Die Welt begreifen

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Autor: Leonie Seng

Stein auf Stein, bis der Turm aus Bauklötzen umfällt: Durch die Berührung physischer Objekte lernen Kinder, ihre Welt zu sortieren und abstrakte Zusammenhänge zu begreifen. Doch der Tastsinn beeinflusst auch das Denken von Erwachsenen..

Wissenschaftliche Betreuung: Martin Lotze

Veröffentlicht: 11.05.2012

Das Wichtigste in Kürze
  • Durch das Greifen von Gegenständen entwickeln Kinder komplexe Denkmuster, die ihnen später dabei helfen, abstrakte Inhalte zu verstehen.
  • Die Wahrnehmung über den Tastsinn beeinflusst die Urteile von Menschen über ihre Umwelt und über andere Personen.
  • Studien beweisen, dass Lernprozesse durch die Nutzung des Tastsinns unterstützt werden. Deshalb plädieren Experten dafür, das Sinnessystem mehr zu fordern – vor allem in der Schule.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Haptik-Design

Längst ist Haptik-Design ein eigener Forschungszweig, der bei keiner Produktentwicklung fehlen darf. Ziel ist, die Benutzung von Gegenständen, die hauptsächlich über den Tastsinn wahrgenommen werden – wie zum Beispiel ein Touchscreen oder ein Lenkrad im Auto –, so angenehm wie möglich zu gestalten und gleichzeitig der jeweiligen Funktion gerecht zu werden. Bei der Optimierung eines Autoblinkers geht es im Haptik-Design dabei nicht nur darum, Material und Form so angenehm wie möglich zu gestalten, sondern auch das Alter des Benutzers sowie die Beweglichkeit und Größe seiner Hände einzuplanen.

Auf die gleiche Weise werden Gewicht und Form von Schreibgeräten oder Nahrungsmittelverpackungen auf die potenziellen Verbraucher abgestimmt. Wie sehr die Haptik die Gesamtwahrnehmung beeinflusst, zeigt sich zum Beispiel daran, dass Probanden Wasser aus festen Flaschen als wohlschmeckender beurteilten als solches aus dünnen Behältern – obgleich es sich um das gleiche Wasser handelte.

Haptik

Haptik/-/haptic

Haptische Wahrnehmung beruht auf den Sinneszellen der Haut und der Tiefensensibilität. Sie ist ein aktiver Prozess, über den sich Form, Struktur, Gewicht, Temperatur etc. eines Objekts erkunden lassen. Haptik ist die „Wissenschaft des Berührbaren“.

Taktile Täuschung

Der “Wasserfalleffekt” ist eine optische Täuschung: Wer lange auf die herabstürzenden Wassermassen eines Wasserfalls schaut und danach den Blick auf einen ruhenden Felsen nebenan lenkt, bekommt den irritierenden Eindruck, der Fels bewege sich aufwärts. Dieses Phänomen funktioniert auch beim Tastsinn, wie Taila Konkle vom Department of Psychology des Center for Brain Science an der Universität Harvard 2009 herausfand.

Die Probanden bekamen mittels feiner Metallstifte, die elektronisch in Vibration versetzt werden konnten, Reize an ihren Fingerkuppen zu spüren - entweder als stationäre oder den Finger entlangwandernde Impulse. Betrachteten die Personen zusätzlich zu einem stationären Reiz eine nach oben oder unten wandernde Linie auf einem Bildschirm, so hatten sie den Eindruck, auch der Reiz sei in Bewegung – und zwar entgegengesetzt der Linienrichtung. Dies zeige, dass der Tastsinn sehr eng mit der visuellen Wahrnehmung verknüpft sei, so die Forscher. Außerdem widerlege dieses Ergebnis die Annahme, dass visuelle Eindrücke in jedem Fall bei der Bewertung durch das Gehirn dem Tastsinn überlegen seien.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Die Finger gleiten über die raue Oberfläche aus Sandpapier, mit der sich die Kontinente auf der kleinen Weltkugel von den Ozeanen abheben. Wasser hingegen ist blau und glatt, der Globus aus Hartgummi und Plastik etwas kleiner als ein Fußball. So lernen Kinder in Montessori-Schulen die Welt kennen: mit allen Sinnen. Durch das Greifen von Gegenständen entwickeln sie Denkmuster, die es ihnen später erleichtern, auch abstrakte Ideen zu verstehen.

