Nicht denken, machen!

Verloren
Verloren

Dass Fußball Kopfsache ist, ist mittlerweile eine Binse. Warum ist die mentale Fitness so wichtig, wieso brechen selbst Profis plötzlich in der Leistung ein und was passiert dabei im Kopf

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Martin Korte

Veröffentlicht: 14.06.2018

Das Wichtigste in Kürze
  • Langjährig eingeübte Bewegungsmuster laufen ohne kognitive Kontrolle ab. Bewusste Gedanken senken die neuronale Effizienz eingeübter Handlungsmuster. Der Fokus auf kognitive Aspekte sorgt dafür, dass sonst hocheffiziente Bewegungsmuster zusammenbrechen.
  • Ausgelöst durch Angst und übermäßigen Stress kann eine Überaktivierung der linken und eine verminderte Aktivierung der rechten Hemisphäre zum so genannten Leistungseinbruch unter Druck führen.
  • Entspannungstechniken wie langes Ausatmen oder Meditationsübungen können negativen Emotionen entgegenwirken.
  • Das Ballen der linken Hand zur Faust für mindestens 15 Sekunden aktiviert motorische Zentren in der rechten Gehirnhälfte. Alpha-Wellen breiten sich im gesamten Gehirn aus, ein Entspannungseffekt entsteht.
  • Das so genannte Flow-Erlebnis kann als Gegenteil des Leistungseinbruchs unter Druck angesehen werden: Alles läuft wie am Schnürchen.
  • Im Sportpsychologischen Training lernen Profisportler, die Aufmerksamkeit von der Motorkontrolle wegzulenken. Sie visualisieren, wohin der Ball fliegen soll, und überlassen die Ausführung den eingeübten Handlungsmustern.
  • Die visuelle Aufmerksamkeit kann auf zwei und manchmal noch mehr Foki ausgerichtet werden.
  • Das erfordert Übung und ist energieabhängig. In Stresssituationen und bei Erschöpfung kann das dazu führen, dass die Aufmerksamkeit nicht mehr willentlich ausgerichtet werden kann, ein Tunnelblick entsteht.

Hemisphäre

Hemisphäre/-/hemisphere

Großhirn und Kleinhirn bestehen aus je zwei Hälften – der rechten und der linken Hemisphäre. Im Großhirn sind sie verbunden durch drei Bahnen (Kommissuren). Die größte Kommissur ist der Balken, das Corpus callosum.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie verrichten eine handwerkliche Arbeit. Schon seit Jahren, Sie sind sehr gut darin, machen kaum Fehler. Eines Tages kommt ihr Chef während der Arbeit auf Sie zu, richtet eine Pistole auf Sie und sagt Ihnen, dass er Sie erschießt, wenn Sie innerhalb der nächsten Minuten einen Fehler machen. Und nun die Frage: Macht das für die Ausführung ihrer Handgriffe einen Unterschied?

Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der diesjährigen Weltmeisterschaft antritt, ihren Titel zu verteidigen, ist die Situation in gewisser Weise vergleichbar. Denn auch, wenn alle Mitglieder des Teams langjährige Profis sind, die das Spiel seit früher Jugend beherrschen: Eine WM ist kein Freundschaftsspiel. Wenn beinahe eine Milliarde Menschen zuschaut, kann sich das für Spieler wie die Pistole im Nacken anfühlen.

In einer Normalsituation muss keiner der Spieler über die Bewegungen, die er auf dem Spielfeld ausführt, nachdenken. Das ist auch gar nicht nötig, die Bewegungsmuster sind über so viele Jahre intensiv eintrainiert, dass sie längst ohne bewusste Kontrolle ablaufen. Auch die Spielsituation zu analysieren, ist für die Spieler Routine. Blitzschnell erfassen sie die Positionen und Laufrichtungen von Teammitgliedern und Gegnern, die Position und Flugrichtung des Balls. Ohne darüber nachzudenken sind sie in der Lage, den Ball im vollen Lauf anzunehmen und so zu passen, dass er punktgenau in den Lauf des Mitspielers fliegt. Eine Meisterleistung des Gehirns.

Die so lange funktioniert, bis sie nicht mehr funktioniert.

Wie das aussieht, hat die Welt vor vier Jahren sehen können, als die brasilianische Mannschaft, eine der besten der Welt, plötzlich keine Kontrolle mehr über den Ball zu haben schien. Und das DFB-Team sie mit unglaublichen 7:1 vom Platz fegte.

Was war geschehen?

