Skip to content. | Skip to navigation

 
 

Rotes Hirn, schwarzes Hirn

Der Blick in den Hirnscanner sagt die politische Überzeugung verlässlich voraus.  Konservative Gehirne haben einen großen Mandelkern, der bei der Analyse von Bedrohungen hilft, liberale Gehirne dafür im Gyrus cinguli anterior mehr Antennen für Neues.

Copyright: cydonna/photocase


Wenn in den kommenden Wochen die Wahlkampfmaschinerie heiß läuft, werden Politiker und Parteianhänger aller Couleur bis zuletzt darauf hoffen, neue Anhänger zu gewinnen und an die Urnen zu locken. Doch allzu große Hoffnungen sollten sie sich dabei nicht machen. Denn in den Studien der Hirnforscher häufen sich die Indizien dafür, dass politische Meinungen in Struktur und Funktion des Gehirns ziemlich unflexibel festgezurrt sind.

Das Wichtigste in Kürze

  • Konservative und liberale Überzeugungen schlagen sich in der Hirnstruktur nieder: Liberale haben einen größeren Gyrus cinguli anterior, Konservative eine größere rechte Amygdala.
  • Dieselben Hirnregionen sind bei Konservativen und Liberalen auch unterschiedlich aktiv.
  • Der Gyrus cinguli anterior hilft dabei, sich auf Neues einzulassen; die Amygdala verarbeitet Furcht und Ärger.
  • Psychologische Studien attestieren Liberalen eine größere Offenheit für Neues, Konservativen ein besseres Gespür für Negatives.
  • Politische Unterschiede sind teilweise erblich. Was darüber hinaus an politischer Überzeugung anerzogen ist, kann zwar geändert werden, aber nur schwer.

Methode Zwillingsforschung

In Zwillingsstudien errechnet man die Erblichkeit eines Merkmals, indem man seine Übereinstimmung zwischen zweieiigen Zwillingen gleichen Geschlechts mit der Übereinstimmung zwischen eineiigen Zwillingen vergleicht. Da die Umwelteinflüsse wie beispielsweise die Erziehung für beide Sorten von Zwillingspärchen überwiegend identisch sind, kann man Unterschiede in der Ähnlichkeit am besten mit der größeren Verwandtschaft der eineiigen Zwillinge erklären, also mit identischen Genen.

Allerdings werden eineiige Zwillinge in der Regel aber auch von Geburt an mit größeren Erwartungen an ihre Ähnlichkeit konfrontiert als zweieiige Pärchen. Deshalb seien die Ergebnisse solcher Zwillingsforschung gerade bei psychologischen und sozialen Merkmalen mit Vorsicht zu genießen, bemängeln Kritiker.

Dass Gene die politische Neigung beeinflussen können, wird inzwischen dennoch überwiegend akzeptiert. Überdurchschnittlich große politische Ähnlichkeiten lassen sich zum Beispiel auch zwischen eineiigen Zwillingen nachweisen, die wenig Zeit miteinander verbringen. Zudem bleiben sich eineiige Zwillinge auch nach dem Auszug aus dem Elternhaus in ihrer politischen Überzeugung sehr ähnlich, während die Unterschiede zwischen zweieiigen Zwillingen in dieser Phase rasant wachsen.

„Ein klassisches politisches Sprichwort besagt, dass ein Blick ins Elternhaus genügt, um die politische Überzeugung einer Person mit einer Präzision von ungefähr 70 Prozent vorherzusagen“, sagte Darren Schreiber von der Central European University in Budapest im Gespräch mit dasGehirn.info. „Inzwischen wissen wir, dass der Blick in den Hirnscanner das noch akkurater hinbekommt, mit einer Trefferquote von 83 Prozent.“

Liberale und konservative Gehirne denken anders

Diese Einsicht haben Schreiber und seine Kollegen dem kalifornischen Wahlregister zu verdanken, in dem die Wahlentscheidungen der Bürger öffentlich einsehbar dokumentiert werden. So konnten die Forscher die Parteivorliebe von 82 Personen überprüfen, die sich zuvor für eine Studie über Risikobereitschaft in eine MRT-Röhre gelegt hatten. Im Hirnscanner hatten sie sich an virtuellen Glücksspielen versucht. Auf den ersten Blick erschienen die Unterschiede gering: Die 60 Anhänger der liberalen Demokratischen Partei zeigten in etwa genauso viel Mut zum Risiko wie die 22 Wähler der konservativen Republikaner.

