Skip to content. | Skip to navigation

 
 

Pädophilie: Neurobiologie einer außergewöhnlichen Neigung

„Warum ausgerechnet ich?“ Das fragen sich Erwachsene, die sich zu Kindern oder Jugendlichen hingezogen fühlen. Niemand kann sich seine sexuelle Neigung aussuchen. Deutsche Forscher untersuchen, was im Kopf von Pädophilen vorgeht – ganz neurobiologisch.

Copyright: kallejipp


„Wenn ich ein Kind auf der Straße gesehen habe, das mir gefiel, dann ging sofort das Kopfkino an: Wie wäre es mit diesem Kind im Bett? Um die Erregung abzubauen, bin ich dann ins Internet und habe mir Pornos mit Kindern angeschaut.“ Der Mann – nennen wir ihn Markus – ist offen und direkt. Markus erzählt, wie zweimal die Polizei frühmorgens zur Hausdurchsuchung kam. Wie er beim ersten Mal seiner Familie gestehen musste, dass er Kinderpornos schaue. Wie seine Frau aufgeregt die drei Töchter und den Sohn fragte, ob sie vom Vater missbraucht worden waren. „Meine Kinder habe ich nicht angefasst“, versichert er. Aber der Versuchung im Internet konnte er nicht widerstehen. Manchmal sei er stundenlang durchs Netz gesurft, auf der Suche nach neuen Videos. „Danach bekam ich Schuldgefühle. Ich dachte: Ich bin ein Monster.“ Die breite Bevölkerung sieht das wohl auch so.

Das Wichtigste in Kürze

  • Erwachsene, die sich zu Kindern oder Jugendlichen sexuell hingezogen fühlen, werden stigmatisiert: Sie seien Kinderschänder und krank im Kopf. Dabei sind die meisten verurteilten Kindesmissbraucher gar nicht pädophil.
  • Für seine sexuelle Neigung kann niemand etwas. Deswegen ist die Neigung an sich noch nicht krankhaft.
  • Das Gehirn von Pädophilen tickt aber durchaus etwas anders als üblich. Wenn Menschen mit einer sexuellen Vorliebe für Kinder oder Jugendliche erotische Bilder von Erwachsenen sehen, wird der Reiz nicht als sexuell erregend eingestuft. Wenn sie aber Bilder von nackten Kindern oder Jugendlichen sehen, so reagiert ihr Gehirn wie das eines Nicht-Pädophilen, der erotische Bilder von nackten Erwachsenen anschaut.
  • Nicht jeder Pädophile vergeht sich an den Objekten seiner Begierde. Die Trieb-Kontrolle wird ebenfalls im Gehirn gesteuert.
  • Das deutsche Forschungsprojekt „NeMUP“ untersucht deswegen nun die neurobiologischen Grundlagen von Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch.

Meilensteine

2003 gab es erstmals einen Hinweis darauf, dass Pädophilie neurobiologisch auffällig ist: In der Fachliteratur wurde von einem Mann berichtet, der mit 40 Jahren plötzlich pädophile Neigungen zeigte. Das ist untypisch, weil sich die sexuelle Neigung eigentlich während der Pubertät ausbildet und ein Leben lang bestehen bleibt. Bei einer Computertomographie stellte sich dann heraus, dass der Mann einen Hirntumor hatte. Dieser wurde herausoperiert, und die pädophilen Symptome verschwanden – bis sich wieder ein Tumor bildete.

