Problemfall Demenzpatient

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Problemfall Demenzpatient
Autor: Anna Corves

Etwa 1,3 Millionen Demenzkranke gibt es in Deutschland derzeit, und die Zahl wird mit der älter werdenden Gesellschaft weiter steigen. Sie auch im Krankenhaus angemessen zu versorgen, bereitet große Probleme. Radikales Umdenken ist nötig.

Wissenschaftliche Betreuung: Oliver H. Peters

Veröffentlicht: 11.01.2012

Das Wichtigste in Kürze
  • In Deutschland leben derzeit etwa 1,3 Millionen Menschen mit einer Demenz, 2050 werden es voraussichtlich doppelt so viele sein.
  • Im Krankenhaus gehört schon heute bereits jeder zweite Patient zur Altersklasse 65 plus, der Anteil demenzkranker Patienten wird auf 20 Prozent geschätzt, Tendenz steigend.
  • Noch sind die Allgemeinkrankenhäuser auf die besondere Klientel Demenzkranker unzureichend eingestellt: Das betriebswirtschaftliche Fallpauschalensystem sieht keine Zeit für den erhöhten Betreuungsbedarf vor und auch die Fachexpertise fehlt.
  • In Modellversuchen suchen einige Krankenhäuser nach Lösungen für eine bessere Versorgung Demenzkranker im Allgemeinkrankenhaus – erfolgreich. Bis zur flächendeckenden Einführung ist es aber noch ein weiter Weg.

Wenn ein Notfall in das Krankenhaus eingeliefert wird, in dem Thomas Wichterei als Pfleger arbeitet, muss alles ganz schnell gehen: Der Rettungswagen fährt mit Sirene und Blaulicht vor, der Patient wird im Laufschritt auf einer Liege in einen Behandlungsraum geschoben, Ärzte und Pflegepersonal rufen sich Anweisungen zu. Das ist Stress für alle Beteiligten – und ganz besonders für Demenzkranke, sagt Wichterei: „Für die ist das eine absolute Katastrophe, in so eine neonerleuchtete Rettungsstelle zu kommen, wo zig fremde Gesichter um sie herumtoben und Leute, die sich nicht vorstellen, anfangen, sie auszuziehen.“ Immer mehr Demenzkranke machen diese Erfahrung. Denn ihr Anteil unter Krankenhauspatienten wächst.

Nach Schätzungen liegt er momentan bei etwa 20 Prozent. Exakte Zahlen fehlen bislang, auch weil Demenz häufig nur eine Nebendiagnose ist, die nicht dokumentiert wird. Doch die Tendenz ist klar: rasch steigend. So leben dem Demenz-​Report des Berlin-​Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zufolge in Deutschland derzeit 1,3 Millionen Menschen mit Demenz. 2050 werden es laut Prognosen 2,6 Millionen sein. Grund für die Verdopplung ist die steigende Lebenserwartung. Denn Demenzen treten meist erst ab dem 60. bis 65. Lebensjahr auf, doch von da an nimmt die Erkrankungswahrscheinlichkeit mit jedem Lebensjahr zu, ab dem 80. sprunghaft. Und weil die Menschen immer älter werden, wird auch die Zahl der Menschen mit Demenz wachsen. Sind die Krankenhäuser, in denen heute schon jeder zweite Patient zur Altersklasse 65 plus gehört, auf diese Entwicklung vorbereitet?

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Null Minuten für Demente

Thomas Wichterei, der auf der kardiologischen Intensivstation immer häufiger Kranke mit Nebendiagnose Demenz betreut, muss für eine Antwort nicht lange rechnen. Sieben seiner acht Stunden täglicher Dienstzeit braucht er für Grundpflege, Ernährung und Medizinisches wie Medikamente oder die Organisation von Untersuchungen für all seine Patienten. Eine weitere Stunde, um seine Arbeit zu dokumentieren. „Bleiben null Minuten, um auf die besonderen Bedürfnisse eines Demenzkranken einzugehen.“

