Tango für den Kopf

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Tanz verändert den Geist wie kaum eine andere Sportart. Um komplexe Bewegungen wie Pirouetten auszuführen, setzt das Gehirn vor allem auf den Körpersinn. Und Profitänzer tanzen im Geiste immer mit, ob sie nur zuschauen oder selbst auf der Bühne stehen.

Wissenschaftliche Betreuung: Hubert R. Dinse

Veröffentlicht: 30.07.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Tanz hinterlässt viele Spuren im Gehirn.
  • Die Sinneswahrnehmung verlagert sich zugunsten des Körpersinns.
  • Um die Balance zu halten, benötigen Tänzer jedoch auch den Seheindruck.
  • Je professioneller eine Ballerina, desto präzisere Bilder der einzelnen Bewegungselemente hat sie im Kopf und desto mehr tanzt sie im Geiste mit.
  • Aber auch Betrachter von Tanzdarbietungen lassen sich vom Tanz anstecken und schweben in Gedanken über das Parkett.

Tanz und Insekten haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Aber in Bettina Bläsings Lebenslauf folgt das Interesse für beide doch unmittelbar aufeinander: Als Doktorandin untersucht sie bis 2004, wie die Stabheuschrecke Aretaon asperrimus über große Lücken klettert. Sie beobachtet, wie das filigrane Insekt behutsam mit den Fühlern den Weg ertastet und die sechs Beine so koordiniert, dass es nie abstürzt. „Faszinierend“, findet sie.

In ihrer Freizeit tanzt Bläsing leidenschaftlich gerne Ballett: zeitgenössisches, klassisches und modernes. Sie tritt sogar am Bielefelder Tanztheater auf. Zu gerne würde sie, genauso wie sie die Bewegungen der Insekten analysiert, auch ergründen, wie Tänzer komplizierte Schrittfolgen und Sprünge vollführen. Arrivierte Kollegen raten ab: zu abseitig für seriöse Forschung. Doch der Lockruf ist stärker.

Seither prägt Bettina Bläsing an der Universität Bielefeld das junge Feld der Tanzkognitionsforschung mit. Inzwischen hat sie tatkräftigen Beistand aus dem Ausland. Die Forschergemeinde wächst und wächst. Die führenden Köpfe sind mehrheitlich Frauen und – haben selbst getanzt, tanzen noch oder sind passionierte Tanztheaterbesucherinnen. Mittlerweile wird die Tanzkognitionsforschung auch von Wissenschaftlern außerhalb ihrer Disziplin wie auch von Tänzern ernst genommen. Bläsing arbeitet beispielsweise heute mit der international bekannten Kompanie des Choreografen William Forsythe zusammen.

Der ganze Körper spricht

„Tanz ist Bewegung im Raum“, rezitiert die Kognitionsforscherin eine verbreitete Definition von Tanz. Diese Interpretation lässt Künstlern Freiraum für eine schier unerschöpfliche Vielgestaltigkeit von Tanz. Ob der brasilianische Tanz Capoeira, Ballett oder Tango argentino – der Formensprache scheinen keine Grenzen gesetzt.

Tanz ist wahrscheinlich älter als die menschliche Sprache und eine der frühesten Formen der non-​verbalen Kommunikation, vermuten die Neurowissenschaftler Steven Brown von der McMaster University in Ontario und Lawrence Parsons von der britischen University of Sheffield. Als sie fünf Tangotänzer und fünf –tänzerinnen in einen Positronenemissionstomografen legten und zur Tangomusik die Beine bewegen ließen, fanden sie durchgängig, dass das so genannte Broca-​Areal in der linken Gehirnhälfte aktiviert wurde. Dieselbe Region spricht an, wenn wir reden, aber auch wenn wir schweigen und lediglich ausgeprägte gestische Handbewegungen machen. Noch bevor dem Menschen Worte über die Lippen kamen, gab es Handbewegungen, glauben deshalb einige Sprachforscher. Und noch davor war die Körpersprache, setzen Parsons und Brown den Gedankengang fort.

Verschobene Sinnesverarbeitung

Doch Tanz wirkt sich auch langfristig massiv auf das Gehirn aus. Je professioneller der Tänzer, desto mehr verschiebt sich die Verarbeitung von Sinnesreizen zugunsten der Körperwahrnehmung. Nervenzellen in den Muskeln der entlegenen Körperregionen melden dem Cortex fortlaufend ihre Position und Lage im Raum. Dieser Sinneskanal ist für Profitänzer sogar wichtiger als das, was sie sehen. Das entdeckte die Neurowissenschaftlerin Corinne Jola, die zurzeit am Forschungsinstitut Inserm in Gif-​sur-​Yvette südwestlich von Paris arbeitet.

