Spieglein, Spieglein im Gehirn

Copyright: Meike Ufer

Wissenschaftliche Betreuung: Nicole Wenderoth

Veröffentlicht: 01.12.2011

Das Wichtigste in Kürze
  • Die ersten Spiegelneuronen entdeckten Wissenschaftler im prämotorischen Cortex eines Affen. Die speziellen Nervenzellen feuerten nicht nur, wenn das Tier selbst nach Objekten griff, sondern auch, wenn es dabei zusah. Mittlerweile ist ihre Existenz auch beim Menschen nachgewiesen.
  • Giaccomo Rizzolatti, Vittorio Gallese und Leonardo Fogassie, die Entdecker der Spiegelneuronen, vermuteten, dass die Zellen Handlungen erkennen und dem Individuum erlauben, diese im Geiste zu simulieren und so die Absichten des Gegenübers zu verstehen. Diese Hypothese scheint sich jedoch nicht ganz zu bewahrheiten.
  • Es wird immer deutlicher, dass das zwischenmenschliche Miteinander mehrere Systeme im Gehirn beansprucht. Den Spiegelneuronen kommt dabei möglicherweise die Aufgabe zu, eine Aktion zu erkennen und für Handlungsbereitschaft zu sorgen. Gilt es aber das Verhalten des Gegenübers inhaltlich nachzuvollziehen oder seine Emotionen mitzuempfinden, übernehmen andere neuronale Netzwerke.

Es begann alles mit einer Rosine. Und mit einem unglaublichen Zufall. Denn eigentlich hatten die italienischen Neurophysiologen Giacomo Rizzolatti, Vittorio Gallese und Leonardo Fogassi an diesem Tag etwas völlig anderes im Sinn. Sie wollten wissen, wie das Säugerhirn Bewegungen plant. Dafür platzierten sie einige haarfeine Elektroden im Denkorgan eines Makakenäffchens, genauer gesagt, in einem Areal namens F5 des prämotorischen Cortex, einer Hirnregion, in der Handlungen geplant und angestoßen werden. So konnten sie die Aktivität einzelner Neuronen messen, während das Tier nach verschiedenen Objekten griff, nach Obststückchen etwa, Nüssen oder Spielzeug. Dann aber langte einer der Forscher selbst nach einer Rosine – und sorgte für großes Erstaunen im Labor der Universität Parma: Obwohl sich der Affe selbst nicht bewegt hatte, erscholl aus dem Lautsprecher ein hartes „Tack-​tack-​tack-​tack“, ein Zeichen dafür, dass die angezapfte Nervenzelle feuerte.

Das konnte nicht sein. Oder vielleicht doch? Die Geräte waren jedenfalls voll funktionsfähig, und das seltsame Messergebnis ließ sich zuverlässig wiederholen. Ein und dieselbe prämotorische Nervenzelle wurde aktiv – egal, ob der Affe selbst nach dem Objekt seiner Begierde griff oder nur zusah, wie jemand anderes das tat. Langsam dämmerte den Wissenschaftlern, dass sie etwas völlig Neues gefunden hatten. Ihre Entdeckung tauften sie „Spiegelneuronen“ – Nervenzellen, die das Beobachtete spiegeln. Und so die Basis für –

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Vollmundige Prophezeiungen

Natürlich dauerte es seine Zeit, bis das Team aus Parma Mitte der 1990er Jahre mit seinen Ergebnissen an die Öffentlichkeit ging und bis die Forschergemeinde diese auch akzeptierte. Doch dann lösten die Spiegelneuronen einen wahren Hype aus. Plötzlich sollten sie für alles herhalten: Ein ansteckendes Gähnen? Spiegelneuronen! Tränen im Kino? Spiegelneuronen! Ein Baby, das beim Spiel mit der Mutter zurücklächelt? – Auch das ein klarer Fall für die Spiegelneuronen.

Der Interpretationswahn ging noch weiter: Kulturfähigkeit, Religion, Sprache, Empathie, Ich-​Entgrenzung – bei fast allen Aspekten des menschlichen Miteinanders sah man eine Rolle für die Stars unter den Nervenzellen. Von „Dalai-​Lama-​Neuronen“ sprach der indische Neurologe Vilayanur Ramachandran vom Center for Brain and Cognition an der University of California in San Diego, von Neuronen, „welche die Grenze zwischen dir und deinem Gegenüber auflösen“. Dank dieser Zellen übersetze das Gehirn mühelos eine beobachtete Szene in etwas selbst Erlebtes, glaubten viele und wollten hier ebenso die Wurzeln des Mitgefühls sehen wie die neuronale Basis der Fähigkeit, andere zu verstehen. „Ich prognostiziere, dass die Spiegelneuronen für die Psychologie das sein werden, was die DNA für die Biologie war“, ließ Ramachandran im Jahr 2000 vollmundig verlauten.

