Andere Verstehen – eine Einführung

Jennifer Conner / Vetta / Getty Images
Autor: Tanja Krämer

Nachvollziehen, was andere vorhaben, denken, fühlen: Ohne Empathie und Einfühlungsvermögen wäre ein Miteinander unmöglich. Nicht alle beherrschen die neuronal verankerten Fähigkeiten gleich gut. Doch nur durch sie werden wir zu sozialen Wesen.

Wissenschaftliche Betreuung: Claus Lamm

Veröffentlicht: 30.11.2011

Das Wichtigste in Kürze
  • Die Fähigkeit zum Nachvollziehen von Plänen und Absichten (Theory of Mind) und zum Mitfühlen von Emotionen ist eine wichtige soziale Eigenschaft des Menschen.
  • Schon kleine Kinder zeigen Hinweise auf diese Fähigkeiten, vermutlich entwickeln sie sich jedoch nach und nach im Zuge der Hirnentwicklung und der Erziehung.
  • Die Fähigkeit zur Theory of Mind und zur Empathie kann individuell unterschiedlich ausgeprägt sein, bis hin zum völligen Fehlen der Empahtie, durch welche sich Psychopathen auszeichnen.
  • Die Inselrinde im Gehirn scheint bei der Empathie eine wichtige Rolle zu spielen. Es sind jedoch auch andere Hirnareale aktiv.
  • An der Theory of Mind ist das ‚soziale neuronale Netzwerk‘ beteiligt. Ob auch Spiegelneurone relevant sind und wenn ja, wie stark, wird noch diskutiert.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Empathie

Empathie/-/empathy

Der Begriff „Empathie“ geht auf das altgriechische Wort für „Leidenschaft“ zurück. Heute versteht man unter Empathie das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen nachzuvollziehen. Die physiologische Basis dafür sehen viele Neurowissenschaftler in den Spiegelneuronen: Nervenzellen, die beim Beobachten einer Handlung ebenso aktiv sind wie bei deren Ausführung.

Insellappen

Insellappen/Lobus insularis/insula

Der Insellappen ist ein eingesenkter Teil des Cortex (Großhirnrinde), der durch Frontal-​, Temporal– und Parietallappen verdeckt wird. Diese Überlagerung wird Opercula (Deckel) genannt. Die Insula hat Einfluss auf die Motorik und Sensorik der Eingeweide und gilt in der Schmerzverarbeitung als Verbindung zwischen kognitiven und emotionalen Elementen.

Spiegelneurone

Spiegelneurone/-/mirror neurons

Nervenzellen im Gehirn von Primaten, die genauso feuern, wenn ihre Besitzer eine Handlung beobachten wie wenn sie diese selbst durchführen. Anfang der 1990er waren italienische Forscher auf diese besonderen Neuronen gestoßen, als sie mit Makaken experimentierten. Später wurden Spiegelneurone auch im menschlichen Gehirn nachgewiesen. Hier kommen sie unter anderem im Broca-​Areal vor, das für die Sprachverarbeitung verantwortlich ist. Die Spiegelneurone könnten eine Erklärung dafür liefern, warum wir in der Lage sind, die Gefühle und Absichten anderer nachzuvollziehen. Die Diskussion darum ist noch nicht abgeschlossen.

Gerade anderthalb Jahre ist die kleine Lisa alt. Beim Laufen ist sie noch äußerst wackelig auf den Beinen, das Sprechen klappt auch noch nicht so recht. Und die Umwelt versetzt sie regelmäßig in Staunen. Auch dieser junge Mann, der vor sich auf dem Boden zwei Boxen stehen hat und in eine davon eine kleine Raupe aus Plüsch legt, bevor er den Raum verlässt. Noch merkwürdiger wird es, als nun eine Frau das Plüschtier heimlich in die andere Box legt. Sie wolle dem Mann einen Streich spielen, sagt sie, und verschließt beide Kästen fest. Dann ist der Mann wieder da, geht zur Box, in die er sein Spielzeug legte und versucht vergeblich, sie zu öffnen. Ein seltsames Szenario. Aber auch eines, in dem die kleine Lisa zeigen kann, was in ihr steckt: Aufgefordert, dem Mann zu helfen, läuft die Kleine bereitwillig los. Ohne zu zögern werkelt sie an der anderen Kiste herum – wissend, dass das begehrte Spielzeug dort versteckt ist. Und eben nicht da, wo der Besitzer es vermutet.

