Weihnachten: Die Mär vom Weihnachtsmann

Grafik: MW

Kleine Kinder glauben bereitwillig an die Existenz des Christkinds und des Weihnachtmanns. Sie unterscheiden nicht zwischen Realität und Fiktion. Das ändert sich, wenn sie in der Lage sind, sich in andere hineinzuversetzen.

Wissenschaftliche Betreuung: Peter Falkai

Veröffentlicht: 27.11.2014

Das Wichtigste in Kürze
  • Kinder im Alter von drei bis vier Jahren glauben bereitwillig an Weihnachtsmann, Christkind und Co. Sie trennen noch nicht zwischen Realität und Fiktion.
  • Der Glaube an Märchengestalten ist typisch für die so genannte magische Phase, auch bekannt als Stadium des präoperationalen Denkens: Kinder versuchen sich in dieser Phase die Welt zu erklären, verfügen aber noch nicht über die Logik, die realen Zusammenhänge zu erkennen.
  • Erst wenn Kinder die Fähigkeit erwerben, die Perspektive zu wechseln und sich in andere hineinzuversetzen, erkennen sie, dass Dinge anders sein können als sie erscheinen. Dann wird aus dem Weihnachtsmann der nette Nachbar im Kostüm.
  • Die Entzauberung des Weihnachtsmanns schadet den Kindern nicht. Viele sind nicht einmal enttäuscht, die wenigsten fühlen sich betrogen. Vielmehr sind viele Kinder stolz, dass sie mit diesem Wissen zu den Großen gehören.

Ich war fünf Jahre alt, vielleicht auch schon sechs, als ich ihn ein für allemal enttarnte: Der Nikolaus war in den Kindergarten gekommen. Es war ein katholischer Kindergarten, also kam er in Gestalt des Bischofs von Myra – mit Mantel, Stab und spitzer Bischofsmütze. Doch unter der Mitra steckte – Vollbart, Brille, markante Nase – eindeutig mein Vater. Mit dieser Botschaft platzte ich denn auch in die Runde. Loben wollte mich für diese messerscharfe Enthüllungsarbeit allerdings niemand. Vielmehr gab es Schelte, ich hätte den anderen Kindern den Nikolaustag verdorben.

Ich war empört, wusste doch jedes Kind, dass es den Nikolaus „in echt“ gar nicht gab, sondern immer irgendein Erwachsener unter der Verkleidung steckte. Und egal ob nun Bischof, rotberockter Weihnachtsmann oder Christkind – daran glaubte doch nun wirklich niemand. Oder vielleicht doch? In einer kanadischen Erhebung aus dem Jahr 1980 gaben immerhin rund 50 Prozent der Siebenjährigen an, sie seien von der Existenz des Weihnachtsmanns überzeugt.

Würde man eine Umfrage bei Kindergartenkindern durchführen, läge die Quote mit Sicherheit sogar noch weitaus höher. Denn im Vorschulalter erscheint die Existenz von Weihnachtsmännern und Osterhasen, aber auch von Feen, Hexen und anderen Fantasiegestalten durchaus plausibel. Entwicklungspsychologen sprechen von der „magischen Phase“, in der für die kindliche Vorstellung alles möglich zu sein scheint. Sie beginnt in der Regel im dritten Lebensjahr und erstreckt sich ungefähr bis zum Alter von fünf Jahren, – teilweise aber auch darüber hinaus. Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1896 – 1980), nannte diese Phase das Stadium des „präoperationalen Denkens“ (Die Anatomie der Intelligenz): Das Kind steht im Zentrum seiner Welt und seiner Wahrnehmung, und alles, was es für real hält – egal ob Bilder, Träume oder Märchengestalten – muss existieren und belebt sein wie es selbst.

Nase

Nase/Nasus/nose

Das Riechorgan von Wirbeltieren. In der Nasenhöhle wird die Luft durch Flimmerhärchen gereinigt, im oberen Bereich liegt das Riechepithel, mit dem Gerüche aufgenommen werden.

Intelligenz

Intelligenz/-/intelligence

Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dem britischen Psychologen Charles Spearman zufolge sind kognitive Leistungen, die Menschen auf unterschiedlichen Gebieten erbringen, mit einem Generalfaktor (g-​Faktor) der Intelligenz korreliert. Demnach lasse sich die Intelligenz durch einen einzigen Wert ausdrücken. Hierzu hat u.a. der US-​Amerikaner Howard Gardner ein Gegenkonzept entwickelt, die „Theorie der multiplen Intelligenzen“. Dieser Theorie zufolge entfaltet sich die Intelligenz unabhängig voneinander auf folgenden acht Gebieten: sprachlich-​linguistisch, logisch-​mathematisch, musikalisch-​rhythmisch, bildlich-​räumlich, körperlich-​kinästhetisch, naturalistisch, intrapersonal und interpersonal.

