Herz schlägt Verstand

Grafikerin: Meike Ufer
Autor: Judith Rauch

Drew Westen ist Psychoanalytiker, Hirnforscher und Politikberater. Und er kennt einige unbequeme Wahrheiten über unser politisches Gehirn. Es täuscht sich gerne selbst – und nimmt Gefühle wichtiger als Fakten.

Wissenschaftliche Betreuung: Frank Schneider

Veröffentlicht: 28.05.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Das politische Gehirn betrügt sich selbst: Unstimmigkeiten in den Aussagen favorisierter Politiker nimmt es gar nicht wahr.
  • Es sind die Emotionen, die den politischen Denker in die Irre führen. Der Verstand ist nur noch für die nachträgliche Rationalisierung zuständig.
  • Der US-Psychologe Drew Westen kann aufgrund emotionaler Überzeugungen von Versuchspersonen deren politische Entscheidungen in Einzelfragen sehr genau vorhersagen. Ihr politisches Wissen spielt dagegen kaum eine Rolle.
  • Auch in Wahlkämpfen setzen sich erfahrungsgemäß die Kandidaten durch, die die Bürger emotional erreichen, reine Faktenhuber kommen nicht gut an.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

„Daddy, wo ist Gott?“, fragte Mackenzie Westen kurz vor dem Essen ihren Vater. Da war sie dreieinhalb Jahre alt und besuchte den Vorschulunterricht in der nahe gelegenen Synagoge. „Nun, das weiß keiner so genau“, murmelte ihr Vater Drew, Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Emory University in Atlanta, Georgia. „Aber die meisten Menschen glauben, dass er überall ist und auf uns aufpasst.“ „Dann passt er aber nicht sehr gut auf“, entgegnete die Kleine leicht indigniert. Wie sie darauf komme, wollte ihr Vater wissen. „Na, wegen Präsident Bush!“

Drew Westen erzählt diese Anekdote mit gewissem Vaterstolz. Hat er hier doch einen lebenden Beweis an der Hand, dass politische Überzeugungen im Elternhaus früh geprägt werden – in diesem Fall in einem den US-​Demokraten zugeneigten Elternhaus. Als Wissenschaftler macht er sich mit solchen Geschichten zwar angreifbar – wie kann er das politische Gehirn erforschen und gleichzeitig so explizit politisch sein? Doch das schert ihn nicht. Der 1959 geborene Sozialwissenschaftler und von Sigmund Freud geprägte Psychologe nimmt grundsätzlich kein Blatt vor den Mund. Er bloggt für die Huffington Post und schreibt Kolumnen für die New York Times. Und er sagt Barack Obama die Meinung – teils öffentlich, teils als Berater mit eigener Agentur. Sogar als Stand-​up-​Comedian und Sänger sei er hervorgetreten, vermeldet die Alumni-​Seite seiner Universität. Insgesamt ein ziemlich bunter Hund.

Selbstbetrug macht Freude

Methodisch dagegen ist Westen kaum angreifbar. Das zeigt auch eine Studie zum US-​Wahlkampf aus dem Jahr 2004: Gemeinsam mit seinen Kollegen Stephan Hamann und Clint Kilts konfrontierte er 30 Versuchspersonen – die eine Hälfte Anhänger der Demokraten, die andere Anhänger der Republikaner – per Dia mit widersprüchlichen Aussagen der Präsidentschaftskanditen John Kerry und George W. Bush.

Mit einem dritten Dia wurde den Probanden die Aufgabe übermittelt, sie sollten über die Unstimmigkeit der Zitate grübeln. Und diesen Prozess studierten die Wissenschaftler um Drew Westen im fMRT-​Scanner. Gespannt waren sie natürlich vor allem darauf, wie die Kerry– und Bush-​Anhänger auf die Inkonsistenzen ihres jeweiligen Lieblingskandidaten reagieren würden. Die Psychologen hatten sich dazu ein paar Hypothesen überlegt. Und die wurden eindrucksvoll bestätigt.

Drew Westen beschreibt es so: „Das Gehirn registriert den Konflikt zwischen Informationen und Wünschen und beginnt nach Wegen zu suchen, um die Quelle der unangenehmen Emotionen abzuschalten. Wir wissen, dass die Gehirne dabei ziemlich erfolgreich waren, denn die untersuchten Parteianhänger bestritten zumeist, dass sie irgendeinen Konflikt zwischen den Worten und Taten ihres Kandidaten wahrgenommen hatten.“ Und weiter: „Es gelang den Gehirnen nicht nur, mittels eines fehlerhaften Denkprozesses das Gefühl der Bedrängnis abzustellen, sie taten dies außerdem sehr schnell – soweit wir das feststellen konnten, sogar bevor die Testpersonen das dritte Dia überhaupt gelesen hatten.“

