Das Echo des Grauens

Copyright: gerhard64 / Photocase. Grafikerin: Meike Ufer
Autor: Ragnar Vogt

Wer etwas Schreckliches erlebt, den kann das komplett aus der Bahn werfen. Auch viele deutsche Afghanistan-​Veteranen leiden an einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

Wissenschaftliche Betreuung: Christoph Born

Veröffentlicht: 31.01.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Einige Menschen, die Grauenhaftes erleben mussten, bekommen später psychische Probleme. Die Krankheit heißt Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).
  • Die Symptome sind Flashbacks des Traumas, Schlafstörungen, sozialer Rückzug, Angstattacken und möglicher Drogenmissbrauch.
  • Mit einer intensiven Verhaltenstherapie kann den PTBS-Patienten geholfen werden. Dafür müssen sie mit den traumatischen Erlebnissen konfrontiert werden.
  • Münchner Forscher suchen nach neuen Medikamenten und Diagnose-Möglichkeiten für PTBS. Dafür untersuchen sie Bundeswehr-Soldaten vor und nach dem Afghanistan-Einsatz.
  • Bei PTBS treten epigenetische Veränderungen auf. Forscher hoffen, damit neue Ansatzpunkte für Medikamente zu finden.

Belastungsstörung

Belastungsstörung/-/stress disorder

Als Belastungsstörung wird in der Psychologie die pathologische Reaktion auf dauerhaften oder kurzfristig sehr hohen Stress bezeichnet. Unterschieden werden die akute Belastungsstörung – oft als Nervenzusammenbruch bezeichnet – und die posttraumatische Belastungsstörung nach einem traumatischen Erlebnis. Sie kann noch lange Zeit nach dem eigentlichen Stressereignis schwerwiegende Folgen haben.

Sie sind „angesprengt“ worden, sagen Bundeswehrsoldaten, wenn ihr Fahrzeug in Afghanistan in eine Sprengfalle geraten ist. Was die Militärs mit dem abgeklärt wirkenden Begriff umschreiben, sind oftmals grauenhafte Erlebnisse. Eine Bombe explodiert, Kameraden werden in Stücke gerissen, es gibt Verletzte, Tote und viel Blut. Einige, die so etwas erleiden mussten, werden sich zwar immer an das Grauen erinnern, sie können aber normal weiterleben. Andere dagegen werden von den Ereignissen Monate oder Jahre später eingeholt, und die Erinnerung wirft sie komplett aus der Bahn. Immer und immer wieder kommen in Flashbacks die schrecklichen Bilder zurück. Die Patienten sind verängstigt, sie ziehen sich zurück von Freunden und Familie, meist haben sie Probleme, erholsamen Schlaf zu finden. Die Folgen sind oft dramatisch: Viele Beziehungen gehen in die Brüche, einige suchen die Flucht in den Alkohol oder in andere Drogen, sie verlieren ihren Job, und ohne Hilfe und Therapie werden sie irgendwann frühverrentet, weil sie nichts mehr auf die Reihe kriegen.

Diese verzögerte psychische Reaktion auf schlimme Erlebnisse – meist setzt sie in den ersten sechs Monaten nach dem Ereignis ein – nennen Psychologen heute Posttraumatische Belastungssstörung (PTBS), englisch: posttraumatic stress disorder (PTSD). Das Phänomen ist schon seit Jahrhunderten bekannt und hat im Laufe der Geschichte viele Namen bekommen. So wurde etwa nach dem Ersten Weltkrieg von „Kriegszitterern“ gesprochen. Menschen, die während der Nazi-​Herrschaft dem Holocaust entkamen, zeigten später massive psychische Probleme, die mit dem Namen „Überlebenden-​Syndrom“ zusammengefasst wurden. PTBS wird aber nicht nur durch Völkermord und Kriegsgräuel ausgelöst. Auch Menschen, die Opfer schwerer Verbrechen wie Raub oder Vergewaltigung wurden, haben das Risiko zu erkranken. Je erschütternder das Erlebte, desto größer ist die Gefahr: Etwa jedes zweite Vergewaltigungsopfer bekommt später posttraumatische Symptome. Bei Menschen, die lebensbedrohliche Verkehrsunfälle überlebt haben, ist es nur jeder sechste.

Der Therapieerfolg: 95 Prozent

„Patienten mit PTBS haben oft einen unglaublichen Leidensdruck“, sagt Ulrike Schmidt. Die Medizinerin hat vor fünf Jahren im Münchner Max-​Planck-​Institut (MPI) für Psychiatrie eine Trauma-​Ambulanz aufgebaut. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit PTBS-​Kranken. „Wenn man wie ich täglich den Schrecken der Patienten erlebt, dann ist die Motivation groß, nach neuen Medikamenten und Therapien zu suchen.“ Dabei kann sie fast allen ihren Patienten helfen: Etwa 95 Prozent der Menschen, die zu ihr und ihren Mitarbeiterinnen kommen und die Therapie bis zum Ende durchhalten, geht es hinterher deutlich besser. „Aber Schwersttraumatisierte werden nie ganz wie früher, da bleibt immer etwas übrig. Durch eine Therapie kann jedoch eine deutlich bessere Lebensqualität und eine drastische Abschwächung der Symptome erzielt werden. Je früher man zum Therapeuten geht, desto größer sind die Heilungschancen“, sagt Ulrike Schmidt.

