Wahlentscheidende Kleinigkeiten

Grafikerin: Meike Ufer
Wahlentscheidende Kleinigkeit
Autor: Ragnar Vogt

Hat der Lieblingsverein gewonnen? Bin ich richtig sauer? Steht die Wahlkabine in einer Kirche? Das sind Fragen, die Meinungsforscher meist nicht interessieren. Solche Marginalien können aber über den Ausgang einer Wahl entscheiden.

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Ute Habel

Veröffentlicht: 29.05.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Wir denken, es sind unsere politischen Überzeugungen, die zu unserer Wahlentscheidung führen. Doch auch scheinbar unbedeutende Kleinigkeiten können uns dabei beeinflussen.
  • Forscher fanden heraus, dass Sportereignisse Einfluss auf Wahlergebnisse haben können. Gewinnt der Lieblingsverein, dann hat der Anhänger ein Hochgefühl – und neigt dazu, für den Amtsinhaber zu stimmen.
  • Befindet sich die Wahlkabine in einer Kirche, dann neigen die Wähler dazu, eher konservativ zu wählen.
  • In Zeiten der Krise schart sich die Bevölkerung um die Regierung. Manche Forscher erklären den Effekt damit, dass die Menschen dann an ihre Sterblichkeit erinnert werden. Andere Wissenschaftler vermuten, dass vor allem der Ärger die Unterstützung für die Führungspersönlichkeit verstärkt.
Im Kontext der Schule

Nicht nur die Vorliebe für eine Partei lässt sich durch die Auswahl des Wahllokals manipulieren, sondern auch die Entscheidung in einer Sachfrage. Während einer Regionalwahl in Arizona im Jahr 2000 mussten die Wähler auch darüber abstimmen, ob die Steuern erhöht werden sollten, um die Schulbildung zu verbessern. Jonah Berger, ein Marketing-Experte von der University of Pennsylvania, stellte zusammen mit Kollegen in einer Studie fest: Wähler, die in einer Schule wählen und abstimmen mussten, befürworteten deutlich häufiger die Steuererhöhung als solche, die in Kirchen oder Behörden ihre Kreuzchen machten. Das Wissenschaftlerteam testete diesen subtilen Einfluss der Umgebung (englischer Fachausdruck: „contextual priming“) in einem Kontrollexperiment. Dabei wurden den Versuchspersonen Bilder von (gut ausgerüsteten) Schulen bzw. von Behörden gezeigt. Wieder sprachen sich die mit Schulmotiven beeinflussten Probanden eher für eine Steuererhöhung zur Finanzierung von Bildungsausgaben aus. (JR)

Du stehst in der Wahlkabine. Der Vorhang ist zu, der Bleistift gespitzt und deine Augen wandern über die lange Liste mit den Parteiennamen. Bei einem Kreis hältst du inne, versicherst dich, dass es die richtige Stelle ist und malst dann ein Kreuz. Warum gerade dort?

Vielleicht hat bereits deine Mutter schon immer diese Partei gewählt, vielleicht bist du von dem Programm überzeugt oder du traust dem Kandidaten zu, dass er gut regieren wird. Vielleicht ist es aber nichts dergleichen, vielleicht waren es auch scheinbar unbedeutende Kleinigkeiten, die dich bei deiner Entscheidung gelenkt haben.

Zumindest sind Wahlforscher in den letzten Jahren auf einige überraschende Faktoren gestoßen, die die Wähler beeinflussen. Manche verschieben die Prozente für die Parteien vielleicht nur minimal. Da aber Wahlergebnisse sehr knapp ausfallen können, könnten gerade diese Dinge darüber entscheiden, wer der nächste Kanzler wird – oder die Kanzlerin.

