Vom Sinn der Schönheit

Copyright: Ezgi Polat/Meike Ufer
Autor: Ulrich Pontes

Jeder weiß, was Schönheit ist. Sobald man aber genauer darüber nachdenkt, nach Definitionen, Merkmalen oder dem evolutionären Sinn der Schönheit fragt, wird es kompliziert: Erkundung einer ganz besonderen Qualität.

Wissenschaftliche Betreuung: Stefan Koelsch

Veröffentlicht: 26.02.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Ästhetik hat verschiedene Dimensionen: Sie fragt danach, was schön ist, kann sich speziell mit Kunst beschäftigen oder mit dem Prozess der sinnlichen Wahrnehmung und Beurteilung.
  • Experimente zeigen: Schönheit fesselt unsere Aufmerksamkeit. Schönen Menschen schreiben wir positive charakterliche Eigenschaften zu und helfen ihnen eher als hässlichen.
  • Ob es universelle Attribute gibt, die alle Menschen als schön empfinden, ist umstritten.
  • Die Evolutionstheorie kann über den Mechanismus der sexuellen Selektion erklären, wie sich Merkmale herausbilden konnten, die wir als schön, aber unnütz empfinden.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Laubenvögel als Kunsthandwerker

Die in Australien und Neuguinea vorkommenden Laubenvögel sind enge Verwandte der Paradiesvögel. Im Gegensatz zu diesen sind die Männchen aber ganz unscheinbar gefärbt. Statt durch ihr Gefieder locken sie Weibchen, indem sie einen Balzplatz mit einer möglichst prachtvollen “Laube” bauen. Je nach genauer Vogelart kann es sich dabei etwa um gereinigte und mit Blättern ausgelegte Flächen handeln, um turmartige Konstruktionen aus Stöcken, um Alleen oder überdachte Hütten.

Diese Lauben sind somit einerseits eine Art schöpferische Leistung, deren Qualität sich unter anderem an der optischen Ebenmäßigkeit der Konstruktion aus der Perspektive des Weibchens bemisst – weshalb sich die Männchen sogar bestimmter optischer Tricks bedienen, wie australische Forscher in einer Studie (Originaltext als pdf oder Link) herausfanden. Andererseits erfüllen die Lauben dieselbe Funktion wie sekundäre Geschlechtsmerkmale bei anderen Tieren.

“Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?” Die Frage der bösen Königin an ihr Zauberaccessoire kennt jedes Kind. Dass Schneewittchen plötzlich schöner sein soll als die Königin, entfacht deren Neid und wird so zum handlungstreibenden Motiv dramatischer Ereignisse – ein Motiv, das bei aller Boshaftigkeit doch irgendwie verständlich und nachvollziehbar erscheint. Schönheit begeistert, Schönheit entzückt und rührt uns an: So ergeht es im Märchen dem Jäger, der Schneewittchen entgegen dem Befehl nicht tötet, den Zwergen, die gar nicht anders können als ihr zu helfen, dem Königssohn, der sich beim Anblick ihres leblosen Körpers sofort verliebt.

So wohltuend Schönheit im Allgemeinen ist, so schmerzlich wiegt mitunter ihre Abwesenheit, ihr Verlust. Und da wir nicht nur alles Mögliche, sondern auch andere Menschen und uns selbst an diesem Maßstab messen, kann Schönheit schließlich sogar zum Anlass für Neid und boshafte Intrige werden – auch, aber sicher nicht nur im Märchen. Das alles ist uns so selbstverständlich, dass es kaum der Rede wert scheint. Trotzdem ist die Frage alles andere als trivial, was Schönheit denn eigentlich genau ist und woher sie rührt.

Schönheit, Glückseligkeit und moralischer Adel

Das Konzept zu fassen, versuchen Menschen seit Langem. Bereits in der antiken Philosophie begann die Entwicklung ästhetischer Theorien, die Schönheit auf einen Nenner zu bringen versuchen. Schon bei der Frage, auf welcher Ebene dieser Nenner zu suchen ist, entsteht allerdings Unklarheit: Geht es bei der Ästhetik nun um die Frage, welche konkreten Eigenschaften einen Menschen – oder eine Sache – schön (oder hässlich) machen? Gibt es überhaupt objektive Schönheit, wovon das Märchen offensichtlich ausgeht, oder ist das alles nicht vielmehr subjektiv und Geschmackssache? Sollte Ästhetik sich also eher mit den Wahrnehmungs– und Urteilsprozessen beschäftigen, die im Individuum ablaufen, bevor es das Urteil “schön” oder “hässlich” fällt? Und welche Rolle spielt bei alledem die Kunst?