Um die Symptome wegzubekommen oder wenigstens zu lindern, gibt es nur eine Möglichkeit: Der Patient sollte, nach einer Phase der Stabilisierung und des Erlernens von Bewältigungstechniken, die schrecklichen Erinnerungen gemeinsam mit dem Therapeuten durchgehen, immer wieder, bis die innere Erregung beim Gedanken an das traumatische Erlebnis abnimmt und das Trauma geschrumpft ist: zu einer schrecklichen Erinnerung, die jedoch das gegenwärtige Handeln und Fühlen der Patienten nicht mehr bestimmen kann. „Das geht leider nicht anders, diese Konfrontation ist der einzige Weg.“ Das ist auch der Grund, warum ein Patient dazu neigt, die Therapie abzubrechen, denn die schrecklichen Szenen sind es ja gerade, die ihm sein Leben zur Hölle machen. So setzt er alles daran, diese Erinnerungen zu meiden. Bei besonders schweren Fällen kann eine PTBS-​Behandlung Jahre dauern. „Da braucht es gut ausgebildete Therapeuten mit sehr viel Erfahrung, die eine vertrauensvolle Bindung zu den Patienten aufbauen können, und sie dann überzeugen, die Therapie durchzuhalten“, sagt Ulrike Schmidt. In ihrer Ambulanz brechen etwa 15 Prozent der Patienten die Therapie ab.

Trotz der guten Therapieerfolge suchen Forscher intensiv nach neuen Wegen, diese psychische Krankheit zu behandeln. Denn bevor die Patienten sich auf Hilfe einlassen, haben sie meist extrem unter den Symptomen gelitten. Außerdem ist auch nach der besten Therapie die Gefahr eines Rückfalls erhöht. „PTBS-​Patienten haben auch nach einer erfolgreichen Therapie ein erhöhtes Risiko, durch neue traumatische Erlebnisse psychisch krank zu werden“, sagt Ulrike Schmidt. „Wenn dann zum Beispiel Jahre nach einem traumatischen Ereignis ein schwerer Unfall passiert, kann alles wieder aufbrechen.“

Motivation

Motivation/-/motivation

Ein Motiv ist ein Beweggrund. Wird dieser wirksam, spürt das Lebewesen Motivation – es strebt danach, sein Bedürfnis zu befriedigen. Zum Beispiel nach Nahrung, Schutz oder Fortpflanzung.

Die Idee: Vorbeugende Behandlung

Hoffnung macht den Forschern, dass PTBS nicht sofort nach dem traumatischen Erlebnis ausbricht. Ein Mensch zeigt zwar direkt danach eine akute Stressreaktion, diese klingt aber schnell wieder ab. Meist einen Monat später, manchmal auch nach viel längerer Zeit, kommen die posttraumatischen Symptome. „Wir sehen darin ein Window of Opportunity, also ein Zeitfenster für eine prophylaktische Behandlung“, sagt Florian Holsboer, Leiter des MPI für Psychiatrie. Die Idee der Wissenschaftler: Sie wollen die Krankheit schon diagnostizieren, bevor sie ausbricht, und mit einem Medikament behandeln, so dass sich gar nicht erst die Symptome zeigen. „Aus Versuchen mit Mäusen wissen wir, dass eine präventive Behandlung funktionieren kann“, sagt Florian Holsboer. Das Problem: Man kann einem Menschen, der ein Trauma erlebt hat, nicht ansehen, ob er später PTBS bekommen wird. Deshalb wollen die Forscher einen Bluttest entwickeln, der schon vor dem Ausbruch der Symptome anzeigt, dass diese psychische Krankheit da ist. „Das ist wie bei einer Infektionskrankheit, bei der man die Keime nachweist, noch bevor der Patient erkrankt“, sagt Ulrike Schmidt. „Wir denken, dass das auch bei psychischen Krankheiten funktionieren kann.“

Noch existiert kein Medikament, das den Ausbruch der Symptome nachgewiesenermaßen verhindern kann. „Aber wir wissen, dass US-​Militärärzte im Irak ihren Soldaten verstärkt Antidepressiva verschreiben“, sagt Florian Holsboer. „Sie haben beobachtet, dass es dadurch weniger PTBS gibt. Aber das sind nur Erfahrungswerte, die nicht hieb– und stichfest sind.“ Der Forscher vermutet, dass Antidepressiva – wenn überhaupt – nur auf sehr indirektem Weg und nicht zuverlässig PTBS aufhalten können.

