Pflege für viele – die allen gerecht wird

Copyright: markusspiske / Photocase
Autor: Andreas Kruse

Wenn die Babyboomer alt und hilfsbedürftig werden, fehlt der Nachwuchs, sie zu versorgen. Dann sind neue gesellschaftliche Lösungen für eine menschenfreundliche Pflege gefragt. Ein Plädoyer des angesehenen Heidelberger Gerontologen Andreas Kruse.

Veröffentlicht: 29.04.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Ein großes Risiko des demografischen Wandels ist die Zunahme von Demenz-Erkrankungen: 2050 werden 4,2 Millionen Demenzkranke in Deutschland erwartet.
  • Den dann Alten, den Babyboomern, fehlt der Nachwuchs. Die Familien können die Pflege nicht alleine schultern.
  • Sorgende Gemeinschaften aus Profis, Angehörigen und engagierten Bürgern könnten sich die Verantwortung teilen.
  • Gerechtigkeit im Alter bedeutet: Die soziale Sicherung vor allem an den finanziell Schwächeren auszurichten.
  • Wer im Alter gesund und wohlhabend ist, kann durch längeres Arbeiten oder freiwilliges Engagement einen eigenen Beitrag für die Gesellschaft leisten.

In den kommenden drei Jahrzehnten wird sich der Bevölkerungsaufbau in Deutschland weiter verändern: Erwartet wird, dass der Anteil an 60-​Jährigen und Älteren bis 2040 auf 35 Prozent und der Anteil an 80-​Jährigen und Älteren auf 12 Prozent steigen wird. Dieser hohe Anteil an älteren Menschen stellt die sozialen Sicherungssysteme und damit unsere Gesellschaft vor besondere Anforderungen. Bereits heute stellt sich die Frage nach möglichen Entlastungen der sozialen Sicherungssysteme und damit nach Erhaltung der Gerechtigkeit zwischen Jung und Alt: Wie können die sozialen Sicherungssysteme ausgestaltet werden, um die soziale Sicherung auch der nachfolgenden Generationen zu gewährleisten? Wie erreichen wir Nachhaltigkeit?

Am intensivsten diskutiert werden derzeit drei Konzepte: die kontinuierliche Anhebung des gesetzlich definierten Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, der Ausbau der privaten Versicherungsleistungen sowie die Stärkung der Prävention mit dem Ziel, Krankheiten und funktionelle Einbußen zu vermeiden oder zu verzögern. Mit Blick auf die Gerechtigkeit zwischen den Generationen ist zudem zu berücksichtigen, dass die Bundesrepublik Deutschland (Bund, Länder, Kommunen) derzeit einen Schuldenstand von zwei Billionen Euro aufweist. Dieser gewaltige Schuldenberg erhöht sich noch einmal um drei Billionen Euro, wenn wir alle Leistungen einbeziehen, die von den verschiedenen Systemen der Sozialversicherung für den eintretenden Versicherungsfall zugesagt wurden.

Demenz: Risiko für Individuum und Gesellschaft

Ein Risikofaktor gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung: die Demenz in ihren verschiedenen Krankheitsformen. Sie ist ein Risiko für das Individuum und für die Gesellschaft. Was ist damit gemeint? Zunächst einmal ist die Demenz eine alterskorrelierte Erkrankung: Der Anteil demenzkranker Menschen liegt in der Gruppe der 80-​Jährigen und Älteren bei 15 Prozent, in der Gruppe der 90-​Jährigen und Älteren bei 35 Prozent und in der Gruppe der 100-​Jährigen und Älteren bei 60 Prozent. Da die durchschnittliche Lebenserwartung auch weiterhin kontinuierlich ansteigt, ergibt sich schon allein daraus ein erhöhtes individuelles Risiko. Die Tatsache, dass sich – wie in neuesten Szenarien dargestellt – die Anzahl demenzkranker Menschen bis zum Jahre 2050 verdreifachen wird (von heute 1,4 Millionen auf 4,2 Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland), weist auf das deutlich erhöhte gesellschaftliche Risiko hin.