Spiegelneurone

Spiegelneurone/-/mirror neurons

Nervenzellen im Gehirn von Primaten, die genauso feuern, wenn ihre Besitzer eine Handlung beobachten wie wenn sie diese selbst durchführen. Anfang der 1990er waren italienische Forscher auf diese besonderen Neuronen gestoßen, als sie mit Makaken experimentierten. Später wurden Spiegelneurone auch im menschlichen Gehirn nachgewiesen. Hier kommen sie unter anderem im Broca-​Areal vor, das für die Sprachverarbeitung verantwortlich ist. Die Spiegelneurone könnten eine Erklärung dafür liefern, warum wir in der Lage sind, die Gefühle und Absichten anderer nachzuvollziehen. Die Diskussion darum ist noch nicht abgeschlossen.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Kein Anlass zur Überinterpretation

Doch kann ein bisschen Gewebe im Oberstübchen tatsächlich der Schlüssel zur Menschlichkeit sein? Wie menschlich wären dann Affen, die ja offensichtlich ebenfalls über diese Ausstattung verfügen? Und machen uns diese Zellen nicht schlicht zu Marionetten, die zwangsläufig auf ihr Gegenüber reagieren und diesem entsprechend handeln müssen? Der Mensch als Spielball seiner eigenen Elektrophysiologie – wem möchten da nicht Zweifel kommen!

Tatsächlich klang die Interpretation der italienischen Entdecker der Spiegelneuronen nicht ganz so blumig: Die Zellen erlaubten, die Absicht fremder Aktionen intuitiv zu verstehen, in dem wir unbewusst die Handlung simulieren und so den wahrscheinlichen Ausgang vorwegnehmen können, glaubte man in Parma. Auch Christian Keysers, der sich seine ersten wissenschaftlichen Sporen im Labor der Italiener verdiente und heute am Netherlands Institute for Neuroscience in Amsterdam forscht, beschwichtigt: „Die Aufregung war vor allem deswegen so groß, weil man mit den Spiegelneuronen erstmals einen Mechanismus entdeckt hatte, der sich auf die Intersubjektivität auswirkt, darauf, wie wir eine Handlungsplanung mit jemandem teilen können“, sagt er. Das Thema sei nach wie vor spannend, einen Anlass zur Überinterpretation sieht Keysers aber nicht. Die Vermessung des Mitgefühls

Spiegelneurone

Spiegelneurone/-/mirror neurons

Nervenzellen im Gehirn von Primaten, die genauso feuern, wenn ihre Besitzer eine Handlung beobachten wie wenn sie diese selbst durchführen. Anfang der 1990er waren italienische Forscher auf diese besonderen Neuronen gestoßen, als sie mit Makaken experimentierten. Später wurden Spiegelneurone auch im menschlichen Gehirn nachgewiesen. Hier kommen sie unter anderem im Broca-​Areal vor, das für die Sprachverarbeitung verantwortlich ist. Die Spiegelneurone könnten eine Erklärung dafür liefern, warum wir in der Lage sind, die Gefühle und Absichten anderer nachzuvollziehen. Die Diskussion darum ist noch nicht abgeschlossen.

Sie existieren – aber wozu?

Geradezu „langweilig“ findet er dagegen die Diskussion um die Übertragbarkeit der Ergebnisse vom Affen auf den Menschen – zumal es Roy Mukamel und Itzhak Fried im April 2010 gelang, die Aktivität von Spiegelneuronen im menschlichen Denkorgan direkt zu messen. Damit entkräfteten die Forscher der University of California in Los Angeles, USA, ein gewichtiges Argument der Spiegelneuronen-​Gegner: Die Zellen seien beim Menschen gar nicht nachgewiesen und bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) keine adäquate Methode, um ihre Aktivität zu bestimmen.

„Es ist Fakt, dass diese Zellen existieren, die Frage ist nur: Was machen sie?“, sagt Christian Keysers, um sofort zuzugeben, dass er darauf auch noch keine rechte Antwort weiß. Vieles deutet heute darauf hin, dass Spiegelneuronen dafür sorgen, dass Bewegungsmuster unterschwellig aktiviert werden – die Voraussetzung, um schnell auf andere zu reagieren und mit ihnen zusammenarbeiten zu können. „Achtung, hier kommt eine Information!“, könnte die Botschaft der Zellen lauten.