Doch die Hirnregionen, die im Scanner während der Entscheidungen für mehr oder weniger riskante Spielvarianten jeweils aufleuchteten, unterschieden sich deutlich zwischen den Gruppen. Bei den Demokraten funkte es vor allem im linken Insellappen, bei den Republikanern hingegen in der rechten Amygdala (Mandelkern). Der Insellappen spielt eine wichtige Rolle für unsere Empathie; die Amygdala feuert bei Angst- und Wutgefühlen. Für das hier untersuchte Glückspiel deute der stärkere Einsatz des Insellappens darauf hin, dass Liberale bei solchen Risikoentscheidungen eher auf die eigene innere Verfassung achten sowie auf das, was andere Personen bewegt, schreiben die Forscher. Die Amygdala-Aktivierung in den konservativen Gehirnen lasse hingegen auf eine stärkere Orientierung an externen Reizen schließen, zum Beispiel könnte die Lust auf Belohnung eine Rolle spielen.

Konservativer Kern?

Bereits 2007 hatte David Amodio von der New York University gezeigt, dass auch der Gyrus cinguli anterior politisch differenziert reagiert: Bei Liberalen arbeitet er mitunter viel aktiver als bei Konservativen – nämlich dann, wenn sie Aufgaben lösen, in denen es darauf ankommt, schnell von alten Gewohnheiten abzulassen. Und Ryota Kanai vom University College London entdeckte 2011 in einer Untersuchung von 90 Studenten, dass es zwischen den Gehirnen von Liberalen und Konservativen nicht nur funktionelle, sondern auch strukturelle Unterschiede gibt: Liberale haben einen größeren Gyrus cinguli anterior, Konservative eine größere rechte Amygdala.

Als Sitz konkreter politischer Überzeugungen sollten die im Scanner aufgefallenen Gehirnregionen dennoch nicht gesehen werden. „Man kann einzelnen Hirnregionen nicht einfach komplexe höhere Funktionen wie eine bestimmte politische Denke zuordnen; die Amygdala ist nicht der ‚konservative Kern’“, sagte Kanai auf Nachfrage. Er warnt vor allzu vorschnellen Interpretationen: „Die Amygdala ist an der Verarbeitung von Furcht und Aggressionen beteiligt. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass Konservative, nur weil ihre Amygdala größer und aktiver ist, auch furchtsamer und aggressiver sind. Genau den Denkfehler haben aber viele gemacht, als unsere Studie zuerst veröffentlicht wurde.“

Jenseits solcher groben Vereinfachungen passen die Bilder aus dem Gehirn jedoch gut zu psychologischen Studienergebnissen, die Liberalen grundsätzlich mehr Optimismus und Offenheit für Neues, Konservativen hingegen mehr Gewissenhaftigkeit und ein besseres Feingefühl für Negatives attestieren: Liberale gehen in Experimenten entspannt mit neuen Reizen um und schauen länger auf angenehme Bilder, zum Beispiel von einem Obstkorb; Konservative reagieren schockierter auf plötzliche laute Geräusche und auf verstörende Bilder, etwa von Maden in einer Wunde. „Alles deutet darauf hin, dass unsere politischen Überzeugungen wenig mit Politik zu tun haben und viel mit unserer grundlegenden psychologischen und physiologischen Ausstattung“, erklärt John Hibbing von der University of Nebraska Lincoln in den USA, der mehrere dieser Studien mitgestaltet hat.

