Da spricht die Depression – Ein Leitfaden für Angehörige

Autor: Eva Eismann

Traurig oder lustlos sind wir zuweilen. Mit einer Depression hat das wenig zu tun. Die ist eine schwere Krankheit. Aber zum Glück können Sie einiges tun, damit ihr Angehöriger diese gut übersteht.
 

Wissenschaftliche Betreuung: Peter Falkai

Veröffentlicht: 20.11.2016

Das Wichtigste in Kürze
    Depression ist eine schwere Krankheit. Sie ist aber behandelbar: Ihr Angehöriger braucht jetzt professionelle Hilfe.
  • Patienten mit Depression haben ihre ganz eigene Sicht auf die Welt, die Sie ihnen nicht ausreden können. Viele einfache Aufmunterungs-Ratschläge, die bei Gesunden helfen würden, nützen bei einer Depression nichts.
  • Sie können aber stellvertretend für ihren depressiven Angehörigen die Hoffnung aufrechterhalten: Depressive Episoden gehen auch wieder vorbei.
  • Ein strukturierter Tagesablauf hilft bei der Bewältigung der Depression. Hier können Sie Ihren Angehörigen dabei unterstützen, diesen Plan auch einzuhalten.
  • Lebensverändernde Entscheidungen sollten Sie besser vertagen, bis es dem Patienten wieder besser geht.
  • Achten Sie bei aller Sorge um Ihren Angehörigen auch auf sich selbst. Sie müssen kein Profi sein – rufen Sie im Zweifelsfall zusätzliche professionelle Hilfe. 

Depression

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Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Ihr Angehöriger ist krank. Nicht nur mal etwas schlecht drauf oder wehleidig oder lustlos. Nein: Eine Krankheit hat die Hirnchemie eines Ihnen lieben Menschen so durcheinandergeworfen, dass er nicht mehr normal fühlen kann. Das einzusehen, ist der erste und wichtigste Punkt im Umgang mit Patienten mit Depression, sagt Dr. Maria Strauß, Leiterin der Ambulanz für Affektive Störungen und ADHS im Erwachsenenalter am Universitätsklinikum Leipzig: „Ganz wichtig ist für uns die Akzeptanz der Erkrankung als Ziel.“ 

Professionelle Behandlung ist nötig

Gerade Ersterkrankte, sagt sie, versuchen nämlich häufig erst einmal ohne Hilfe durchzuhalten. „Und das funktioniert in der Regel nicht gut.“ Dabei findet sich für den Großteil der Patienten ein Medikament (Anti-Depressivum), das die Emotionen wieder ins Gleichgewicht bringt. Und auch Psychotherapie hilft, mit den depressiven Symptomen zumindest besser umzugehen. „Dann sind etwa die Schuldgefühle noch da“, erklärt Dr. Strauß, „aber man weiß: Das ist ein Symptom der Krankheit.“ 

Vermuten Sie, dass ein Angehöriger an Depression leiden könnte, sollten Sie diesen Verdacht deshalb auch ansprechen. „Aber feinfühlig“, mahnt die Ärztin, „vor allem, wenn jemand noch nie mit diesem Thema in Berührung gekommen ist.“ Auch wenn jemand in Ihrer Familie bereits depressive Episoden hinter sich hat, rät sie zu einem offenen Austausch: „Immer wenn Sie sich Sorgen machen, fragen Sie mal nach.“ Das können selbst weiter entfernt wohnende Angehörige am Telefon tun, vor allem wenn das Verhältnis gut ist. Einzugreifen wird aus der Ferne schwieriger, zumindest aber können Sie näher wohnende Angehörige fragen: Ist da was? 

Selbsttests im Internet, wie sie etwa die Stiftung Deutsche Depressionshilfe oder psychenet, das Hamburger Netz psychische Gesundheit, anbieten, können einen weiteren Hinweis auf eine Erkrankung geben, eine ärztliche Diagnose jedoch nicht ersetzen. Bieten Sie ruhig an, gemeinsam zum Hausarzt zu gehen und diesem Ihre Eindrücke zu schildern.

