der Tradition Galens. 1543 dann, Vesalius war erst 28 Jahre alt, erschien in Basel sein Hauptwerk: ein anatomischer Atlas mit dem Titel „De humani corporis fabrica libri septem“: Sieben Bücher über den Aufbau des menschlichen Körpers. Ein monumentales Werk, großformatig, mit fast siebenhundert Seiten und mehr als zweihundert Illustrationen. In diesem fasst Vesalius seine Erkenntnisse über den menschlichen Körper zusammen, bricht eine Lanze für die empirische Forschung, zollt Galen Respekt, weist ihm aber zahlreiche Fehler nach. Da Vesalius glaubte, sein Werk sei für eine große Leserschaft zu umfänglich, publizierte er wenige Monate später eine Kurzfassung, „Epitome“, Auszug, genannt. Es wurde in kürzester Zeit zum Standardwerk der Studenten und Mediziner.

Zu diesem Erfolg trugen ganz wesentlich die kunstvollen Holzschnitte bei, die das Werk illustrieren. Die Vorlagen dazu stammen vermutlich zum Teil von Vesalius selbst, zum Teil von Jan Stephan van Calcar und anderen Künstlern aus der Werkstatt Tizians. Seine detailreiche, elegante und oft allegorische Präsentation des menschlichen Körpers wirkt wie eine Vorlage für die Leichenschau eines Gunther von Hagens. Auch manche der von ihm geprägten Begriffe haben sich bis heute erhalten, so der Name Hammer und Amboss für zwei der Gehörknöchelchen.

Das erste Buch der Fabrica handelt vom Knochenbau des Menschen, das zweite von den Muskeln, das dritte von den Adern, das vierte von den Nerven, von denen Vesalius festhält, dass selbst die dicksten von ihnen nicht hohl seien und also kein Fluidum befördern könnten, wie Galen behauptet hatte: „Ich habe die Nerven sorgfältig betrachtet und sie mit warmem Wasser behandelt, aber ich konnte im ganzen Verlauf des Nervs keinen Durchgang dieser Art finden“, schrieb er. Die Bücher Fünf und Sechs befassen sich mit Unterleib und Brusthöhle, das Siebte schließlich mit dem Gehirn „als von einer Wohnung der lebendigen Vermöglichkeit und Instrument oder Werkzeug der Vernunft“. In diesem liefert Vesalius eine detaillierte Beschreibung der Hirnventrikel, der Hirnhäute und der Adern, die das Gehirn versorgen, er unterscheidet zwischen der weißen und der grauen Substanz der Hirnrinde, beschreibt Strukturen wie Corpus Callosum, Cerebellum, Pons und Amygdala und widmete sich auch den Sinnesorganen. Er konstatierte: Das Prinzip der Symmetrie, das den menschlichen Körper bestimme, könne nicht auf das Gehirn ausgeweitet werden. Die nach seinen Zeichnungen angefertigten Holzschnitte von Hirnpräparaten galten in den nächsten zweihundert Jahren als Referenzgrößen.

Hammer

Hammer/Maleus/hammer

Der erste der kleinen Gehörknöchelchen im Innenohr. Er ist mit dem Trommelfell verbunden und überträgt die durch die Schallwellen ausgelöste Vibration über die beiden anderen Gehörknöchelchen (Amboss, Steigbügel) zur Gehörschnecke, wo der Reiz in ein neuronales Signal umgewandelt wird.

Amboss

Amboss/Incus/anvil

Das mittlere der drei Gehörknöchelchen des Mittelohres überträgt die Vibration vom Hammer zum Steigbügel.

Gehörknöchelchen

Gehörknöchelchen/-/ossicles

Die drei sich im Mittelohr befindlichen Knochen Steigbügel (Stapes), Hammer (Malleus) und Amboss (Incus) werden als Gehörknöchelchen bezeichnet. Es handelt sich dabei um die kleinsten Knochen im menschlichen Körper. Sie übertragen mechanisch die Schallwellen vom Trommelfell zur Hörschnecke (Cochlea).

Graue Substanz

Graue Substanz/-/gray matter

Als graue Substanz wird eine Ansammlung von Nervenzellkörpern bezeichnet, wie sie in Kerngebieten oder im Cortex (Großhirnrinde) vorkommt.

Pons

Brücke/Pons/pons

Areal im Hirnstamm zwischen Medulla oblongata und Mesencephalon. Enthält zahlreiche Kerne, die an der Steuerung der Motorik beteiligt sind.

Amygdala

Amygdala/Corpus amygdaloideum/amygdala

Ein wichtiges Kerngebiet im Temporallappen, welches mit Emotionen in Verbindung gebracht wird: es bewertet den emotionalen Gehalt einer Situation und reagiert besonders auf Bedrohung. In diesem Zusammenhang wird sie auch durch Schmerzreize aktiviert und spielt eine wichtige Rolle in der emotionalen Bewertung sensorischer Reize. Die Amygdala – zu Deutsch Mandelkern – wird zum limbischen System gezählt.