Dies lässt sich auch in Geld beziffern: Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die weltweiten Kosten für die Pflege von Demenzkranken bereits heute auf jährlich 460 Milliarden Euro. In der Bundesrepublik benötigt laut Angaben der Krankenkasse Barmer GEK ein Demenzkranker im Monat durchschnittlich 500 Euro höhere Leistungen von den Pflegekassen und 300 Euro höhere Leistungen von den Krankenkassen als ein Versicherter ohne Demenzerkrankung.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Mehr pflegebedürftige Menschen

In den kommenden Jahrzehnten ist vor allem in der Gruppe der 80-​Jährigen und Älteren ein Bevölkerungsanstieg zu erwarten. Das ist genau jene Altersgruppe, in der das Risiko der Demenz wie auch der chronischen körperlichen Erkrankungen deutlich erhöht ist. Daraus kann man ableiten, dass die Anzahl pflegebedürftiger Menschen deutlich steigen wird. Bis zum Jahr 2030 wird ein Anstieg zwischen 20 und 60 Prozent, bis zum Jahr 2050 zwischen 40 und 120 Prozent erwartet.

Bis zum Jahre 2030 werden pflegebedürftige Menschen dabei auf vergleichsweise stark ausgeprägte familiäre Hilfe– und Pflegeressourcen zurückgreifen können: Kinder, Enkel und andere jüngere Verwandte können helfen. Ab dem Jahre 2030 wird sich diese Situation allerdings ändern: Die dann 80-​Jährigen und Älteren (also die Generation der „Babyboomer“) werden im Durchschnitt deutlich weniger Kinder haben als die 80-​jährigen Frauen und Männer heute. Dann sind andere gesellschaftliche Lösungen gefragt, um den wachsenden Pflegebedarf zu erfüllen. Dazu seien hier zwei Überlegungen angestellt.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Sorgende Gemeinschaften

Die erste Überlegung: Familien, in denen Pflege geleistet wird, müssen vermehrt in die Mitte der Gesellschaft geholt werden. Das heißt, dass diese Familien nicht nur Unterstützung durch die Pflegeversicherung erhalten, sondern auch durch bürgerschaftlich engagierte Frauen und Männer. Hier schwebt uns das Modell der sorgenden Gemeinschaft vor, die sich aus professionell tätigen Pflegenden, Familienangehörigen und bürgerschaftlich Pflegenden zusammensetzt – im Sinne einer „geteilten Verantwortung“. Ein solches Modell ist nicht ganz neu, es hat sich schon in vielen Kommunen und Landkreisen etabliert. Wertvolle Anregungen gehen hier von der Hospizhilfe aus, in der das Prinzip der geteilten Verantwortung schon früh verwirklicht wurde.

Das Positive daran: Eine Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements steht im Einklang mit dem Gedanken der Subsidiarität. Er besagt: Die natürlichen Netzwerke eines Menschen sollen gefördert werden, da durch sie das „Humane“ und „Soziale“ der Gesellschaft vermittelt wird. Diese Netzwerke sind auch besonders dafür geeignet, dass sich Menschenwürde verwirklichen kann: In den natürlichen Netzwerken wird sie „gelebt“. Dabei ist gerade für demenzkranke Menschen das Gefühl der Bezogenheit auf andere Menschen von besonderer Bedeutung. Eine sensible, konzentrierte und wahrhaftig geführte Kommunikation dient der Erhaltung ihrer Lebensqualität und ihres Wohlbefindens. Dies zeigen auch unsere eigenen Untersuchungen sehr deutlich.

Die Leistungen der Pflegeversicherung verändern

Die zweite Überlegung: Die heutigen Finanzierungsströme der Pflegeversicherung müssten in Teilen modifiziert werden. Ein Teil dieser finanziellen Ressourcen sollte nämlich Kommunen zur Verfügung gestellt werden – mit dem Ziel, jene administrativen und koordinierenden Aufgaben zu übernehmen, die für die Entwicklung und Etablierung von sorgenden Gemeinschaften wie auch von nachbarschaftlichen Netzwerken notwendig sind.

Das Modell der sorgenden Gemeinschaft fachlich, ethisch, organisatorisch und rechtlich zu gestalten, ist eine wichtige Zukunftsaufgabe. Sie kann jedoch nur bewältigt werden, wenn zuvor eine Diskussion über das künftige Leistungsportfolio der Pflegeversicherung geführt wird.

Intragenerationelle Gerechtigkeit

Kommen wir noch einmal auf die Nachhaltigkeit der sozialen Sicherungssysteme zurück. Uns erscheint die in der gesellschaftlichen Diskussion immer wieder zu beobachtende Konzentration auf die intergenerationelle Gerechtigkeit – die zwischen Alt und Jung – als zu eng. Genauso wichtig sind nämlich auch Fragen der intragenerationellen Gerechtigkeit: zwischen Arm und Reich innerhalb derselben Altersgruppe.

