Entwurzelt: Die Last der Migration

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Entwurzelt: Die Last der Migration

Migranten und Flüchtlinge leiden oft unter psychischen Problemen. Neben den Schrecken im Heimatland und auf der Flucht belasten sie mangelnde Sprachkenntnisse und die Diskriminierung im neuen Zuhause.

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Rainer Rupprecht

Veröffentlicht: 25.11.2015

Das Wichtigste in Kürze
  • Flüchtlinge aus Konfliktregionen sind infolge der Schreckensereignisse in ihrem Heimatland oder auf der Flucht nicht selten traumatisiert.
  • Kinder reagieren mit Rückzug oder auffälligem Verhalten auf das einschneidende Lebensereignis.
  • Ohnedies ist auch der Integrationsprozess eine seelische Belastung: Besonders mangelnde Sprachkenntnisse und die Diskriminierung schlagen Zuwanderern aufs Gemüt.
  • Die Folgen sind psychische Störungen und eine höhere Selbstmordrate. Viele Migranten bräuchten dringend eine Psychotherapie.
  • Eine Heimat im neuen Land finden Menschen am ehesten, wenn sie sowohl ihr Herkunfts- als auch ihr Aufnahmeland schätzen und als Zuhause ansehen. Auch eine extrovertierte Persönlichkeit hilft. 
Langlebige Traumata

Schreckliche Erlebnisse haben sich den Menschen schon immer tief in die Psyche gegraben. Wie lange die Menschen an den Folgen zu tragen haben, hat vor einigen Jahren die Psychologin Heide Glaesmer vom Universitätsklinikum Leipzig ermittelt. In ihrer Studie befragte sie mehr als 800 Deutsche zwischen 14 und 93 Jahren nach traumatischen Erfahrungen und möglichen psychologischen Schwierigkeiten. Zwischen 40 und 50 Prozent der heutigen Älteren berichteten dabei über mindestens ein traumatisches Ereignis, vor allem aus Kriegszeiten – etwa Bombardierungen, den Verlust von Angehörigen, Inhaftierungen oder Vergewaltigung. Bei etwa zwölf Prozent der Probanden fanden die Forscherin und ihr Team Anzeichen einer Traumatisierung, etwa vier Prozent wiesen Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung auf. Bei jüngeren Teilnehmern waren diese Werte deutlich geringer. „Die Untersuchungen machen deutlich, dass der Krieg nicht mit einem Friedensschluss endet, sondern noch Jahrzehnte in den Beteiligten nachwirkt“, sagt Glaesmer. 

Belastungsstörung

Belastungsstörung/-/stress disorder

Als Belastungsstörung wird in der Psychologie die pathologische Reaktion auf dauerhaften oder kurzfristig sehr hohen Stress bezeichnet. Unterschieden werden die akute Belastungsstörung – oft als Nervenzusammenbruch bezeichnet – und die posttraumatische Belastungsstörung nach einem traumatischen Erlebnis. Sie kann noch lange Zeit nach dem eigentlichen Stressereignis schwerwiegende Folgen haben.

Tausende Kilometer zu Fuß, manchmal barfuß, dann wieder zusammengepfercht in LKWs, ausgezehrt und von Schleppern um die gesamten Ersparnisse der Familie gebracht – wer insbesondere aus den Krisengebieten in Afrika und dem Nahen Osten nach Europa flüchtet, erlebt vor und auf der langen Reise oft Schreckliches. Vergewaltigungen, Überfälle und der Tod von Menschen sind allgegenwärtig. In den Flüchtlingscamps vegetieren die Ankömmlinge dann meist unter erbärmlichen Bedingungen dahin. Wenn die Menschen überhaupt in Europa Fuß fassen, haben sie nicht selten eine schwere seelische Bürde zu tragen. Zumal: Der Prozess der Integration birgt in aller Regel weitere Belastungen. Dabei psychisch gesund zu bleiben, ist eine besondere Herausforderung.

