Von den Vorzügen der Ehe

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Autor: Bas Kast

Bindung für immer – ist das heute noch zeitgemäß? Erfolgsautor Bas Kast („Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt“) meint: Ja! Auch die Wissenschaft liefert ihm gute Argumente fürs Heiraten.

Veröffentlicht: 28.03.2013

Ich habe einen alten Freund, David. Er ist ein gutaussehender junger Mann mit chronischem Dreitagebart und ebenso chronisch guter Laune. David wirkt auf mich immer – und das meine ich gar nicht negativ – wie ein kleiner Casanova, stets auf der Suche nach Neuem. Nach einem Abenteuer, nicht nur, aber auch in der Liebe.

Diese Casanova-​Ader in ihm offenbarte sich mir einmal mehr, als ich ihm vor etwa einem Jahr verkündete, dass ich meine langjährige Freundin heiraten werde. Von allen meinen Freunden und Kollegen gehörte David zu den wenigen, die damals eher verhalten auf diese, wie ich fand, durch und durch frohe Botschaft reagierten.

Als ich ihn auf seine Irritation ansprach, meinerseits leicht irritiert, redete er zunächst um den heißen Brei herum. Zwischen den Zeilen aber wurde mir klar, dass er ernsthaft an meinem Urteilsvermögen zweifelte. „Was heißt das heutzutage eigentlich noch, heiraten?“, sinnierte er. Oder er sagte in einem Tonfall unerschütterlicher Selbstverständlichkeit, als rede er von einem neuen, naturwissenschaftlichen Gesetz: „Aber auch Ehen, das ist klar, sind heute nur noch Bindungen auf Zeit.“

Aus freien Stücken die Freiheit opfern?

Irgendwann bekam ich das Gefühl, dass er sich Sorgen um mich machte. Nichts gegen meine Freundin/​Frau (er kennt sie, mag sie sehr), aber David war eindeutig überrascht, dass jemand sozusagen aus freien Stücken seine Freiheit aufopfert: Warum heiraten, wenn man das doch längst nicht mehr muss? Wenn man auch einfach so glücklich zusammen sein kann?

Natürlich, objektiv gibt es für Davids Bedenken durchaus Argumente. Es gibt viele Davids, die Statistik spricht da eine klare Sprache. Ich gehöre zu einer aussterbenden Spezies. Wir Deutsche heiraten bekanntlich immer weniger.

Sei flexibel! Wahrscheinlich passt David mit seiner Leichtigkeit besser in die heutige Zeit als ich. Aber tun wir uns mit dieser zunehmend um sich greifenden Neigung zur Unverbindlichkeit wirklich einen Gefallen?

Ich glaube nicht. Ich glaube, die meisten von uns sind/​wären am Ende in einer Ehe viel besser aufgehoben als alleine (das sowieso) oder auch in wechselnden, nicht-​ehelichen Beziehungen. Ich würde sogar sagen, dass die Ehe, so komisch das im ersten Moment klingen mag, gerade in der modernen Welt etwas sehr Befreiendes hat – und das ist nur eine ihrer zahlreichen Vorzüge. Aber der Reihe nach.

Der größte Liebesbeweis

Wer heute heiratet, tut das ja weniger aus rationalen Gründen – es ist in erster Linie eine emotionale Entscheidung. Für mich wächst dadurch der Wert der Ehe nur noch. Gerade weil man den Entschluss nicht fassen muss und ihn trotzdem fasst, ist die Ehe der größte Liebesbeweis, den man einem anderen Menschen entgegenbringen kann: Schau her, ich muss nicht, aber ich will. Dich. Du bist das Risiko des Festlegens und Verzichtens wert! Du bist gar kein Verzicht, du bist eine Bereicherung.

Wenn man mir nun aber die Pistole an die Brust setzen würde, könnte ich durchaus auch rationale Gründe für die Ehe nennen. Hier sind schon mal drei:

  • Erstens. Die Ehe hebt das Glück. Der US-Psychologe Martin Seligman hat es in seinem Buch „Der Glücksfaktor“ folgendermaßen zusammengefasst: „Das eine und in sehr vielen Studien wohl am besten gesicherte Faktum über die Ehe ist, dass verheiratete Menschen glücklicher sind als alle anderen.“
  • Zweitens. Der Sex ist besser. Ja, klar, ich kenne den Mythos vom „Swinging Single“, der sich Nacht für Nacht auf die Abenteuer des Großstadtdschungels einlässt und sagenhafte Erotik erlebt. Die Wirklichkeit sieht nicht ganz so prickelnd aus. Eine repräsentative Umfrage ergab, dass Ehemänner ihrem Sex die besten Noten geben: eine glatte 2. Freiwillige Single-Männer dagegen bringen es gerade mal auf eine schlappe 4+.
  • Drittens. Viele halten wechselnde Beziehungen für aufregender und interessanter. Immer mit der gleichen Person – wie langweilig ist das denn? Meiner Meinung nach aber verhält es sich genau umgekehrt: Immer nur das Anfangsstadium einer Beziehung kennenzulernen, das halte ich für langweilig. Ein konsequenter Casanova kommt nie über diese erste leidenschaftliche, stürmische Phase der Verliebtheit hinaus (sondern wiederholt diese mit unterschiedlichen Personen). So aufregend diese Phase sein mag: Was danach kommt, ist mindestens ebenso spannend. Vor allem ist es psychologisch neu. Irgendwann, wenn die Verliebtheit sich legt und in tiefe Liebe übergeht, kommen ganz ungeahnte Facetten der Beziehung und der anderen Person zum Vorschein, auch der eigenen Person, was gelegentlich noch spannender sein