Einfühlen als wichtige soziale Fähigkeit

Die Gedanken anderer erahnen zu können und daraus auf ihre Vorhaben, Pläne und Absichten zu schließen, ist eine wichtige soziale Fähigkeit. Sie wird Theory of Mind – Theorie des Geistes – genannt und ist eine maßgebliche Voraussetzung für ein konfliktfreies und kooperatives Miteinander. Theory of Mind (Interaktive Grafik)

Beschreibt ToM – wie Wissenschaftler gerne sagen – die Fähigkeit, sich in die Gedankenwelt eines Mitmenschen hineinzuversetzen, ist die Empathie das Analogon für das emotionale Erleben. Also die Fähigkeit, auf die Gefühle anderer nicht nur zu schließen, sondern diese auch nachempfinden zu können. Gemeinsam stellen Theory of Mind und Empathie die Basis für alle Konzepte von Menschlichkeit, Anteilnahme, Mitgefühl oder dem christlich geprägten Begriff der Nächstenliebe dar. Sogar der Wirtschaftswissenschaftler Adam Smith, einer der Begründer der klassischen Nationalökonomie, schrieb in seinem Buch „Theorie der ethischen Gefühle“, eine Gesellschaft ohne Mitgefühl sei undenkbar, weil ohne sie keine dauerhaften Beziehungen entstehen könnten.

Beide Fähigkeiten scheinen fest im Menschen verankert zu sein. Säuglinge weinen, wenn andere Kinder heulen, und lassen sich vom Lachen der Eltern anstecken. Und bereits im Alter von eineinhalb bis drei Jahren scheint sich bei Kleinkindern die Theory of Mind zu entwickeln, wie der eingangs beschriebene Versuch von Wissenschaftlern des Leipziger Max-​Planck-​Instituts für evolutionäre Anthropologie aus dem Jahr 2009 zeigt – wenn es auch schwierig ist, die jungen Probanden daraufhin zu untersuchen. Schließlich können sich die Kleinsten meist noch nicht allzu differenziert zu ihrer Gedankenwelt äußern.

Bei Erwachsenen gelingt dies schon besser, und so widmen sich die meisten Untersuchungen zu Theory of Mind und Empathie den etwas älteren Semestern. Mit bildgebenden Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomografie, welche über den Sauerstoffgehalt des Blutes die unterschiedliche Aktivität von Hirnarealen erkennbar macht, und ausgefallenen Versuchsanordnungen versuchen Forscher so, den Grundlagen unseres Sozialverhaltens nachzuspüren. Dabei zeigen sie ihren Probanden etwa Bilder von lachenden oder weinenden Menschen, verabreichen Paaren abwechselnd leichte Stromschläge oder beobachten, wie die Probanden auf Figuren aus Computerspielen reagieren. Die Ergebnisse solcher Experimente sind teilweise verblüffend.

Empathie

Empathie/-/empathy

Der Begriff „Empathie“ geht auf das altgriechische Wort für „Leidenschaft“ zurück. Heute versteht man unter Empathie das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen nachzuvollziehen. Die physiologische Basis dafür sehen viele Neurowissenschaftler in den Spiegelneuronen: Nervenzellen, die beim Beobachten einer Handlung ebenso aktiv sind wie bei deren Ausführung.