Tatsächlich ist das Phänomen der Wissenschaft bekannt und gut untersucht. Der Fachbegriff dafür lautet Leistungseinbruch unter Druck. Die dabei im Gehirn ablaufenden Prozesse ähneln der einer Prüfungssituation. Auch da kann trotz langer und intensiver Vorbereitung ein "Blackout" passieren. Und der Kopf scheint wie leergefegt. Dabei ist er gar nicht leer. Im Gegenteil. Und genau das ist das Problem.

Wer nicht denkt, ist klar im Vorteil

"Beim Leistungseinbruch in Drucksituationen kann man eine Dominanz der linken Gehirnhälfte feststellen", sagt Vanessa Wergin, Sportpsychologin an der Technischen Universität München (TUM). Ihr zufolge werden verschiedene Gründe dafür verantwortlich gemacht. "Eine große Rolle dürfte die Aktivierung der Sprachzentren im linken Schläfenlappen spielen. Das hat viel mit Selbstgesprächen zu tun." Das Reflektieren über die eigenen Handlungen regt Gehirnzentren an, die, salopp gesagt, besser die Klappe halten sollten. Prof. Jürgen Beckmann, Lehrstuhlinhaber für Sportpsychologie an der TUM, führt zwei weitere Gründe für den Leistungseinbruch unter Druck an, die in verschiedenen Szenarien untersucht wurden und gut belegt sind.

Die erste und wichtigste: Angst! "Aus der Angst zu versagen entsteht zweitens die Motivation, sich besonders stark auf die Ausführung der entsprechenden Tätigkeit zu konzentrieren." Und mit dieser gut gemeinten Intention nimmt das Schicksal seinen Lauf. Denn Profifußballer haben durch ihr jahrelanges Training die Bewegungsabläufe so hoch automatisiert, dass eine Konzentration auf die kognitive Kontrolle gar nicht mehr nötig ist. "Im Gegenteil, das Bemühen, die Bewegungsausführung bewusst zu kontrollieren, sorgt dafür, dass dieses hocheffiziente Bewegungsmuster zusammenbricht", so Beckmann. "Wir sehen dann im EEG typischerweise eine starke Aktivierung in den Bereichen der linken Hemisphäre, die etwas mit den bewussten Darstellungen von regelhaftem Wissen zu tun haben." Regeln, die man einst vom Trainer gelernt hat, etwa beim Elfmeterschießen bloß nicht nach hinten zu fallen, werden innerlich verbalisiert und greifen in den Bewegungsablauf ein. "Dadurch wird der Ablauf in seiner Flüssigkeit beeinträchtigt und die Effizienz ist reduziert."

Hinzu kommt laut Beckmann, "dass manche Bereiche im Scheitellappen der rechten Gehirnhälfte, die eigentlich unterstützend auf automatisierte Bewegungsausführungen wirken, insbesondere, wenn es um die Orientierung im Raum geht, nahezu abgeschaltet sind." Weil Prozesse in die Handlung mit einbezogen werden, die längst überflüssig geworden sind, können dann selbst Experten auf die Ausführungsmuster von Novizen zurückfallen.

Wer in einer solchen Situation nicht denkt, ist also klar im Vorteil. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn auch für Profi-Fußballer ist eine WM keine Routine. Der Druck ist so enorm, dass Prof. Stefan Treue den dadurch entstehenden Stress als "pathologischen Zustand" beschreibt. Der kognitive Neurowissenschaftler und Direktor des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen untersucht die Mechanismen von Aufmerksamkeit und weiß: "In einer derartigen Ausnahmesituation verändert sich die gesamte Wahrnehmung." Können wir normalerweise unsere Aufmerksamkeit willentlich ausrichten, gelingt das unter großem Stress nicht mehr.

Für die Fokussierung der räumlichen Aufmerksamkeit sorgt ein Areal innerhalb des visuellen Systems, das zum prämotorischen Cortex (ein Gehirnareal vor dem motorischen Cortex im Stirnlappen) gehört und auch an der Steuerung der Augenmuskeln beteiligt ist: das frontale Augenfeld. Die Doppelfunktion führt dazu, dass wir im Normalzustand unsere Aufmerksamkeit auf den Bereich ausrichten, den wir im Blick haben. Wenn jedoch zum ohnehin großen Druck Angst hinzukommt und der Stress pathologische Ausmaße annimmt, dann nehmen evolutionär uralte Muster das Heft in die Hand. Aufmerksamkeitsforscher Treue zufolge wird "das System bis auf den überlebenswichtigen Teil runtergefahren." Man spricht auch von "fight or flight", Kampf oder Flucht. Was bei der Flucht vor einem angreifenden Löwen hilfreich sein mag, ist eher hinderlich, wenn der Angreifer ein Dribbelkönig vom Schlage eines Ronaldo ist. Statt den Überblick zu wahren, entsteht ein sprichwörtlicher Tunnelblick. "Das ist fatal in Spielsituationen, bei denen sie auf Informationen aus der Peripherie angewiesen sind."