„Magische“ Logik

Kinder in dieser Entwicklungsphase versuchen die Welt um sich herum zu verstehen und sich die Zusammenhänge zu erklären – allerdings mit einer sehr eigenwilligen, „magischen“ Logik: Dann regnet es beispielsweise, weil die Wolken traurig sind, und das Auto fährt schneller als die Bahn, weil es das will. Oder Mama wird krank, weil das Kind böse war. Sind dann am Nikolaustag die Stiefel vor der Tür gefüllt und liegen wenige Wochen später Geschenke unterm Weihnachtsbaum, glaubt es bereitwillig daran, dass hier Nikolaus und Weihnachtsmann oder eben – je nach regionaler Vorliebe – das Christkind zugange waren. Irgendwoher müssen die Sachen schließlich gekommen sein.

„Kinder haben bis zu einem Alter von fünf bis sechs Jahren Schwierigkeiten, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden“, bestätigt Claudia Roebers, Leiterin der Abteilung Entwicklungspsychologie der Universität Bern. Diese Unterscheidungsfähigkeit verbessert sich im Rahmen der Entwicklung zwischen drei und fünf Jahren zunehmend. „Das ist, mit geringfügigen Unterschieden, bei Kindern auf der ganzen Welt so“, sagt Roebers.

In dieser Altersspanne durchläuft das Gehirn eine massive Entwicklung. Seine Struktur verändert sich, neue Verbindungen und Netzwerke entstehen. Den Glauben an den Weihnachtmann auf bestimmte Hirnareale einzugrenzen, hält die Schweizer Entwicklungspsychologin aber nicht für realistisch: Die Leistung, die hier gebraucht werde, beanspruche weite Teile des Gehirns. „Vom gesamten Cortex bis hin zu tieferliegenden Strukturen wie dem Hippocampus, wo etwa Gedächtnisinhalte gespeichert werden, oder dem Limbischen System, das Emotionen verarbeitet.“

Letztlich ist also der Glaube an den Weihnachtsmann eine Frage der Entwicklung und Reifung von Gehirn und Denken. Zentral ist dabei der Erwerb der Fähigkeit, über das eigene Wissen reflektieren zu können (Metakognition) und der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen (Theory of Mind). Bekommt ein Kind Besuch vom Weihnachtsmann, verursacht sein Auftreten einen falschen Glauben. Um zu verstehen, dass in Wirklichkeit der nette Nachbar Herr Müller im roten Kostüm steckt, benötigt das Kind die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Es muss erkennen, dass der rotberockte Kerl im Wohnzimmer nur aus seiner Perspektive wie der Weihnachtsmann erscheint, aus der Perspektive der Erwachsenen aber der Nachbar bleibt.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Fehlender Perspektivenwechsel

Die Prozesse, die hier ablaufen, sind vergleichbar mit dem, was Wissenschaftler im spielerischen Experiment beobachten. Dabei nimmt man beispielsweise einen Keks aus einer grünen Dose und steckt ihn in eine blaue. Ein Kind, das noch nicht über eine Theory of Mind verfügt, wird davon ausgehen, dass auch eine Person, die nicht im Raum war als der Keks den Aufenthaltsort wechselte, diesen nun in der blauen Dose vermutet. Ganz seinem eigenen Wissen entsprechend. Erst wenn es dem Kind gelingt, den Perspektivenwechsel zu vollziehen und sich in andere hineinzuversetzen, erkennt es, was sein Gegenüber wissen kann und was nicht. Und dann verfügt es auch über die metakognitiven Fähigkeiten, die ihm helfen, zwischen eigenen Annahmen und der Realität zu unterscheiden: Ich denke, dass der Weihnachtsmann vor mir steht. Aber das denke ich nur, denn in Wirklichkeit ist das der Herr Müller von nebenan, der sich als Weihnachtsmann verkleidet hat.

Bis dieser Entwicklungsschritt vollzogen ist, gilt für die kindliche Perspektive: Wenn die Person vor mir aussieht wie der Weihnachtmann, dann muss das auch der Weihnachtsmann sein. „Da hilft es dann auch nichts, wenn der Herr Müller seine Verkleidung ablegt“, sagt Roeders. „Sobald er sie wieder anzieht, ist er wieder der Weihnachtsmann. Das können Sie mehrfach wiederholen.“

