Der Segen des Vergessens

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Segen des Vergessens

Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, ein perfektes Gedächtnis zu haben. Aber gibt es solche Menschen überhaupt? Und wären sie wirklich zu beneiden? Fallbeispiele zeigen, dass das Vergessen von Erinnerungen durchaus ein Segen ist.

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Tobias Bonhoeffer

Veröffentlicht: 22.07.2011

Das Wichtigste in Kürze
  • Fallbeispiele zeigen, dass ein extrem gutes Gedächtnis meist nur Teilbereiche der Erinnerung umfasst.
  • Gedächtniskünstler leiden mitunter an den vielen Erinnerungen.
  • Vergessen hat einen Sinn: Auf diese Weise können wir uns auf die wesentlichen Informationen konzentrieren.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Was, wenn wir uns an alles erinnern könnten? Jeden Tag, jeden Augenblick, jede Geste, jedes Wort? Der Schriftsteller Jorge Luis Borges hat sich in der Erzählung „Das unerbittliche Gedächtnis“ so ein Leben vorgestellt. Der Indianerjunge Ireneo Funes stürzt vom Pferd und wird bewusstlos. Als er wieder zu sich kommt, ist er gelähmt, aber sein Gedächtnis ist auf fantastische Weise verändert. Von diesem Augenblick an erinnert er sich an alles, jedes kleinste Detail: „Er kannte genau die Formen der südlichen Wolken des Sonnenaufgangs vom 30. April 1882 und konnte sie in der Erinnerung mit der Maserung auf einem Pergamentband vergleichen, den er nur ein einziges Mal angeschaut hatte, und mit den Linien der Gischt, die ein Ruder auf dem Rio Negro am Vorabend des Quebracho-​Gefechtes aufgewühlt hatte.“

Aber gibt es solche Gedächtniswunder auch in der Realität? Jeder kennt Geschichten von Menschen mit einem „fotografischen Gedächtnis“, deren Gehirn angeblich alle Einzelheiten aufzeichnet. „Eidetisches Gedächtnis“ nennen Forscher das Phänomen nach dem griechischen Wort „eidos“ für das Gesehene, die Gestalt; aber solche Menschen sind in Wirklichkeit äußerst schwer zu finden.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Der Mann mit fast perfektem Gedächtnis

Kein Wunder also, dass das berühmteste Beispiel schon viele Jahrzehnte zurückliegt: Solomon Shereshevsky, ein russischer Journalist und Gedächtniskünstler, der in den zwanziger Jahren bekannt wurde. Der Neuropsychologe Alexander Lurija traf Shereshevsky damals in Moskau und begleitete und untersuchte ihn drei Jahrzehnte lang. In seinem Aufsatz „Kleines Porträt eines großen Gedächtnisses“ hat er die unglaublichen Gedächtnisleistungen des Journalisten festgehalten: So gab er ihm beispielsweise im Jahr 1934 eine lange, komplizierte und unsinnige mathematische Formel. Shereshevsky prägte sich die Formel sieben Minuten lang ein und konnte sie dann ohne Fehler wiedergeben. Als Lurija ihn 15 Jahre später bat, die Formel wiederzugeben, konnte Shereshevsky das immer noch – fehlerfrei.

„Es ist klar, dass dieser Mann sich viel besser erinnern konnte als ein normaler Mensch“, sagt der Psychologe Douwe Draaisma von der Universität Groningen in den Niederlanden. Shereshevsky war aber aus noch einem anderen Grund besonders: Er war Synästhetiker, das bedeutet, dass verschiedene Sinneseindrücke bei ihm zusammen auftraten. Dies könnte seine Gedächtnisleistungen zumindest teilweise erklären. „Wenn Sie Synästhetiker sind, dann hat jedes Wort zum Beispiel eine Farbe oder einen Ton, mit dem es assoziiert ist“, sagt Draaisma. „Wenn diese Menschen sich an eine Liste mit Wörtern erinnern sollen, dann haben sie also mehrere Sinneseindrücke, an die sie sich erinnern können und das hilft enorm.“

Shereshevsky war auch kein umfassendes Gedächtnis-​Genie. So konnte er sich Gesichter oder Stimmen nur schlecht merken. „Diese extremen Gedächtnisse entwickeln sich in der Regel nur in einem begrenzten Gebiet“, erklärt Draaisma. „Jemand kann sich zum Beispiel Musik ungeheuer gut merken, aber Gesichter gar nicht. Oder jemand ist gut darin, sich an Muster zu erinnern, aber nicht an Erlebnisse.“

Gutes Gedächtnis als Inselbegabung

Diese Inselbegabungen scheinen auch im Fall von Savants vorzuliegen, Menschen, die unter Autismus oder Entwicklungsstörungen leiden, aber enorme Fähigkeiten haben. Kim Peek etwa, Vorlage für Dustin Hoffmanns Charakter im Hollywood-​Film „Rain Man“, war auf Grund einer seltenen Chromosomen-​Störung geistig behindert. Gleichzeitig hatte Peek ein so umfangreiches Faktenwissen, dass er den Beinamen Kimputer bekam. Angeblich hatte er mehrere tausend Bücher auswendig gelernt.

