Gemeinsamkeiten ziehen sich an

Fotograf: .marqs, Grafikerin: Meike Ufer

Nicht immer ziehen sich Gegensätze an. Manche reizt gerade das eigene Geschlecht. Ein komplexes Zusammenspiel von Veranlagung und Umwelteinflüssen bestimmt, zu welchem Geschlecht wir uns hingezogen fühlen.

Wissenschaftliche Betreuung: Josef H. Reichholf

Veröffentlicht: 26.03.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galt Homosexualität unter Psychologen als Krankheit. Heute gilt sie als normale Variante im Spektrum der sexuellen Orientierung.
  • Zwillingsstudien zufolge spielen bei der sexuellen Orientierung sowohl Gene als auch Umweltfaktoren eine Rolle.
  • Studien lieferten Hinweise auf einen Genabschnitt auf dem X-Chromosom, dessen Aktivität oft mit  Homosexualität verbunden ist.
  • Möglicherweise führt die unterschiedliche Konzentration von Testosteron im Mutterleib zu einem „männlicheren“ oder „weiblicheren“ Gehirn.
  • Das „durchschnittliche“ Gehirn Homosexueller unterscheidet sich von dem Heterosexueller.
    Außerdem reagieren die grauen Zellen von schwulen und lesbischen Menschen besonders auf die Gerüche des eigenen Geschlechts.
  • Ob soziale Umweltfaktoren wie die Erziehung beim Entstehen der sexuellen Neigung beteiligt sind, ist umstritten.

Zwillingsstudien

Zwillingsstudien/-/twin studies

Zwillingspaare stellen wertvolle Studienobjekte für Humangenetiker und Psychologen dar, die herausfinden wollen, zu welchem Grad bestimmte Eigenschaften genetisch bedingt sind und welche Rolle die Umweltbedingungen spielen. Hier ist von besonderem Interesse, um wie viel ähnlicher sich eineiige Zwillinge im Vergleich zu zweieigen Zwillingen sind.

Das Ausmaß genetischer Ähnlichkeit unterscheidet sich zwischen eineiigen (100 Prozent) und zweieiigen Zwillingen. Sie leben aber in einer ähnlichen Umwelt, daher kann man aus dem Ausmaß der stärkeren Ähnlichkeit bei zweieigen im Vergleich zu eineiigen Zwillingen den genetischen Anteil von Intelligenz schätzen. In diesem Fall wurde er, je nach Studie, zwischen 50 und 80 Prozent beziffert – je nachdem, ob die Umweltunterschiede in der Population (Gesundheitsversorgung, Zugang zu Bildung) groß oder klein sind.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Ticken homosexuelle Menschen ein wenig anders?

Sind schwule Männer vielleicht eher weiblich strukturiert, lesbische Frauen eher männlich veranlagt? Zumindest einige Studien sprechen dafür. Beim räumlichen Denken etwa und bei den verbalen Fähigkeiten ähneln die Leistungen homosexueller Männer in Untersuchungen eher denen von Frauen. Frauen, die nicht strikt heterosexuell waren, erzielten hingegen in räumlichen Tests im Schnitt höhere Leistungen als eindeutig heterosexuelle Frauen. Weniger überraschend ist etwas anderes: Gleichgeschlechtliche Neigungen spiegeln sich auch in veränderten Persönlichkeitsmerkmalen, Verhaltensweisen und Interessen wider. So zeigen schwule Männer typischerweise etwas weiblichere Ausprägungen auf Skalen, die die Maskulinität und Femininität erfassen. Lesbische Frauen offenbaren hier etwas  männlichere Tendenzen. Auch bei den beruflichen Interessen neigen homosexuelle Menschen eher in Richtung des anderen Geschlechts.