Ebenfalls 2003 berichteten kanadische Sexualforscher: Pädophile hätten doppelt so häufig eine Kopfverletzung vor ihrem 13. Geburtstag erlitten wie Nicht-Pädophile. Martin Walter von Leibniz-Institut für Neurobiologie vermutet: „Deren Amygdala konnte sich wohl nicht richtig weiterentwickeln und so blieben diese Menschen in ihrer sexuellen Reife stecken. Die in dieser Phase durchaus normale Präferenz gegenüber Kindern blieb bestehen, statt dass sie sich später auf Erwachsene verschob.“

2012 berichtete der Sexual-Psychotherapeut Jorge Ponseti von der Universität Kiel: Anhand von Hirn-Scans könne er mit bis zu 95-prozentiger Treffsicherheit sagen, ob ein Mensch pädophil ist oder nicht. Die Scans seien genauer als die gängigen Standard-Fragenbögen. Und sie seien weniger aufdringlich und intim als die übliche Phallometrie. Dabei muss ein Mann ein Gerät über seinen Penis ziehen, das die Erektion nach verschiedenen Reizen misst. Nur drei Männer fielen in Ponsetis Studie durchs Raster – wahrscheinlich, weil sie nicht ausschließlich auf Kinder fixiert waren.

Diagnose Pädophilie

Pädophile Personen fühlen sich sexuell hingezogen zu Kindern, die noch nicht in der Pubertät sind, also zum Beispiel noch keine Schamhaare haben. Menschen, die hingegen Pubertierende sexuell anziehend finden, werden als hebephil bezeichnet. Die sexuelle Neigung entwickelt sich wahrscheinlich während der eigenen Pubertät. Wie genau das abläuft, ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt.

Im medizinischen Sinne ist Pädophilie eine Störung der Sexualpräferenz. Die Definitionen sind jedoch nicht eindeutig. So gilt als Pädophilie laut der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) die „sexuelle Präferenz für Kinder, Jungen oder Mädchen oder Kinder beiderlei Geschlechts, die sich meist in der Vorpubertät oder in einem frühen Stadium der Pubertät befinden“. Hier wird die Hebephilie also mit einbezogen. Die der Klassifikation der US-amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung berücksichtigt die Hebephilie nicht. Bei diesen beiden gängigen Klassifikationssystemen spielt ferner auch der Leidensdruck eine Rolle, also ob die Betroffenen sich in ihrem Leben wegen ihrer sexuellen Präferenz stark belastet fühlen.

Doch zumindest Sexualmediziner und Psychologen sind überzeugt: Pädophile sind keine Monster. Als Markus in das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ aufgenommen wurde, das kostenlos und anonym an der Charité in Berlin durchgeführt wird, erkannte er: „Niemand kann etwas für seine sexuelle Neigung, auch ich nicht. Aber ich kann etwas für meine Handlungen.“ Diese Einsicht habe ihn psychisch entlastet.

In den vergangenen Jahren haben einige neurowissenschaftliche Studien offenbart: Bilder von nackten Frauen, nackten Männern, nackten Kindern – darauf reagiert das Gehirn von Pädophilen anders, als es für Nicht-Pädophile typisch ist. Es wäre also ein Leichtes zu sagen: Ich muss mit Kindern ins Bett, ich kann nichts dafür, mein Gehirn ist schuld. „Aber das wäre doch nur eine Ausrede“, sagt der, der diese vermeintliche Ausrede gut hätte gebrauchen können, damals, als er zweimal Bußgeld zahlen musste. Aber der Mann weiß: „Ich bin doch selbst für das verantwortlich, was ich tue!“

Hirn reagiert anders auf Bilder von nackten Kindern oder Jugendlichen

Indes deuten neurowissenschaftliche Studien an: So mancher Pädophiler kann seinen Trieb durchaus schlechter kontrollieren als jemand, der sich zu gleichaltrigen Menschen hingezogen fühlt.

Martin Walter untersucht seit fast zehn Jahren, wie sexuelle Reize im Gehirn verarbeitet werden, bei Gesunden wie bei Kranken. In seinem kleinen Büro auf dem Gelände der Uniklinik Magdeburg klickt er sich durch ein paar Hirn-Scans, um zu zeigen, wie das Gehirn eines Pädophilen auf das Bild eines nackten Kindes reagiert: Vom Auge geht der Reiz zunächst über die Sehbahn zum visuellen Cortex am Hinterkopf. Sofort wird kategorisiert: Aha, da ist jemand nackt. Währenddessen werden die Nervenimpulse weitergeleitet zum Hypothalamus. Nicht einmal eine drittel Sekunde dauere es, bis das Gehirn erkennt: Der Reiz ist sexuell und er passt ins bevorzugte Schema. Bei sexueller Erregung wird im Hypothalamus dann zum Beispiel das Hormon Oxytocin ausgeschüttet.