Genpolitik und politische Gene

Bemühungen, politisches Denken biologisch zu erklären, kommen nicht überall gut an. Das merkte auch Hibbing, als er um die Jahrtausendwende auf Studienergebnisse aus den 1980er- Jahren stieß, die politische Überzeugungen im Genom verorteten, in Fachkreisen jedoch geflissentlich ignoriert worden waren. Dennoch wagte Hibbing 2005 einen neuen Versuch, die genetischen Grundlagen politischen Denkens und Handelns aufzudecken. Er analysierte Daten zu Tausenden Zwillingspärchen aus den USA und Australien und stellte tatsächlich fest: Die Unterschiede in der politischen Haltung zu einer Reihe von abgefragten Themen sind im Schnitt zu 32 Prozent durch Vererbung zu erklären und nur zu 16 Prozent durch die Umwelteinflüsse, die sich bei Zwillingen während ihrer Kindheit und Jugend ja gleichen. Nur die Hälfte der Variabilität in der politischen Überzeugung ist auf Erfahrungen außerhalb des gemeinsamen Familienumfelds zurückzuführen, fanden die Forscher (siehe Kasten: „Methode Zwillingsforschung“).

Hibbings Studie wurde nicht ignoriert, sondern löste eine heftige Kontroverse aus. Dass ausgerechnet die politische Haltung nicht in erster Linie durch eigene Überlegungen und Erfahrungen geprägt, sondern angeboren sein soll, erschien vielen Kollegen absurd, erzählte der Forscher im Gespräch mit dasGehirn.info. Doch das Blatt hat sich gewendet. Spannender als die Frage, ob angeborene Eigenschaften in der Politik überhaupt mitmischen, ist für viele Forscher inzwischen die Suche nach konkreten Genen, die hierbei eine Rolle spielen könnten. Bei so genannten genomweiten Assoziationsstudien wurden bereits die Gen-Varianten von zigtausenden Personen auf Korrelationen mit ihrer politischen Überzeugung abgeklopft. Dabei haben die beteiligten Wissenschaftler bei Liberalen und Konservativen unter anderem eine Reihe von für die jeweilige Gruppe typischen Rezeptorvarianten aufgespürt. Die Rezeptoren, um die es geht, sind am Austausch von Botenstoffen im Gehirn beteiligt: Sie sind zum Beispiel Andockstellen für Serotonin, Glutamat und Dopamin. Die Signalsysteme, in denen sie wirken, mischen bei politisch relevanten kognitiven und emotionalen Prozessen mit: Sie steuern etwa Agression, Angst, Kooperation und Impulsivität.

Die ersten Brückensteine vom Genom ins Gehirn und von dort auf den Wahlzettel sind damit gelegt. Doch angesichts der Komplexität der untersuchten politischen Merkmale und ihrer nicht minder komplexen genetischen und umweltbedingten Ursachen dürfte die genaue Rolle einzelner Gene für die politische Meinung auf absehbare Zeit kaum zu klären sein, so die aktuelle Einschätzung der meisten Experten. Zudem kommt die Vorhersagekraft der Genanalysen nicht an die Treffsicherheit der Hirnbilder heran. Mit anderen Worten: Die messbaren Unterschiede im Gehirn lassen sich nicht mit der Genetik allein erklären. „Es ist gut möglich, dass politisches Denken das Gehirn im Laufe der Zeit verändert“, sagt Schreiber. Er wehrt sich dagegen, biologische Erklärungsansätze mit Unverrückbarkeit gleichzusetzen: „Der Mensch ist vor allem fest dazu veranlagt, nur ganz wenig fest zu veranlagen“, sagt er. „Unsere kognitive Flexibilität ist unser wichtigstes Markenzeichen.“

Politische Plastizität

Auf struktureller Ebene zeigt sich diese Flexibilität in der Plastizität des Gehirns: Dass Erfahrungen die Hirnstruktur verändern, hat man zum Beispiel bei Londoner Taxifahrern festgestellt, die nach Jahren des Navigationstrainings mehr graue Substanz im Hippocampus aufwiesen.  Ähnliche Prozesse vermuten die Biopolitikforscher auch im Wechselspiel zwischen politisch relevanter Erfahrung und politisch geprägten Hirnregionen. Langzeitstudien hierzu fehlen bislang, wären jedoch insbesondere für die Wahlkämpfer interessant, die darauf hoffen, potenzielle Wähler umzustimmen.