Bis weit ins 20. Jahrhundert galt sie unter Psychologen als Krankheit, als eine psychische Störung: die Homosexualität. Dementsprechend versuchte man sie zu therapieren – mit mäßigem Erfolg. Heute betrachten Wissenschaftler sie als eine normale Variante im Spektrum der sexuellen Orientierung. Im Dunkeln bleibt allerdings weiterhin, wie es überhaupt dazu kommt, dass man sich von einem Geschlecht angezogen fühlt. Bekommt man seine sexuelle Neigung in die Wiege gelegt oder hat auch die Umwelt ein Wörtchen mitzureden?

Um zu klären, was auf das Konto der Anlage geht und was der Umwelt zuzuschreiben ist, bieten sich Zwillingsstudien an. Forscher vergleichen, inwieweit sich eineiige und zweieiige Zwillinge in Sachen gleichgeschlechtlicher Neigungen ähneln. Hierbei machen sie sich die Tatsache zunutze, dass eineiige Zwillinge genetisch zu 100 Prozent, zweieiige hingegen nur ungefähr zu 50 Prozent übereinstimmen. Sofern genetische Faktoren ins Gewicht fallen, sollten unter eineiigen Zwillingen mehr Geschwister zu finden sein, die beide homosexuell sind, als unter zweieiigen. Das ist tatsächlich so, auch wenn die Befunde je nach Studie unterschiedlich ausfallen. Allerdings ist beispielsweise nicht jede eineiige Zwillingsschwester einer lesbischen Frau ebenfalls lesbisch. Die Umwelt hat offensichtlich auch ein Wörtchen mitzureden.

Eine 2010 veröffentlichte Studie berücksichtigte die Daten aller erwachsenen Zwillinge in Schweden. Ein Team um den kognitiven Biologen Qazi Rahman von der University of London kam zu dem Schluss, dass sich Homosexualität sowohl auf erbliche Faktoren wie auch auf Umweltfaktoren zurückführen lässt. Vor allem individuelle Umweltfaktoren hatten einen großen Einfluss. Weniger Wirkung zeigten Umwelteinflüsse, die die Zwillinge miteinander geteilt hatten, wie etwa das Leben in der Familie. Ihre Studie dämpfe jegliche Besorgnis, dass man bei der Erklärung der Homosexualität lediglich nach einem einzelnen „homosexuellen Gen“ oder einem einzigen Umweltfaktor Ausschau halte, sagt Rahman. „Die Faktoren, die die sexuelle Orientierung beeinflussen, sind komplex.“ Auch heterosexuelles Verhalten sei von einer Mischung aus genetischen und Umweltfaktoren bedingt.

Zwillingsstudien

Zwillingsstudien/-/twin studies

Zwillingspaare stellen wertvolle Studienobjekte für Humangenetiker und Psychologen dar, die herausfinden wollen, zu welchem Grad bestimmte Eigenschaften genetisch bedingt sind und welche Rolle die Umweltbedingungen spielen. Hier ist von besonderem Interesse, um wie viel ähnlicher sich eineiige Zwillinge im Vergleich zu zweieigen Zwillingen sind.

Das Ausmaß genetischer Ähnlichkeit unterscheidet sich zwischen eineiigen (100 Prozent) und zweieiigen Zwillingen. Sie leben aber in einer ähnlichen Umwelt, daher kann man aus dem Ausmaß der stärkeren Ähnlichkeit bei zweieigen im Vergleich zu eineiigen Zwillingen den genetischen Anteil von Intelligenz schätzen. In diesem Fall wurde er, je nach Studie, zwischen 50 und 80 Prozent beziffert – je nachdem, ob die Umweltunterschiede in der Population (Gesundheitsversorgung, Zugang zu Bildung) groß oder klein sind.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen für Homosexualität?

Welche Faktoren allerdings im Detail entscheidend sind, bleibt bisher unklar. Die Suche nach konkreten Einflüssen des Erbguts vermittelte lediglich eine erste Ahnung. DNA-​Studien etwa fanden einen genetischen Marker für Homosexualität auf dem X-​Chromosom. Das ist das Chromosom, das Männer von ihren Müttern erben.

