Schleichend zum Vergessen

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Alzheimer-​Demenz kommt nicht über Nacht. Experten gehen von rund 30 Jahren asymptomatischem Verlauf aus, bevor sich die Krankheit bemerkbar macht. Dann verdichtet sich der Nebel des Vergessens in drei Phasen.

Wissenschaftliche Betreuung: Frank Jessen

Veröffentlicht: 20.09.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Bereits lange vor der Diagnose Alzheimer wütet der Zerfall im Gehirn. Experten beziffern die asymptomatische Phase der Erkrankung auf rund 30 Jahre.
  • Überschreitet die Anhäufung der fehlgefalteten Beta-Amyloid-Peptide einen kritischen Grenzwert, beginnt die Prädemenzphase. Erste kognitive Ausfälle machen sich bemerkbar.
  • Der eigentliche klinische Krankheitsverlauf lässt sich in drei Stadien unterteilen, in denen die Demenz immer weiter fortschreitet: von Vergesslichkeit über Gedächtnisausfälle und Persönlichkeitsveränderungen bis hin zum völligen Sprachverlust und Bettlägerigkeit.

Irgendwann sei Frau R. plötzlich komisch geworden, erinnert sich eine Nachbarin. Eines Tages habe sie zum Beispiel mit einem Stapel Kontoauszüge in der Hand vor der Haustür gestanden und versucht, das Schloss mit dem Papierbündel zu öffnen. Später tauchte die alte Dame immer wieder bei den Mietern im Haus auf und bestand darauf, ihre Nichte zu besuchen, die dort früher einmal gewohnt hatte. Irgendwann blieben die Spontanbesuche aus: Frau R. war nicht mehr in der Lage, Treppen zu steigen. Die Wohnung verließ sie nur noch mit Hilfe einer Pflegekraft und eines Treppenlifts – oftmals unter lautem Protestgeschrei, wusste die alte Dame doch einfach nicht mehr, wie ihr geschah.

Zu diesem Zeitpunkt litt Frau R. vermutlich schon viele Jahre an der Alzheimer-​Demenz. Denn die Krankheit schleicht sich langsam ein. Jahrelang merkt niemand etwas davon. Dann passieren die ersten scheinbar harmlosen Aussetzer: Die betroffene Person wirkt schusselig und irgendwie fahrig. Mal findet sie Schlüssel oder Brille nicht, mal verheddert sie sich mitten im Satz und bringt ihn nicht zu Ende. Dann wieder fühlt sie sich außerstande, einen Zeitungsartikel vollständig zu lesen oder sich auf die Fernsehnachrichten zu konzentrieren. Mit fortschreitender Erkrankung gehen mehr und mehr alltagsrelevante Fähigkeiten verloren. Körperpflege, Nahrungsaufnahme, Fortbewegung – all das bedarf der Unterstützung. Der Erkrankte wird zum Pflegefall.

Lange asymptomatische Phase

„Alzheimer beginnt lange bevor sich die ersten Symptome bemerkbar machen“, sagt Wolf D. Oswald, Professor für Psychologie an der Universität Erlangen-​Nürnberg und Leiter der Forschungsgruppe Prävention und Demenz. „Bereits nach der Pubertät lassen sich erste Hinweise auf Veränderungen in Richtung Alzheimer aufzeigen, auch wenn die amyloiden Plaques erst später sichtbar werden.“ Alois Alzheimer entdeckte diese Ablagerungen im Zellzwischenraum – Anhäufungen von fehlgefalteten Beta-​Amyloid-​Peptiden – erstmals im Gehirn seiner verstorbenen Patientin Auguste Deter. (Alois Alzheimer – Irrenarzt mit Mikroskop) Während der Nachweis damals nur bei Gehirnschnitten von verstorbenen Patienten möglich war, lassen sich die Plaques heute mit Hilfe moderner Bildgebung, etwa der Positronen-​Emissionstomographie (PET), auch bei Lebenden ausmachen.