Emotionen

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Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Depression

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Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Geduld gegenüber den Symptomen

Wenn der Patient dann in Behandlung ist, brauchen Sie vor allem eins: Geduld. Mit dem idealen Medikament kann eine erste Besserung zwar schon nach den ersten zwei Wochen eintreten, sagt Dr. Strauß. Das setzt aber voraus, dass diese Medikamente auch eingenommen werden. Oft unterbleibt dies, sei es aus Angst vor vermeintlichen Nebenwirkungen oder in dem Glauben, Medikamente könnten an den „wahren Ursachen“ einer seelischen Erkrankung ohnehin nichts ändern. Deshalb sollten sie ihren Angehörigen darin bestärken, die Anweisungen des Arztes auch zu befolgen, statt seine Zweifel zu befördern.

Gleichzeitig sollten Sie Ihren Angehörigen aber nicht überfordern. „Unrealistische Ziele verstärken nur die Symptome“, mahnt Dr. Strauß. Menschen mit Depression, erklärt sie, „sehen von außen ganz gesund aus“, aber sie denken und fühlen auf eine Art, „die man sich als Gesunder gar nicht vorstellen kann“. Oder, wie es eine Patientin formuliert: „Das kann man nicht nachempfinden. Das kannst du dir von der Backe putzen.“ Während einer depressiven Episode nehmen Betroffene die Welt verzerrt wahr; sie können sich auch nicht mehr zusammennehmen oder abschalten, etwa bei einer kurzen Reise. Derartige gut gemeinte Ratschläge können sogar im Gegenteil ihre Schuldgefühle verstärken.

Auch diese Schuldgefühle werden Sie Ihrem depressiven Partner, dem kranken Kind oder Elternteil nicht ausreden können. Durch die „depressive Brille“ sind sie für die Patienten real. Zurückweisen können Sie Äußerungen in diese Richtung trotzdem, sagt Dr. Strauß, mit Formulierungen wie: „Dieses Denken ist die Krankheit, das wird wieder besser.“ Angehörige könnten „stellvertretende Hoffnungsträger“ sein, die dem Betroffenen immer wieder sagen: „Das kommt alles wieder.“

Ein strukturierter Alltag hilft

Helfen können Sie auch bei der Bewältigung des Alltags. Je nach Schwere der Depression kann es für den Betroffenen schon eine Herausforderung sein, morgens aus dem Bett zu kommen. Eine mit dem Arzt oder Therapeuten abgesprochene Tagesstruktur kann helfen, damit der Patient sich nicht über- aber auch nicht unterfordert. Und wenn dann zwei mal zwanzig Minuten Spaziergang auf dem Plan stehen, fordern Sie Ihren Lieben ruhig dazu auf, das einzuhalten: „Es ist deine Krankheit, die dich davon abhält, und ich werde dir helfen, sie zu überwinden.“

Entscheidend ist dabei die Kommunikation. Treffen Sie keine Entscheidungen über den Kopf des Kranken hinweg, sondern bieten Sie Hilfe an. Erst recht gilt das, wenn Sie Kontakt mit den Ärzten oder Therapeuten aufnehmen wollen. Die ärztliche Schweigepflicht gilt auch bei Depression!

Tut der depressive Mensch in Ihrem Haushalt sich mit einer Entscheidung schwer, können Sie ihn mit dem Nahelegen von objektiven Kriterien unterstützen. Vertagen sollten Sie allerdings alles, was weitreichende Auswirkungen über die aktuelle depressive Phase hinaus hat. „Oft entsteht während der Krankheit zum Beispiel der Gedanke, die Arbeit ist nicht mehr die richtige“, erzählt Dr. Strauß. „Wir empfehlen dann: Erst mal gesund werden! Wenn das Thema dann immer noch so bewertet wird, kann man auch dann noch etwas ändern.“

Depression

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Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Achten Sie auf sich selbst