Diese Fragen berühren die Verteilung öffentlicher Mittel. Bereits heute beobachten wir eine erhebliche soziale Ungleichheit in der älteren Generation. Diese wird in der Zukunft noch weiter zunehmen. Der vor mehr als zwei Jahrzehnten eingeführte Begriff der Zwei-​Drittel-​Gesellschaft – zwei Dritteln Wohlhabender steht ein Drittel Verarmter gegenüber – könnte Gültigkeit bekommen. Eine veränderte Verteilung erscheint also notwendig.

Jene Haushalte älterer Menschen, die über ein hohes Einkommen wie auch über beträchtliche finanzielle Rücklagen verfügen, müssen nicht notwendigerweise auf das gesamte Spektrum sozialer Sicherungsleistungen zurückgreifen. Teile der heute von den sozialen Sicherungssystemen übernommenen Leistungen könnten von ihnen durchaus privat finanziert werden, damit diese sozialen Sicherungssysteme jene Menschen wirksam unterstützen können, die sich in einer – finanziellen, sozialen, gesundheitlichen – Lebenssituation befinden, die sie selbst nicht mehr bewältigen können.

Dieses Thema wird in Zukunft mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. In diesem Kontext ist auch die Frage zu stellen, inwieweit man jenen älteren Menschen, die länger arbeiten können und wollen, die Möglichkeit dazu eröffnet. Wobei hier nicht nur rentenrechtliche Veränderungen vorgenommen werden müssen, sondern auch die Zeit– und Handlungssouveränität der betreffenden Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zu stärken ist: Sie sollten ihr Arbeitszeitvolumen und ihre konkreten beruflichen Tätigkeitsprofile im hohen Maße selbst bestimmen.

Aufgabe der Politik

Für diese Form der intragenerationellen Gerechtigkeit zu sensibilisieren und zu werben, ist eine zunehmend wichtiger werdende Aufgabe der Politik. Sie erfordert Mut und Überzeugungsgabe. Ist doch deutlich zu machen, dass die Bewältigung der Risiken des hohen und sehr hohen Alters vermehrt in die Hände der älteren Generation gelegt und nicht mehr im heutigen Umfang den nachfolgenden Generationen aufgegeben werden darf. Man würde den Jüngeren sonst finanzielle Lasten aufbürden, die eine eigene Alterssicherung fast unmöglich machen würde.

Dabei ist zu bedenken, dass innerhalb der älteren Generation – gesamt betrachtet – durchaus jene finanziellen und zeitlichen, aber auch jene kognitiven, emotionalen und sozialen Ressourcen vorhanden sind, die benötigt werden, um allen Menschen im hohen und sehr hohen Alter ein selbstständiges und selbstverantwortetes Leben zu ermöglichen. Sofern die über das gesetzlich definierte Renteneintrittsalter hinausgehende Arbeit, sofern das bürgerschaftliche Engagement angesprochen ist, ist dabei immer vom Prinzip der Freiwilligkeit auszugehen – wobei Rahmenbedingungen geschaffen und Anreize gesetzt werden müssen, um diese Form mitverantwortlichen Lebens auszuweiten.

Mit Blick auf die soziale Sicherung im Alter ist auf einen gesellschaftlichen Konsens hinzuwirken, dass Menschen mit knappen finanziellen Ressourcen erkennbar gestärkt werden – während der Berufstätigkeit durch die Verwirklichung eines deutlich höheren Lohnniveaus in den unteren Einkommensgruppen, nach Abschluss der Berufstätigkeit durch höhere Renten für jene Menschen, die nicht in der Lage sind, ein finanziell einigermaßen selbstständiges und selbstverantwortetes Leben zu führen. Eine sozial gerechte Verteilung öffentlicher Mittel im Alter bedeutet also, von den schwächsten Einkommensgruppen auszugehen und diese finanziell zu stärken. Es ist nicht nur politisch, sondern auch ethisch geboten, dafür Sorge zu tragen, dass Menschen im hohen und sehr hohen Alter jene finanzielle Sicherung erhalten, die Autonomie und Teilhabe gewährleisten und zudem die Gewissheit vermitteln, im Alter „gesichert“ zu sein.

Nur in einem derartigen Kontext ist die Verwirklichung von Potenzialen des Alters, ist die Bewältigung eigener Verletzlichkeit im hohen Alter erst möglich. Dies würde allerdings auf der anderen Seite bedeuten, dass Haushalte mit hohem Einkommen und Vermögen einen Teil der heute durch die sozialen Sicherungssysteme finanzierten Leistungen selbst finanzieren müssten.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Votes with an average with

Lizenzbestimmungen

Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.

BY-NC: Namensnennung, nicht kommerziell