Konrad Beyreuther, einer der weltweit führenden Alzheimerforscher und Gründungsdirektor des Netzwerks Alternsforschung an der Universität Heidelberg, beziffert die asymptomatische Phase auf rund 30 Jahre: „So früh kann man mit bildgebenden Verfahren bereits Veränderungen im Gehirn erkennen – und 20 Jahre vor Ausbrechen der Krankheit lassen sich verschiedene Biomarker in der Gehirnflüssigkeit nachweisen“, sagt er. Als Biomarker bezeichnen Fachleute charakteristische biologische Merkmale und Veränderungen, die zum Beispiel auf eine Krankheit hinweisen können. Im Falle der Alzheimer-​Erkrankung lassen sich etwa Beta-​Amyloid-​Peptide und Tau-​Protein, ein weiteres verändertes Eiweißmolekül, nachweisen.

Ganz in diesem Sinne veröffentlichte eine australische Forschergruppe im Frühjahr 2013 ein Modell, nach dem sich die fehlgefalteten Beta-​Amyloid-​Peptide, die so genannten Plaques, über einen Zeitraum von durchschnittlich 12 Jahren langsam anhäufen, bevor eine kritische Grenze überschritten wird. Dann beginnt die so genannte Prädemenzphase, die sich im Alltag nur durch gelegentliche kognitive Ausfälle bemerkbar macht. Die Betroffenen können beispielsweise neue Informationen schlechter behalten. Bis zur klinischen Manifestation, so die Kalkulation der Australier, vergehen nochmals vier Jahre. Während dieser Zeit lässt sich ein signifikanter Rückgang der Hirnmasse im Hippocampus mit Hilfe der Magnetresonanztomographie verfolgen.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Plaques

senile Plaques/-/senile plaques

Senile Plaques lagern sich in der grauen Hirnsubstanz ab, wenn ein Eiweiß – das so genannte Amyloid-​Vorläuferprotein – nicht korrekt abgebaut wird. Entzündungen sowie Erkrankungen des Fett– oder des Zuckerstoffwechsels können die Plaquebildung begünstigen. Im Schnitt erreichen die Ablagerungen einen Durchmesser von 50 Mikrometern. Das Auftreten von Plaques ist eine von mehreren anatomischen Veränderungen im Gehirn, anhand derer Pathologen nach dem Tod eine Alzheimer-​Erkrankung diagnostizieren können.

Biomarker

Biomarker/-/biomarker

In der Medizin versteht man unter einem Biomarker eine Substanz, die Hinweise auf den physiologischen Zustand eines Organismus gibt. Biomarker können entweder im Körper selbst entstehen oder chemische Verbindungen beschreiben, die Ärzte dem Körper zuführen, um an ihrem Schicksal bestimmte physiologische Funktionen zu testen. In Bezug auf die Alzheimer-​Krankheit sind mehrere Indikatoren als mögliche Biomarker im Gespräch. Hierbei handelt es sich beispielsweise um die Konzentration an löslichem Amyloid-​Vorläuferprotein im Blut sowie um die Aktivität des Enzyms, welches das Vorläuferprotein so zerschneidet, dass hieraus das plaquebildende Beta-​Amyloid hervorgeht. Oft werden auch krankheitsbezogene Veränderungen, die mit bildgebenden Verfahren nachgewiesen werden, als Biomarker bezeichnet. So kann man zum Beispiel den Abbau von Gehirngewebe im MRT erkennen.

Hippocampus

Hippocampus/Hippocampus/hippocampual formatio

Der Hippocampus ist der größte Teil des Archicortex und ein Areal im Temporallappen. Er ist zudem ein wichtiger Teil des limbischen Systems. Funktional ist er an Gedächtnisprozessen, aber auch an räumlicher Orientierung beteiligt. Er umfasst das Subiculum, den Gyrus dentatus und das Ammonshorn mit seinen vier Feldern CA1-​CA4.

Veränderungen in der Struktur des Hippocampus durch Stress werden mit Schmerzchronifizierung in Zusammenhang gebracht. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Verstärkung von Schmerz durch Angst.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Verlauf in drei Stadien

Von einer Demenz ist die Rede, wenn sich kognitive Störungen wie Vergesslichkeit im Alltag deutlich störend auswirken und zwar über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten. Bei Alzheimer lassen sich drei Stadien unterscheiden.

