Herophil und Erasistratos – Entdecker der Nerven

Nervennetze
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Eine Vielzahl von bedeutenden anatomischen Erkenntnissen geht auf ihr Konto: Herophil von Chalkedon und Erasistratos. Sie gelten unter anderem als Entdecker der Nerven. Einen hohen Preis für diese Erkenntnisse mussten vermutlich andere zahlen.

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Georg W. Kreutzberg

Veröffentlicht: 18.09.2014

Das Wichtigste in Kürze
  • Gemeinsam begründeten die antiken Forscher Herophil von Chalkedon und Erasistratos eine Schule für Anatomie im ägyptischen Alexandria.
  • Bei ihren anatomischen Forschungen waren sie offensichtlich wenig zimperlich: Sie sezierten mutmaßlich auch Menschen bei lebendigem Leib.
  • Bei ihren Studien gelangen dem Forscherduo einige wegweisende Entdeckungen. Sie entdeckten die Nerven und unterschieden als Erste sensorische und motorische Nerven.

Nerven müssen Herophil von Chalkedon und Erasistratos gehabt haben, als sie diese entdeckten. Denn um zu ihren Erkenntnissen zu gelangen, schreckten sie nicht davor zurück, Menschen am lebendigen Leib zu sezieren. Das zumindest behauptete der römische Enzyklopädist Aulus Cornelius Celsus, der gut 200 Jahre nach den beiden Griechen gelebt hat. Bei den bedauernswerten Studienobjekten handelte es sich um Gefangene, die Herophil und Erasistratos laut Celsus „aus den Gefängnissen überlassen wurden und die sie untersuchten, solange sie noch atmeten.“ Hirnsektionen an Menschen waren damals nur in Ägypten uneingeschränkt und in unbegrenzter Zahl möglich. Denn Medizin wurde dort besonders gefördert, und Vivisektionen, anderswo mit einem Tabu belegt, galten als einziger Weg zur Erkenntnis. Man brauchte natürlich gute Kontakte zu den Mächtigen. Über die verfügte Herophilos allerdings.

Seiner Zeit weit voraus

Geboren wurde Herophil um 330 v. Chr. in einem Stadtteil des heutigen Istanbul. Später studierte er Medizin auf der griechische Insel Kos. Als praktizierender Arzt – mittlerweile im ägyptischen Alexandria – ist Herophil diagnostisch seiner Zeit weit voraus. Bei Krankenbesuchen hat er immer eine tragbare Wasseruhr bei sich, so muss er nicht wie die anderen Ärzte den Puls des Patienten mit seinem eigenen vergleichen. Er greift einfach zur Wasseruhr, misst die genaue Zeit und rechnet dann die Herzfrequenz aus. Doch sein eigenes Herz schlägt weniger für die Medizin als für die Forschung.

Über das Leben von Erasistratos ist weit weniger bekannt. Vermutlich wurde er ungefähr 305 v. Chr. in Iulis auf der Ägäis-​Insel Keos – heute unter dem Namen Kea bekannt – geboren. In Athen widmete er sich einem Studium der Medizin. Schließlich ließ er sich, wohl erst in höherem Lebensalter, in Alexandria nieder. Gemeinsam mit Herophil gründete er dort eine Schule für Anatomie.

Für ihre anatomischen Studien brauchten die beiden vor allem menschliche Körper als Sezierobjekte – gern auch noch lebendig. Die Herrscher von Alexandria fanden nichts dabei, sie unterstützen Herophil und Erasitratos bei ihrer Forschung. Und dass die beiden frühen Anatomen tatsächlich auf lebendige Menschen für ihre Studien zurückgegriffen haben, wie Celsus behauptet, legen zumindest einige ihrer Erkenntnisse nahe. So hat Herophil als Erster die Lungenvenen und –arterien korrekt beschrieben. Dieser wissenschaftliche Coup konnte ihm allerdings nur gelingen, wenn ihm unter anderem die Strömungsrichtung bekannt war – und dazu musste das Blut noch fließen.

Entdeckung der Nerven

Außerdem haben Herophil und Erasistratos als erste die motorischen von den sensorischen Nerven unterschieden. Ob ein Nerv sensorisch oder motorisch ist, lässt sich am leichtesten anhand von Funktionsausfällen ermitteln – und auch dafür muss das Studienobjekt noch lebendig sein. Zudem haben die beiden Anatomen die motorischen und sensorischen Nerven wohl überhaupt erst entdeckt, denn zuvor hatte man die motorischen Funktionen noch den Arterien zugeschrieben. Und bezüglich der sensorischen Nerven hatte zwar schon der Philosoph Alkmaion festgestellt, dass es Verbindungswege zwischen Augen und Gehirn gibt. Aber wahrscheinlich hat erst Herophil jene Wege als „Nerven der Empfindung“ bezeichnet.

Die Liste der Leistungen des Forscherduos geht noch weiter: Herophil und Erasistratos haben als erste das Groß– und Kleinhirn, die Hirnhäute und die Ventrikel sehr detailliert beschrieben. Und sie führten den Grad der Intelligenz eines Lebewesens auf die Anzahl der Großhirnwindungen zurück. Die Verdienste von Herophil und Erasistratos als – neben Galen – wichtigsten beschreibenden Anatomen der Antike sind unbestritten. Der Preis dafür scheint allerdings sehr hoch gewesen zu sein.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Ventrikelsystem

Ventrikelsystem/-/ventricular system

Ein System aus Hohlräumen im Gehirn, die mit Cerebrospinalflüssigkeit (Gehirn-​Rückenmarks-​Flüssigkeit) gefüllt sind.

Intelligenz

Intelligenz/-/intelligence

Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dem britischen Psychologen Charles Spearman zufolge sind kognitive Leistungen, die Menschen auf unterschiedlichen Gebieten erbringen, mit einem Generalfaktor (g-​Faktor) der Intelligenz korreliert. Demnach lasse sich die Intelligenz durch einen einzigen Wert ausdrücken. Hierzu hat u.a. der US-​Amerikaner Howard Gardner ein Gegenkonzept entwickelt, die „Theorie der multiplen Intelligenzen“. Dieser Theorie zufolge entfaltet sich die Intelligenz unabhängig voneinander auf folgenden acht Gebieten: sprachlich-​linguistisch, logisch-​mathematisch, musikalisch-​rhythmisch, bildlich-​räumlich, körperlich-​kinästhetisch, naturalistisch, intrapersonal und interpersonal.

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