Wo ist nur die Libido geblieben?

Grafikerin: Meike Ufer

Immer mehr Menschen haben kein Verlangen nach Sex. Das hat oft körperliche und seelische Gründe. Und Vorgänge im Gehirn können die Flaute erklären.
 

Wissenschaftliche Betreuung: Beate Ditzen

Veröffentlicht: 26.03.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Sexuelle Lustlosigkeit ist verbreitet. Wenn die Betroffenen darunter  leiden, spricht man von Appetenzstörungen.
  • Sie können unter anderem durch Partnerschaftsprobleme und frühe Missbrauchserfahrungen bedingt sein. Therapien können helfen.
  • Erste Erkenntnisse, was dabei im Gehirn passiert, liefern Aufnahmen mit bildgebenden Verfahren.
  • Es gibt aber auch eine Form der dauerhaften Asexualität, die nicht krankhaft ist und auf Therapieversuche nicht anspricht.
  • In solchen Fällen reagiert der Körper sehr wohl auf sexuelle Reize, aber im Gehirn wird keine Wollust ausgelöst.

Es ist wohl einer der bizarrsten Widersprüche in modernen Gesellschaften: An jeder Litfaßsäule und auf vielen Zeitschriften prangen mehr oder minder entblößte makellose Frauenkörper – und seltener auch Männerleiber. Aber in den Betten ist immer weniger los. Die Sexualisierung steht im krassen Gegensatz zur sexuellen Praxis. Der Beischlaf ist rückläufig und die Masturbation nimmt zu, stellten berühmte Sexualwissenschaftler wie Volkmar Sigusch und Ulrich Clement schon zur Jahrtausendwende fest. Nach einer Studie der Universität Göttingen von 2005 hatte jeder Sechste von 13.483 liierten Männern und Frauen in vier Wochen gar keinen Sex. Und fast die Hälfte schlief weniger als einmal in der Woche mit einem Partner. Eine gewisse Lustlosigkeit greift offenbar um sich.

Ursachen der Lustlosigkeit

Nun nimmt das Bedürfnis nach Sex auf ganz natürliche Weise mit dem Alter ab. Und es gibt eine ganze Reihe von psychischen und organischen Ursachen, die die Lust dämpfen. Partnerprobleme etwa führen dazu, dass Mann und Frau einander im Bett den Rücken kehren. Einer Befragung des King’s College in London von 2011 zufolge, an der 1489 weibliche Zwillinge teilnahmen, ist das sogar die wichtigste Ursache für ihren Rückzug. Auch ein starkes Lustgefälle kann dazu führen, dass sich der eine von der Wollust des anderen bedrängt fühlt und immer öfter Migräné vorschiebt. Frühe Missbrauchserfahrungen oder Ekel vor Sexualität können ebenfalls das Vergnügen verleiden. Und dann wären da noch eine Fülle körperlicher Beschwerden, die der Befriedigung im Wege stehen, etwa Schmerzen der Frau beim Sex und Erektionsstörungen des Mannes. Im Übrigen wirken Beruhigungsmittel, Schlaftabletten, Mittel gegen Depressionen und Neuroleptika als Lustbremsen.

Der Internationale Katalog der Krankheiten ICD unterscheidet zwei Formen der verminderten Lust, Appetenzstörungen genannt: Auf der einen Seite den Mangel des sexuellen Verlangens und auf der anderen Seite die Abneigung gegen Sex und die ungenügende sexuelle Befriedigung. Rund fünf Prozent der Männer hierzulande und zehn Prozent der Frauen bescheinigen Ärzte eine dieser Störungen. „Doch eine Krankheit liegt tatsächlich nur vor, wenn die Betroffenen leiden“, stellt die Stuttgarter Sexualtherapeutin Heike Melzer klar. Gesund und lustlos – auch das schließt sich nicht aus.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Ohne Sex gesund

Lange Zeit waren Biologen und Mediziner allerdings davon überzeugt, dass die Begierde Gesundheit signalisiert, da der Geschlechtsverkehr schließlich der Fortpflanzung dient. „Man würde meinen, Asexualität müsse sich ausmendeln, weil die Personen sich nicht vermehren“, führt Melzer aus. Dieser Logik folgend glaubten viele Ärzte: Wer Eros nicht kennt, muss krank sein.