Welche Hirnteile dabei aktiv waren, berichtet Michael Shermer in Scientific American: der orbitofrontale Cortex, der mit der Verarbeitung von Emotionen befasst ist; das anteriore Cingulum, das mit Konfliktlösung in Verbindung gebracht wird; das posteriore Cingulum, mit dessen Hilfe der Mensch moralische Urteile fällt. Fast unnötig zu sagen, dass ein Hirnareal dabei überhaupt nicht beteiligt war: der dorsolaterale präfrontale Cortex Er ist normalerweise für logisches Denken zuständig. Doch das hätte in diesem Fall nur gestört.

Es kam aber noch etwas heraus, mit dem Westen und seine Kollegen nicht gerechnet hatten: Nachdem die Probanden einen Weg gefunden hatten, zu falschen Schlussfolgerungen zu kommen, schalteten sich nicht nur jene Schaltkreise ab, die an negativen Emotionen beteiligt sind – es schalteten sich jene ein, die an positiven Emotionen beteiligt sind! Fast so, als jubilierten die Versuchspersonen innerlich über den gelungenen Selbstbetrug. Ablesbar war das an heftigen Aktivitäten im ventralen Striatum – einer Region des Belohnungssystems, die auch aktiv ist, wenn Heroinsüchtige ihren Schuss bekommen. Der Begriff „Politik-​Junkie“ bekomme dadurch eine ganz neue Bedeutung, juxt Drew Westen.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Dorsolateraler PFC

Dorsolateraler präfrontaler Cortex/Cortex praefrontalis dorsolateralis/dorsolateral prefrontal cortex

Der dorsolaterale präfrontale Cortex ist der oben (dorsal) und seitlich (lateral) gelegene Teil des Stirnlappens. Er ist an der Planung und Regulation komplexer motorischer sowie intellektueller Handlungen beteiligt. Dazu scheint laut einem Experiment auch die Lüge zu gehören. Diese und weitere Fähigkeiten reguliert der dorsolaterale PFC in Abstimmung mit vielen weiteren Hirnbereichen, mit denen er eng verknüpft ist.

Striatum

Striatum/Corpus striatum/striatum

Eine Struktur der Basalganglien. Sie umfasst den Nucleus accumbens, das Putamen und den Nucleus caudatus. Das Striatum ist die Eingangsstruktur der Basalganglien und spielt eine tragende Rolle bei Bewegungsabläufen.

Sympathie gibt den Ausschlag, nicht das Wissen

Das politische Gehirn ist also vor allem ein emotionales Gehirn. Hat der Intellekt also überhaupt keine Chance? Doch wohl mindestens bei sehr gebildeten, gut informierten Zeitgenossen? Lange haben Politikwissenschaftler dies geglaubt – oder vielleicht nur gehofft. Es ist aber nicht so. Studiert man die Forschungsarbeiten aus der politischen Psychologie, wird man mit Drew Westen zu dem Ergebnis kommen: Je gebildeter Menschen in politischen Angelegenheiten sind, desto eher sind sie in der Lage, komplexe Rationalisierungen zu entwickeln – mit denen sie Informationen abtun können, die sie einfach nicht glauben möchten. Außerdem gilt: Je besser informiert, desto eher ist der Bürger bereits parteipolitisch festgelegt – und denkt entsprechend verzerrt.

Auch Westen selbst wollte der Ratio eine Chance geben, als er noch etwas jünger war. 1998 – damals war er noch Professor an der Harvard Medical School – startete er mit Kollegen eine Reihe von prospektiven Studien: Ziel war es, anhand von vorhandenen Überzeugungen, aber auch des Informationsstands von Versuchspersonen vorauszusagen, welche Haltung sie in einer ganz konkreten politischen Frage an den Tag legen würden. Beispiel: Im März 1998 erzählte Kathleen Willey, eine Ex-​Mitarbeiterin des damaligen Präsidenten Bill Clinton, im US-​Fernsehen, dieser habe sie im Oval Office sexuell bedrängt. (Die viel bekanntere Affäre um Monica Lewinsky wurde erst später im Jahr bekannt.) Westen und seine Mitarbeiter nahmen die Willey-​Aussage zum Anlass, eine Reihe von Testpersonen nicht nur zu ihrem Wissen über die handelnden Personen zu befragen, sondern auch zu ihren politischen und moralischen Einstellungen: Was hielten sie beispielsweise von ehelicher Treue? Was vom Feminismus? Aufgrund der Antworten versuchten die Forscher dann vorherzusagen, ob die Probanden die Anschuldigung für gerechtfertigt oder für ungerechtfertigt halten würden.