Diese Fragen werden in Philosophie und Geisteswissenschaften diskutiert, sind aber auch dem Volksmund nicht fremd, wenn dieser etwa befindet: “Schönheit liegt im Auge des Betrachters.” Dichter wiederum sehen in der Schönheit eine Kraft, die uns zum Glück und zum Guten befähigt – so schreibt Umberto Eco in seiner “Geschichte der Schönheit”, dass wir dann von Schönheit sprechen, “wenn wir etwas als das genießen, was es ist, unabhängig davon, ob wir es besitzen”, und Friedrich Schiller bezeichnet in den Briefen “Über die ästhetische Erziehung des Menschen” sein Thema Schönheit und Kunst als einen Gegenstand, “der mit dem besten Teil unsrer Glückseligkeit in einer unmittelbaren, und mit dem moralischen Adel der menschlichen Natur in keiner sehr entfernten Verbindung steht”.

Und die empirischen Wissenschaften? Experimente bestätigen viele Befunde aus Schneewittchen. So faszinieren uns schöné Gesichter, und zwar quasi von Geburt an: Schon Babys, denen Bilder verschieden attraktiver Frauen gezeigt wurden, blickten die – laut einer großen Zahl erwachsener Versuchspersonen – hübscheren Gesichter länger an. Ebenso verleitete ein hübsches Gesicht nicht nur den Jäger und die Zwerge, sondern auch die Mehrzahl der Probanden in Experimenten zu größerer Hilfsbereitschaft. Und die Ungerechtigkeit geht weiter: Schöné Menschen werden als geselliger, fleißiger, intelligenter, kreativer, erfolgreicher, sympathischer und zufriedener eingeschätzt. Kein Wunder also, dass die Zwerge Schneewittchen die Haushaltsführung anvertrauten.

Der – wenig überraschende – Zusammenhang von Schönheit und romantischer Liebe schließlich, dem der Märchenprinz erliegt, konnte bereits auf neurobiologischer Ebene nachvollzogen werden: Für beides spielt der Nucleus caudatus eine wichtige Rolle. Semir Zeki, der als Pionier der Neuroästhetik gilt (Im Kopf des Betrachters), aber auch andere Forscher haben das bei Experimenten im Hirnscanner gezeigt.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Nucleus

Nucleus/Nucleus/nucleus

Nucleus, Plural Nuclei, bezeichnet zweierlei: Zum einen den Kern einer Zelle, den Zellkern. Zum zweiten eine Ansammlung von Zellkörpern im Gehirn.

Nucleus caudatus

Nucleus caudatus/Nucleus caudatus/caudate nucleus

Teil der Basalganglien, gemeinsam mit dem Putamen und dem Pallidum. Anatomisch liegt der Nucleus caudatus frontal zur Mitte des Gehirns. Er besteht aus einem Kopf– (Corpus nuclei caudati), einem Körper — (Cauda nuclei caudati) und einem Schwanzbereich (Caput nuclei caudati). Im Gegensatz zu den eher motorischen Anteilen der Basalganglien besteht hier eine starke Vernetzung mit dem präfrontalen Cortex. Automatisierung kognitiver Aufgaben ist also vor allem im Nucleus caudatus repräsentiert.

Taille-​Hüft-​Verhältnis und Durchschnittsgesicht

Oft zitierte Ergebnisse der Wissenschaft scheinen zudem Anhaltspunkte liefern zu können, wie Schneewittchen – über die im Märchen beschriebenen schwarzen Haare, rosigen Wangen und die weiße Haut hinaus – ausgesehen haben muss: Immer wieder liest man von Schönheitsfaktoren, die unabhängig von Moden, Geschmäckern und Kultur, also universell gültig sein sollen. Die wichtigsten sind der Quotient aus Taillen– und Hüftumfang (Waist-​to-​hip ratio) mit einem angeblichen Idealwert 0,7 für die attraktivsten Frauenkörper und die These, dass die durchschnittlichsten Gesichter, per Computeralgorithmus aus einer Sammlung realer Gesichter berechnet, die schönsten seien.

Diese Theorien sind aber mittlerweile kräftig unter Beschuss geraten. So gibt es beim Taille-​Hüft-​Verhältnis durchaus kulturabhängige Unterschiede, und die Schönheit der computergenerierten Durchschnittsgesichter scheint gar nicht von den Proportionen herzurühren: Regensburger Psychologen fanden heraus, dass die Haut der entscheidende Faktor ist. Indem durch den Algorithmus nämlich Unreinheiten und Fältchen herausgemittelt werden, erscheint sie in den Durchschnittsgesichtern viel makelloser als in jedem realen Gesicht.

Auch muss sich derartige Attraktivitätsforschung die Frage gefallen lassen, ob denn attraktiv, schön, ästhetisch und sexy jeweils dasselbe bedeuten. Umberto Eco etwa differenziert in seinem Werk scharf zwischen dem Sinn für Schönheit und dem Begehren: “Der Verdurstende, der eine Quelle findet und sich sofort darauf stürzt, um zu trinken, hat kein Auge für die Schönheit. Er kann sie später bewundern, wenn er seinen Durst gestillt hat.”