Kennzeichnend für das frühe Stadium sind leichte kognitive Einschränkungen. Die Merkfähigkeit lässt nach, Betroffene vergessen Namen und Telefonnummern und können sich schlechter konzentrieren – egal ob auf Gespräche, gelesene Texte oder die Fernsehnachrichten. Oftmals verhaspeln sie sich mitten im Satz oder suchen verzweifelt nach bestimmten Wörtern. Zudem machen sich erste Probleme bei der Orientierung bemerkbar, insbesondere in fremder Umgebung. So kann der Weg zum Kneipenklo zu einer echten Herausforderung werden.

Nicht selten wirken Betroffene in dieser Phase bedrückt. Sie reagieren mit Kummer, Angst und Scham auf ihre Veränderung. Daher lässt sich Morbus Alzheimer im Frühstadium symptomatisch oft schwer von einer Depression unterscheiden. Wichtiges Differenzierungsmerkmal: Während Depressive eher über ihre Situation lamentieren, neigen Demenzpatienten dazu, ihre Ausfälle zu überspielen.

Besser wäre aber, sich dem Vergessen zu stellen. Denn wird die Krankheit frühzeitig erkannt, besteht noch Handlungsspielraum. „Wir können Alzheimer zwar nicht heilen, aber durch geeignete kognitive und psychomotorische Therapien das Fortschreiten des Krankheitsverlaufs verzögern“, erläutert Oswald. Seine Beobachtung: Wenn Alzheimerpatienten im Frühstadium Wahrnehmung, Koordination und Gleichgewicht schulen, lässt sich die Symptomatik im Verlauf eines Jahres stabil halten. Bei Kontrollpersonen ohne entsprechende Übungseinheiten verschlechterten sich die kognitiven Fähigkeiten weiter. „Ziel einer solchen Therapie ist in erster Linie, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern“, sagt Oswald.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Morbus Alzheimer

Morbus Alzheimer, Alzheimer-Krankheit/Morbus Alzheimer/Alzheimer's desease

Bislang unheilbare Form der Demenz, erstmals beschrieben von dem deutschen Psychiater Alois Alzheimer 1906. Zu den Symptomen gehören anfangs eine milde Vergesslichkeit und Orientierungsstörungen. Später kommt es zum Beispiel zu Sprachveränderungen und Gedächtnisverlust. Die Ursache ist noch unklar, es kommt jedoch zu pathologischen Eiweißablagerungen sowohl zwischen als auch in den Zellen. Betroffen sind corticale Areale.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Vergessen auf dem Vormarsch

Sprache und Sprachverständnis leiden im mittleren Stadium immer mehr: Unterhaltungen werden schwieriger, nicht nur wegen Wortfindungsstörungen und verdrehtem Satzbau, sondern weil die Betroffenen ständig den roten Faden verlieren. Auch im Alltag tun sie sich zunehmend schwerer. Fähigkeiten, die früher täglich im Beruf gefragt waren, gehen verloren, an Autofahren ist nicht mehr zu denken. Tageszeiten und Datum werden durcheinander gebracht, und auch die räumliche Orientierung fällt immer schwerer – selbst in den eigenen vier Wänden. Und während anfangs nur das Kurzzeitgedächtnis zu leiden schien, schwindet nun auch das Langzeitgedächtnis: Erinnerungen aus den letzten Jahrzehnten, Ehepartner, Kinder – sie alle verschwinden im Nebel des Vergessens. Stattdessen tauchen mitunter Episoden aus Kindheit und Jugend auf – und erscheinen dem Betroffenen, als seien sie gerade erst passiert.

Mit der Zeit verändert sich nun auch die Persönlichkeit der Patienten. Betroffene wirken oft nervös und rastlos, manche fühlen sich ungeliebt und argwöhnen, man wolle sie hintergehen und bestehlen. Misstrauen, Gereiztheit, Nervosität und aggressive Ausbrüche – all das ist Ausdruck der fortschreitenden Orientierungslosigkeit.