Kindlicher Glaube durchaus nützlich

Der Glaube an den Weihnachtsmann oder das Christkind im Vorschulalter ist also völlig normal und das Nebenprodukt einer gesunden geistigen Entwicklung. Schaden wird diese vorübergehende Falschannahme nicht. Sie mag der Entwicklung der Persönlichkeit sogar zugutekommen, wie die Psychologin Lynda Breen vom Alder Hey Children’s Hospital in Liverpool 2004 in einem Fachmagazin schrieb. Nach ihrer Überzeugung kann der Glaube an den Weihnachtsmann die moralische Entwicklung fördern – nicht nur, weil dieser „weiß“, ob die Kleinen artig waren oder nicht. Kinder, die Briefe an den Weihnachtsmann schreiben, schließen in ihre Wunschliste oftmals auch Arme oder Kranke mit ein. Der Weihnachtsmann begleite die Kinder daher auch als Symbol für Großzügigkeit und Fürsorge und vermittle Gefühle wie Liebe und Trost, wie die Psychologin folgert.

Und selbst wenn der Schwindel eines Tages auffliegt und die Kinder dahinter kommen, dass die Eltern ihnen mit der Geschichte vom Weihnachtsmann einen Bären, Verzeihung, ein Rentier aufgebunden haben, richtet das wenig Schaden an. Kanadische Wissenschaftler analysierten in einer Studie von 2009 Erhebungen aus den Jahren 1896 und 1979, in denen jeweils 1500 Kinder zwischen 7 und 13 Jahren befragt wurden, wie es ihnen mit dieser Enthüllung ging. Tatsächlich gab zwar eine ganze Reihe von Kindern an – 1896 waren es 22 Prozent, 1979 ganze 39 Prozent –, sie seien enttäuscht gewesen, als sie den Schwindel erkannten. Von den Eltern betrogen fühlten sich aber nur zwei beziehungsweise sechs Prozent der Schulkinder. Oftmals sind Kinder sogar stolz, dass sie mit dieser Erkenntnis zu den Großen gehören. Sie akzeptieren daher auch bereitwillig die Spielregeln der Eltern, und weihen beispielsweise jüngere Geschwister nicht in ihr Wissen ein.

„Als Entwicklungspsychologin gebe ich keine Ratschläge zur Erziehung“, sagt Claudia Roebers. „Aber als Mutter würde ich sagen: Spielen Sie das Spiel, solange die Kinder Spaß daran haben. Und gehen Sie dann aber auch darauf ein, wenn die Kinder älter werden und zu zweifeln beginnen.“ Dann könne man zum Beispiel fragen, was das Kind selbst glaubt. Ob der Weihnachtsmann wirklich durch den Kamin kommen oder das Christkind bei so vielen Kindern gleichzeitig sein kann. Oder ob es meint, dass Rentiere wirklich fliegen können. „Und irgendwann geht es dann vielleicht nur noch darum, welcher Nachbar dieses Jahr im Kostüm steckt. Aber das kann schließlich auch Spaß machen.“

Vom Belogenen zum Lügner

Bis es so weit ist, haben die Kinder übrigens längst eines gelernt: nämlich selbst gezielt die Unwahrheit zu erzählen oder entscheidende Details zu verschweigen, um sich so einen Vorteil zu verschaffen. Und es gelingt ihnen durchaus, Erwachsene damit an der Nase herumzuführen, wie ein Team um die Psychologin Gail Goodman von der University of California in einer Studie von 2011 herausfand. Zwar durchschauen Erwachsene in der Regel recht gut, wenn Kinder sich Geschichten ausdenken. Leugnen die Kleinen aber tatsächlich Geschehenes, fallen die Großen darauf oftmals rein.

Ich selbst habe meinen Eltern damals im Kindergarten übrigens nicht verraten, dass ich meinen Vater bereits beobachtet hatte, als er ins Nikolauskostüm geschlüpft war. Stattdessen habe ich behauptet, ich sei aus purer Überraschung mit der Wahrheit herausgeplatzt. Ich wollte so die Schelte etwas mindern. Ob sie je dahinter gekommen sind? Nun, wenn nicht, erfahren sie es spätestens jetzt.

Nase

Nase/Nasus/nose

Das Riechorgan von Wirbeltieren. In der Nasenhöhle wird die Luft durch Flimmerhärchen gereinigt, im oberen Bereich liegt das Riechepithel, mit dem Gerüche aufgenommen werden.

zum Weiterlesen:

  • Experiment zur Theory of Mind bei Kindern, Universität Bern; URL: http://​www​.entwick​lung​.psy​.unibe​.ch/​c​o​n​t​e​n​t​/​f​o​r​s​c​h​u​n​g​/​f​a​n​t​a​s​y​/​i​n​d​e​x​_​g​e​r​.html /​[Stand: 13.11.2014].
  • Block SD et al.: „That never happened“: adults‘ discernment of children’s true and false memory reports. Law Hum Behav. 2012 Oct; 36(5): 365 – 74.
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