Zum Beispiel Sportergebnisse. Politische Beobachter vermuten schon länger, dass die nationale Euphorie nach einer erfolgreichen Fußball-​Weltmeisterschaft schon mancher Regierung im Wahlkampf geholfen hat. Seitdem im Jahr 2005 der damalige Kanzler Gerhard Schröder die Legislaturperiode vorzeitig beendet hat, finden Weltmeisterschaft und Bundestagswahl aber nicht mehr im selben Jahr statt. Auch die Europameisterschaft ist zum Wahltermin schon mehr als ein Jahr her, da sind keine Fähnchen mehr an den Autos und die „Schland“-Hochstimmung ist lange vorbei.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Faktor Sportergebnisse

Doch auch im kleineren Rahmen kann Sieg oder Niederlage einer Mannschaft einen Wähler bei seiner Entscheidung beeinflussen. Wissenschaftler um den Stanford-​Politologen Neil Malhotra analysierten 2010 die Ergebnisse von US-​Wahlen, Präsidentenwahlen, Gouverneurswahlen und Senatswahlen. Diese Zahlen verglichen sie mit dem Ausgang von American-​Football-​Spielen der Collegemeisterschaft. Das war nicht als akademische Spielerei gedacht, vielmehr interessierte die Wissenschaftler, inwieweit generelle Stimmungen die Wahlentscheidung beeinflussen können. Und Sportergebnisse stehen in keinem Zusammenhang zu politischen Anschauungen oder der Qualität von Regierungshandeln, deshalb eigneten sie sich für diese Fragestellung.

Ihr Ergebnis: Wenn die Heimmannschaft in den letzten zehn Tagen vor einer Wahl gewonnen hat, dann stimmen in der Region mehr Menschen für den Amtsinhaber. Über alle Wahlen seit 1964 hinweg lag der durchschnittliche Zugewinn bei immerhin 1,61 Prozentpunkten. Die Forscher liefern auch eine Theorie, wie es zu diesem überraschenden Effekt kommt. Wenn die eigene Mannschaft gewonnen hat, dann sind die Anhänger gut gelaunt. Und Menschen mit positiven Emotionen neigen eher dazu, sich mit dem Status quo zufrieden zu geben – also auch mit dem Amtsinhaber.

Emotionen

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Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Faktor Wahllokal

Dieser Umstand dürfte deutsche Bundestagsabgeordnete deprimieren, die wiedergewählt werden möchten, aber in Städten mit notorisch erfolglosen Fußballclubs antreten. Um ihre Chancen zu erhöhen, sollten sie vielleicht auch auf Details der Wahlorganisation achten. Denn selbst der Ort des Wahllokals kann den Ausgang eines Urnengangs beeinflussen. Das fand der Psychologe Abraham Rutchick von der California State University heraus, als er die Wahl eines Kongressabgeordneten des Jahres 2004 genau untersuchte. Er errechnete, dass deutlich mehr Wähler für den konservativen Kandidaten stimmten, wenn sich das Wahllokal in einer Kirche befand. In Deutschland finden Wahlen immer sonntags statt – ein Tag, an dem in Kirchen Gottesdienste stattfinden. So sind dort meist keine Wahllokale, wohl aber in Gemeinderäumen. Ob die auch einen Einfluss auf das Ergebnis haben können, ist nicht untersucht.

Offenbar reicht es sogar, dass ein Gotteshaus in Sichtweite ist, um die Meinung von manchen Menschen zu beeinflussen. Zu dem Ergebnis kommen Wissenschaftler um den Psychologen Jordan LaBouff der Baylor University in Texas. Er ließ Straßenumfragen an verschiedenen Orten machen. Mehr Menschen äußerten konservative Anschauungen, wenn eine Kirche in der Nähe war.

Faktor Sterblichkeit

Doch ein Kandidat ist nicht hilflos den Unwägbarkeiten von Sportergebnissen und Wahlorganisation ausgeliefert. Im Wahlkampf kann er seine Inhalte herauskehren, den Siegesgewissen geben, sich von seiner Schokoladenseite fotografieren lassen. Er kann aber auch subtiler vorgehen. Und etwa die Bürger an ihre Sterblichkeit erinnern. Das zumindest lesen Psychologen der University of Arizona aus ihren Studienergebnissen. Sie untersuchten ein bei Politologen und Historikern sehr bekanntes Phänomen: In Zeiten der Krise versammelt sich die Bevölkerung hinter ihrer Regierung. Im englischsprachigen Raum wird vom „rally round the flag effect“ gesprochen: Die Menschen scharen sich um die Flagge.

