Über den Umgang mit Traumatisierten - Ein Leitfaden für Angehörige

Wissenschaftliche Betreuung: Frodl Thomas

Veröffentlicht: 28.11.2016

Das Wichtigste in Kürze
  • Als Angehöriger eines Menschen, der an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet, spielen Sie eine wichtige Rolle im Heilungsprozess. Um dem gerecht zu werden, müssen Sie auch auf sich selbst achten.
  • Sich über die Erkrankung zu informieren, gibt Sicherheit im Umgang mit Ihrem Angehörigen. Ein paar Tipps und Regeln können das Miteinander erleichtern. Seien Sie besonders aufmerksam, sobald der Betroffene über Selbstmord spricht.
  • Finden Sie die Balance: Fühlen Sie mit, aber leiden Sie nicht mit. Das Trauma darf nicht zu Ihrer Belastung werden. Zu viel Mitgefühl kann sich kontraproduktiv auswirken.
  • Eine Therapie kann sowohl für Sie als auch für Ihren Angehörigen hilfreich sein. Gehen Sie wenn nötig als gutes Vorbild voran und nehmen noch vor dem Betroffenen eine Therapie in Anspruch. Hier können Sie zum Beispiel Strategien für ein friedliches Zusammenleben erlernen.
  • Eltern geben sich oft die Schuld am Trauma Ihres Kindes. Lassen Sie Ihrem Kind aber die Möglichkeit, das Erlebte selbstständig zu verarbeiten, und bleiben Sie gleichzeitig Vertrauensperson an seiner Seite.

Aggressionen, Rückzug, Vertrauensverlust: Als wäre der geliebte Mensch ausgetauscht worden. Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) macht nicht nur den Betroffenen das Leben schwer. Sie hat auch große Auswirkungen auf das Leben der Angehörigen. Sie neigen dazu, sich in der Rundumbetreuung des Betroffenen selbst zu verlieren. Doch nur wer auch auf sich selbst achtet, kann die Fürsorge für andere übernehmen.

Bescheid wissen

Für den sicheren Umgang mit einem Menschen mit PTBS ist es zunächst wichtig, sich über das Krankheitsbild, die Symptome sowie die damit einhergehenden Veränderungen zu informieren. So wird Ihnen klar, dass Erinnerungslücken nicht unbedingt auf eine aktive Verdrängung durch den Betroffenen zurückzuführen sind.

Erinnerungen an aufwühlende Ereignisse werden im emotionalen Gedächtnis gespeichert. Dies ist Teil des so genannten impliziten Gedächtnisses, das dem Bewusstsein und damit dem Erinnerungsvermögen nicht immer zugängig ist. Es gibt sogar Menschen, die sich gar nicht mehr an das Trauma oder den gesamten betroffenen Lebensabschnitt erinnern können. Weiterhin haben Betroffene ein erhöhtes Risiko, Abhängigkeitserkrankungen oder Depressionen bis hin zu Suizidgedanken zu entwickeln. Sollte der Betroffene konkrete Pläne zu einem Selbstmord äußern, ist es höchste Zeit zu handeln.

Im geschützten Rahmen eines stationären Aufenthalts kann sich Ihr Angehöriger stabilisieren. Sie lassen ihn damit nicht im Stich. Es kann für den Betroffenen sogar eine Erleichterung sein, die Verantwortung für sich selbst in neutrale Hände zu geben. Im Zuge einer PTBS können sich Verhalten sowie Persönlichkeit des Betroffenen verändern. Das wirkt sich sowohl auf das berufliche als auch auf das soziale Umfeld und damit auch auf Sie aus. Es besteht die Gefahr, dass das gemeinsame Leben nur noch durch die Krankheit bestimmt wird. Doch die gute Nachricht ist: Dank zahlreicher Therapiemöglichkeiten muss die PTBS nicht ewig bleiben. Insbesondere der soziale Rückhalt durch Familie und Freunde stellt einen wichtigen Faktor während des Heilungsprozesses dar.

Tipps für den Alltag

Ein traumatisches Erlebnis geht für das Opfer mit einer Verletzung der persönlichen Grenze und damit einem Vertrauensverlust in die Mitmenschen, die Technik oder die Umwelt einher, je nachdem was das Trauma ausgelöst hat. Es ist daher wichtig, dass Sie dem Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit und Kontinuität geben, seine Grenzen bedingungslos akzeptieren und offen über bevorstehende Veränderungen sprechen. Drücken Sie Ihr Verständnis aus und zeigen Sie ihm, dass er Ihnen vertrauen kann.

Schaffen Sie Routine im Alltag zum Beispiel durch geregelte Essenszeiten und motivieren Sie zu gemeinsamen Entspannungsübungen. Schlafstörungen sind oft Teil einer PTBS, begleiten Sie Ihren Angehörigen daher abends ins Bett. Betroffene sind außerdem schneller gereizt und wütend, ziehen sich zurück und stumpfen emotional ab. Beziehen Sie diese Reaktionen nicht auf sich selbst.

Aus Angst, Sie mit ihrem Trauma zu belasten, scheuen sich manche Betroffene davor, mit ihren Angehörigen darüber zu sprechen. Zeigen Sie, dass Sie ausreichend Ressourcen für die Erinnerungen des anderen haben und ihm zuhören. Fühlen Sie mit ihm mit, aber setzen Sie dort Grenzen, wo die Erzählungen für Sie zur Belastung werden. Halten Sie die Balance, denn ein zu großes Mitgefühl kann dazu führen, dass sich der Betroffene in der Rolle des hilflosen Kindes verliert oder annimmt, Sie hätten kein Vertrauen in seine Fähigkeiten, und sich dann von Ihnen abwendet.