Als nächstes schaltet sich die Amygdala, der Mandelkern, ein: Dort wird festgestellt, ob die Erregung positiv oder negativ ist. Auch das Belohnungszentrum, der Nucleus accumbens, wird aktiv – und zwar umso mehr, je sexueller und je positiver ein Bild ist. Parallel schalten sich nun Regionen dazu, die sich weiter oben oder an der Außenseite des Gehirns befinden, zum Beispiel der anteriore cinguläre Cortex (ACC, auch Gyrus cinguli anterior genannt). Dieses Hirn-Areal war in Experimenten bei manchen Pädophilen aktiver als gewöhnlich. Damit werde die Aufmerksamkeit willentlich, sagt Walter. „Der Betroffene denkt sich dann: Ich möchte da nicht hingucken – oder ich versuche, möglichst unauffällig hinzuschauen.“

Wer vermutet, dass vor allem jene Pädophile übergriffig werden, die besonders stark von Kindern angezogen werden, der irre womöglich, sagt Walter: „Ob ein Pädophiler zum Straftäter wird, hängt mitunter nicht vom Ausmaß ab, wie sehr den Pädophilen etwas sexuell stimuliert – sondern vom Ausmaß, wie sehr er in den kognitiven Hirn-Arealen sein Verhalten unterdrücken kann.“

Nicht alle Mediziner und Psychologen sind von solchen Forschungsergebnissen begeistert. Als Walter im Jahr 2007 als einer der ersten Wissenschaftler überhaupt nachwies, dass das Hirn von Pädophilen unnormal auf erotische Bilder von Erwachsenen reagierte, da hätten vor allem die Kollegen in den USA ablehnend reagiert. Walter erinnert sich: „Die Kollegen warfen uns vor: ‚Was ihr da macht, ist keine gute Forschung. Wir wollen keinen biologischen Nachweis, dass Menschen nichts für ihre Pädophilie können.‘„ Walter hatte das zunächst irritiert: „Es ist doch wichtig zu verstehen, was im Gehirn von diesen kranken Menschen passiert.“ Zumal er als Arzt sehe, wie Pädophile unter ihrer Neigung litten – mit all der Scham, den Schuldgefühlen und der frustrierenden Aussicht, wohl nie ein sexuell erfülltes Leben führen zu können. Schnell wurde ihm jedoch klar: „Im US-amerikanischen Rechtssystem ist es durchaus relevant, ob jemand aufgrund einer Veränderung im Gehirn ein bestimmtes Verhalten zeigt oder ob das Gehirn intakt ist.“

Da war sie: die Befürchtung, eine biologische Ursache für Pädophilie könnte als Schutzbehauptung missbraucht werden, um sich vor der Welt und auch vor sich selbst zu rechtfertigen.

Hirnscans sollen Diagnose schärfen und helfen, die richtige Therapie zu finden

Doch so etwas würde Walter nicht gelten lassen. Vielmehr solle man die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse nutzen, um die Diagnose Pädophilie präziser zu stellen (siehe Infobox) – oder um Therapieempfehlungen zu geben.

Wenn ein Hirn-Scan offenbare, dass jemand pädophil ist, aber seinen Trieb gut unter Kontrolle hat: Dann ließe sich abschätzen, dass eine Verhaltenstherapie reiche. Wenn ein Scan aber offenbare: Da ist jemand pädophil und er hat seinen Trieb nur sehr schlecht unter Kontrolle – dann wäre es vielleicht sinnvoller, Medikamente zu geben, die den Trieb dämpfen.