Temporallappen

Temporallappen/Lobus temporalis/temporal lobe

Der Temporallappen ist einer der vier großen Lappen des Großhirns. Auf Höhe der Ohren gelegen erfüllt er zahlreiche Aufgaben – zum Temporallappen gehören der auditive Cortex genauso wie der Hippocampus und das Wernicke-​Sprachzentrum.

EEG

Elektroencephalogramm/-/electroencephalography

Bei dem Elektroencephalogramm, kurz EEG handelt es sich um eine Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Gehirns (Hirnströme). Die Hirnströme werden an der Kopfoberfläche oder mittels implantierter Elektroden im Gehirn selbst gemessen. Die Zeitauflösung liegt im Millisekundenbereich, die räumliche Auflösung ist hingegen sehr schlecht. Entdecker der elektrischen Hirnwellen bzw. des EEG ist der Neurologe Hans Berger (1873−1941) aus Jena.

Parietallappen

Parietallappen/Lobus parietalis/parietal lobe

Wird auch Scheitellappen genannt und ist einer der vier großen Lappen der Großhirnrinde. Er liegt hinter dem Frontal– und oberhalb des Occipitallappens. In seinem vorderen Bereich finden somatosensorische Prozesse statt, im hinteren werden sensorische Informationen integriert, wodurch eine Handhabung von Objekten und die Orientierung im Raum ermöglicht werden.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Frontallappen

Frontallappen/Lobus frontalis/frontal lobe

Der frontale Cortex ist der größte der vier Lappen der Großhirnrinde und entsprechend umfassend sind seine Funktionen. Der vordere Bereich, der so genannte präfrontale Cortex, ist für komplexe Handlungsplanung (so genannte Exekutivfunktionen) verantwortlich, die auch unsere Persönlichkeit prägt. Seine Entwicklung (Myelinisierung) braucht bis zu 30 Jahren und ist selbst dann noch nicht ganz abgeschlossen. Weitere wichtige Bestandteile des frontalen Cortex sind das Broca-​Areal, welches unser sprachliches Ausdrucksvermögen steuert, sowie der primäre Motorcortex, der Bewegungsimpulse in den gesamten Körper aussendet.

Wenn dem Gehirn die Puste ausgeht

Hinzu kommt, laut Stefan Treue, ein weiteres Problem. Zwar konnte er in seinen Forschungen zeigen, dass die visuelle Aufmerksamkeit aufgespaltet werden kann, so dass zwei Dinge unabhängig voneinander wahrgenommen werden können. Allerdings ist das mit Aufwand verbunden. "Unser Gehirn ist ein großer Energieverbraucher. In einer Stresssituation kann es sein, dass sie gar nicht mehr die Energie haben, um ihre Aufmerksamkeit zu hundert Prozent willentlich auszurichten. Gerade beim Teamsport müssen die Spieler sehr viele Informationen verarbeiten, da kann es sein, dass ihnen irgendwann nervlich die Puste ausgeht". Dass man die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, trainieren kann, kann man gut an Kindern beobachten. Lassen sich kleine Kinder noch sehr leicht ablenken, verbessert sich dies bei jedem von uns im Lauf des Lebens. Und auch Erwachsene können die Konzentrationsfähigkeit durch Meditation und andere Übungen trainieren. Aber, so Stefan Treue: "wenn Stress dazu kommt, ist das eine extreme Herausforderung."

Es hat also gute Gründe, dass sich der DFB vermehrt der Entwicklung mentaler Fähigkeiten zuwendet Schließlich kann man nicht nur Konzentrationsfähigkeit trainieren, sondern auch den Umgang mit Emotionen. Ziel ist es, laut dem Psychologen Beckmann, störende Gedanken zu beseitigen. "Ein Spieler, der in sich ruht, ausgeglichen ist, vielleicht auch Entspannungstraining regelmäßig betreibt oder Meditation, der lässt sich nicht so leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Sonst führt der Stress dazu, dass die Spieler "vom Akteur zum Reakteur werden", wie Beckmann es ausdrückt. "Die negative Stimmung, die entsteht, führt dazu, dass man nicht mehr das Heft in die Hand nimmt und keine Initiative mehr ergreift, sondern lediglich versucht, Schaden abzuwehren." Statt nicht zu denken, scheinen die Spieler laut Beckmanns Doktorandin Wergin eher der Faustregel zu folgen, "wer nichts macht, kann nichts falsch machen". Sie konnte in ihren Studien nachweisen, dass das wörtlich zu verstehen ist: die Laufleistung einiger Spieler sinkt in Teameinbruchsituationen nachweislich und dramatisch. Insofern ist der Fachbegriff "Leistungseinbruch unter Druck" eine genaue Beschreibung dessen, was Spielern in einer solchen Situation passiert: "Die bleiben nahezu stehen!"