Schwule Männer haben bezeichnenderweise mütterlicherseits mehr schwule Verwandte als väterlicherseits. In den Medien war angesichts dieses Fundes vereinfacht von einem „homosexuellen Gen“ die Rede. Allerdings ist ein Gen alleine wohl kaum für ein komplexes Merkmal wie Homosexualität verantwortlich.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Frühe Prägung im Mutterleib

Zu den für die sexuellen Vorlieben prägendsten Umweltfaktoren zählen Hormone im Mutterleib. Tierstudien zeigen, dass das männliche Sexualhormon Testosteron in der pränatalen Entwicklung zu einer „Vermännlichung“ des Gehirns und in der Folge zu männlichem Paarungsverhalten führt. Auf dieser Grundlage haben Forscher eine Hypothese entwickelt: Mädchen, die zu einem kritischen Zeitpunkt ihrer pränatalen Entwicklung eindeutig überdurchschnittliche Mengen des männlichen Sexualhormons abbekommen, könnten demnach eine homosexuelle Veranlagung mit auf den weiteren Lebensweg bekommen. Bei Jungen könnte umgekehrt eine „zu kleine“ Dosis ihr späteres Interesse für das eigene Geschlecht mitbedingen. Ist also das Gehirn von schwulen Männern verweiblicht, das von lesbischen Frauen vermännlicht?

Das „homosexuelle“ Gehirn

In einer viel zitierten Studie von 1993 untersuchte Simon LeVay den vorderen Hypothalamus Verstorbener: darunter heterosexuelle Frauen, heterosexuelle und homosexuelle Männer. Der Neurowissenschaftler vom Salk Institute for Biological Studies in Kalifornien hatte gute Gründe, genau dieses Gebiet unter die Lupe zu nehmen: Der Hypothalamus steuert das sexuelle Verhalten. Bei nichtmenschlichen Primaten bringt er typisch männliches Sexualverhalten hervor.

LeVay fand heraus, dass einer der Kerne im Hypothalamus bei schwulen Männern halb so groß ausfiel wie bei heterosexuellen. Ihr Kern glich von seiner Größe her dem heterosexueller Frauen. Möglicherweise hatte LeVay damit eine der biologischen Grundlagen sexueller Orientierung ausfindig gemacht. Tatsächlich hat sich dieser Fund mittlerweile in verschiedenen Studien bestätigt.

Eines sollte man bei solchen Untersuchungen allerdings im Hinterkopf behalten: Wenn Forscher verschiedene Gruppen vergleichen, finden sie im Allgemeinen nur statistische Unterschiede zwischen ihnen. Das „durchschnittliche“ homosexuelle Gehirn mag sich von dem heterosexuellen „Durchschnittsgehirn“ unterscheiden. Über einen einzelnen Menschen sagt das oft wenig aus.

Auch LeVay stieß auf Ausnahmen, etwa schwule Männer mit vergleichsweise großen Kernen im Hypothalamus. Später warnte der bekennende Homosexuelle selbst in Interviews vor falschen Interpretationen. Weder habe er gezeigt, dass schwule Männer so geboren werden. Noch habe er ein „homosexuelles Zentrum“ im Gehirn ausfindig gemacht.

Hypothalamus

Hypothalamus/-/hypothalamus

Der Hypothalamus gilt als das Zentrum des autonomen Nervensystems, er steuert also viele motivationale Zustände und kontrolliert vegetative Aspekte wie Hunger, Durst oder Sexualverhalten. Als endokrine Drüse (die – im Gegensatz zu einer exokrinen Drüse – ihre Hormone ohne Ausführungsgang direkt ins Blut abgibt) produziert er zahlreiche Hormone, die teilweise die Hypophyse hemmen oder anregen, ihrerseits Hormone ins Blut abzugeben. In dieser Funktion spielt er auch bei der Reaktion auf Schmerz eine wichtige Rolle und ist in die Schmerzmodulation involviert.

Kern

Kern/-/nucleus

Der Kern ist in einer Zelle der Zellkern, der unter anderem die Chromosomen enthält. Im Nervensystem ist der Kern eine Ansammlung von Zellkörpern – im zentralen Nervensystem als graue Masse, ansonsten als Ganglien bezeichnet.