Irmtraud Schmidt muss das bestätigen. Ihr im Frühjahr 2011 verstorbener Mann litt an Demenz. Sie hat die verschiedenen Krankheitsstadien hautnah miterlebt – vom zunächst schleichenden Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit bis hin zum fast vollständigen Zerfall von Gedächtnis und Persönlichkeit. Zunächst, so erinnert sie sich, seien ihm im Gespräch einfach nur ab und an mal nicht die richtigen Worte eingefallen. „Da haben wir anderen halt schnell den Satz ergänzt, ohne uns groß was dabei zu denken.“ Doch ihr Mann wurde zunehmend „ schusseliger“ und im Alltag hilfloser. 2007 dann die Diagnose: Demenz. Danach ging es schnell bergab: Er verlor die räumliche und zeitliche Orientierung, verlief sich immer häufiger, machte die Nacht zum Tage, verlernte zunehmend zu sprechen. Seine Frau versorgte ihn zu Hause, zunächst alleine, dann unterstützt durch einen Pflegedienst, „weil es anders nicht mehr zu schaffen war.“ Doch zweimal musste Herr Schmidt ins Krankenhaus, einmal zur Medikamenteneinstellung, einmal wegen hohen Fiebers. „Diese Krankenhausaufenthalte waren das Schlimmste, was wir überhaupt erlebt haben“, sagt Irmtraud Schmidt.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Erhöhter Betreuungsaufwand nicht vorgesehen

Für das Krankenhauspersonal sind Demenzpatienten problematisch, vor allem die schweren Fälle. Die Kranken wissen nicht mehr, was eine Alarmklingel ist und können sich nicht mitteilen. Sie vergessen zu trinken. Ihnen ein Glas Wasser auf den Nachttisch zu stellen, reicht nicht – sie sehen die Flüssigkeit nicht, sie muss mit Orangensaft eingefärbt werden. Gerade nachts, wenn die Stationen noch dünner besetzt sind als sonst, werden demenzkranke Patienten aktiv und irren durchs Haus. Die fremde Umgebung macht ihnen Angst, manche werden aggressiv, wehren sich gegen die Behandlung. Geduld ist gefragt. „Füttern zum Beispiel dauert fünfmal länger als bei anderen Patienten“, sagt Pfleger Thomas Wichterei.

Die Zeit hat er aber nicht, sie ist auch nicht vorgesehen, denn Krankenhäuser und –kassen kalkulieren mit Fallpauschalen für Standardpatienten. Der erhöhte Betreuungsaufwand für Demenzkranke wird kaum berücksichtigt. Die Folge: Der Patient muss an die Abläufe angepasst werden. In schweren Fällen heißt das: „Er bekommt Medikamente, die ihn dämpfen“, berichtet Wichterei.

Auch Sabine Kirchen-​Peters, die am Saarbrücker Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft die Versorgung dementer Menschen in Akutkrankenhäusern untersucht, zieht ein wenig positives Fazit: „Den Problemen bei der Behandlung wird teilweise mit Sedierungen und Fixierungen begegnet, um die Abläufe im Stationsalltag aufrecht zu erhalten“, so die Forscherin in einem Bericht an die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. „Für die Betroffenen bedeutet dies in aller Regel einen weiteren Verlust von Selbständigkeit, eine Verschlechterung des kognitiven Status und das Auftreten oder die Verstärkung sekundärer Demenzsymptome.“

Denn Demenzkranke brauchen viel geistige und körperliche Anregung, Beschäftigung – sonst bauen sie noch schneller ab. Auch Irmtraud Schmidts Mann verlernte im Krankenhaus Alltagsfähigkeiten, die er vorher noch hatte. Auf Toilette zu gehen zum Beispiel. „Wir waren so oft wie möglich da und haben uns um ihn gekümmert. Wir haben ihn geduscht und ihm die Zähne geputzt, sind mit ihm auf Toilette gegangen, weil das nicht gemacht wurde.“ Aber die Angehörigen konnten nicht immer da sein, nachts zum Beispiel nicht. Und so bekam Herr Schmidt von den Pflegekräften eben Windeln angezogen – und wurde innerhalb von zwei Wochen inkontinent. Entsprechend angespannt war das Verhältnis zwischen der Familie und dem Pflegepersonal: Zwar hatten beide Seiten in gewissem Maße Verständnis füreinander. Doch Irmtraud Schmidt, die ihren Mann zu Hause rund um die Uhr versorgte, empörte sich über die Mängel, die Schwestern und Pfleger – ständig unter Zeitdruck – waren zum Teil genervt von der besorgten Ehefrau.