Warum das so ist, lässt sich rational leicht begründen: Aus militärischen Gründen braucht es zur Verteidigung eine starke Führung. Die US-​Psychologen interessierte aber, ob dabei auch Emotionen eine Rolle spielen. Sie untersuchten, warum der damalige US-​Präsident George W. Bush nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 so massiv an Zustimmung gewonnen hat und warum seine anschließende Kriegspolitik so lange von der Bevölkerung unterstützt wurde. Nach ihrer Interpretation liegt der Schlüssel in dem Bewusstmachen der eigenen Sterblichkeit: Wir ignorieren meist die Tatsache, dass unser Leben endlich ist. Doch Ereignisse wie Terrorangriffe verdeutlichen uns unsere Verletzlichkeit.

In Verhaltensexperimenten konnten die Forscher zeigen, dass Probanden sich stärker mit ihrem eigenen Tod auseinandersetzen, wenn sie mit den Ereignissen vom 11. September konfrontiert wurden. Zudem erhöhte das Bewusstmachen der eigenen Sterblichkeit die Zustimmungsraten für Bush. Ihre Theorie: Wer mit dem Tod konfrontiert wird, neigt aus Angst dazu, sich hinter Führungspersonen zu stellen. Denn dann sucht er nach beschützenden Autoritäten.

Emotionen

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Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Faktor Ärger

Auch andere Studien deuten darauf hin, dass Ängste die „rally round the flag“ auslösen. Doch ein Psychologenteam um Alan Lambert von der Washington University kommt zu einem anderen Ergebnis. Die Forscher zeigten Studenten zwei Jahre nach dem 11. September 2001 CNN-​Bilder von den Terrorattacken, eine Kontrollgruppe sollte Worträtsel lösen. Danach befragte er die Probanden nach ihren Emotionen und ihrer Unterstützung für die Kriegspolitik von George W. Bush. Diejenigen, die das 9/​11-​Material gesehen hatten, standen deutlich stärker hinter dem damaligen Präsidenten – allerdings nur, was Militärisches angeht. Ihre Einstellung etwa gegenüber Schwulen war unverändert. Und ihr vorherrschendes Gefühl war nicht die Angst, sondern der Ärger.

In einer Folgestudie sollten sich Studenten an ein Ereignis in ihrer Vergangenheit erinnern, das sie besonders verärgert hat. Auch dieser – von Angriffen auf die Nation unabhängige – Stimulus verbesserte ihre Einstellung gegenüber der aggressiven Politik der damaligen Regierung. Ängste dagegen, fanden die Forscher, hatten den umgekehrten Effekt. Möglicherweise, weil ängstliche Menschen eine risikoreiche Strategie scheuen.

Doch unabhängig davon, ob es nun Wut oder Angst ist, ob es die Fußballergebnisse oder die Wahllokale sind: Unsere Wahlentscheidung ist wohl in großem Maße von kurzfristigen Kontext-​Einflüssen abhängig, die wir bewusst nicht wahrnehmen.

Umgekehrt kann übrigens das Wahlergebnis auch überraschende Nachwirkungen haben: Es beeinflusst den Porno-​Konsum. Zu diesem Ergebnis kam zumindest der Psychologe Patrick Markey, als er untersuchte, wie häufig einschlägige Suchwörter bei Google nach den USA-​weiten Wahlen 2004, 2006 und 2008 eingegeben wurden. In Staaten, die mehrheitlich für den bundesweiten Wahlsieger gestimmt hatten, wurde häufiger nach erotisierenden Inhalten gesucht. Das Hochgefühl, für den Sieger gestimmt zu haben, kann wohl den Sexualtrieb verstärken.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

zum Weiterlesen:

  • Healy, AJ et al.: Irrelevant events affect voters’ evaluations of government performance. In: PNAS 107 (29) S. 12804 – 12809, 2010 (zum Abstract).
  • Markey, PM and Markey, CN: Changes in pornography-​seeking behaviors following political elections: an examination of the challenge hypothesis. In: Evolution and Human Behavior, 31, S. 442 – 446, 2010 (zum Text).
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