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Wie unser Unbewusstes für uns entscheidet

Welche Parteien wir unterstützen und welche Politiker wir wählen, ist häufig keine Sache von kühler Ratio. Vereinfachende Faustregeln bestimmen zumeist, wohin wir unser Kreuzchen machen. Und: Politik und Persönlichkeit hängen eng zusammen.

Grafikerin: Meike Ufer


Im Superwahljahr 2013 mit einer Bundestags- und einigen Landtagswahlen ist es wieder einmal besonders schlimm: Man hat gleich mehrmals die Qual der Wahl zwischen einer Vielzahl von Parteien und Kandidaten. Was also tun? Akribisch die nicht gerade umwerfend unterhaltsamen Parteiprogramme wälzen? Nach Sympathie wählen?

Das Wichtigste in Kürze

  • Viele Menschen sind vom Ideal eines politisch gut informierten Bürgers weit entfernt. Für politische Entscheidungen greifen sie auf einfache Faustregeln zurück.
  • Emotionen, Vorlieben und Vorannahmen beeinflussen, wie wir Informationen über Politik und Politiker verarbeiten.
  • Auch bei vermeintlich unentschlossenen Wählern lassen sich unbewusste Vorlieben für eine Partei oder einen Politiker finden.
  • Politische Vorlieben und Einstellungen sind unter anderem durch die Persönlichkeit geprägt

Prägende Jahre

Für die politische Einstellung scheint die Erziehung durchaus prägend zu sein. Der Psychologe Chris Fraley von der University of Illinois fand 2012 gemeinsam mit Kollegen in einer Langzeitstudie heraus: waren die eigenen Eltern eher autoritär und legten Wert auf Gehorsam, entwickelten Kinder in späteren Jahren mit größerer Wahrscheinlichkeit konservative Werte. Kinder, die beispielsweise ihren Eltern auch widersprechen durften, wuchsen eher zu Liberalen heran. Und auch das Temperament spielte eine Rolle. Kinder mit ängstlichem Temperament hielten als Erwachsene mit größerer Wahrscheinlichkeit konservative Werte hoch.

Wie Psychologen und Politikwissenschaftler zeigen, sind politische Entscheidungen nur bedingt eine Angelegenheit kühlen Abwägens. Oft sind die Bürger weit vom Ideal eines politisch interessierten und gut informierten Staatsbürgers entfernt. Wie können sie dennoch gute politische Entscheidungen treffen?

Sie greifen oft auf einfache Faustregeln zurück, auf so genannte Heuristiken, um ihre Wissenslücken wettzumachen, erklärt der politische Soziologe Alexander Glantz von der Universität Bamberg in seinem Buch „Wahlentscheidungen auf der Spur.“ Bei der Wahl eines Kandidaten ist es einfacher, sich auf dessen Parteizugehörigkeit oder Weltanschauungen zu verlassen, anstatt in mühevoller Kleinarbeit seine Standpunkte zu einzelnen Themen zu recherchieren. Weiß man beispielsweise, dass ein Kandidat den Grünen angehört, dann ist relativ sicher, dass er sich für die Umwelt einsetzt.

Eine andere Heuristik spielt auch sonst im sozialen Leben eine große Rolle: das äußere Erscheinungsbild eines Politikers (Wahlkampf mit Psycho-Tricks). Bereits ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Es gibt beispielsweise Auskunft über das Geschlecht und das Alter eines Kandidaten und man leitet daraus ab, ob einem der Politiker sympathisch ist. Bilder lösen auch Emotionen aus, die wiederum beeinflussen, wie man einen Politiker einschätzt.

Die Politikwissenschaftler Richard Lau und der Politische Psychologe David Redlawsk von der Rutgers University kamen 2001 bei der Auswertung einer experimentell simulierten Präsidentschaftswahlkampagne zu dem Ergebnis: Praktisch all ihre Freiwilligen verließen sich zeitweise auf solche Faustregeln – bevorzugt dann, wenn sie vor einer komplexen Wahlsituation standen.

Durch die Brille der Vorlieben gesehen

In den folgenden Jahren schaute sich David Redlawsk an, wie Menschen im Vorfeld von Wahlen Informationen über politische Kandidaten sammelten. Er fand heraus, dass die meisten alles andere als kühle Kalkulierer sind, die ganz rational neue Informationen über Kandidaten in bereits vorhandenes Wissen integrieren. Emotionen und bereits bestehende Annahmen färben das Denken. Politische Psychologen sprechen hier von „motiviertem Denken“. Es verleitet Menschen dazu zu bestätigen, was sie bereits wissen und widersprechende Informationen unter den Teppich zu kehren (Herz schlägt Verstand). Wenn man also einen Kandidaten nicht mag, nimmt man gerne Informationen nicht zur Kenntnis, die für ihn sprechen könnten.