Es geht auch anders

Dabei könnte die bessere Einbindung von Angehörigen ein Ausweg aus dem Dilemma sein, sagt Albert Diefenbacher, stellvertretender ärztlicher Direktor am evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie die wachsende Herausforderung Demenz im Krankenhaus gemeistert werden kann – einer Thematik, der sich erst wenige Krankenhäuser stellen: „In vielen Fällen ist das noch wie beim Hasen vor der Schlange — man leugnet das Problem.“ Diefenbacher leitet zwei geronto-​psychiatrische Stationen mit vielen demenzkranken Patienten. Hier versucht er in kleinem Rahmen umzusetzen, was er für die Basis zur Lösung des Problems hält: Mehr Verständnis für die Besonderheiten in der Versorgung Demenzkranker. An den Wänden sind zum Beispiel Fotos der Pfleger aufgehängt, um ein vertrauteres Verhältnis herzustellen. Und es gibt einen so genannten Snoozle-​Raum mit Wasserbett, leiser Musik und warmem Licht – zur Entspannung und Beruhigung. Zwar werden auch hier 17 Patienten von nur zwei bis drei Pflegekräften betreut, doch die sind ebenso wie die zuständigen Ärzte auf das Krankheitsbild spezialisiert. Damit die Fachkompetenz auch im Rest des Krankenhauses ankommt, wurde ein so genannter Konsiliardienst eingerichtet: Die Geronto-​Psychiater gehen in die klassischen Stationen und beraten Chirurgen oder Internisten bei Patienten mit Demenz.

Mittelfristig setzt Diefenbacher aber auf ein weitergehendes Konzept: die Einrichtung von Schwerpunktstationen: Das Wesentliche bei diesen Schwerpunktstationen ist: Sie sind interdisziplinär. „Da kann dann der Chirurg tätig sein für den chirurgischen Patienten, der Internist für den internistischen. Basis und Herz einer solchen Station ist aber das speziell für den Umgang mit demenzkranken Patienten geschulte Pflegepersonal.“ Ein häufiger Einwand: die Kosten. Diefenbacher lässt das nur bedingt gelten: Seine beiden Stationen etwa wurden dadurch finanziert, dass Betten der klassischen Stationen in geriatrische umgewidmet wurden. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Langfristig könnte die demographische Entwicklung das Krankenhaus, wie wir es heute kennen, tiefgreifend verändern. Vorsichtig formuliert Diefenbacher eine Vision: „In dem Maße, in dem jüngere Patienten vermutlich viel häufiger noch ambulant behandelt werden, als das jetzt der Fall ist, wäre es vielleicht ein Ziel, dass man sagt: Krankenhäuser sind im Wesentlichen für ältere Patienten da und müssen sich dann grundsätzlich auf die Älteren einstellen – und dann macht man vielleicht noch ein paar Sonderangebote für die Jüngeren.“ Aber das sei wirklich noch Zukunftsmusik.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

„Wir müssen lernen, mit Demenz zu leben“

Demenz ist die Krankheit der Zukunft – und obwohl Milliarden in die Forschung fließen, von öffentlicher Hand wie auch der Pharmaindustrie, und eine symptomatische Behandlung mit erwiesener Wirksamkeit bereits existiert: Die kausale Behandlung, etwa mittels Impfung gegen Alzheimer, bleibt bis auf Weiteres Gegenstand der klinischen Forschung an spezialisierten Zentren. Nicht nur die gesellschaftlichen Systeme wie das Gesundheitswesen werden sich auf den Umgang mit einer wachsenden Anzahl von Demenzkranken einstellen müssen. Auch ein Umdenken jedes Einzelnen scheint dringend nötig, um die Herausforderung zu meistern, mahnt Albert Diefenbacher: „Wir erleben es durchaus immer mal wieder, auch innerhalb der medizinischen Profession, dass mehr oder weniger verdeckt die Frage gestellt wird, ob es sich lohnt, in Demenzkranke zu investieren. Da muss unbedingt ein Einstellungswandel stattfinden.“ Oder, wie es Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-​Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, im Demenz-​Report 2011 formuliert: „Wir müssen lernen, mit Demenz zu leben.“

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

zum Weiterlesen:

  • Demenz-​Report des Berlin-​Institut für Bevölkerung und Entwicklung; URL: http://​www​.berlin​-insti​tut​.org/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​u​s​e​r​_​u​p​l​o​a​d​/​D​e​m​e​n​z​/​D​e​m​e​n​z​_​o​n​l​i​n​e.pdf [Stand: 2011]; zur Webseite.
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