Auseinandersetzung mit Galens Theorien

Und er scheute keinen Konflikt: Die von Galen beschriebene „Rete mirabile“, verzweigte Arterien an der Schädelbasis, in denen der Lebensgeist entstehe, sei im Gehirn nicht aufzufinden, so Vesalius. Das hatten schon andere Forscher vor ihm festgestellt, aber noch niemand hatte sich getraut, es so deutlich zu formulieren. Vesalius griff auch die Ventrikel-​Theorie an, derzufolge die kognitiven Fähigkeiten des Menschen in den mit Flüssigkeit gefüllten Hohlräumen des Gehirns lokalisiert seien. Tatsächlich unterscheide sich das Gehirn des Menschen in Hinsicht auf die Ventrikel nicht von dem der Tiere, konstatierte Vesalius, und schloss daraus, sie könnten nicht der Sitz des Geistes oder der Seele sein. In manchen anderen Punkten blieb Vesalius jedoch bei der Tradition, so nahm er etwa an, ein Lebensgeist lasse das Herz schlagen. Das Gehirn sei dazu da, diesen Lebensgeist mit der eingeatmeten Luft zu vermischen und so einen „animalischen Geist“ zu erzeugen, der dann weiter in den „höchsten Geist“ verwandelt werde, erläutern Marco Catani und Stefano Sandrone in ihrem neuen, zum 500. Geburtstag und 450. Todestag Vesalius’ erschienen Buch. Und er reflektierte über die Grenzen seiner Möglichkeiten: Wie das Gehirn Denken, Vorstellen und Erinnerung verwirkliche, das herauszufinden, reiche weder das Sezieren lebender Tiere noch menschlicher Leichen aus.

Nach der Publikation seines Hauptwerks beendete Vesalius seine wissenschaftliche Karriere und wurde Leibarzt von Kaiser Karl V. und später seines Sohnes, Philipp II. Ab 1559 lebte er in Madrid, wohin der Kaiserhof verlegt worden war. Er publizierte lediglich kleinere Schriften zu verschiedenen neuen Behandlungsmethoden und erwarb sich einen Ruf als erfolgreicher Chirurg. Außerdem verteidigte er sich wiederholt gegen Angriffe seiner Kritiker, vor allem seines ehemaligen Lehrers Sylvius, der ihn als einen lächerlichen Verrückten und undankbares Monster bezeichnete, der mit seinem „Pestatem“ noch ganz Europa infizieren werde.

1549 brach er zu einer Pilgerreise nach Jerusalem auf, starb aber auf der Rückreise auf der griechischen Insel Zakynthos, wo sein Schiff nach einem Unwetter festsaß. Seine Arbeit hat sich nicht nur in seinen Schriften erhalten, sondern auch in Form des ältesten Anatomiepräparats der Welt: des Skeletts von Jakob Karrer von Gebweiler, der 1543 geköpft worden war, weil er versucht hatte, seine Frau umzubringen. Es steht, allerdings ohne Hände, im Anatomischen Museum Basel.

Ventrikelsystem

Ventrikelsystem/-/ventricular system

Ein System aus Hohlräumen im Gehirn, die mit Cerebrospinalflüssigkeit (Gehirn-​Rückenmarks-​Flüssigkeit) gefüllt sind.

Revolutionär und konservativ

Die Bedeutung Vesalius’ für die Medizin wird oft mit der von Kopernikus für die Astronomie verglichen, dessen Werk über die Himmelsbewegungen im selber Jahr erschien wie die Fabrica. Kritische Stimmen verweisen allerdings darauf, er sei in vielen Punkten eben doch eher Galen gefolgt, als auf die Empirie zu vertrauen. „Es war zugleich revolutionär und sehr konservativ. Es war so nah an der modernen Medizin, es gab so viele Dinge, die er noch hätte bemerken können“, so der emeritierte Historiker Daniel H. Garrison von der Northwestern University in einem Interview zur Neuausgabe der Fabrica. So habe er die antike Anatomie eher ergänzt als sie zu revolutionieren. Zudem verdanke er seinen Status auch einer geschickten Selbstinszenierung, die Vorläufer und Kollegen einfach überging. Vesalius stilisierte sich mit dramatischen Geschichten von in finsterer Nacht auf dem Friedhof gestohlenen oder vom Galgen geschnittenen und in die Stadt geschmuggelten Leichen auch gern als Wissenschaftler und Abenteurer, der mit Leib und Leben für seine Forschung kämpfe.

Ob Vesalius Galen wirklich vom Sockel stoßen oder seine Anatomie eher ergänzen wollte, ist umstritten. Klar ist, dass die Fabrica dazu beigetragen hat, Galens Autorität zu untergraben: Vesalius deckte darin zahlreiche Irrtümer auf und stärkte so die empirische Forschung. Und der anatomische Atlas von Vesalius selbst diente weit über die Renaissance hinaus zur Orientierung über den menschlichen Körper. Mehr als beim Fleischer auf dem Markt lernt man aus seinen Schriften bis heute.

Zum Weiterlesen:

  • Vesalius, A.: The Fabric of the Human Body. An Annotated Translation of the 1543 and 1555 Editions of “De Humani Corporis Fabrica Libri Septem”, by D.H. Garrison and M.H. Hast, Basel, 2014.
  • Sven Lembke: Wie der menschliche Leichnam zu einem Buch der Natur ohne Druckfehler wird. Über den epistemologischen Wert anatomischer Sektionen im Zeitalter Vesals, in: Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit 9, Frankfurt am Main 2005, S. 19 – 50.
  • Ralf Vollmuth: Das anatomische Zeitalter. Die Anatomie der Renaissance von Leonardo da Vinci bis Andreas Vesal. München 2004.
  • Marco Catani, Stefano Sandrone: Brain Renaissance. From Vesalius to Modern Neuroscience. Oxford University Press 2015 (Mit englischer Übersetzung der Kapitel über das Gehirn).
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