Die Schrecken der Flucht

„Jeder kann extreme Belastungen ohne Beeinträchtigung überstehen“, sagt der Konstanzer Neuropsychologe Thomas Elbert. Viele Menschen verfügen über eine so genannte Resilienz, eine starke Widerstandskraft gegen die Unbill des Lebens. Sie ist bislang nur in Ansätzen erforscht Wie das Gehirn die Seele formt. „Aber wenn sich die Katastrophen häufen – Krieg, Bomben, räuberische Attacken, und auf der Flucht wird die Gruppe vielleicht noch überfallen und muss unter lebensgefährlichen Bedingungen fliehen –, da kann jeder brechen“, sagt Elbert. Ein Drittel der Flüchtlinge aus Syrien seien aus diesen Gründen stark traumatisiert, schätzt er anhand seiner Erfahrungen am Kompetenzzentrum Psychotraumatologie der Universität.

Menschen, die mehrfach schwere Traumata erlebt haben, verfallen oft in eine depressive und lethargische Stimmung und ziehen sich zurück. Die Schreckenserlebnisse suchen sie im Schlaf und in ihren Gedanken immer wieder heim. Manche sind nicht mehr in der Lage, soziale Kontakte zu knüpfen, geschweige denn, sich in der neuen, noch fremden Gesellschaft zurechtzufinden. Ohne psychische Hilfe drohen sie, chronisch zu leiden. Die schlechte seelische Verfassung schwächt dann das Immunsystem, führt zu körperlichen Schmerzen und mindert insgesamt die Lebenserwartung, berichtet Elbert. Traumatisierte Flüchtlinge litten auch häufiger unter Psychosen, ergänzt die Psychologin Jean Rhodes von der Universität von Massachussetts in Boston. 2015 beschrieb sie das Schicksal von sieben Zuwanderern, die Stimmen hörten und von tiefer Hoffnungslosigkeit und Angst gelähmt wurden.

Sensibel reagieren auch Kinder auf die Erfahrungen der Flucht und in der Heimat. 19 Prozent der Kinder von Asylbewerbern würden hierzulande die Diagnosekriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung erfüllen, hat Elbert 2010 in einer Untersuchung an 104 Kindern dokumentiert. „Sie sind entweder kaum ansprechbar und geistig abwesend. Sie reagieren dann beispielsweise allenfalls, indem sie den Kopf gegen die Wand schlagen. Oder sie fallen als Klassenkasperl auf, weil sie als Folge des Krieges und der ständigen Bedrohung dauernd ihre Umgebung screenen und sich nicht konzentrieren können“, beschreibt der Forscher seine Beobachtungen. Sie können dem Unterricht nicht folgen und stören ihn auch. Behandelt werden sie jedoch selten, beklagt Elbert.

Belastungsstörung

Belastungsstörung/-/stress disorder

Als Belastungsstörung wird in der Psychologie die pathologische Reaktion auf dauerhaften oder kurzfristig sehr hohen Stress bezeichnet. Unterschieden werden die akute Belastungsstörung – oft als Nervenzusammenbruch bezeichnet – und die posttraumatische Belastungsstörung nach einem traumatischen Erlebnis. Sie kann noch lange Zeit nach dem eigentlichen Stressereignis schwerwiegende Folgen haben.

Integration – eine zweite Pubertät

Allen Studien zum Trotz liegt jedoch eine große Gefahr darin, alle Migranten, nur weil sie sowieso gerne als eigenständige – eben nicht zu den Einheimischen gehörende – Gruppe beäugt werden, über einen Kamm zu scheren. Letztlich sind ihre Geschichten so individuell wie die jedes anderen Menschen auch. Und damit auch ihr psychisches Erleben.

Dennoch wirken unstreitig ähnliche Einflüsse auf sie – etwa während des Prozesses der Integration. Schon deshalb, weil er oft ähnliche Stressfaktoren mit sich bringt. Peter Titzmann, Jugendforscher an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, beschreibt dies so: „Am Anfang verursacht die Migration auch ohne traumatische Erlebnisse großen Stress: Man muss sich in einer ganz neuen Umwelt zurechtfinden. Wenn die Familie migriert, brechen klassische Rollen etwa die des Vaters als Ernährer weg, wenn dieser zunächst keine Arbeit hat.“

Der Psychiater und auf ausländische Klienten spezialisierte und inzwischen emeritierte Psychotherapeut Wielant Machleidt von der Medizinischen Hochschule Hannover geht in seiner Analyse noch weiter. Er glaubt, dass die Phase der so genannten Akkulturation „seelisch extrem belastend ist und massiv unterschätzt“ wird. Nicht nur der Freundeskreis, die Arbeit, mitunter die Familie fallen plötzlich weg, sondern auch die eigene Identität und das eigene Wertegefüge stehen in Frage.