Psychopathen fehlt die Empathie

So scheint es etwa Menschen zu geben, die sich zwar sehr gut in andere hineinversetzen können, die charmant sind, genau wissen, was ihr Gegenüber hören will – denen aber die Empathie völlig abgeht, die also auf die Gefühle Anderer keine Rücksicht nehmen. Die Rede ist von Psychopathen. Und davon gibt es, will man den Forschern Glauben schenken, mehr als bislang gedacht: Viele leben vermutlich unerkannt mitten unter uns. Denn nicht immer wird ein Psychopath gewalttätig oder kriminell. Bisweilen ist ihre fehlende Empathie der Karriere sogar förderlich, so dass man sie auch in Chefetagen findet.

Andererseits scheint es Krankheiten zu geben, die zu einer verstärkten Theory-​of-​Mind-​Fähigkeit führen. Schizophrenie-​Patienten etwa zeichnen sich oft durch ein übersteigertes Einfühlungsvermögen aus, fühlen nicht nur mit Menschen mit, sondern in Extremfällen auch mit Bäumen oder Steinen. Und Depressive scheinen das Leiden anderer besonders stark nachzuempfinden, sind also besonders empathisch. Im Allgemeinen jedoch gilt: Ob und wie stark wir auf jemanden empathisch reagieren, ist individuell verschieden – und abhängig von Erfahrung und Erziehung. So können sich richtige Meister der Empathie herausbilden. Spezialisten für Empathie

Empathie

Empathie/-/empathy

Der Begriff „Empathie“ geht auf das altgriechische Wort für „Leidenschaft“ zurück. Heute versteht man unter Empathie das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen nachzuvollziehen. Die physiologische Basis dafür sehen viele Neurowissenschaftler in den Spiegelneuronen: Nervenzellen, die beim Beobachten einer Handlung ebenso aktiv sind wie bei deren Ausführung.

Empathie

Empathie/-/empathy

Der Begriff „Empathie“ geht auf das altgriechische Wort für „Leidenschaft“ zurück. Heute versteht man unter Empathie das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen nachzuvollziehen. Die physiologische Basis dafür sehen viele Neurowissenschaftler in den Spiegelneuronen: Nervenzellen, die beim Beobachten einer Handlung ebenso aktiv sind wie bei deren Ausführung.

Evolutionäre Entwicklung

Weil bis auf wenige Ausnahmen alle Menschen Theory of Mind beherrschen und anderen gegenüber mitfühlend sind, vermuteten Forscher schon früh, dass die Fähigkeit hierzu vererbt wird Geborene Gedankenleser. Studien an Menschenaffen erhärteten diesen Verdacht: Auch unsere evolutionär engsten Verwandten sind – in begrenztem Umfang – zur Theorie des Geistes fähig. Im „Pongoland“ im Leipziger Zoo etwa bewiesen Schimpansen bei manchen Versuchen, dass sie mit dem Einfühlungsvermögen kleiner Menschenkinder durchaus mithalten können. Schimpansen-​Schach

Sowohl bei den Menschenaffen, als auch bei den Menschen müssen also beim Einfühlen in andere spezielle Hirnareale aktiv sein. Weil man Menschenaffen jedoch nicht ohne weiteres dazu bringen kann, bewegungslos in einem Hirnscanner zu liegen, konzentrieren sich die Neurowissenschaftler in erster Linie auf die Untersuchung menschlicher Hirnaktivitäten.

Neuronale Grundlagen des Mitfühlens

Die sind spannend genug: Denn an der Theory of Mind scheint nicht nur ein ganzes Netzwerk von Hirnarealen beteiligt zu sein, das die Wissenschaftler ‚soziales neuronales Netzwerk‘ nennen. „Unterschiede in diesen Hirnregionen können bei Erwachsenen auch Unterschiede dahingehend erklären, wie wir andere Menschen unterschiedlich beurteilen und wie wir über sie denken“, sagt Rebecca Saxe vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Auch unsere Empathie-​Fähigkeit wurde im Hirnscanner bestimmten Arealen zugeordnet. Darunter alte Bekannte wie der cinguläre Cortex und auch die Amygdala, die schon lange mit der Emotionsverarbeitung in Verbindung gebracht wird. Aber auch bislang eher anderweitig assoziierte Hirnregionen wie die Inselrinde, die Studien zufolge aktiv wird, wenn wir bei anderen Schmerz erleben und ihn dann nachempfinden. Die Neurobiologie des Mitfühlens