Deshalb ist das Ziel der Wissenschaftler, spezifische Medikamente gegen diese Krankheit zu finden. Um das zu erreichen und auch einen PTBS-​Bluttest zu entwickeln, hat das MPI eine Kooperation mit der Bundeswehr gestartet. Das Militär hat großes Interesse an der Forschung, schließlich hat es durch diese psychische Krankheit personelle und finanzielle Ausfälle. Die Statistik besagt, dass 2,5 bis 3 Prozent der deutschen Soldaten, die in Afghanistan eingesetzt waren, das Vollbild der PTBS-​Erkrankung zeigen. „Es gibt aber vermutlich auch viele Soldaten, die nicht alle Symptome zeigen und deshalb in dieser Statistik nicht vorkommen“, sagt Ulrike Schmidt. Bei der Studie von MPI und Bundeswehr wird Soldaten vor und nach dem Afghanistan-​Einsatz Blut abgenommen. Zudem bekommen die Forscher – anonymisiert – die Information, ob ein Soldat unter PTBS leidet oder nicht. Dann vergleichen sie das Blut von erkrankten und gesunden Afghanistan-​Veteranen. So hoffen die Forscher, auf veränderte Moleküle bei den kranken Soldaten zu stoßen.

Die Hoffnung: Erkenntnisse der Epigenetik-​Forschung

Bei ihrer Suche setzen die Wissenschaftler auf die Epigenetik. Damit bezeichnen Forscher Veränderungen am Erbgut, die nicht den genetischen Code selbst betreffen. Chemisch gesehen sind es meist DNA-​Methylierungen oder Histon-​Deacetylierungen. Man kann die DNA als Buch verstehen, in dem über die Buchstaben Informationen gespeichert sind. Eine epigenetische Veränderung entspricht dann einer Büroklammer, mit der man mehrere Seiten zusammenklemmen kann. Die Information auf den nun zusammenhängenden Seiten ist zwar noch immer da, sie kann aber nicht mehr ohne Hindernis gelesen werden. Über solche epigenetischen Veränderungen kann eine Zelle festschreiben, welche Gene aktiv und welche inaktiv sind.

Florian Holsboer hat mit Forschern aus den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine Gruppe von 35 New Yorkern untersucht, von denen 15 an PTBS litten. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Patienten eine ganze Reihe von epigenetischen Auffälligkeiten aufwiesen. „Da waren vor allem Gene betroffen, die an der Regulierung des Stresshormonsystems beteiligt sind“, sagt Florian Holsboer. Zu den Stresshormonen gehören Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol, die das Gedächtnis massiv beeinflussen. (Gedächtnis unter Strom) Doch die Studie konnte nicht die Frage beantworten, ob die epigenetischen Veränderungen schon vor der Krankheit da waren – und so den Ausbruch von PTBS befördert haben – oder ob umgekehrt die Krankheit zu den Veränderungen geführt hat.

Das soll nun die Bundeswehrstudie zeigen: Die Soldaten werden auch vor dem Einsatz untersucht. Wenn sie dann nach der Rückkehr an PTBS leiden, kann für jeden Kranken nach Unterschieden im epigenetischen Muster gesucht werden. Zudem kann dank neuer automatisierter Labortechnik in sehr viel größerem Umfang als noch vor zehn Jahren das Blut analysiert werden. „Heute können wir mit Hochdurchsatz-​Screening in jeder Probe gleichzeitig nach 450.000 epigenetischen Markern suchen“, sagt Ulrike Schmidt.

Die Studie ist kürzlich angelaufen, noch gibt es keine Ergebnisse. Die Forscher hoffen, auch bisher unbekannte Moleküle zu finden, die an der PTBS beteiligt sind. So wollen sie die Erkrankung besser verstehen lernen – und im besten Fall einen Bluttest und eine Pille gegen PTBS entwickeln.

Epigenetik

Epigenetik/-/epigenetics

Mit dem Begriff „Epigenetik“ fassen Biologen alle Prozesse zusammen, die das Erscheinungsbild eines Organismus über die Regulation von Genaktivitäten beeinflussen, ohne dass die Abfolge der DNA-​Bausteine verändert wird. Dies geschieht beispielsweise dadurch, dass die Zelle bestimmte Abschnitte der Erbsubstanz chemisch modifiziert und sie auf diese Weise dauerhaft oder vorübergehend stilllegt. So haben Frauen zwar in jeder Körperzelle zwei X-​Chromosomen vorliegen; jeweils eines davon ist aber so fest verpackt, dass es nicht in Aktion tritt.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Noradrenalin

Noradrenalin/-/noradranalin

Gehört neben Dopamin und Adrenalin zu den Catecholaminen. Es wird im Nebennierenmark und in Zellen des Locus coeruleus produziert und wirkt meist anregend. Noradrenalin wird oft mit Stress in Verbindung gebracht.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Zum Weiterlesen:

  • Yehuda R et al: Gene Expression Patterns Associated with Posttraumatic Stress Disorder Following Exposure to the World Trade Center Attacks. In: Biological Psychiatry, 2011; Vol 66, S. 708 – 711 (zum Abstract).
  • Klengel T et al: Allele-​specific FKBP5 DNA demethylation mediates gene-​childhood trauma interactons. In: Nature Neuroscience, 2013; Vol 16/​1 S. 33 – 41 (zum Text).

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

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