Lange bevor Kinder ihre ersten Wörter plappern, erforschen sie ihre Umgebung unermüdlich mit ihrem Tastsinn. Mit Vorliebe stecken die Kleinen Gegenstände in den Mund, krallen ihre Fäustchen in herabhängende Haare oder betasten stundenlang die eigenen Zehen. Dass diese haptischen Entdeckungstouren mehr als Spielerei sind, zeigten französische Forscher 2005: So interessierten sich Neugeborene bereits 16 Stunden nach ihrer Geburt besonders für geometrische Holzfiguren, die sie zum ersten Mal in den Händen hielten.

Objekte hingegen, welche die Babys schon einmal in einer anderen Lage in den Händen gehabt hatten, sprachen sie offenbar weniger an – sie kannten sie schon. Die Wissenschaftler von der Universität René Descartes in Paris schlossen daraus, dass Säuglinge bereits in dieser frühen Lebensphase verschiedene Formen und Strukturen allein durch Berührung voneinander unterscheiden und auch wiedererkennen können. Das sind Fähigkeiten, die für viele lebenswichtige Aufgaben wie beispielsweise die Nahrungsaufnahme unabdingbar sind.

Berühren und berührt werden

Der Tastsinn ist eines der wichtigsten menschlichen Wahrnehmungssysteme, um Informationen über die Umwelt erhalten zu können, sie einzuordnen und langfristig zu verarbeiten. Über die Haut, das größte Sinnesorgan des Menschen, nimmt er physikalische Reize wie Druck, Vibration und Temperatur auf, und das permanent, wie Martin Grunwald betont: “Im Gegensatz zum Sehsinn, den wir nachts ausschalten, ist der Tastsinn immer ‘on’”, sagt der Leiter des Haptik-Labors an der Universität in Leipzig.

Der Begriff Haptik beschreibt alle Wahrnehmungen, die über den Tastsinn bei aktiver Bewegung des Körpers entstehen, wie zum Beispiel beim zarten Anfassen eines geliebten Menschen oder dem Zappen mit der Fernbedienung. Taktile Wahrnehmung bezeichnet hingegen die passive Aufnahme von Umweltreizen, die auf einem ruhenden Körper eintreffen. Oder anders gesagt: Taktil ist berührt werden, haptisch etwas aktiv berühren. In der Haut von Lippen, Zunge, Fingerspitzen und Fußsohlen sind die so genannten Mechanorezeptoren – die Tastsinneszellen – am dichtesten gepackt. Daher stecken vor allem die ganz Kleinen, die mit den Händen noch ungeschickt sind, so gerne etwas in den Mund, um es genauer zu untersuchen. Mit der Zeit übernehmen dann die Finger die Hauptrolle bei der haptischen Erkundung.

Haptik

Haptik/-/haptic

Haptische Wahrnehmung beruht auf den Sinneszellen der Haut und der Tiefensensibilität. Sie ist ein aktiver Prozess, über den sich Form, Struktur, Gewicht, Temperatur etc. eines Objekts erkunden lassen. Haptik ist die „Wissenschaft des Berührbaren“.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Wissen bauen und erfühlen

Bis zu ihrem siebten Lebensjahr lernen Kinder hauptsächlich durch Imitation, Spiel und die Berührung von Objekten, schrieb der weltbekannte Entwicklungspsychologe Jean Piaget, der 1980 verstarb. Dass sie dadurch fürs Leben lernen, belegt eine Langzeitstudie von Wissenschaftlern der Universität Florida. Demnach erzielen Kinder, die früh mit Bauklötzen hantieren, später bessere Ergebnisse in Mathematik. Andere Studien machen deutlich, wie eng die Verbindung zwischen Tastsinn und Lernprozessen auch nach dem sechsten Geburtstag noch ist. So begreifen Schüler, die sich neu mit einem Thema wie Biologie beschäftigen, den Lernstoff tatsächlich besser, wenn sie entsprechenden physischen Stoff zum Greifen haben - wie beispielsweise das Modell einer pflanzlichen Zelle.

“Häufig sind die Hände schon einen Schritt voraus und offenbaren ein Wissen, das dem Bewusstsein noch nicht zugänglich ist”, bestätigt auch Gesten-​Forscherin Susan Goldin-​Meadow von der Universität Chicago. In ihren 2010 veröffentlichten Mathematik-​Experimenten demonstrierte die Forscherin, dass Kinder beim Lösen von mathematischen Gleichungen oft mit ihren Händen den richtigen Lösungsweg bereits anzeigten, während sie verbal noch nicht dazu in der Lage waren. Kinder sind die “Baumeister ihrer selbst”, formulierte es Maria Montessori, eine italienische Ärztin und Pädagogin, nach deren Konzept heute Kindergärten und Schulen geführt werden. Rechnen lernen die Zöglinge dort mit Holzbrettern, farbigen Perlenstäben und quadratischen Kärtchen. Mathe zum Anfassen also.