„Sie konnten Kim Peek tausende Dinge fragen“, sagt Draaisma. „Aber hätten Sie ihn nach dem Preis eines Autos oder eines Brotes gefragt, dann hätte er Ihnen alle möglichen unsinnigen Antworten geben.“ Eine Person, die Draaisma selbst untersucht hat, ist Tom, ein Mann, der im Kopf gleichzeitig 26 Partien Dame spielen kann, während seine Gegner ihm ihre Züge per Telefon mitteilen. „Aber wenn er einkaufen geht, braucht er immer eine Liste, auch wenn es nur ein paar Dinge sind.“

Autismus

Autismus/-/autism

Gravierende Entwicklungsstörung, die sich oft in reduzierten sozialen Fähigkeiten, verminderter Kommunikation und stereotypem Verhalten ausdrückt.

Der Fall Jill Price

In einzelnen Fällen kann auch das autobiographische Gedächtnis besonders ausgeprägt sein, also die Erinnerungen an das eigene Leben. So machte 2006 die Amerikanerin Jill Price Schlagzeilen als „Die Frau, die nicht vergessen kann“. Price hatte sich einige Jahre zuvor mit einem Brief an den Psychologen James McGaugh gewandt. Darin erklärte die damals 34-​jährige Frau, dass sie sich an jeden Tag ihres Lebens genau erinnern könne, seit sie elf Jahre alt sei.

McGaugh und seine Kollegen waren zunächst skeptisch und sie testeten Price immer wieder mit einzelnen Daten. 3. Oktober 1987? „Das war ein Samstag. Ich habe das ganze Wochenende in der Wohnung verbracht, mit einer Schlaufe, weil ich mir den Ellbogen verletzt hatte.“ 1. Juli 1986? „Ich kann es alles sehen, den Tag, den Monat, den Sommer. Dienstag.“ Price konnte angeben, mit welchem Freund sie an dem Tag in welchem Restaurant essen war. Sie konnte innerhalb von zehn Minuten angeben, wie sie jedes Ostern von 1980 bis 2003 verbracht hatte. Die Forscher kamen schließlich zu dem Schluss, dass Price sich tatsächlich an jeden Tag ihres Lebens genauestens erinnern konnte. 2006 veröffentlichten sie im Fachmagazin „Neurocase“ eine Beschreibung des Falles.

Aber auch Price ist kein absolutes Gedächtniswunder. Der Neuropsychologe Gary Marcus etwa hat sie zwei Tage begleitet und getestet. Einmal bat er sie, sich eine Liste von Wörtern zu merken, zu denen unter anderem „Faden“, „Auge“, „Nähen“, „Fingerhut“, „Dorn“ und „Injektion“ gehörten. Das Wort „Nadel“ kam nicht vor, aber die meisten Menschen geben es, wenn sie die Liste wiederholen sollen, an. Auch Price machte diesen Fehler. Auch sie hat also kein Gehirn, das Listen einfach abfotografiert.

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Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Die Last der Erinnerung

Marcus hat eine Erklärung für Prices Fähigkeit: Sie verbringt jede Minute ihres Tages damit, an ihre eigene Vergangenheit zu denken. Sie hat über 50.000 Seiten Tagebuch geschrieben, jedes Stofftier aufgehoben und sie bedauert es, dass ihr während ihrer Kindheit niemand mit einem Mikrofon gefolgt ist, um alles aufzuzeichnen. Immer wieder erinnert sich Price an ihre Vergangenheit – und mit jedem Mal verstärkt sie so die Erinnerung.

So wie der Bizeps von Menschen wächst, die fünf Mal die Woche ins Fitnessstudio gehen, hat Price durch das ständige Hervorholen von Erinnerungen ihr autobiographisches Gedächtnis aufgepumpt. Tatsächlich glaubt Marcus, dass sie an einer Zwangsstörung leidet. In ihrem Brief an den Psychologen McGaugh schrieb Price über ihr Gedächtnis: „Die meisten sagen, das sei ein Geschenk, aber ich sage, das ist eine Last. Ich jage jeden Tag mein gesamtes Leben durch meinen Kopf und es macht mich verrückt!!!“

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Vergessen zu können hat Vorteile

Es hat einen guten Grund, dass wir normalerweise viele Informationen, die wir einmal gelernt haben, wieder vergessen. Alles, was unwichtig erscheint, lange nicht mehr abgerufen wurde oder emotional nicht von Bedeutung ist, verblasst im gesunden Gehirn nach einer gewissen Zeit. Nur so gelingt es uns, den Fokus immer wieder auf die aktuell relevanten Informationen zu lenken und schnell auf die Umwelt um uns herum reagieren zu können.

