Körper denkt mit

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Ob wir einen heißen Kaffee trinken, uns die Hände waschen, lächeln oder die Hände in die Luft recken – Körperempfindungen und Bewegungen beeinflussen unsere Befindlichkeit. Oftmals geschieht dies sogar, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Wissenschaftliche Betreuung: Christian Pfeiffer

Veröffentlicht: 21.07.2011

Das Wichtigste in Kürze
  • Der neurowissenschaftliche Forschungszweig “Embodiment” untersucht, wie der Körper und unsere Handlungen unsere Gefühle und unser Denken prägen.
  • Die Forscher gehen davon aus, dass abstrakte Konzepte wie emotionale Wärme im Gehirn mit körperlichen Erfahrungen verknüpft werden, um sie zu verstehen  und dass dieser Prozess in beide Richtungen funktioniert.
  • Haltung, Mimik und bestimmte Gesten können demnach beeinflussen, wie wir uns fühlen und was wir denken.

Mimik

Mimik/-/facial expression

Fünf Muskelgruppen kontrollieren die sichtbaren Bewegungen an unserer Gesichtsoberfläche – und das gilt für alle Menschen auf der Welt. Aus diesem Grund hinterlassen die Basisemotionen Angst, Wut, Ekel, Trauer, Überraschung und Freude überall ähnliche Spuren im Gesicht, die wir in der Regel auch bei Fremden zuverlässig identifizieren können. Neurowissenschaftler vermuten, dass diese Fähigkeit dadurch zustande kommt, dass wir unbewusst den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers nachahmen.

Siebzig Meter unter der Capilano Canyon Suspension Bridge in Kanada liegen Felsen und Stromschnellen. Dem jungen Mann auf der wackligen Hängebrücke klopft das Herz. Da kommt eine attraktive Frau auf ihn zu und bittet ihn, einen Fragebogen für ihren Psychologiekurs auszufüllen. Für Rückfragen gibt sie ihm ihre Nummer. Er wird sie anrufen – und das nicht, weil er Fragen hätte, sondern weil er die Dame so attraktiv fand.

Ob die Frau jedoch an einem anderen Ort zu anderer Zeit ähnlich stark auf ihn gewirkt hätte, ist fraglich. Denn die extreme Situation hat den jungen Mann wahrscheinlich verwirrt: Unbewusst hat er den Schluss gezogen, dass sein Herz wegen dieser Frau gerast hat. Und die Brücke dabei völlig vergessen.

Dieses Szenario stammt aus einer Studie von Donald G. Dutton und Arthur Aron von der University of British Columbia in Vancouver. Tatsächlich rief jeder zweite Mann die Frau zurück, wenn sie ihn auf der wackligen Brücke interviewt hatte. Fand das Interview dagegen auf einer Bank oder im Park statt, meldeten sich nur halb so viele Versuchspersonen. Eine mögliche Erklärung für diesen Anflug von Romantik ist eine so genannte Fehlattribution der physiologischen Erregung: Das Gehirn registriert die körperliche Wallung und sucht nach einem plausiblen Grund. Manchmal ordnet es die Aufgeregtheit jedoch der falschen Ursache zu, in diesem Fall der Frau statt der Hängebrücke.

Fehlattribution

Fehlattribution/-/misattribution

Als Fehlattribution bezeichnet man eine falsche Ursachenzuschreibung zwischen körperlichem Erleben und kognitiver Bewertung. Im Versuch von Dutton und Aron (1974) wurden männliche Personen in eine riskante Situation gebracht, was eine starke körperliche Erregung hervorrief. Am Ende des Experiments wurden die Männer von einer attraktiven Frau interviewt. Zwei Drittel der Versuchspersonen riefen später bei der Dame an – sie hatten ihre Erregung durch das Risiko mit einer romantischen Regung fehlattribuiert.

Der Körper beeinflusst das Gehirn

Der Körper beeinflusst das Gehirn auf viele Weisen. “Embodiment”, “Verkörperung”, nennt sich dieser Zweig der Kognitionswissenschaft. Seine Vertreter gehen davon aus, dass der Körper mehr ist als nur Hardware für die Software des Geistes. Der bekannte Neurowissenschaftler António Damásio von der University of Southern California bringt diese Ansicht auf den Punkt: “Der Geist ist nicht nur eine Sache des Gehirns, sondern auch des Körpers” – was sich im Original viel schöner anhört: “The mind is embodied, not just embrained.”

Dahinter steckt die Idee, dass das Denken eng verstrickt ist mit dem, was der Körper empfindet und tut. Man nimmt zum Beispiel an, dass die Wärme eines Heißgetränkes im Gehirn die Vorstellung von emotionaler Wärme auslöst. Zumindest schätzen Menschen eine fremde Person als freundlicher, hilfsbereiter und vertrauenswürdiger ein, wenn sie gerade eine warme Tasse in der Hand halten.