“Sogar die Erwachsenen sind oft ganz aus dem Häuschen, wie einfach das geht”, sagt Sabrina Witt-Herrmann, ehemalige Geschäftsführerin des Montessori-Zentrums in Heidelberg. Hinzu kommt, dass die Kids sich beim Umgang mit ‘fassbarem’ Material besser konzentrieren können. Vor allem Schüler höherer Klassen müssen aber meistens still auf ihren Stühlen sitzen und Information größtenteils passiv auf sich einwirken lassen – also vor allem durch Zusehen und Zuhören. Was dem aktuellen Kenntnisstand der Hirn- und Lernforschung widerspricht, wie Martin Grunwald weiß. “Der Mensch ist insgesamt ein Lernorgan, das sich nicht auf einzelne Sinne reduzieren lässt”, sagt der Haptik-Forscher. Daher müsse auch der Tastsinn gefordert sein: “Wir sind haptische Wesen, die ein Bedürfnis nach Interaktion mit der Umwelt haben.” Durch den Einzug von Computern in Kindergärten verlören die Kinder nicht nur den Bezug zu natürlichen Objekten, sondern auch zu ihrem eigenen Körper, kritisiert Grunwald.

Tastempfinden beeinflusst Urteil

Dass Tastwahrnehmungen auch Auswirkungen auf den Denkinhalt von Erwachsenen haben, zeigte Joshua Ackermann am Massachusetts Institut für Technologie in Cambridge 2010, jetzt an der University of Michigan. In einem fiktiven Bewerbungsgespräch schätzten Probanden, die zwei Kilo schwere Klemmbretter in den Händen hielten, potentielle Job-Interessenten als höher qualifiziert ein. Darüber hinaus schrieben sie den Bewerbern größeres Interesse zu als die Vergleichsprobanden, die ihr Urteil mit einem leichten Klemmbrett in den Händen fällten. Das Gewicht der Klemmbretter hatte ihre Einschätzung offenbar beeinflusst und auch den Bewerbern mehr Gewicht verliehen.

In einer zweiten Testreihe mussten Probanden erst puzzeln und anschließend ein niedergeschriebenes Gespräch zweier Personen lesen. Eine Gruppe bekam dabei ein Puzzle mit glatten Einzelteilen, die andere mit Sandpapier umwickelte. Und auch hier wirkte sich die Tastempfindung auf die Bewertung aus. Die Teilnehmer, die mit dem rauen Puzzle gespielt hatten, beurteilten die anschließend gelesene Textpassage als eher schwierig und rau – entsprechend der Beschaffenheit des Puzzles.

Harter Sitz macht harte Verhandler

In Joshua Ackermanns drittem Experiment waren Personen, wenn sie auf harten Stühlen saßen, in simulierten Preisverhandlungsgesprächen weniger kompromissbereit als ihre Mitprobanden, die dazu in weichen Sesseln Platz genommen hatten. Durch die Berührungen entwickeln Menschen eine “haptische Denkweise”, sagt Ackermann. “Eine gewichtige Meinung”, ein “harter Verhandlungspartner”, eine “glatt gelaufene Angelegenheit” – in solchen Redewendungen kommt schon lange zum Ausdruck, was die Wissenschaft inzwischen immer deutlicher erkennt: Tastempfindungen und kognitive Leistungen sind aufs engste miteinander verbunden. Und das nicht nur bei Kindern. Auch für Erwachsene gilt: Berühren lohnt sich. Denn der Tastsinn denkt mit.

zum Weiterlesen:

  • Ackermann, J., Williams. L.: Fass mich an. In: Harvard Business Manager, 04 Jan 2012 (zum Text).
  • Cook Wagner, S. et al.: Gesturing makes memories that last. In: Journal of Memory and Language, 2010; Vol. (63):465 – 475 (zum Abstract).
  • Ackermann, J. et. al.: Incidental Haptic Sensations Influence Social Judgements and Decisions. In Science, 2010; 328:1712 – 1715 (zum Text).
  • Streri, A. et al.: The development of haptic abilities in very young infants: From perception to cognition. In: Infant Behavior & Development, 2005; Vol. (28):290 – 304, 2005 (zum Abstract).

Aktualisierung: am 07.09.2017

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