Trotz aller Anstrengungen wird es vermutlich immer wieder zu Konflikten kommen. Sollte der Betroffene dabei Ihnen gegenüber gewalttätig werden, geht Ihre eigene Sicherheit vor. Auch ein Trauma kann Gewalt nicht entschuldigen. Geben Sie sich keine Schuld und lassen Sie ruhig auch mal negative Gefühle wie Ärger oder Wut über den Betroffenen zu.

Sich selbst Hilfe holen

Das Zusammenleben stellt vor allem für Sie eine enorme Herausforderung dar. Daher empfiehlt es sich sowohl für den Betroffenen als auch für Sie, professionelle Hilfe anzunehmen. Denn während Sie für Ihren Angehörigen da sind, müssen Sie sich auch um Ihr eigenes Wohl kümmern. Sie können anderen nämlich nur dann eine verlässliche Stütze sein, wenn Sie gesund und ausgeglichen sind. Wichtig ist, dass Sie sich auch dann Hilfe holen, wenn der Betroffene noch nicht bereit dazu ist. So übernehmen Sie gleichzeitig eine wichtige Vorbildfunktion.

Sprechen Sie zum Beispiel mit Therapeuten über mögliche Strategien, mit denen Sie den Konflikten mit dem Betroffenen begegnen und weiterhin in Frieden miteinander leben können. Treffen Sie außerdem Freunde oder Familie und vertrauen Sie sich ihnen an, sodass auch mal jemand für Sie da ist. Weiterhin gibt es die Möglichkeit, in Selbsthilfegruppen von den Erfahrungen anderer zu lernen und die eigenen Ängste und Sorgen loszuwerden. Erfahrungsaustausch bieten außerdem unterschiedliche Foren im Internet. Unter ptbs-forum.de erhalten Sie zusätzlich zum Beispiel Notfallnummern, Adressen bundesweiter Hilfsangebote sowie Informationen zu den neuesten Forschungsergebnissen und zu rechtlichen Fragen wie dem Opferentschädigungsgesetz.

Wichtiges für die Therapie

Zunächst gilt, je eher die Therapie zur PTBS beginnt, desto besser die ohnehin guten Heilungschancen, da zu einem frühen Zeitpunkt die krankheitsbedingten Verhaltensweisen noch nicht manifestiert sind. Schreckt Ihr Angehöriger noch vor einer Therapie zurück, versuchen Sie, ihn zu überzeugen, ohne ihn zu drängen. Schlagen Sie in einem stabilen Moment zunächst den Besuch bei einer Beratungsstelle vor. Bieten Sie ihm an, ihn zu begleiten. Erklären Sie ihm weiterhin, dass sich die Therapie zu jedem Zeitpunkt an seine psychische und körperliche Stabilität anpasst und individuell nach seinen Bedürfnissen richtet. Selbst wenn eine Konfrontation im Zuge der Therapie überhaupt erfolgt, kann dies auch nur in Teilen in der Vorstellung oder im Nacherzählen geschehen.

Der Therapeut passt die Geschwindigkeit der einzelnen Therapieschritte an die Persönlichkeit Ihres Angehörigen und die Schwere des Traumas an. Bieten Sie dem Betroffenen bei der Suche nach einem passenden Therapieplatz Ihre Hilfe an. Sie finden auf der Internetseite der deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie zum Beispiel eine differenzierte Suche je nach Patientengruppe, Therapieverfahren oder Traumakategorie. Achten Sie während der Therapie darauf, dass nicht nur ein Verfahren genutzt wird, denn hier kommt es auf die richtige Kombination an. Da die familiäre Unterstützung einen starken Einfluss auf die Effekte der Therapie hat, sollte die gesamte Familie direkt in die Therapie einbezogen werden.

Für Eltern

Symptome, Diagnostik, Therapie und Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen sind ähnlich wie bei Erwachsenen. Bei der Diagnosestellung wird Ihr Kind selbst befragt, da eine Fremdbeurteilung zum Beispiel durch Sie als Eltern dazu führen kann, dass die Belastung für das Kind unterschätzt wird. Denken Sie daran, die Geschehnisse immer aus den Augen Ihres Kindes zu sehen. Es ist wichtig, dass Ihr Kind versteht, was eine PTBS überhaupt ist und was mit ihm während der Therapie passiert. Manche Betroffene erleben das Trauma im Spiel nach. Unterbrechen Sie Ihr Kind nicht, denn hier verarbeitet es das Erlebte.

Leiden Sie womöglich an Schuldgefühlen, weil Sie Ihr Kind nicht vor dem Trauma bewahren konnten, und möchten es nun unbedingt bei seiner Therapie unterstützen? Bedrängen Sie Ihr Kind nicht, sondern geben Sie ihm die Chance zu Selbstregulation und Selbstwirksamkeit. Seien Sie gleichzeitig die Bezugsperson, die die emotionalen Bedürfnisse und Signale Ihres Kindes im richtigen Moment erkennt und angemessen darauf reagiert. Um das zu lernen, suchen Sie einen eigenen Therapeuten auf.

Angehörige von Menschen mit einer PTBS muten sich oft zu viel zu und werden selbst krank. Lassen Sie es gar nicht erst so weit kommen. Denn Sie sind der Haltepunkt für den Betroffenen und nur wenn Sie sich selbst helfen lassen, können Sie diese wichtige Aufgabe erfüllen.

zum Weiterlesen:

  • Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie; URL: http://www.degpt.de/ (Stand: 22.11.2016); zur Webseite
  • Deutsches Institut für Psychotraumatologie; URL: http://psychotraumatologie.de/ (Stand: 22.11.2016); zur Webseite
  • Selbsthilfeforum für Betroffene und Interessierte; URL: http://ptbs-forum.de/ (Stand: 22.11.2016); zur Webseite
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