Homosexuelle Männer können sich gut riechen

Interessanterweise fanden aber auch andere Forscher im Gehirn von homosexuellen Probanden Reaktionen, die eher dem anderen Geschlecht ähneln. Und wieder spielte der Hypothalamus eine wichtige Rolle. 2005 schauten sich Forscher um die Psychologin Ivanka Savic vom schwedischen Karolinska Institute an, wie Menschen unterschiedlicher Neigung auf sexuelle Lockstoffe ansprechen. Im Gegensatz zu heterosexuellen Männern sprang der Hypothalamus schwuler Männer verstärkt auf einen Duftstoff an, der im männlichen Schweiß vorkommt und möglicherweise ein Sexualpheromon ist. Offensichtlich können homosexuelle Männer ihr eigenes Geschlecht gut riechen – sie reagierten damit ähnlich wie die heterosexuellen Probandinnen.

2006 fanden Savic und ihre Kollegen zudem heraus: Im Gehirn lesbischer Frauen stimulierte der männliche Duftstoff lediglich ein Areal, das Gerüche verarbeitet. Bei den heterosexuellen brachte er allerdings auch noch den vorderen Bereich des Hypothalamus auf Trab. Ob die unterschiedlichen Hirnaktivitäten Ursache oder Folge der sexuellen Orientierung sind, vermochten die Studien jedoch nicht zu klären.

Hypothalamus

Hypothalamus/-/hypothalamus

Der Hypothalamus gilt als das Zentrum des autonomen Nervensystems, er steuert also viele motivationale Zustände und kontrolliert vegetative Aspekte wie Hunger, Durst oder Sexualverhalten. Als endokrine Drüse (die – im Gegensatz zu einer exokrinen Drüse – ihre Hormone ohne Ausführungsgang direkt ins Blut abgibt) produziert er zahlreiche Hormone, die teilweise die Hypophyse hemmen oder anregen, ihrerseits Hormone ins Blut abzugeben. In dieser Funktion spielt er auch bei der Reaktion auf Schmerz eine wichtige Rolle und ist in die Schmerzmodulation involviert.

Soziale Faktoren ohne Mitspracherecht?

Anders als bei den biologischen Umwelteinflüssen ist umstritten, inwieweit psychosoziale Faktoren die sexuelle Ausrichtung mitbestimmen. In Untersuchungen berichteten schwule Männer im Vergleich zu heterosexuellen davon, weniger liebende und eher zurückweisende Väter gehabt zu haben. Manche Forscher sehen solche Erlebnisse in der Kindheit als prägend an für die sexuelle Neigung. Allerdings verhält es sich vielleicht gerade umgekehrt: Möglicherweise distanzieren sich die Väter von schwulen Söhnen, weil diese „femininere“ Kindheitsinteressen haben.

Einiges spricht eher dagegen, dass die Erziehung und andere soziale Faktoren Einfluss auf die sexuelle Orientierung haben. Beispielsweise führt eine Erziehung durch homosexuelle Eltern offensichtlich nicht zu einer Häufung von Homosexualität bei den Kindern. Und schließlich spricht noch etwas gegen die Macht des Sozialen: die erfolglosen Versuche der Vergangenheit, Homosexualität psychotherapeutisch zu „heilen“.

zum Weiterlesen:

  • Långström N et al: Genetic and environmental effects on same-​sex sexual behavior: a population study of twins in Sweden. Archives of Sexual Behavior 2010;39(1): 75 – 80 (zum Abstract).
  • Garcia-​Falgueras A, Swaab DF: Sexual Hormones and the Brain: An Essential Alliance for Sexual Identity and Sexual Orientation 2010. In: Endocrine Development 17:22 – 35 (zum Abstract).
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One comment

Gabriella .. 20.01.2017
Nicht nur bei schwulen und lesbischen Menschen reagieren die grauen Zellen besonders auf Gerüche. Auch bei heterosexueller spielen Gerüche eine große/besondere Rolle.

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