Allerdings feuern Spiegelneuronen auch, wenn statt eines Menschen ein Roboter Alltagshandlungen ausführt, etwa ein Glas Wein „trinkt“ oder Suppe löffelt. Das ergab eine Studie, die Keysers im Jahr 2007 gemeinsam mit seinen italienischen Kollegen in Parma durchführte. Erstaunlicherweise zeigten sich im fMRT sogar kaum Unterschiede, ob die Freiwilligen menschliche Akteure oder Blechkameraden beobachteten. Die seltsamen Nervenzellen spiegelten demnach das „Verhalten“ der Maschinen, obwohl sicherlich allen klar war, dass diese mit ihrem Tun nicht wirklich eine Absicht verfolgen. Spätestens hier wird offensichtlich: Spiegelneuronen erzählen nicht die ganze Geschichte vom menschlichen Miteinander.

Spiegelneurone

Spiegelneurone/-/mirror neurons

Nervenzellen im Gehirn von Primaten, die genauso feuern, wenn ihre Besitzer eine Handlung beobachten wie wenn sie diese selbst durchführen. Anfang der 1990er waren italienische Forscher auf diese besonderen Neuronen gestoßen, als sie mit Makaken experimentierten. Später wurden Spiegelneurone auch im menschlichen Gehirn nachgewiesen. Hier kommen sie unter anderem im Broca-​Areal vor, das für die Sprachverarbeitung verantwortlich ist. Die Spiegelneurone könnten eine Erklärung dafür liefern, warum wir in der Lage sind, die Gefühle und Absichten anderer nachzuvollziehen. Die Diskussion darum ist noch nicht abgeschlossen.

Funktionelle Magnetresonanztomographie

Funktionelle Magnetresonanztomographie/-/functional magnetic resonance imaging

Eine Modifikation der Magnetresonanztomographie oder –tomografie (MRT, englisch MRI) die die Messung des regionalen Körperstoffwechsels erlaubt. In der Hirnforschung wird besonders häufig der BOLD-​Kontrast (blood oxygen level dependent) verwendet, der das unterschiedliche magnetische Verhalten sauerstoffreichen und sauerstoffarmen Bluts nutzt. Ein hoher Sauerstoffverbrauch kann mit erhöhter Aktivität korreliert werden. fMRT-​Messungen haben eine gute räumliche Auflösung und erlauben so detaillierte Information über die Aktivität eines bestimmten Areals im Gehirn.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Spiegelzellen erkennen eine Handlung, verstehen sie aber nicht

Eine Handlung wahrzunehmen, bedeutet nicht, sie zu verstehen. Zu diesem Schluss kam Rafaella Rumiati vom neurowissenschaftlichen Forschungszentrum in Triest und kippte damit Wasser auf die Mühlen der Spiegelneuronen-​Kritiker. Die Psychologin untersuchte Apraxie-​Patienten, also Menschen, deren Gehirn derart geschädigt ist, dass sie nicht mehr in der Lage sind, bestimmte Handlungen gezielt auszuführen. Wie Rumiati feststellte, können manche Betroffene Objekte zwar nicht erkennen, nutzen sie jedoch korrekt. Andere sind dagegen nicht fähig, selbst zu agieren, wissen aber, was man mit den jeweiligen Gegenständen macht. Demnach sind Wahrnehmung und Verstehen im Denkorgan räumlich getrennt – und somit nicht in ein und demselben Spiegelneuron vereint. Kippt damit die Geschichte der Spiegelneuronen? Das Entdecker-​Team aus Parma postulierte schließlich, dass die Superzellen auch fürs Handlungsverstehen verantwortlich zeichnen. Oder muss man sie nur neu erzählen?

„Möglicherweise reagieren Spiegelneuronen zunächst auf bestimmte Formen von Bewegungen und erkennen diese als solche“, sagt Kai Vogeley vom Zentrum für Neurologie und Psychiatrie an der Universitätsklinik Köln. „Um sie in ihrem sozialen Kontext zu verstehen, braucht es aber zusätzliche Mechanismen.“ Das legen auch Ergebnisse seines Teams aus dem Jahr 2010 nahe. Die Kölner baten Versuchspersonen in den Magnetresonanztomografen und ließen sie eine Simulation beobachten, bei der sich einfache geometrische Figuren entweder wie physikalische Objekte oder wie animierte Personen bewegten.