Zudem hat möglicherweise auch ein umstrittener Star unter den Nervenzellen seine Axone mit im Spiel: die Spiegelneurone. Viele Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass diese Nervenzellen, die sowohl bei eigenen als auch bei der Beobachtung fremder Bewegungen feuern, eine neuronale Grundlage für Empathie und Theory of Mind bilden. Doch diese Ansicht ist durchaus umstritten. Denn seit ihrer Entdeckung mussten die Spiegelneurone für viele Eigenschaften des Menschen Pâté stehen – ob Gähnen, Kulturfähigkeit, Sprache, Kooperation oder eben Empathie. Spieglein, Spieglein im Gehirn

Noch ist die Rolle der Spiegelneurone nicht abschließend geklärt. Doch der Gesamtleistung tut das keinen Abbruch: Ohne unsere Fähigkeit, uns in andere hineinzudenken und mit ihnen mitzufühlen, entstünde weder der Sog eines gut geschriebenen Romans noch der Kitzel beim Gruselfilm im Kino. Es gäbe keinen Anlass, die eigenen Kinder nach dem Sturz vom Fahrrad in den Arm zu nehmen, noch der besten Freundin beim Liebeskummer beizustehen. Kurz: Ohne Empathie und Einfühlungsvermögen wäre unsere Welt ein ganzes Stück ärmer und kälter.

Cingulärer Cortex

Cingulärer Cortex/Cortex cingularis/cingulate cortex

Ein Bestandteil des präfrontalen Cortex, der sich auf der Stirnseite des Gehirns befindet. Wie ein halber Donut windet sich der cinguläre Cortex um den Balken. Funktionell gehört er zum limbischen System, das triebgesteuerte Verhaltensweisen reguliert.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Axon

Axon/-/axon

Das Axon ist der Fortsatz der Nervenzelle, der für die Weiterleitung eines Nervenimpulses zur nächsten Zelle zuständig ist. Ein Axon kann sich vielfach verzweigen, und so eine Vielzahl nachgeschalteter Nervenzellen erreichen. Seine Länge kann mehr als einen Meter betragen. Das Axon endet in einer oder mehreren Synapse(n).

Spiegelneurone

Spiegelneurone/-/mirror neurons

Nervenzellen im Gehirn von Primaten, die genauso feuern, wenn ihre Besitzer eine Handlung beobachten wie wenn sie diese selbst durchführen. Anfang der 1990er waren italienische Forscher auf diese besonderen Neuronen gestoßen, als sie mit Makaken experimentierten. Später wurden Spiegelneurone auch im menschlichen Gehirn nachgewiesen. Hier kommen sie unter anderem im Broca-​Areal vor, das für die Sprachverarbeitung verantwortlich ist. Die Spiegelneurone könnten eine Erklärung dafür liefern, warum wir in der Lage sind, die Gefühle und Absichten anderer nachzuvollziehen. Die Diskussion darum ist noch nicht abgeschlossen.

Empathie

Empathie/-/empathy

Der Begriff „Empathie“ geht auf das altgriechische Wort für „Leidenschaft“ zurück. Heute versteht man unter Empathie das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen nachzuvollziehen. Die physiologische Basis dafür sehen viele Neurowissenschaftler in den Spiegelneuronen: Nervenzellen, die beim Beobachten einer Handlung ebenso aktiv sind wie bei deren Ausführung.

zum Weiterlesen:

  • Buttelmann, D. et al.: Eighteen-​month-​old Infants Show False Belief Understanding in an Active Helping Paradigm. Cognition. 2009; 112:337 – 342 (zum Abstract).
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