Die zentrale Aufgabe des Gedächtnisses ist es schließlich, aus Erfahrungen für die Zukunft zu lernen. Das genaue Abspeichern aller früheren Erlebnisse in ihrer gesamten Komplexität wäre hierbei eher hinderlich. Stattdessen versucht das Gehirn, die zentralen Informationen zu generalisieren. Die Rahmenbedingungen, in denen sie aufgenommen wurden, sind dafür oft nebensächlich und geraten in Vergessenheit. So wissen die meisten Menschen zwar, dass die Hauptstadt von Frankreich Paris ist, aber kaum jemand kann sich daran erinnern, wann er das gelernt hat. „Das wäre ja auch schrecklich, wenn wir bei jeder Sache sofort eine Erinnerung hätten, die wir damit verbinden. Diese ganzen Assoziationen würden unser Gehirn regelrecht überfluten“, sagt Draaisma.

Ist das Vergessen gestört, kann dies zu massiven Problemen führen: Viele Inselbegabte mit herausragendem Gedächtnis sind nicht in der Lage, ihren Alltag allein zu bewältigen. Und der Gedächtniskünstler Shereshevsky hatte Schwierigkeiten, abstrakte Konzepte zu verstehen oder einer vorgelesenen Geschichte zu folgen, weil er die vielen Randinformationen nicht ignorieren konnte.

Den fiktiven Funes quälen ganz ähnliche Probleme: „Nicht nur machte es ihm Mühe zu verstehen, dass der Allgemeinbegriff ‘Hund’ so viele Geschöpfe verschiedener Größe und verschiedener Gestalt umfassen soll; es störte ihn auch, dass der Hund von 3 Uhr 14 (im Profil gesehen) denselben Namen führen sollte wie der Hund um 3 Uhr 15 (gesehen von vorn).“ Damit der Mensch ein Konzept ‘Hund’ bilden kann, muss er nicht nur die Erinnerungen an mehrere Hunde speichern. Er muss auch viele unwichtige Details vergessen, um ein Gesamtbild zu formen. „Es ist ein schmaler Grat zwischen Erinnern und Vergessen“, sagt Draaisma. „Und nicht vergessen zu können, ist wirklich nichts Schönes.“

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Gedächtnis

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Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

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Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

zum Weiterlesen:

  • Borges, J. L: Das unerbittliche Gedächtnis. In: Fiktionen. Erzählungen 1939 – 1944. Fischer-​Verlag, 2004.
  • Shafy, S.: Endlosschleife im Kopf. Porträt der Amerikanerin Jill Price. Der Spiegel, Nr. 47 vom 17. November 2008 (zum Text).

Gedächtnis

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Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

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2 Kommentare

Artur Renner 20.01.2017
Ist es wirklich so, dass man vergessen kann oder ist es so, dass man nicht alles abrufen kann, obwohl es gespeichert ist und dass das Abrufen Gehirnfilter, die man selbst einmal angelegt hat, passiert?

Arvid Leyh 20.01.2017
Eine große Frage für nur zwei Zeilen: welches Gedächtnis fragen Sie gerade an? Was ist ein Gehirnfilter? Und wir legen ihn selbst an? Sprich, das Vergessen in Zeile eins ist ein gezieltes?

Ich versuche es mal so: Biographisches Gedächtnis, die Erinnerung an den Sitznachbar der ersten Klasse.

Wenn wir beide in der gleichen Stadt wohnen bleiben, gibt es viele Erinnerungen, in denen er vorkommt und das Netz aus beteiligten Neuronen wäre ziemlich groß: ich laufe am Brunnen auf dem Marktplatz vorbei und erinnere mich, wie er dort mal baden ging. Ich fahre auf der Straße an der Kurve, aus der es ihn getragen hat ...

Habe ich seit der Grundschule mehrfach die Stadt gewechselt, ist dieses Netz sehr klein – es gibt nur wenige gemeinsame Erlebnisse und damit immer weniger Möglichkeiten, in diesem Netz auf genau ihn zu kommen.

Dann aber stolpere ich aus Versehen über diesen Sitznachbar (in dem ich zB eine Frage in einem Kommentar beantworte) und womöglich (ich bin mir nicht sicher), fällt er mir wieder ein. Dann suche ich ein Foto. Aber gefiltert wurde nichts. Es führen nur weniger Wege zum Ziel und die Erinnerung verblasst.

Wie es um das gezielte Vergessen steht – wenn das die Frage war – finden Sie in diesem Artikel: http://dasgehirn.info/denken/gedaechtnis/die-suche-nach-der-pille-des-vergessens/

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