Anhänger einzelner Parteien sehen die Welt sehr unterschiedlich. In einer Studie von 2007 werteten die Politikwissenschaftler Christopher Achen und Larry Bartels von der Princeton University die Daten aus einer amerikanischen Wahlbefragung von 1996 aus. Die Befragten sollten angeben, wie sich das jährliche Haushaltsdefizit in der Amtsperiode des Demokraten Bill Clinton verändert hatte. Es war in dieser Zeit dramatisch nach unten gegangen – was eigentlich der Öffentlichkeit hätte bekannt sein sollen. Bezeichnenderweise waren aber besonders die Republikaner ziemlich ahnungslos. Die Hälfte von ihnen behauptete, das Defizit habe sich vergrößert. Für die beiden Wissenschaftler in Kombination mit anderen Ergebnissen ihrer Studie ein Hinweis, dass hier Parteilichkeit mit im Spiel gewesen war. Ihr Fazit: Wähler rationalisieren ihre Entscheidungen, biegen Tatsachen zurecht oder erfinden gar Tatsachen, um Entscheidungen zu rechtfertigen, die sie schon längst getroffen haben.

Bill Clinton: Seine Gegner ignorierten seine Leistung. Copyright: Bob McNeely, The White House (Public domain/ Wikimedia Commons)
Bill Clinton: Seine Gegner ignorierten seine Leistung. Copyright: Bob McNeely, The White House (Public domain/ Wikimedia Commons)
2012 kam ein Team um den Politikwissenschaftler Mark Hansen von der University of Chicago zu ähnlichen Ergebnissen. Die Forscher hatten sich die Daten aus einer Befragung in den Wochen vor der Präsidentschaftswahl von 2012 angeschaut. Parteilichkeit diene offensichtlich häufig als Ersatz für Wissen und persönliche Erfahrung, so die Wissenschaftler. „In der Befragung wird deutlich, dass Republikaner und Demokraten die Welt sehr unterschiedlich wahrnehmen“, sagt Mark Hansen. Nach vier Jahren Politik des Demokraten Barack Obama gaben auffällig mehr Anhänger der Demokraten als Republikaner an, die nationale Wirtschaft und ihre Familienfinanzen hätten sich verbessert. Politische Tatsachen scheinen wir also durch die Brille unserer politischen Vorlieben zu sehen. Und vieles an unseren Entscheidungen ist uns auch nicht bewusst.

 

Haben wir wirklich die Wahl?

Der Psychologe Brian Nosek von der University of Virginia wollte 2008 herausfinden, ob unentschlossene Wähler wirklich so unentschlossen waren, wie sie behaupteten. Mit Hilfe eines speziellen Tests nahmen er und Kollegen die unbewussten Vorlieben von vielen tausend Menschen für Präsidentschaftskandidaten unter die Lupe. Die Idee dahinter: Oft widersprechen unbewusste Vorlieben den bewusst erklärten Überzeugungen und beeinflussen das eigene Handeln. Ein Teil der Freiwilligen erklärte, in der Wahl unentschieden zu sein. Die Testergebnisse vermittelten ein anderes Bild: Die Befragten hatten eine unbewusste Vorliebe für den einen oder anderen Kandidaten. „Besonders früh im politischem Prozess bezeichnen sich viele Menschen als unentschlossen, sagt Nosek. „Aber während sie bewusst von sich gesagt haben, sie seien unentschlossen, haben sie vielleicht unbewusst schon eine Wahl getroffen.“

Im gleichen Jahr fanden Wissenschaftler um den Psychologen Luciano Arcuri von der Universität Padua einen klaren Zusammenhang zwischen unbewussten Einstellungen vermeintlich unentschlossener Wähler und ihrem späteren Wahlverhalten. Unbewusste Bewertungen und Einstellungen könnten Entscheidungen mitbedingen, so die italienischen Forscher. Und zwar indem sie unter anderem beeinflussen, wie wir Informationen interpretieren.

Persönlichkeit prägt die politische Einstellung

Doch wie entwickeln wir überhaupt Vorlieben? Und wie kommen wir zu unserer politischen Einstellung? Es spricht einiges dafür, dass sich die Persönlichkeit in der politischen Haltung widerspiegelt und die politische Entscheidungen der Bürger mitbeeinflusst. Das ergab 2010 eine Studie von Forschern um den Psychologen Jacob Hirsh von der kanadischen University of Toronto. Nicht ganz überraschend sorgt sich der liberale Geist eher um Mitgefühl und Gleichheit. Konservativen Menschen liegt dagegen Ordnung und Respekt am Herzen. „Das bedeutet, dass sie sich mehr Gedanken um einen Sinn für Ordnung und Tradition machen“, so Hirsh. „Darin drückt sich ein psychologisches Bedürfnis aus, die bestehenden sozialen  Verhältnisse aufrechtzuerhalten.“ Einmal mehr zeigt sich also: Bei politischen Entscheidungen ist eine Menge Psychologie im Spiel.

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Infos zum Beitrag
Wissenschaftliche Betreuung:
Dr. Bojana Kuzmanovic
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