Anschließend sollten die Probanden beurteilen, wie stark die geometrischen Formen im Verlauf des Experiments für sie in die Rolle von Personen geschlüpft waren. Interessanterweise spiegelten sich diese Einschätzungen in den fMRT-​Scans wieder: Je weniger personalisiert die Versuchspersonen die Figuren empfanden, desto stärker war ihr Spiegelneuronensystem aktiv. Menschelten die Objekte mehr, wurde es vom Theory-​of-​Mind-​Netzwerk abgelöst, zu dem unter anderem Regionen im Stirnhirn und im Scheitellappen sowie der temporo-​parietale Übergang zählen. Diesem Netzwerk ordnen Wissenschaftler eine zentrale Rolle zu, wenn es darum geht, sich in andere hineinzuversetzen, also deren Handlungen zu verstehen und nachzuvollziehen.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Spiegelneurone

Spiegelneurone/-/mirror neurons

Nervenzellen im Gehirn von Primaten, die genauso feuern, wenn ihre Besitzer eine Handlung beobachten wie wenn sie diese selbst durchführen. Anfang der 1990er waren italienische Forscher auf diese besonderen Neuronen gestoßen, als sie mit Makaken experimentierten. Später wurden Spiegelneurone auch im menschlichen Gehirn nachgewiesen. Hier kommen sie unter anderem im Broca-​Areal vor, das für die Sprachverarbeitung verantwortlich ist. Die Spiegelneurone könnten eine Erklärung dafür liefern, warum wir in der Lage sind, die Gefühle und Absichten anderer nachzuvollziehen. Die Diskussion darum ist noch nicht abgeschlossen.

Spiegelneurone

Spiegelneurone/-/mirror neurons

Nervenzellen im Gehirn von Primaten, die genauso feuern, wenn ihre Besitzer eine Handlung beobachten wie wenn sie diese selbst durchführen. Anfang der 1990er waren italienische Forscher auf diese besonderen Neuronen gestoßen, als sie mit Makaken experimentierten. Später wurden Spiegelneurone auch im menschlichen Gehirn nachgewiesen. Hier kommen sie unter anderem im Broca-​Areal vor, das für die Sprachverarbeitung verantwortlich ist. Die Spiegelneurone könnten eine Erklärung dafür liefern, warum wir in der Lage sind, die Gefühle und Absichten anderer nachzuvollziehen. Die Diskussion darum ist noch nicht abgeschlossen.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Parietallappen

Parietallappen/Lobus parietalis/parietal lobe

Wird auch Scheitellappen genannt und ist einer der vier großen Lappen der Großhirnrinde. Er liegt hinter dem Frontal– und oberhalb des Occipitallappens. In seinem vorderen Bereich finden somatosensorische Prozesse statt, im hinteren werden sensorische Informationen integriert, wodurch eine Handhabung von Objekten und die Orientierung im Raum ermöglicht werden.

Nur ein Teil der Wahrheit

„Ich habe nichts gegen das Konzept der Spiegelneurone“, sagt auch Claus Lamm, der an der Universität Wien die Rolle des Inselcortex für die Empathie erforscht. „Man muss sich aber im Klaren darüber sein, dass sie nicht die ganze Geschichte erzählen.“

Die Neuversion könnte also lauten: Zwischenmenschliches Miteinander läuft im Gehirn auf mehreren Ebenen ab. Eine davon besetzen die Spiegelneuronen, indem sie eine beobachtete Handlung als solche registrieren und Aktionen anderer nachvollziehbar machen. So legen sie den Grundstein für ein soziales Miteinander. Gilt es jedoch, sich in die handelnde Person hineinzuversetzen oder deren Emotionen mitzuempfinden, müssen sie anderen Systemen das Feld überlassen.

So gesehen könnte Vilayanur Ramachandrans vollmundige Prophezeiung, die Spiegelneurone würden für die Psychologie das werden, was die DNA für die Biologie sei, der Realität sehr nahe kommen: Schließlich mussten auch die Molekularbiologen im Laufe der Jahre einsehen, dass der reine DNA-​Text nur einen winzigen Ausschnitt des Lebens zu erklären vermag.

Empathie

Empathie/-/empathy

Der Begriff „Empathie“ geht auf das altgriechische Wort für „Leidenschaft“ zurück. Heute versteht man unter Empathie das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen nachzuvollziehen. Die physiologische Basis dafür sehen viele Neurowissenschaftler in den Spiegelneuronen: Nervenzellen, die beim Beobachten einer Handlung ebenso aktiv sind wie bei deren Ausführung.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Spiegelneurone

Spiegelneurone/-/mirror neurons

Nervenzellen im Gehirn von Primaten, die genauso feuern, wenn ihre Besitzer eine Handlung beobachten wie wenn sie diese selbst durchführen. Anfang der 1990er waren italienische Forscher auf diese besonderen Neuronen gestoßen, als sie mit Makaken experimentierten. Später wurden Spiegelneurone auch im menschlichen Gehirn nachgewiesen. Hier kommen sie unter anderem im Broca-​Areal vor, das für die Sprachverarbeitung verantwortlich ist. Die Spiegelneurone könnten eine Erklärung dafür liefern, warum wir in der Lage sind, die Gefühle und Absichten anderer nachzuvollziehen. Die Diskussion darum ist noch nicht abgeschlossen.