Der Grund hierfür liegt möglicherweise im modularen Aufbau der Gehirnrinde: Dort gibt es Bereiche, die auf bestimmte Funktionen spezialisiert sind, etwa die Verarbeitung von Sehreizen zur Erkennung von Farben, Bewegungen, Empfindungen, Lauten oder Gerüchen. Untereinander sind sie stark vernetzt. Aktiviert eine Information ein Modul, breitet sich diese Aktivität auch in anderen Gehirnarealen aus, die mit diesem verbunden sind.

Neurowissenschaftler nehmen an, dass das Gehirn abstrakte Konzepte wie emotionale Wärme mit körperlichen Erfahrungen verknüpft, um sie zu verstehen. Wenn eine Mutter ihr Baby im Arm hält, nimmt der Säugling ihre Körperwärme wahr. Diese frühen Erfahrungen bilden vielleicht das Gerüst, an dem Kinder ein komplexes Konzept wie emotionale Wärme erlernen können. Auch Jahre später kann unser Gehirn auf unsere frühen Körperempfindungen zurückgreifen – und wenn wir dann im Büro einen heißen Kaffee in der Hand halten, aktiviert die Wärmeempfindung das damit verknüpfte Konzept, und wir nehmen die anwesenden Kollegen als herzlicher wahr. Das spiegelt sich auch auf neuronaler Ebene wider – der Inselcortex ist an der Empfindung von psychischer und physischer Wärme beteiligt.

Reinwaschen des Gewissens

Doch nicht nur, was der Körper berührt, beeinflusst das Denken. Auch eigene Handlungen wirken sich auf die Kognition aus. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist der so genannte “Macbeth-​Effekt”, benannt nach Shakespeares gleichnamigem Stück. Dort wäscht sich Lady Macbeth verbissen die Hände, um sich von der Schuld am Tod des schottischen Königs reinzuwaschen. Ganz ähnlich verhielten sich die Teilnehmer einer Studie des Teams um Verhaltenswissenschaftler Chen-​Bo Zhong von der University of Toronto, deren Ergebnisse 2006 erschienen sind. Hatten sich die Probanden an eine eigene unmoralische Tat erinnert und diese beschrieben, wählten sie als Belohnung für ihre Teilnahme eher ein antiseptisches Tuch statt eines Stiftes.

Und anders als bei Lady Macbeth – der alles Waschen nichts hilft, und die das Gefühl nicht los wird, dass das Blut des Ermordeten an ihren Händen klebt –, scheint in der Realität der Effekt auf das Gewissen größer zu sein. Das zumindest zeigt ein weiteres Experiment aus der Studie. Hier sollten die Probanden ebenfalls ein persönliches Vergehen beschreiben. Im Anschluss durfte sich die Hälfte der Teilnehmer die Hände mit einem antiseptischen Tuch reinigen. Danach empfanden sie weniger Schuld– und Schamgefühle sowie geringeren Ekel.

Beim Macbeth-​Effekt vermuten Linguisten und Psychologen ebenfalls, dass Menschen das komplexe Konzept der moralischen Reinheit anhand körperlicher Erfahrungen erlernt haben. In vielen Sprachen finden sich dafür Hinweise: Im Deutschen hat man ein “reines Gewissen” oder “eine weiße Weste”, im Englischen beschreiben “clean” und “pure” körperliche und moralische Sauberkeit und im Chinesischen bezeichnet der Ausdruck “dreckige Hände” einen Dieb. Auch bildgebende Verfahren zeigen diesen Zusammenhang. Wenn wir uns vor verdreckten Toiletten ekeln, verziehen wir nicht nur das Gesicht auf die gleiche Weise wie beim Angewidertsein angesichts korrupter Manager – wir aktivieren sogar teilweise überlappende Gehirnregionen, vor allem in Stirn– und Schläfenlappen.

Temporallappen

Temporallappen/Lobus temporalis/temporal lobe

Der Temporallappen ist einer der vier großen Lappen des Großhirns. Auf Höhe der Ohren gelegen erfüllt er zahlreiche Aufgaben – zum Temporallappen gehören der auditive Cortex genauso wie der Hippocampus und das Wernicke-​Sprachzentrum.

Haltung und Mimik

Auch die eigene Körperhaltung und Mimik beeinflussen unsere Geisteshaltung. “Halt dich gerade, Kind”, mahnt die Großmutter – und hat Recht. Studien deuten darauf hin, dass man sich selbstbewusster fühlt, wenn der Rücken aufrecht gehalten wird. Auch Schauspieler berichten oftmals, dass sie ein Gefühl tatsächlich empfinden, wenn sie es darstellen. Geht es einem nicht gut, kann es zum Beispiel helfen, die Mundwinkel hochzuziehen. Das konnte der Psychologe Fritz Strack von der Universität Würzburg schon 1988 zusammen mit Kollegen in einer Studie zeigen. Die Probanden betrachteten Cartoons und hielten währenddessen einen Stift entweder mit ihren Zähnen, wodurch das Lächeln erleichtert wird, oder mit ihren Lippen, wodurch das Lächeln erschwert wird. Im Anschluss beurteilten sie Cartoons als lustiger, wenn sie den Stift mit den Zähnen gehalten hatten. Dies entspricht der Annahme der Facial-​Feedback-​Hypothese, nach der der Gesichtsausdruck emotionales Erleben und Verhalten beeinflusst.