Sie ahnen es wahrscheinlich schon: Bei all diesen Hilfestellungen „muss man sehr feinfühlig, sehr geduldig sein“, sagt die Psychiaterin. Aber sie betont auch: Wenn Ihnen als Angehöriger mal eine unglückliche Formulierung rausrutscht, sei das „kein Beinbruch“. Entscheidender ist für die Expertin die grundsätzliche Akzeptanz des Patienten und seiner ganz individuellen Erkrankung. In ihrer Abteilung für Affektive Störungen bietet sie deshalb, vor allem bei Ersterkrankten, Angehörigengespräche an, um ein Gefühl für die besonderen Herausforderungen des Umgangs mit Depressiven zu vermitteln. Hilfreich sind ihrer Erfahrung nach auch Selbsthilfegruppen, in denen Angehörige zum Beispiel die Schuldgefühle verarbeiten können, die auch bei ihnen oft auftreten.

Niemandem ist aber geholfen, wenn Sie sich selbst überfordern. „Man muss auch an sich denken, sich Grenzen setzen“, mahnt Dr. Strauß Angehörige. Sie selbst bleiben nur gesund, wenn Sie ihr eigenes Leben weiterführen, sich Unterstützung bei Familie und Freunden holen oder Angebote etwa von psychosozialen Diensten in Anspruch nehmen. „Wir sind alle nur Menschen. Und als Angehöriger ist man kein Profi.“ Deshalb rät sie: „Wenn man merkt, es geht zuhause nicht, sollte man sich noch mehr professionelle Hilfe holen.“ 

Manchmal braucht es mehr Hilfe

Ganz wichtig ist diese Erkenntnis für Dr. Maria Strauß, wenn es um die Abwehr von Selbstmordversuchen geht – etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit Depression nehmen sich das Leben, schätzt sie. Warnzeichen können sein, wenn der Betroffene immer wieder deutlich macht, wie wenig Hoffnung und Sinn er noch im Leben sieht, oder wenn er anfängt, seine persönlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Auch ein plötzlicher Stimmungsaufschwung sollte Sie misstrauisch machen: Er kann ein Hinweis darauf sein, dass der Patient einen Ausweg für sich gefunden zu haben glaubt – den letzten.

Als Angehöriger sind Sie in diesem Fall überfordert. „Bei Verdacht auf Suizidalität sollte man gar nicht erst anfangen, diese Last an sich zu binden“, rät Dr. Strauß. Also nicht erst anfangen, etwa die Tabletten des Patienten zu zählen, ob er auch keine für eine Überdosis zurückbehält. Stattdessen, empfiehlt die Expertin: „sofort professionelle Hilfe holen“, im Zweifel sogar den Notarzt. Das könne man auch dem Betroffenen klar machen – „häufig entlastet das den Patienten“.

Und bei allen Tabus, die unsere Gesellschaft immer noch mit einer stationären psychiatrischen Behandlung verbindet: Sie kann nicht nur das Leben eines Ihnen lieben Menschen retten. Umgeben von Menschen mit ähnlichen Symptomen, die die Gemütslage des Patienten verstehen, muss er nicht mehr im Alltag funktionieren und kann sich darauf konzentrieren, gesund zu werden. Die Patientenbroschüre (www.depressionsliga.de/patientenbroschuere.html) der Deutschen Depressionsliga zitiert einen Erfahrungsbericht: „Mein Aufenthalt in der Psychiatrie war eine super Erfahrung für mich. … (M)al ganz weg zu sein von allem, befreit von allen Pflichten, mit sich allein und gut versorgt, das kann unheimlich gut tun.“

Depression

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Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

zum Weiterlesen:

  • Deutsche Depressionsliga; URL: http://www.depressionsliga.de [Stand 14.09.2016]; zur Webseite
  • Stiftung Deutsche Depressionshilfe; URL: http://www.deutsche-depressionshilfe.de/index.php [Stand 14.09.2016]; zur Webseite
  • Johnstone, Matthew und Ainsley: Mit dem schwarzen Hund leben: Wie Angehörige und Freunde depressiven Menschen helfen können, ohne sich dabei selbst zu verlieren, München (2009) (oder englische Fassung)
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