Überhaupt ist universellen Schönheitsidealen – egal ob nun Personen oder Sachen ästhetisch beurteilt werden – mit strikt experimentellem Herangehen schwierig beizukommen. Wer könnte schon behaupten, Versuche mit einer für die Menschheit, also für alle Menschen zu allen Zeiten, repräsentativen Probandenschar durchgeführt zu haben? Selbst bei den grundlegendsten ästhetischen Ingredienzien wie dem Goldenen Schnitt oder der Symmetrie wird es also letztlich spekulativ bleiben, ob ihnen universelle Gültigkeit zukommt. (Professor Ramachandrans Kunstprinzipien)

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Die Evolution als Ursprung von Schönheit

Ergiebiger, um Grundsätzliches über den Menschen und die Ästhetik herauszufinden, könnte deshalb die evolutionäre Betrachtungsweise sein, die fragt: Welchen Sinn hat Schönheit im Kontext des großen Panoramas der Entstehung der Arten durch Variation und Selektion? Wenn sich die am besten an ihre Umwelt angepassten Lebewesen durchsetzen, erscheint Schönheit ja zunächst als unnötiger Luxus oder gar als Handicap. In einem Brief schrieb Charles Darwin einst, beim Anblick der Schleppe eines Pfaus – die bekanntlich wunderschön, aber überaus hinderlich beim Fliegen ist – werde ihm schlecht.

Abhilfe schuf die zusätzliche Idee einer sexuellen Selektion: Neben der Angepasstheit entscheidet schließlich auch die Partnerwahl darüber, welche Genvarianten sich verbreiten können. Stehen also etwa die Weibchen einer Art auf bestimmte männliche Merkmale, dann können diese sich allein aus diesem Grund evolutionär durchsetzen. Dabei kommen besonders solche Merkmale infrage, die unmittelbar auf gute Gene hindeuten und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, gesunden und kräftigen Nachwuchs zu zeugen.

Ein typisches Beispiel dafür ist die Symmetrie im Körperbau. Nach dem Handicap-​Prinzip – derjenige, der Kraft und Energie zu vergeuden sich leisten kann, muss besonders viel davon besitzen! – werden aber auch die Federschleppe des Pfaus oder das raumgestalterische Talent des Laubenvogels (siehe Kasten “Laubenvögel als tierische Kunsthandwerker”) zum Ausweis vorteilhafter Erbanlagen.

Dabei geschieht etwas Unerhörtes: Der Kopf entscheidet über den Körper. Die Vorliebe eines Weibchens bestimmt, wie der Körperbau der eigenen Kinder und deren Nachfahren aussehen wird. Auf diesen “performativen Sinn” des ästhetischen Geschmacks in der Evolution hat mit Nachdruck der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus hingewiesen. Und er fand den Gedanken bereits bei Charles Darwin. “Wer das Prinzip der sexuellen Selektion anerkennt”, schrieb dieser in seinem Buch über die Abstammung des Menschen, “wird zu der bemerkenswerten Schlussfolgerung kommen, dass das Gehirn nicht nur die meisten Körperfunktionen reguliert, sondern indirekt die fortschreitende Entwicklung verschiedener körperlicher Strukturen beeinflusst hat.”

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Ausdruck der Emanzipation des Lebens

Der als Querdenker bekannte Biologe Josef Reichholf geht noch einen Schritt weiter. In seinem 2011 erschienen Buch “Der Ursprung der Schönheit” betrachtet er jeweils die Paarungs– und Aufzuchtstrategien einzelner Arten. Indem er die Investitionen beider Geschlechter in die Nachwuchssicherung genau bilanziert, kommt er zu dem Ergebnis, dass die Männchen im Vergleich zu den Weibchen einen Überschuss an Nährstoffen und Energie besitzen, der ihnen Spielraum für besondere äußerliche Merkmale oder aufwendiges Balzverhalten verleiht. Letztlich führt dies Reichholf dazu, Schönheit als Ausdruck von Freiheit zu deuten, als Gradmesser dafür, wie weit sich das Leben von einer rein zweckorientierten Anpassung an die Umwelt emanzipiert hat.

Emanzipation des Lebens von der Umwelt: Das scheint gleichermaßen auf Pfauenfedern (die schließlich auch uns Menschen gefallen, ganz ohne evolutionären Mehrwert), aufs schöné Schneewittchen und auf die Kunst zu passen wie auch auf die Tatsache, dass unser Begriff von Schönheit ja noch viel mehr erfasst als nur Sichtbares: Auch Klänge, Musik oder eben Märchen können schön sein. Allein – solche Gedankenspiele haben sich auch längst von ihren empirischen Grundlagen emanzipiert. Das gleiche gilt für Theorien, die Schönheit beziehungsweise die Entwicklung von Kunst mit religiösen Motiven und sozial-​kommunikativen Funktionen zu erklären versuchen.

Auch wenn die noch junge Neuroästhetik (Im Kopf des Betrachters) sicher manche Zusammenhänge erhellen wird, indem sie das Empfinden von Schönheit und das Hervorbringen von Kunst primär als Vorgänge im Gehirn betrachtet: Beim Thema Schönheit werden immer Fragen offen bleiben. Aber in dieser Offenheit liegt ja auch ein Reiz – fast möchte man sagen: Sie ist – schön.

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