Man ahnt schon, was herauskam: Kognitive Funktionen wie das Vorwissen hatten nur einen winzigen Einfluss auf die Urteile der Befragten. Allein aufgrund der emotionalen Einstellungen konnten die Psychologen schon mit 80-​prozentiger Sicherheit das Ergebnis voraussagen. Entscheidend war, welcher Partei die Testpersonen zuneigten und wie sie Bill Clinton als Person fanden. Dieselben Daten erlaubten Monate später eine zu 88 Prozent genaue Vorhersage darüber, welche Probanden das Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton (Anlass: seine Lügen über die Affäre mit Lewinsky) befürworten und welche es ablehnen würden. Kognitive Faktoren veränderten das Ergebnis in allen prospektiven Studien dieser Art nur um wenige Prozentpunkte. Für sich genommen, waren sie nicht aussagekräftig.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Konservative erreichen die Herzen

Geht es um politische Einschätzungen und Entscheidungen, schlägt das Herz den Verstand also um Längen. Ein Kandidat im Wahlkampf tut deswegen gut daran, die Gefühle der Bürger stärker anzusprechen als ihre Ratio. Dumm nur für einen überzeugten Demokraten wie Drew Westen, dass die Konservativen darin so viel besser sind als die eher verkopften Vertreter der eigenen Partei!

Sein negatives Musterbeispiel ist Al Gore. Der bekannte Umweltaktivist trat im Jahr 2000 als Präsidentschaftskandidat gegen George W. Bush an – und verlor die Wahl. Bereits in der ersten TV-​Debatte der beiden deutete sich das Desaster an: Gore gab den Besserwisser, der alle Fakten parat hatte. Zum Beispiel in der Diskussion um ein Ehepaar und dessen Krankenversicherung. Ausschnitt:

Gore: „Die beiden kommen auf ein Jahreseinkommen von 25.000 Dollar. Damit sind sie gar nicht anspruchsberechtigt.“

Bush: „Sehen Sie, hier ist ein Mann, der tolle Zahlen hat. Er redet über Zahlen. Ich glaube langsam, er hat nicht nur das Internet erfunden, er hat auch den Taschenrechner erfunden. Das ist Wischiwaschi-​Mathematik.“

Mit diesem Scherz auf Kosten seines politischen Gegners verschaffte sich Bush wertvolle Sympathiepunkte. Drew Westen: „Der Satz war unfair, aber Gores Team hatte ihn der Konkurrenz auf dem Silbertablett serviert, indem es sich um Fakten und Zahlen gekümmert hatte und nicht um die Geschichten, die Bush dem Publikum über Gore erzählte.“ Dessen Strategie habe nämlich von Anfang an darin bestanden, „Gore als emotionslosen politischen Eierkopf zu porträtieren, der nun einmal kein ‚ganz normaler Amerikaner wie alle anderen auch‘ sei“.

Guter Rat für Obama und die SPD

Damit so etwas nicht noch einmal passiert, bot Westen Barack Obama seine Dienste als Berater im Vorwahlkampf 2008 an. Denn in dem schwarzen Newcomer sah er ein politisches Talent mit hoher emotionaler Intelligenz, wie sie zuvor unter den Demokraten nur Bill Clinton gezeigt hatte (wenn auch nicht immer im Umgang mit Frauen). Der Kandidat Obama siegte, inzwischen sogar zum zweiten Mal. Vom Präsidenten Obama aber war Westen schnell enttäuscht: „Er glaubte, er könnte mit rhetorischen Mitteln überdecken, dass er eine zynische, ja feige Politik macht.“ Viel zu sehr sei er Lobbyisten und der Opposition entgegengekommen. Ein Weichei sozusagen.

Übrigens: Man sollte nicht glauben, dass der umtriebige Psychologe Drew Westen nur in den USA seine Finger im politischen Geschehen hat: 2009 traf er sich mit Vertretern der SPD in Deutschland. Von einem Interviewer 2012 gefragt, was er denen denn geraten habe, antwortete er aber nur: „In den USA haben wir ein Sprichwort, an das ich mich in solchen Fällen immer halte. Es lautet: ‚Don´t kiss and tell‘.“ Die Bundestagswahl im September wird zeigen, ob es dem Amerikaner gelungen ist, die deutschen Sozialdemokraten wachzuküssen. Oder nicht.

zum Weiterlesen:

  • Westen, Drew: Das politische Gehirn. Frankfurt 2012
  • Westen D et al: Neural basis of motivated reasoning: an FMRI study of emotional constraints on partisan political judgment in the 2004 U.S. presidential election. J Cogn Neurosci. 2006 Nov;18(11):1947 – 58 (zum Abstract).

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Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

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