Immerhin hat eine Studie gezeigt, dass die Terroranschläge vom 11. September als einschneidendes Erlebnis tatsächlich auch eingeschliffene politische Überzeugungen verrücken konnten – hier beobachtete man bei Betroffenen einen Ruck ins Konservative. In einigen Experimenten zeigten selbst subtile Ereignisse politisch relevante Wirkung: So stieg in Probanden, die an Sauberkeit erinnert wurden, offenbar kurzfristig so sehr die Sensibilität für Dreck und Ekliges, dass sie sich in einer anschließenden Befragung gleich viel konservativer äußerten. Und Teilnehmer an einer anderen Studie, die während eines Experiments die amerikanische Flagge im Blick gehabt hatten, zeigten sich noch acht Monate später konservativer als diejenigen, denen die Flagge während des Experimentes nicht gezeigt worden war.

Per Brief zu wählen, ist weniger stressig. Copyright: Awaya Legends/flickr
Per Brief zu wählen, ist weniger stressig. Copyright: Awaya Legends/flickr
Doch trotz aller Plastizität unterstreichen die strukturellen und funktionellen politischen Marker im Gehirn für John Hibbing, dass die politische Ausrichtung psychologisch tief verwurzelt ist. „Klar können auch solche biologischen Merkmale auf die Umwelt reagieren, aber die sind ähnlich schwer zu drehen wie ein Supertanker“, sagt er. Sein Tipp für Wahlkämpfer zielt vielmehr darauf, die politischen Sympathisanten unter den Nichtwählern zu motivieren. In einer noch unveröffentlichten Studie, die Hibbing kürzlich auf einer Konferenz vorstellte, hat sich herausgestellt, dass Personen mit hohen Kortisolwerten deutlich seltener wählen gehen. Hohe Kortisolwerte deuten auf eine größere Stressempfindlichkeit hin, und den Urnengang empfinden viele Menschen als stressig. Weniger aufregend ist dagegen eine Briefwahl. Deshalb meint Hibbing: „Der Kortisoleinfluss auf das Wahlverhalten ist bei Frauen besonders hoch, und die sympathisieren zumindest in den USA eher mit liberalen Ideen. Mehr Briefwahl könnte hier den Liberalen helfen.“

Ob solche Ideen sich auch auf die vergleichsweise komplexere deutsche Politiklandschaft mit ihrem von Koalitionen gekennzeichneten Mehrparteiensystem übertragen lassen, bleibt abzuwarten; internationale Vergleichsstudien stehen noch aus. Ein breites Parteienspektrum dürfte der Trefferquote Grenzen setzen, vor allem, wenn die einzelnen Parteien liberale und konservative Werte in ihren Profilen kombinieren, vermutet Schreiber. „Wir können liberale und konservative Grundüberzeugungen nachweisen. Doch sobald Parteien sich nicht eins zu eins mit diesen identifizieren, wird die Vorhersage, wo das Kreuzchen auf dem Wahlzettel landet, ungleich schwieriger.“

Kommentare
3D-Gehirn
Infos zum Beitrag
Datum:
01.06.2013
Schlagwörter:
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Frank Schneider
Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.
Das könnte Sie auch interessieren!
Der Hirnscanner rät: Vorsicht bei medialen Versprechen sowie Interpretation komplexer Daten.
Manche jagen Monster oder Verbrecher, andere treffen ihren heimlichen Schwarm. Im Traum ist alles möglich. ...
Emotionswissenschaftler suchen die Grundmuster unserer Gefühle.
Angstforscher Hans-Christian Pape über Ratten, Rottweiler und die guten Seiten der Furcht.
My Brain