2008 lud sie Profitänzer und Nichttänzer zu einem Experiment, damals an das Institute of Cognitive Neuroscience in London: Die Probanden mussten sich an einen Tisch setzen, auf dem fünf Punkte markiert waren. Von der Tischunterseite her sollten sie mit dem Zeigefinger einer Hand auf die Position eines Punktes tippen und ihn dabei möglichst genau treffen. Dabei variierte die Forscherin die Bedingungen: Im ersten Durchgang waren die Versuchspersonen blind und konnten sich nur auf ihre Körperwahrnehmung verlassen – die Versuchsleiterin hatte den Zeigefinger der anderen Hand an die entsprechende Stelle auf dem Tisch manövriert. Im zweiten Durchgang konnten sie den Zielpunkt sehen, im dritten zusätzlich den zweiten Zeigefinger zu Hilfe nehmen.

Das Ergebnis des Experiments verblüffte: Die Berufstänzer schnitten zwar wie erwartet besser ab – aber nur dann, wenn sie nichts sahen. Und: Sie verließen sich auch dann noch bevorzugt auf ihre Körperwahrnehmung, wenn sie ihre Augen zu Hilfe nehmen konnten. In diesem Fall landeten sie weiter ab vom Punkt als Nichttänzer, die beide Sinne nutzten.

So dominant der Sinneskanal der Körperwahrnehmung bei Tänzern ist, scheint er nicht per se die erste Geige zu spielen. In Übungen, die den Gleichgewichtssinn auf die Probe stellen, schneiden Profitänzer beispielsweise genauso schlecht ab wie Bewegungslaien, wenn sie die Augen schließen. Nur mit offenen Augen sind sie diesen überlegen und können die Balance viel besser halten. Mehr noch: Wenn sie ins Wanken geraten, richten sie sich viel schneller wieder auf als Nichttänzer, entdeckte Roger Simmons von der San Diego State University. Ihre Muskeln übermitteln Lageinformationen, und mit dem Tanz lernt das Gehirn, auf diese viel rascher als üblich zu reagieren.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Komplexe Bewegungen in Einzelbildern

Aber was läuft im Gehirn ab, wenn Tänzer komplizierte Pirouetten und Sprünge ausführen, fragte sich Bläsing. Eine gute Körperwahrnehmung alleine genügt dafür nicht. Die Forscherin vermutet, dass die Künstler die Bewegung im Geiste in Teilschritte zerlegen. Etwa in die Vorbereitung zum Absprung, den eigentlichen Sprung und die Landung. Ob die Tänzer tatsächlich diese Vorstellung im Kopf haben, testete sie an insgesamt 70 Personen, darunter Profis, fortgeschrittene Amateure, Anfänger und Nichttänzer. Sie sollten eine bestimmte Pirouette an einem Computer nachstellen – mit einem eigens zur Analyse komplexer Bewegungen entwickelten Programm. Während der Aufgabe durften die Probanden aufstehen und selbst so viele Drehungen vollführen, wie sie wollten, um sich die Bewegung zu vergegenwärtigen. Fast alle Teilnehmer machten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Nur die Profis kamen ohne tänzerische Praxis aus.

Sowohl die erfahrenen Bühnentänzer als auch die fortgeschrittenen Tänzer teilten die Pirouette im Geiste in die richtigen Einheiten ein. Die Anfänger und Laien konnten dies dagegen nicht. „Die korrekte Abfolge einer komplexen Bewegung im Langzeitgedächtnis ist die Voraussetzung dafür, dass die Bewegung akkurat ausgeführt wird“, leitet Bläsing daraus ab.Sie wunderte sich jedoch, weshalb Profis und fortgeschrittene Amateure in ihrem Test gleichauf lagen, obwohl ihre Pirouetten unterschiedlich aussahen. Als sie das Experiment verfeinerte, entdeckte sie 2012, dass sich nur die Bühnentänzer während der Drehung auch die Raumrichtung bewusst machten.

Langzeitgedächtnis

Langzeitgedächtnis/-/long-term memory

Ein relativ stabiles Gedächtnis über Ereignisse, die in der etwas entfernteren Vergangenheit passiert sind. Im Langzeitgedächtnis werden Inhalte zeitlich nahezu unbegrenzt gespeichert. Unterschiedliche Gedächtnisinhalte liegen in unterschiedlichen Gehirn-​Arealen. Die zelluläre Grundlage für diese Lernprozesse beruht auf einer verbesserten Kommunikation zwischen zwei Zellen und wird Langzeitpotentierung genannt.

Im Geist mitgetanzt

Die Erkenntnisse werfen allerdings neue Fragen auf. Entstehen die richtigen Bilder im Kopf von selbst, wenn die Bewegung perfekt beherrscht wird, oder sind die richtigen Bilder im Kopf Voraussetzung, damit die Bewegung perfekt ausgeführt werden kann? Bis heute ist das offen. Klar ist nur, dass die tänzerische Praxis die Wahrnehmung von Tanz verändert. So berichtete die Londoner Tanzneurowissenschaftlerin Beatriz Calvo-​Merino 2005 in einer ihrer ersten Studien, dass Balletttänzer mit einer starken Aktivierung im Netzwerk der Spiegelneuronen reagieren, wenn sie eine Ballettaufführung anschauen, nicht aber wenn sie brasilianischen Capeirotanz sehen. Dies fiel auf, weil sie die Künstler in einen Magnetresonanztomografen schob und die Durchblutung der verschiedenen Areale studierte, während diese Video schauten. Die Durchblutung ist ein Maß für die neuronale Aktivierung.