Ich weiß schon, was Sie an dieser Stelle einwenden werden: Na gut, vielleicht, mag sein. Nur: Alle diese Vorzüge lassen sich doch auch in einer „gewöhnlichen“ Beziehung genießen? Muss man sich da unbedingt in ehelicher Form festlegen?

Die kurze Antwort lautet: Ja, in gewisser Weise muss man das wohl. Ein „wahres“ Festlegen vor Freunden und Familie, vor (wie in meinem Fall) dem Gesetz oder meinetwegen auch vor Gott, fügt der Liebe ein entscheidendes Glückselement hinzu. Dazu ein kleines, aber sehr erhellendes psychologisches Experiment.

Das Umtauschrecht macht nicht glücklich

Das Experiment spielt an der amerikanischen Harvard-​Universität. Dort bot der Psychologe Daniel Gilbert Testpersonen einen Fotografiekurs an. Am Ende des Kurses sollten die Leute zwei ihrer bevorzugten Bilder entwickeln. Dann mussten sie sich für ein Foto entscheiden, das sie mit nach Hause nehmen durften.

Es gab zwei Gruppen. Einer Gruppe wurde gesagt, dass die Entscheidung für das ultimative Lieblingsbild endgültig sei (das zweite, abgewählte Bild kam angeblich sofort in ein weit entferntes Archiv). Die anderen durften ihre Entscheidung noch ein paar Tage überdenken.

Es mag uns wie ein kleiner, unbedeutender Unterschied vorkommen, und doch zeigte er eine beachtliche Wirkung: Jene Testpersonen, die ihr Bild nicht mehr umtauschen durften, waren von Anfang an – und auch langfristig, nachdem das ganze Experiment längst abgeschlossen war –glücklicher mit ihrem Bild als die Leute, denen man eine Umtauschchance gegeben hatten. (Fragt man uns vorher, welche der beiden Gruppen wir bevorzugen, wählen interessanterweise die meisten von uns die Gruppe mit Umtauschmöglichkeit, und das, obwohl man da am Ende weniger zufrieden mit seinem Bild sein wird.)

Der Verzicht auf das Hintertürchen

Anders gesagt und auf das Liebesleben übertragen: Wer sich nie ganz, mit Haut und Haar, festlegt, wer immer ein Hintertürchen offenhält, liebäugelt wahrscheinlich automatisch – sei es bewusst oder unbewusst – immer wieder mit der einen oder anderen Alternative. Ein Ausstieg ist beileibe kein Ding der Unmöglichkeit.

Und diese erleichterte Ausstiegsmöglichkeit beruht auf Gegenseitigkeit: Auch der Partner könnte irgendwann ohne allzu große Probleme gehen. Was uns wiederum von vornherein zurückhält: Wer traut sich schon, sich ganz einer Beziehung hinzugeben, die jederzeit ohne Angabe von Gründen aufgelöst werden kann? Statt uns vollkommen zu öffnen, statt alles zu geben, was wir haben, werden wir nicht allzu viel investieren, obwohl uns vielleicht gerade das, dieser Sprung in die Verbindlichkeit, unserem Partner näherbringen würde. Das zumindest suggeriert der kleine Harvard-​Versuch: Wir geben uns einer Sache erst ganz hin, wenn wir definitiv an sie gebunden sind.

Für mich liegt darin der entscheidende Vorzug der Ehe, einer wirklich ernstgenommenen Ehe, nicht einer jener berüchtigten Hollywood-​Ehen. Die Ehe ist sozusagen für uns da, wenn wir aufgeben wollen. (Genau genommen taucht der Gedanke des Aufgebens in einer Ehe überhaupt weniger schnell auf, höchstens noch im Extremfall.) Im Idealfall befreit uns die Ehe von der Frage, ob es nicht doch noch etwas Besseres da draußen gibt. Sie holt alles aus uns und unserem Partner heraus. Sie gibt uns immer wieder diesen sanften Hinweis, dass das Glück nicht da draußen liegt, sondern hier, vor uns, neben uns, ganz nah.

zum Weiterlesen:

  • Kast, Bas: Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt. Frankfurt 2004, als Taschenbuch 2011
  • Kast, Bas: Ich weiß nicht, was ich wollen soll: Warum wir uns so schwer entscheiden können. Frankfurt 2012, als Taschenbuch April 2013
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