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Ein Spieler gewinnt das Spiel nicht, es ist immer die Mannschaft

Das kann zum Zusammenbruch des gesamten Teams führen. Man spricht von Reaktionsansteckung. Dann kann auch eine brasilianische Nationalmannschaft auf dem Platz stehen und eine Leistung zeigen wie eine Jugendmannschaft. Andererseits kann ein gut funktionierendes Team den Einbruch eines Einzelnen ausgleichen. Für Vanessa Wergin kann das der Schlüssel zum Erfolg sein: "Ein Spieler gewinnt das Spiel nicht, es ist immer die Mannschaft. Was die Deutschen 2014 zum Sieg führte, war, dass sie als Team funktioniert haben." Sind die Spieler ruhig und aufmerksam und ist das Team in guter Stimmung, dann kann es laut Wergin zu einer Situation kommen, die wohl jeder Sportler anstrebt. Das so genannte Flow-Erlebnis. "Man kann sich das als das Gegenteil von Teameinbruch vorstellen: wenn alles läuft, wie von selbst." Dann schauen sich die Spieler eben nicht selber kritisch dabei zu, was sie machen. Sie agieren, ohne darüber nachzudenken. Sie haben sozusagen den Kopf ausgeschaltet und überlassen die Handlungen den so oft eingeübten Bewegungsmuster. Der Idealzustand.

Um das zu erreichen, wird im sportpsychologischen Training geübt, die Aufmerksamkeit von der bewussten Kontrolle der Bewegungsausführung wegzulenken. Die Spieler lernen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die im Idealfall die Ausführung der Tätigkeit nicht hindern, sondern noch unterstützen. Laut Jürgen Beckmann ist es dabei wichtig, die Aufmerksamkeit eben nicht auf die körperliche Ausführung der Aktion zu richten, sondern auf das, was mit dem Ball passieren soll. "Wenn die Spieler visualisieren, wohin der Ball genau fliegen soll, sorgt das im Idealfall dafür, dass die entsprechenden neuronalen Netzwerke aktiviert werden und sie zudem kognitiv so beschäftigt sind, dass sie an gar nichts anderes denken können." Dies gelingt nicht immer. Daher hat Beckmann mit Kollegen eine einfache Technik entwickelt, die auf seiner These der überaktiven linken Hemisphäre aufbaut und sich in Experimenten und auch realen Wettkämpfen als sehr effizient erwiesen hat: "Das Ballen der linken Hand zur Faust für etwa 15 Sekunden bewirkt eine Aktivierung im motorischen Cortex der rechten Gehirnhälfte. Das bewirkt einen Reset im Gehirn. Wir sehen dann im EEG, dass sich im Gehirn Alpha-Wellen ausbreiten. Das heißt so viel wie Entspannung. Und dadurch sehen wir auch die ungünstige Aktivierung in der linken Gehirnhälfte schwinden. Wir konnten in vielen Studien zeigen, dass diese Technik die Leistung von Elfmeterschützen so stabilisieren lässt, dass sie auch in Drucksituationen ihre normale Leistungsfähigkeit zeigen können. Der Leistungseinbruch unter Druck wurde in unseren Studien vollständig eliminiert."

Ob DFB-Teampsychologe Hans-Dieter Herrmann von diesen Studien weiß, ist Beckmann nicht bekannt. Die Wichtigkeit der Mannschaftssituation jedoch sehr wohl. Im Trainingslager in Tirol wurden daher bis kurz vor der Abreise nach Russland Team-bildende Maßnahmen durchgeführt. Sollten Sie einmal gefühlt um ihr Leben dribbeln müssen und kein Team zur Unterstützung hinter sich haben, dann atmen sie langsam aus, ballen die linke Hand für mindestens fünfzehn Sekunden zur Faust. Ihr Fuß weiß dann schon, was zu tun ist.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Hemisphäre

Hemisphäre/-/hemisphere

Großhirn und Kleinhirn bestehen aus je zwei Hälften – der rechten und der linken Hemisphäre. Im Großhirn sind sie verbunden durch drei Bahnen (Kommissuren). Die größte Kommissur ist der Balken, das Corpus callosum.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

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