In ihrer neuesten Studie konnte Bläsing offenlegen, dass die Profis eine neue Bewegungsabfolge auch anders lernen. Sie merken sich viel größere Bewegungsabschnitte als Anfänger und Tanz-​Unerfahrene. Dabei teilten sie die Phrasen (Abschnitte) einer Choreografie mitunter danach ein, wie viel Energie sie dafür brauchten. Die Anfänger unterteilten dagegen zwischen Sequenzen mit Bein– und Armbewegungen und segmentierten sozusagen den Körper – eine Vorgehensweise, die den Profis fern lag. „Man kann nur beurteilen, wie viel Kraft ein Abschnitt erfordert, wenn man sich ihn mental vorstellen kann“, erklärt Bläsing. Sie ist deshalb überzeugt, dass Profis im Geiste mittanzen.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Spiegelneurone

Spiegelneurone/-/mirror neurons

Nervenzellen im Gehirn von Primaten, die genauso feuern, wenn ihre Besitzer eine Handlung beobachten wie wenn sie diese selbst durchführen. Anfang der 1990er waren italienische Forscher auf diese besonderen Neuronen gestoßen, als sie mit Makaken experimentierten. Später wurden Spiegelneurone auch im menschlichen Gehirn nachgewiesen. Hier kommen sie unter anderem im Broca-​Areal vor, das für die Sprachverarbeitung verantwortlich ist. Die Spiegelneurone könnten eine Erklärung dafür liefern, warum wir in der Lage sind, die Gefühle und Absichten anderer nachzuvollziehen. Die Diskussion darum ist noch nicht abgeschlossen.

Angeregtes Publikum

Doch auch das Publikum lässt die Symphonie bewegter Körper nicht kalt. Besonders gut gefallen schwierige akrobatische Einlagen, weiß Calvo-​Merino aus Hirnscans, die sie mit Befragungen kombinierte. Und Corinne Jola zeigte im März 2012 im Journal PloS One, dass Zuschauer, die regelmäßig Ballettdarbietungen anschauen, mit erhöhter Erregbarkeit der motorischen Kerngebiete auf bestimmte Ballettbewegungen reagieren. „Geübte Zuschauer haben eine erhöhte Motorresonanz. Ob das eine Folge des häufigen passiven Tanzkonsums ist oder eine Voraussetzung dafür, dass man Tanz gerne anschaut, wissen wir noch nicht“, so Jola.

Aber sogar bei Laien lässt Tanz offenbar im Geiste das Tanzbein mitschwingen, wenn sie die Darbietung nicht auf Video, sondern live sehen. Die Erregbarkeit der motorischen Kerngebiete für Arm und Hand steigt, während sie indischen Tanz oder Ballett sehen, berichtete Jola im März 2013 im Journal Cognitive Neuroscience. „Man darf die Präsenz des Künstlers und den emotionalen Gehalt des Tanzes nicht unterschätzen“, mahnt sie und leitet aus ihrer Erkenntnis auch eine wichtige Lektion für alle Tanzkognitionsforscher ab: „Wenn wir unsere Studien wie bisher mit Videoaufzeichnungen machen, erfassen wir nicht die Dimension einer realen Tanzdarbietung. Wir müssen uns die Wirkung von Tanz auf den Menschen viel differenzierter anschauen.“

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

zum Weiterlesen:

  • Brown S, Parsons L: The Neuroscience of Dance. Scientific American 2008 Jul:78 – 83, (zum Text).
  • Brown S et al: The Neural Basis of Human Dance. Cerebral Cortex 2006 Aug;16(8):1157 – 1167 (zum Text).
  • Jola C et al: Proprioceptive integration and body representation: insights into dancers‘ expertise. Exp Brain Res 2011 Sep;213(2 – 3):257 – 65 (zum Abstract).
  • Bläsing B et al: The cognitive structure of movements in classical dance. In: Psychology of Sport & Exercise 2009, May;10(3):1 – 11 (zum Text).
  • Bläsing, B, Schack, T: Mental Representation of Spatial Movement Parameters in Dance. Spatial Cognition & Computation, 2012;12:111 – 132 (zum Text).
  • Bläsing B: The dancer’s memory. Expertise and cognitive structures in dance. In: Bläsing, Bettina; Puttke, Martin; Schack, Thomas: The Neurocognition of Dance. London 2010, S. 75 – 98.
  • Jola C et al: Motor simulation without motor expertise: enhanced corticospinal excitability in visually experienced dance spectators. PLoS ONE 2012 Mar;7(3):E33343 (zum Text).
  • Jola C, Grosbras, MH: In the here and now. Enhanced motor corticospinal excitability in novices when watching live compared to video recorded dance. Cognitive Neuroscience 2013 Mar;4(2):90 – 98 (zum Text).

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

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