Hemmende Signale in Neuronen des Sehsystems schützen vor Reizüberflutung

© Johann Bollmann
Zebrafischlarven mit (links) und ohne (rechts) grün fluoreszierendes Protein in denjenigen Bereichen des Gehirns (Tectum), die visuelle Informationen verarbeiten.

Freiburger Neurowissenschaftler*innen identifizieren Signale im Gehirn von Zebrafischlarven, die die Aktivität von Nervenzellen während der Eigenbewegung hemmen

Quelle: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Veröffentlicht: 30.11.2023

Wenn die Augen von einem Punkt zum anderen springen, gleitet das Bild der Umgebung in kürzester Zeit über die Netzhaut des Auges und löst eine Welle neuronaler Aktivität aus. Um von diesen Sinneseindrücken, die durch eigene Bewegungen hervorgerufen werden, nicht überfordert zu sein, unterdrückt das Gehirn währenddessen die Reiz-Verarbeitung. Forschende um den Freiburger Neurowissenschaftler Prof. Dr. Johann Bollmann haben jetzt in Zebrafischlarven zum ersten Mal auf zellulärer Ebene die Signale gemessen, die diese Unterdrückung bewirken. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in Nature Communications.

Statt mit einer gleichmäßigen Geschwindigkeit bewegen sich Zebrafischlarven sprunghaft vorwärts. In diesen kurzen Bewegungsphasen filtert auch ihr Gehirn visuelle Eindrücke heraus, die nicht wahrgenommen werden. Die Forschenden verifizierten das, indem sie die Aktivität von Neuronen im „Dach“ des Mittelhirns, dem Tectum, aufzeichneten. Das Tectum ist die Region des Gehirns, in dem die Fische verarbeiten, was sie sehen. Während sich die Fischlarven fortbewegen, senden einige dieser Neuronen weniger Signale aus. Die Wissenschaftler*innen konnten mit Messungen des elektrischen Einstroms in einzelnen Nervenzellen zeigen, dass dieser reduzierten Aktivität kurze Impulse aus unterdrückenden Synapsen vorausgehen. Diese hemmenden Impulse verändern für kurze Zeit die elektrischen Eigenschaften der Zellhülle so, dass die Zelle weniger empfindlich auf die gleichzeitig eintreffenden, erregenden Signale aus der Netzhaut reagiert und dadurch auch selbst weniger Signale aussendet.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Netzhaut

Netzhaut/Retina/retina

Die Netzhaut oder Retina ist die innere mit Pigmentepithel besetzte Augenhaut. Die Retina zeichnet sich durch eine inverse (umgekehrte) Anordnung aus: Licht muss erst mehrere Schichten durchdringen, bevor es auf die Fotorezeptoren (Zapfen und Stäbchen) trifft. Die Signale der Fotorezeptoren werden über den Sehnerv in verarbeitende Areale des Gehirns weitergeleitet. Grund für die inverse Anordnung ist die entwicklungsgeschichtliche Entstehung der Netzhaut, es handelt sich um eine Ausstülpung des Gehirns.
Die Netzhaut ist ca 0,2 bis 0,5 mm dick.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Synapse

Synapse/-/synapse

Eine Synapse ist eine Verbindung zwischen zwei Neuronen und dient deren Kommunikation. Sie besteht aus einem präsynaptischen Bereich – dem Endknöpfchen des Senderneurons – und einem postsynaptischen Bereich – dem Bereich des Empfängerneurons mit seinen Rezeptoren. Dazwischen liegt der sogenannte synaptische Spalt.