Unsere Mimik hilft uns jedoch nicht nur, die eigenen Gefühle zu erkennen, sondern auch die Emotionen anderer. Studien suggerieren, dass Menschen Emotionen auf Fotos von Gesichtern besser identifizieren können, wenn sie den gezeigten Ausdruck nachahmen. Im Gehirn sind dabei ähnliche Areale aktiv, als ob der Betrachter die Emotionen selbst empfinden würde. Psychologen vermuten, dass diese Simulation des Mienenspiels anderer eine wichtige Rolle für Empathie spielt.

Es gibt also viele Hinweise darauf, dass unser Körper dem Gehirn hilft, Komplexes zu begreifen, eigene Gefühle wahrzunehmen und sich in andere hineinzuversetzen.

Mimik

Mimik/-/facial expression

Fünf Muskelgruppen kontrollieren die sichtbaren Bewegungen an unserer Gesichtsoberfläche – und das gilt für alle Menschen auf der Welt. Aus diesem Grund hinterlassen die Basisemotionen Angst, Wut, Ekel, Trauer, Überraschung und Freude überall ähnliche Spuren im Gesicht, die wir in der Regel auch bei Fremden zuverlässig identifizieren können. Neurowissenschaftler vermuten, dass diese Fähigkeit dadurch zustande kommt, dass wir unbewusst den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers nachahmen.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Empathie

Empathie/-/empathy

Der Begriff „Empathie“ geht auf das altgriechische Wort für „Leidenschaft“ zurück. Heute versteht man unter Empathie das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen nachzuvollziehen. Die physiologische Basis dafür sehen viele Neurowissenschaftler in den Spiegelneuronen: Nervenzellen, die beim Beobachten einer Handlung ebenso aktiv sind wie bei deren Ausführung.

zum Weiterlesen:

    Embodied Cognition and Emotion Laboratory, University of Cambridge; URL: http://​www​.psy​chol​.cam​.ac​.uk/​cece/; zur Webseite. Embodiment Lab, Barnard College of Columbia University; URL: http://​www​.embod​i​ment​lab​.com/​i​n​d​e​x​.html [Stand: 2009]; zur Webseite.

Embodied Cognition

Embodied cognition/-/embodied cognition

Ein Begriff der Kognitionswissenschaft, nach dem Körperzustände auf den Geist zurückwirken. Embodied Cognition kann übersetzt werden mit „leiblich verankerte Kognition“ oder „verkörperlichtes Denken“. Geist, Körper und Umwelt werden als Teile eines dynamischen Systems verstanden, in dem kognitive Prozesse als komplexe Interaktionen zwischen den Komponenten ablaufen. So kann z.B. Gestikulieren die mathematischen Fähigkeiten unterstützen.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Embodied Cognition

Embodied cognition/-/embodied cognition

Ein Begriff der Kognitionswissenschaft, nach dem Körperzustände auf den Geist zurückwirken. Embodied Cognition kann übersetzt werden mit „leiblich verankerte Kognition“ oder „verkörperlichtes Denken“. Geist, Körper und Umwelt werden als Teile eines dynamischen Systems verstanden, in dem kognitive Prozesse als komplexe Interaktionen zwischen den Komponenten ablaufen. So kann z.B. Gestikulieren die mathematischen Fähigkeiten unterstützen.

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2 Kommentare

Martin Tik 20.01.2017
Kleiner Glossar-Verlinkungs-Fehler aufgefallen: bei der in der Einleitung angesprochenen Brücke ist nicht der Pons gemeint, sondern das klassische Bauwerk zur Überquerung von Hindernissen ;).

Die Überschrift "Der Körper beeinflusst das Gehirn" finde ich nicht so unpassend:

1. Wozu bräuchte man ein Gehirn, dass vom restlichen Körper abgeschieden nur so dahin denkt? (besser fände ich z.B. Körperzustände beeinflussen kognitive Zustände")

2. Das Gehirn ist Teil unseres Körpers, die Trennung Hirn-Körper ist für mich moderner Dualismus.

Aber ansonsten sehr guter Artikel, in dem viele Erkenntnisse im Bereich Embodiment spannend dargestellt werden!

Arvid Leyh 20.01.2017
@ Martin Tik

Danke für den Hinweis–wir haben reagiert, aber nicht geantwortet: "Brücke" wird künftig nicht mehr verschlagwortet :)

Was die körperliche Beeinflussung angeht: ich verstehe nicht ganz, ob wirklich "unpassend" gemeint ist.

Aber ja – wenn ich jetzt mal für die Autorin vermuten darf – der Dualismus ist vorhanden: in der Kategorie und in der Überraschung. Wer (außer einigen Psychologen und Trainern) hätte vor 20 Jahren vermutet, dass die Körperhaltung tatsächlich etwas mit dem Geist macht, dass solche Koinzidenzen wie eine warme Tasse in der Hand die Sympathie zu meinem Gegenüber beeinflussen.

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