Kurzzeitgedächtnis

Kurzzeitgedächtnis/-/short-term memory

Als Kurzzeitgedächtnis wird eine Art Zwischenspeicher des Gehirns bezeichnet, in dem Informationen mehrere Minuten lang behalten werden können. Der Umfang ist mit 7±2 Informationseinheiten (Chunks) sehr begrenzt. Dies können beispielsweise Zahlen, Buchstaben oder Wörter sein.

Langzeitgedächtnis

Langzeitgedächtnis/-/long-term memory

Ein relativ stabiles Gedächtnis über Ereignisse, die in der etwas entfernteren Vergangenheit passiert sind. Im Langzeitgedächtnis werden Inhalte zeitlich nahezu unbegrenzt gespeichert. Unterschiedliche Gedächtnisinhalte liegen in unterschiedlichen Gehirn-​Arealen. Die zelluläre Grundlage für diese Lernprozesse beruht auf einer verbesserten Kommunikation zwischen zwei Zellen und wird Langzeitpotentierung genannt.

Körperlicher Verfall

Gegen Ende der mittleren Phase und im Übergang zum späten Stadium ist bei vielen Betroffenen der Alltag von abrupten Stimmungswechseln und einer großen motorischen Unruhe geprägt. Saß der Patient eben noch regungslos da, so springt er im nächsten Moment vielleicht auf, um stundenlang zu marschieren – in den eigenen vier Wänden. Oder er irrt, wenn er das Haus verlassen kann, ziel– und planlos durch die Straßen. Oft wandern Alzheimer-​Kranke auch mitten in der Nacht, denn das Zeitgefühl geht immer mehr verloren. Tag und Nacht, Gestern und Morgen verschwimmen zu einem Einheitsbrei.

Irgendwann ist auch damit Schluss. Im Spätstadium der Erkrankung erlaubt der Körper solche Ausflüge nicht mehr. Viele Patienten leiden unter einer verstärkten Muskelspannung und steifen Gelenken. Treppensteigen, Körperpflege, Essen – all das wird allmählich unmöglich. Der Patient wird zum bettlägerigen Pflegefall.

Mit fortschreitender Krankheit versiegt auch die Sprache weiter. Die Betroffenen verfügen nur noch über wenige Worte, viele verstummen ganz. Für die Kommunikation mit den Patienten müssen Angehörige und Pflegekräfte nun andere Wege finden: Auf sanfte Berührungen etwa, auf Musik, Gerüche oder Gebete reagieren Alzheimer-​Patienten mitunter erstaunlich emotional – insbesondere, wenn sie Erinnerungen aus frühester Kindheit zum Klingen bringen. Mit viel Einfühlungsvermögen lassen sich Betroffene mitten im Nebel des Vergessens noch berühren.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

zum Weiterlesen:

  • Wegweiser Demenz, Informationsseite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung; URL: www​.weg​weiser​-demenz​.de [Stand: 20.9.2013]; zur Webseite.
  • Demenzforschung Oswald; Internetpräsenz der Forschungsgruppe Prävention und Demenz; URL: http://​www​.demen​z​forschung​-oswald​.de [Stand: 20.9.2013]; zur Webseite.
  • Villemagne VL et al; Amyloid β deposition, neurodegeneration, and cognitive decline in sporadic Alzheimer’s disease: a prospective cohort study. Lancet Neurol 2013 Apr;12(4):357 – 67 (zum Abstract).

Beta-Amyloid

Beta-Amyloid/-/beta amyloid

Ein Peptid, das aus 36 bis 42 Aminosäuren besteht und als Hauptbestandteil seniler Plaques für die Entstehung von Alzheimer verantwortlich gemacht wird. Ausgangsprodukt ist das Amyloid-​Vorläuferprotein (APP). Bestimmte Enzyme in der Zellmembran zerschneiden das Vorläuferprotein in Peptide verschiedener Größe. In senilen Plaques findet man Amyloide aus 40 und aus 42 Aminosäuren, wobei zumindest in der Petrischale das 42 Aminosäuren lange Produkt besonders schnell Aggregate bildet. Die normale Funktion von Beta-​Amyloid ist noch nicht abschließend geklärt.

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