Ob solch ein Konzept funktioniert? Das ist eine Frage, auf die eine groß angelegte Studie seit Mitte 2012 Antworten sucht: Das Forschungsprojekt heißt „Neurobiologische Grundlagen von Pädophilie und sexuellem Missbrauchsverhalten gegen Kinder“, kurz NeMUP. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat rund zwei Millionen Euro bewilligt. Beteiligt sind Sexualmediziner und Neurowissenschaftler aus Berlin, Duisburg-Essen, Hannover, Kiel und Magdeburg. Auch Markus, der eingangs erwähnte Mann mit der Vorliebe für Kinder in der frühen Pubertät, nimmt an NeMUP teil. Für eine Vorstudie hat er sich im Sommer 2012 freiwillig in den Scanner gelegt und musste sich unter anderem Bilder mit eindeutig sexuellen Motiven anschauen.

Insgesamt sollen vier Gruppen mit jeweils rund 60 Versuchsteilnehmern untersucht werden, sagt der NeMUP-Projektkoordinator Tillmann Krüger von der Medizinischen Hochschule Hannover: Pädophile, die schon mal übergriffig geworden sind; Pädophile, die noch keine Straftat begangen haben; Kindesmissbraucher, die nicht pädophil sind, und eine Kontrollgruppe mit Menschen, die weder pädophil sind noch ein Kind oder einen Jugendlichen sexuell missbraucht haben.

Nur wenige Pädophile vergehen sich an Kindern oder Jugendlichen

Statistiken und Hochrechnungen gehen davon aus: Etwa jeder 100. Mann in Deutschland ist pädophil. Pro Tag werden in Deutschland schätzungsweise 550 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Nur jeder fünfte Fall wird Schätzungen zufolge bekannt. „Doch verurteilte Kindesmissbraucher sind bei weitem nicht immer pädophil“, sagt Till Amelung, Arzt und Therapeut in dem Berliner Präventionsprojekt. „Empirische Untersuchungen haben wiederholt gezeigt, dass nur ungefähr die Hälfte der justizbekannten Taten von pädophilen Männern begangen wird.“

Pädophilie sei eben nicht dasselbe wie kriminelles pädosexuelles Verhalten, auch wenn beides in den Medien und in der Gesellschaft immer wieder gleichgesetzt wird. Amelung und seine Kollegen kämpfen seit Jahren gegen die Stigmatisierung ihrer Patienten.

Da ist es wieder, ihr Mantra: „Pädophile können nichts für ihre sexuelle Neigung. Aber sie sind verantwortlich für ihr Tun.“ Daran würden auch die Ergebnisse der NeMUP-Studie nichts ändern. Zumal: Das Gehirn der Pädophilen mag anders reagieren – aber warum das so ist, ist noch unklar. Amelung ist überzeugt: „Man wird keinen Nucleus paedophili finden, der alles erklärt.“

Kommentare
Gabriella ..

Von Pädophilie lese das erste mal .
Wenn Pädophilen die Vorstellung mit ein Kind Sex zu haben erregt, ist das nicht möglich, das sie es doch tun wenn sie Gelegenheit haben? Das sie sich dann doch nicht beherrschen können? Wo ist dann der Grenze zwischen Vorstellung und Tat?
25.04.2013 17:11 Uhr
3D-Gehirn
Infos zum Beitrag
Schlagwörter:
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Harald Dreßing
Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.
Das könnte Sie auch interessieren!
Gene und Umwelteinflüsse bestimmen mit, auf welches Geschlecht wir stehen.
Sie wird viel beschworen und oft besungen: die Mutterliebe. Warum aber ist sie so stark?
Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Oder im Gehirn? Wie funktioniert die Wahrnehmung ...
Welchen Sinn hat soziales Verhalten für die Evolution? Ein Gespräch mit Eckart Voland.
Im menschlichen Miteinander geht es nicht immer nur friedlich zu.
My Brain