zum Weiterlesen:

  • Keysers, C.: The Empathic Brain. Createspace, 2011 (zum E-​Book).
  • Lingnau, A.: Asymmetric fMRI adaption reverals no evidence for mirror neurons in humans. Proceedings of the National Academy of Sciences USA. 2009; 106(24):9925 – 9930 (zum Text).
  • Santos, N.S. et al.: Animated brain: A functional neuroimaging study on animacy experience. Neuroimage. 2010; 53:291 – 302 (zum Abstract).

Funktionelle Magnetresonanztomographie

Funktionelle Magnetresonanztomographie/-/functional magnetic resonance imaging

Eine Modifikation der Magnetresonanztomographie oder –tomografie (MRT, englisch MRI) die die Messung des regionalen Körperstoffwechsels erlaubt. In der Hirnforschung wird besonders häufig der BOLD-​Kontrast (blood oxygen level dependent) verwendet, der das unterschiedliche magnetische Verhalten sauerstoffreichen und sauerstoffarmen Bluts nutzt. Ein hoher Sauerstoffverbrauch kann mit erhöhter Aktivität korreliert werden. fMRT-​Messungen haben eine gute räumliche Auflösung und erlauben so detaillierte Information über die Aktivität eines bestimmten Areals im Gehirn.

Votes with an average with

One comment

Richard Kinseher 20.01.2017
Die Idee der Spiegelneuronen ist äußerst fragwürdig:

Wenn man Aktivitäten von Robotern emotional ´spiegelt´, dann ist dies offensichtlich falsch, Roboter haben keine Emotionen.

Schon 1974 wies Thomas Nagel mit seinem Text ´What is it like to be a bat?´ auf die Unmöglichkeit hin, die Erlebniswelt von anderen Lebewesen zu verstehen. D.h. eine Spiegelung ist nicht möglich.

Wenn wir die Aktivitäten anderer erst spiegeln würden, um sie dann zu verstehen, so dass man danach darauf reagieren kann, dann ist dies ein mehrstufiger Prozess, der viel zu umständlich ist - wenn schnellste Reaktion in Gefahrensituationen erforderlich sein sollte.

Unser Gehirn ist dazu da, dass es uns unmittelbare und schnellste Reaktionen auf eine aktuelle Situation ermöglicht, um unser Überleben zu sichern, Schnelligkeit geht dabei vor Genauigkeit.

Wenn wir eine Aktivität wahrnehmen, dann aktiviert unser Gehirn sofort die am besten zu diesem beobachteten Ereignis passenden Erfahrungen aus dem Gedächtnis. Dieser Vorgang ist ein WIEDER-ERLEBEN einer gespeicherten Erfahrung. Indem wir eine Situation wieder-erleben, können wir sie sofort verstehen - wobei aber gleichzeitig mit der re-aktivierten Erfahrung auch dasjenige Wissen aktiviert wird, wie wir beim Erlernen des ursprünglichen Erlebnisses gehandelt hatten. Somit sind wir nun auch in der Lage, sofort und angemessen auf ein beobachtetes Ereignis zu reagieren.

Dieses RE-aktivieren von Erfahrungen als WIEDER-ERLEBEN ist zwar eindeutig ein Vorurteil - aber als solches ist es der Anfang einer Entscheidungskette, in deren Verlauf nachjustieren und korrigieren möglich ist; wenn genug Zeit dafür bleibt.

Gedächtnisexperimente per fMRT zeigen, dass unser Gehirn per WIEDER-ERLEBEN arbeitet: wenn wir etwas lernen, sind bestimmte Gehirnareale aktiv - und wenn wir uns an dieses Gelernte wieder erinnern, dann sind wieder die gleichen Areale aktiv. Dieser beobachtete Ablauf ist heute Standard in der Forschung.

Beim WIEDER-ERLEBEN einer eigenen Erfahrung sind die gleichen Bereiche im Gehirn aktiv, wie sie bei der Erforschung von ´Spiegelneuronen´ beobachtet werden. Die Idee der ´Spiegelneuronen´ sollte daher noch einmal gründlich überdacht werden.

Autor

Wissenschaftliche Betreuung

Lizenzbestimmungen

Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.

BY-NC: Namensnennung, nicht kommerziell

Empfohlene Artikel