Die Betroffenen protestierten als Erste gegen diese Sichtweise. 2001 scharten sich junge Amerikaner um den 21-​jährigen David Jay, der das Internet-​Forum für Asexuelle AVEN (Asexual Visibility and Education Network) gründete. Seine Anhänger haben keine Lust auf Sex, wie sie von sich sagen, fühlen sich aber gesund. Allein die deutsche AVEN-​Webseite zählt mittlerweile fast 10.000 Mitglieder.

Als die Gynäkologin Lori Brotto von der University of British Columbia bei den AVEN-​Mitgliedern nach seelischen und organischen Störungen suchte, wurde sie überrascht. Die 54 Männer und 133 Frauen fielen weder durch soziales Fehlverhalten noch durch psychische Erkrankungen auf. Sie waren so gesund wie jeder andere auch.

„Es gibt keine Indizien, dass es sich bei der Asexualität um eine körperliche Fehlentwicklung handelt“, bekräftigt die Hirnforscherin Nicole Prause von der University of New Mexico in Albuquerque. Asexualität ist ähnlich fest gefügt wie jede andere sexuelle Orientierung auch und weder Krankheit noch psychisches Problem. „Es gibt keine Therapie“, stellt Prause klar. „Das wäre ethisch genauso verwerflich wie eine Kur gegen Homosexualität.“

Die Wollust im Gehirn

Mediziner und Psychologen vermuteten lange Zeit, dass Asexuelle ihre Sexualität aufgrund von Ängsten nicht ausleben. Noch heute attestieren ihnen Ärzte manchmal eine sexuelle Aversionsstörung. Doch Studien entziehen dieser Diagnose die Grundlage. Als Brotto asexuellen Frauen Erotikfilme präsentierte, schämten und ängstigten diese sich nicht mehr als andere. Sie maß zudem den Blutfluss der Vagina und stellte fest, dass die Durchblutung genauso angeregt wird wie bei sexuell aktiven Frauen. Nur spürten die Libidolosen kaum Wollust. Prause vermutet eine geringere Aktivierung der sexuellen Zentren im limbischen System des Gehirns. „Die Erregung in den erogenen Zonen hat schlichtweg keine Entsprechung im Kopf“, mutmaßt sie, und untersucht das zurzeit im Hirnscanner.

Die Indizien häufen sich, dass die Geschehnisse im Gehirn die verminderte Lust erklären können. Schon 2003 entdeckten Forscher, dass ein linksseitiger Epilepsieherd, in dem die Neuronen stark und oft im Gleichtakt feuern, bei Männern die Begierde dämpft, während ein rechtsseitiges Zentrum die Libido ankurbelt. Linke und rechte Hirnhälfte scheinen quasi Gegenspieler in puncto Sexualität.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Links hemmt, rechts erregt

Ein etwas genaueres Bild liefert der französische Psychiater Serge Stoléru vom staatlich medizinischen Institut Inserm in Paris. Er untersuchte sieben Männer mit verminderter Libido und verglich diese mit acht gesunden Männern. Sie legten sich in einen Positronen-​Emissions-​Tomografen (PET-​Scanner), mit dem physiologische Vorgänge im Gehirn mithilfe einer schwach radioaktiven Substanz beobachtet werden. Stoléru spielte seinen Probanden drei Videoaufnahmen vor: Einmal waren Mann und Frau beim Akt zu sehen. Ein anderes Mal zeigte der Film eine Alltagssituation. Dann folgte eine heitere Sequenz. Anschließend betrachteten die Männer verschiedene Fotos: Frauen in Geschäftskleidung, normal bekleidete Models und fast nackte junge Frauen. Stoléru erfasste jeweils die Hirnaktivität und maß mit einem sogenannten Penisplethysmografen den Penisumfang.

Bei den sexuell gesunden Männern ging der Blutfluss im linken Stirnlappen – im Gyrus rectus, direkt über der Augenhöhle – zurück, nicht so dagegen bei den Lustlosen. Der linke Gyrus rectus vermindert sozusagen seine Aktivität – und enthemmt damit im wörtlichen Sinn. „Wird die Region verletzt, beginnen die Betroffenen einen sexuell ausschweifenden Lebenswandel“, erklärt Stoléru. Bei den Sexmuffeln kann die Kontrollinstanz indes nicht abschalten. Vielleicht kommen sie deshalb gar nicht erst in Fahrt.