„Welchen Sinn macht es, in einer Kultur, in der fast jeder Alkohol trinkt, keinen zu trinken? Welchen Sinn macht es, dass Töchter von Brüdern begleitet werden, wenn sie zum Sport gehen?“, nennt er zwei Beispiele. „Was ist das Eigene und was ist das Fremde? Das muss von Grund auf in vielen Belangen des Lebens neu beantwortet werden. Und das ist sehr anstrengend.“ Je fremder der Kulturraum, desto tiefgreifender die Identitätskrise. „Sie setzt mitunter eine zweite Adoleszenz in der Persönlichkeitsentwicklung ähnlich der Pubertät in Gang.“

Sprache und Ausgrenzung belasten am meisten

Nicht immer sind den Zugewanderten diese seelischen Prozesse bewusst. In Statistiken und Studien aus verschiedenen Ländern Europas fallen Menschen mit Migrationshintergrund aber auf, weil es um ihre seelische Gesundheit oft schlechter bestellt ist als bei Nichtmigranten. Nach den größten Stressfaktoren im Alltag gefragt, nannten 1437 jugendliche Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion zuvorderst die Sprachbarriere als Problem, wie eine Studie von Titzmann und Kollegen zeigte. Wer kein Deutsch spricht, hat es in der Tat schwer hierzulande, was eine Polin so beschreibt: „Du stehst an der Wursttheke und zeigst auf die Waren. Und alle schauen dich an und wissen: Die versteht kein Wort.“ Missbilligung und Herabwürdigung, Nichtbeachtung und seltener offene Anfeindungen machen den Menschen zu schaffen.

Hinzu kommt: Die Psychologin Shiri Lev-​Ari vom Max-​Planck-​Institut für Psycholinguistik in Nijmegen und der Psychologe Boaz Keysar von der University of Chicago wiesen nach, dass Menschen mit ausländischem Akzent eher misstraut wird. Deren Aussagen stuften 30 amerikanische Muttersprachler eher als unwahr ein. Die Forscher erklären das nicht alleine mit unbewussten Vorurteilen, sondern mit der aufwändigeren Verarbeitung schwer verständlicher Sprache. Das Gesagte wird aufgrund der längeren Verarbeitungszeit eher hinterfragt.

Ähnlich schwer wie die Sprachbarriere setzte den Jugendlichen in Titzmanns Untersuchung die Diskriminierung aufgrund ihrer andersartigen Herkunft zu. „Wir wissen aus Studien: Je stärker Menschen einer anderen Nationalität in der Aufnahmegesellschaft abgelehnt werden, desto höher sind ihre seelischen Belastungen“, so Titzmann. Depressionen und Suizide, aber auch psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie treten in jenen Ethnien häufiger auf, die besonders stark diskriminiert werden. Dazu passt eine Reihe von Studien aus ganz unterschiedlichen Ländern. Besonders schwer haben es etwa Menschen afro-​karibischer Herkunft in Großbritannien, die Inuit in Dänemark und die Marokkaner in den Niederlanden.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Besonders gefährdet: junge Frauen

An dritter Stelle belasteten die zugewanderten Jugendlichen in Titzmanns Analyse innerfamiliäre Konflikte, die häufig dadurch entstehen, dass sich junge Menschen schneller anpassen als ihre Eltern. Besonders gefährdet sind dabei oftmals junge Frauen, wenn sie in einem Spagat zwischen der Werteordnung ihrer Heimatkultur und der des Aufnahmelandes leben, gefangen zwischen den Erwartungen der Eltern und dem sozialen Druck zur Anpassung an die Gleichaltrigen. Depressionen, Psychosen und Selbstmorde treten dann bei ihnen häufiger als gewöhnlich auf, beschreibt Meryam Schouler-​Ocak, Migrationsforscherin in der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité in Berlin.

Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland nehmen sich zwar seltener das Leben als Einheimische. „Aber Mädchen und junge Frauen unternehmen fast fünf Mal so häufig Selbstmordversuche als gleichaltrige Frauen deutscher Herkunft“, sagt Schouler-​Ocak. Die Psychiaterin Anita Riecher-​Rössler berichtet Ähnliches aus der Schweiz: Junge türkische Frauen wollen sich dort drei Mal häufiger das Leben nehmen als Schweizerinnen. In England beobachtete der Psychiater Dinesh Bhugra, heute am Institute of Psychiatry in London, schon 1999, dass sich junge Asiatinnen häufiger umbringen als Britinnen. Und sie leiden öfter an Depressionen. „Der frappierendste Befund ist aber die Schizophrenie-​Epidemie, die Menschen afrikanisch-​karibischer Herkunft erfasst, wenn sie nach England kommen“, sagt Bhugra. Auch hier seien besonders Frauen betroffen. In ihrer neuen Heimat erkranken sie 16– bis 18-​Mal häufiger als Britinnen. Dasselbe Phänomen beschreibt das schwedische „Gremium für Gesundheit und Wohlfahrt“ jüngst für Menschen aus afrikanischen und karibischen, aber auch aus asiatischen Ländern in Schweden.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Verwurzelt in der neuen Heimat

Und dennoch: Am Ende einer langen Odyssee „gelingt Migration ganz oft“, betont Titzmann. Schützend wirkt etwa, wenn die Zugewanderten sich schließlich sowohl im Aufnahme– als auch in ihrem Heimatland zuhause fühlen und keines der beiden Länder abwerten. Diese bikulturelle Identität hilft dabei, sich als Teil beider Gesellschaften und damit als integriert wahrzunehmen. Oft untergliedern die Ausländer ihre Lebensbereiche dafür in Domänen, weiß Titzmann. Im öffentlichen Raum erlebten sich zugewanderte Mittel– und Südamerikaner einer Studie der Sozialpsychologin Kimberly Noels von der Universität von Alberta zufolge eher als Kanadier, während sie in den eigenen vier Wänden und bei familiären Entscheidungen sich eher ihrer Herkunft zugehörig fühlten.

Auch eine extrovertierte Persönlichkeit erleichtert die Integration, weiß Schouler-​Ozcak aus eigener Forschung. Diese Menschen trauen sich mehr zu, haben weniger Angst vor Sprachfehlern und finden dadurch schneller ihren Platz in der neuen Gesellschaft. Auch soziale Anerkennung der Schreckenserfahrungen „etwa durch Mitgefühl ist Balsam für die Seele“, sagt Elbert. Aber in schweren Fällen reiche das nicht aus, damit Flüchtlinge sich wieder psychisch stabilisieren.

„Viele brauchen mehr noch als Decken und Essenspakete eine Psychotherapie, damit sie seelisch in die Lage versetzt werden, sich wieder selbst zu helfen“, sagt er. Die Bundespsychotherapeutenkammer schätzt, dass in diesem Jahr mindestens 40.000 psychisch kranke Flüchtlinge eine psychotherapeutische Behandlung benötigen würden. Um eine solche zu bekommen, müssen sie lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Denn in Deutschland ist der Bedarf an Psychotherapien – auch in der restlichen Bevölkerung – deutlich höher als das Angebot. Doch die meisten Migranten erfahren gar nicht von der Möglichkeit einer solchen Behandlung, die vom Sozialamt finanziert würde, und, wenn doch, stehen die Chancen schlecht: Das Sozialamt Berlin hat trotz der Notlage seit einem Jahr keine Behandlungen mehr bewilligt.

zum Weiterlesen:

  • The Challenges of Diaspora Migration. Interdisciplinary Perspectives on Israel and Germany, Rainer K. Silbereisen, Peter F. Titzmann, Yossi Shavit, Farnham (2014) (abstract).
  • Maggie Schauer: „Die Folgen sind dramatisch“, Gehirn und Geist, 1 – 2 /​2014, S. 14 –18 (Volltext).
  • Ruf, M.; Schauer, M; Elbert, T.: Prävalenz von traumatischen Stresserfahrungen und seelischen Erkrankungen bei in Deutschland lebenden Kindern von Asylbewerbern. Zeitschrift für klinisches Psychologie und Psychotherapie (2010). (abstract).

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