Genaue Herkunft der hemmenden Signale noch unklar

Um herauszufinden, woher die inhibitorischen Signale stammen, betrachteten die Forschenden zusätzlich die lokale neuronale Aktivität in einem Querschnitt des Tectums. Dafür nutzten sie Zebrafischlarven, deren Neuronen einen genetisch kodierten, kalzium-empfindlichen Fluoreszenzfarbstoff enthalten und daher bei erhöhten Konzentrationen von Kalzium-Kationen (Ca2+) im Fluoreszenzmikroskop aufleuchten. Eine solche erhöhte Ca2+-Konzentration tritt immer dann auf, wenn über Synapsen Informationen von Neuron zu Neuron übertragen werden. Treten solche Fluoreszenzsignale kurz vor der Schwimmbewegung auf, handelt es sich höchstwahrscheinlich um erregende Synapsen, die jene Neuronen anregen, die die Bewegung steuern. Erscheinen diese Fluoreszenzsignale dagegen erst, nachdem die Larve zu schwimmen begonnen hat, handelt es sich eher um solche Synapsen, die hemmende Wirkung auf die Steuerungsneurone ausüben. Die Aufzeichnungen im Querschnitt zeigen, dass fast ausschließlich in den oberen Schichten des Tectums unterdrückende Signale gesendet werden. In diesen Schichten finden sich vor allem Ausläufer von Nervenzellen aus einer Nachbarregion des Tectums, die unter anderem Signale aus Bereichen des Kleinhirns empfängt. Darum untersuchten die Wissenschaftler*innen zusätzlich die Aktivität der Zellen in dieser benachbarten Region. Auch dort fanden sie vermehrt Ca2+-Konzentrationsanstiege kurz nach schnellen Schwimmbewegungen. Dies ist zwar noch kein eindeutiger Nachweis, dass die unterdrückenden Signale von dort stammen. Doch die Messungen liefern Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschung. 

Zebrafischlarven sind ein weit verbreitetes Modellsystem in der Entwicklungs- und Neurobiologie, da sie nur wenige Millimeter groß und transparent sind und die Aktivität in ihren Neuronen prinzipiell in allen Bereichen des Gehirns hochaufgelöst gemessen werden kann. Ihre Gehirne weisen eine vergleichsweise geringe Komplexität auf: ähnlich dem Gehirn von Taufliegen besitzen Zebrafischlarven nur 100.000-200.000 Neuronen. Dabei entspricht der Bauplan ihres Nervensystems demjenigen anderer Wirbeltiere, so dass hier grundlegende Gehirnfunktionen in einem einfachen Modellsystem untersucht werden können. Die Neurowissenschaftler*innen gehen darum davon aus, dass sich ihre Erkenntnisse teilweise auf Prozesse im menschlichen Gehirn übertragen lassen. „Mit unseren Messungen machen wir zum ersten Mal Signale auf der Zellebene sichtbar, die vor einer Reizüberflutung durch schnelle Bewegung schützen“, sagt Bollmann. „Das ist ein wichtiger Schritt, um in Zukunft besser zu verstehen, wie genau das Gehirn zwischen Reizen durch eigene Bewegungen und solchen von außen unterscheidet. Derartige Mechanismen, mit denen das Gehirn eigene Handlungen bei der Verarbeitung äußerer Sinneseindrücke mit einbezieht, spielen vermutlich eine zentrale Rolle auch bei der Bildung komplexer interner Modelle unserer Umwelt im Gehirn.“  

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Synapse

Synapse/-/synapse

Eine Synapse ist eine Verbindung zwischen zwei Neuronen und dient deren Kommunikation. Sie besteht aus einem präsynaptischen Bereich – dem Endknöpfchen des Senderneurons – und einem postsynaptischen Bereich – dem Bereich des Empfängerneurons mit seinen Rezeptoren. Dazwischen liegt der sogenannte synaptische Spalt.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Cerebellum

Kleinhirn/Cerebellum/cerebellum

Das Cerebellum (Kleinhirn) ist ein wichtiger Teil des Gehirns, an der Hinterseite des Hirnstamms und unterhalb des Okzipitallappens gelegen. Es besteht aus zwei Kleinhirnhemisphären, die vom Kleinhirncortex (Kleinhirnrinde) bedeckt werden und spielt unter anderem eine wichtige Rolle bei automatisierten motorischen Prozessen.

Originalpublikation

Mir Ahsan Ali, Katharina Lischka, Stephanie J. Preuss, Chintan A. Trivedi & Johann H. Bollmann: A synaptic corollary discharge signal suppresses midbrain visual processing during saccade-like locomotion. Nature Communications (2023). DOI: 10.1038/s41467-023-43255-6
https://www.nature.com/articles/s41467-023-43255-6

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