In vier anderen Regionen zeigen die sexuell aktiven Männer dagegen mehr Aktivität als die übrigen Probanden. Darunter sind prämotorische Bereiche, die Bewegungen vorbereiten, und eine Region im unteren Scheitellappen, der sexuelle Fantasien entspringen. „Im Gehirn der Lustlosen treffen drei unglückliche Umstände zusammen“, meint Stoléru, „eine zu starke Hemmung und ein Mangel an erotischer Vorstellungskraft und Bewegungsinitiation.“

Frontallappen

Frontallappen/Lobus frontalis/frontal lobe

Der frontale Cortex ist der größte der vier Lappen der Großhirnrinde und entsprechend umfassend sind seine Funktionen. Der vordere Bereich, der so genannte präfrontale Cortex, ist für komplexe Handlungsplanung (so genannte Exekutivfunktionen) verantwortlich, die auch unsere Persönlichkeit prägt. Seine Entwicklung (Myelinisierung) braucht bis zu 30 Jahren und ist selbst dann noch nicht ganz abgeschlossen. Weitere wichtige Bestandteile des frontalen Cortex sind das Broca-​Areal, welches unser sprachliches Ausdrucksvermögen steuert, sowie der primäre Motorcortex, der Bewegungsimpulse in den gesamten Körper aussendet.

Hemmung

Hemmung/-/inhibition

Die neuronale Inhibition, oder auch Hemmung umschreibt das Phänomen, dass ein Senderneuron einen Impuls zum Empfängerneuron sendet, der bei diesem dazu führt, dass seine Aktivität herabgesetzt wird. Der wichtigste hemmende Botenstoff ist GABA.

Die Lust hat keinen freien Lauf

In einer ganz ähnlich angelegten Studie beobachteten Forscher am Universitätsklinikum in Genf 2011 die Vorgänge im Gehirn von Frauen mit Appetenzstörung, während diese Erotikfilme und neutrale Streifen sahen. Im Magnet-​Resonanz-​Tomografen (MRT) werteten die Forscher die Unterschiede im Gehirn aus. Im Vergleich zu gesunden Frauen fanden sie bei den sexuell Abstinenten eine stärkere Aktivierung im Stirnhirn, in Regionen, die für höhere geistige Funktionen zuständig sind. Demgegenüber feuerten bei den sexuell aktiven Frauen jene Areale stärker, die erotische Reize verarbeiten.

Dies deckt sich mit einer ähnlichen Untersuchung an Frauen mit schwacher Libido von 2009. Auch damals war den US-​Forschern um Bruce Arnow von der Stanford University School of Medicine im kalifornischen Stanford eine stärkere Aktivität im Stirnhirn aufgefallen, genauer gesagt: im medialen frontalen Gyrus und im rechten inferioren frontalen Gyrus. Arnow vermutet, dass die Frauen mit Appetenzstörung sehr darauf bedacht sind, ihre körperlichen Reaktionen zu beobachten und zu bewerten, was die Lust auf Sex im Keim erstickt.

Liegt Arnow richtig, wäre die Unlust auch eine Frage der bewussten oder unbewussten Vorgänge im Kopf. Psychotherapien setzen letztlich genau dort an, weil sie nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken verändern. Doch sie können nach bisherigen Studien nur Patienten mit klassischer Appetenzstörung helfen. Dass Asexuelle, die gar nicht als krank gelten, dadurch zu Lustmolchen würden, wurde nie gezeigt ­– und Forscher bezweifeln das.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

zum Weiterlesen:

  • Braun CM et al: Opposed left and right brain hemisphere contributions to sexual drive: a multiple lesion case analysis. Behavioral Neurology 2003;14(1 – 2):55 – 61 (zum Abstract).
  • Burri A, Spector T: Recent and lifelong sexual dysfunction in a female UK population sample: prevalence and risk factors. Journal of Sexual Medicine 2011;8(9):2420 – 30 (zum Abstract).
  • Bianchi-​Demicheli F et al: Neural bases of hypoactive sexual desire disorder in women: an event-​related FMRI study, Journal of Sexual Medicine 2011;8(9):2546 – 59 (zum Abstract).
  • Arnow BA et al: Women with hypoactive sexual desire disorder compared to normal females: a functional magnetic resonance imaging study. Neuroscience, 200;158(2), S. 484 – 502 (zum Abstract).
  • Brotto LA et al: Asexuality: a mixed-​methods approach. Archives of Sexual Behaviour 2010: 39(3),599 – 618 (zum Abstract).
  • Brotto LA, Yule MA: Physiological and subjective sexual arousal in self-​identified asexual women. Archives of Sexual Behaviour 2011:40(4):699 – 712 (zum Abstract).
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