Das Böse in uns

Regen aus heiterem Himmel: Nazi-Offiziere und Helferinnen auf Erholung von Auschwitz in Solahütte. Copyright: United States Holocaust Memorial Museum, anonymer Spender
Das Böse in uns

Lügen kann fast jeder. Foltern und Töten können die meisten aber auch – wenn gewisse Umstände dazu führen. Oft glauben die Täter sogar, richtig gehandelt zu haben. Da können nur ausgeklügelte psychologische Mechanismen am Werk sein.

Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Jürgen Leo Müller

Veröffentlicht: 25.11.2015

Das Wichtigste in Kürze
  • Unmoralische Taten verüben nicht nur Kriminelle oder psychisch Kranke, sondern auch ganz normale Menschen.
  • Auf Grund kleinster Merkmale identifizieren wir uns mit unserer Eigengruppe, der Ingroup, was zu Diskriminierung von Fremdgruppen und letztendlich auch zu Gewalt führen kann.
  • Nimmt man den Gegner nicht als Menschen wahr, sondern sieht in ihm zum Beispiel ein Tier oder nur eine Nummer, dehumanisiert man ihn. Dies senkt die Hemmschwelle, ihm Böses anzutun.
  • Besteht ein Konflikt zwischen Gedanken und Taten, tritt häufig die so genannte kognitive Dissonanz auf: Man verändert seine Einstellung, um die Tat zu rechtfertigen. Oft bereut man sie dann nicht, sondern glaubt richtig gehandelt zu haben.
  • Verschiedene äußere Umstände können einen starken sozialen Druck aufbauen, der uns dazu bringt, Dinge zu tun, die wir unter normalen Bedingungen niemals tun würden. 
Das Milgram-Experiment

Mit Experiment 5 seiner Versuchsreihe zur Gehorsamkeitsbereitschaft schockierte Stanley Milgram die Welt. Probanden wurden von einem Versuchsleiter im weißen Kittel dazu aufgefordert, einem angeblichen Schüler Stromstöße zu verpassen, wenn er eine Lernaufgabe nicht korrekt erfüllt habe. Jeder Fehler solle mit einer höheren Stromdosis bestraft werden, der Apparat reichte vermeintlich von 15 bis 450 Volt. Was die Probanden nicht wussten: Der Schüler war nur ein Schauspieler, der auch keine echten Stromstöße verpasst bekam. Aber er spielte den Schmerz, den die Stromstöße auslösen würden, täuschend echt: Zuerst stöhnte er nur, dann schrie er, dass er nicht mehr mitmachen wolle, später vor Schmerzen und schließlich kam überhaupt keine Reaktion mehr.

Das erschreckende Ergebnis der Untersuchung: Obwohl die meisten Probanden dies nicht wollten und sichtlich mit sich selbst rangen, befolgten ganze 65 Prozent die Anweisungen des Versuchsleiters bis zum Ende – den vermeintlichen 450 Volt.

Die Milgram-Experimente sind eine Demonstration dafür, dass Menschen unter bestimmten Umständen bereit sind, Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun würden. Die Ergebnisse verschiedener Variationen des Experimentes ließen Milgram vermuten, welche Umstände das sind: Der Versuchsleiter wurde als Autoritätsperson wahrgenommen, die zudem die volle Verantwortung für die Experimente zusicherte; die Steigerung der Stromdosen war jeweils sehr gering; und die Probanden waren von der Außenwelt und somit von Vergleichsgruppen zur Orientierung abgeschottet.

Die Experimente und ihre Deutung wurden in der Folge allerdings häufig kritisiert. So hinterfragten Kollegen etwa, ob hier tatsächlich die Gehorsamsbereitschaft als Erklärung für das Verhalten der Probanden herangezogen werden könne – oder nicht viel eher eine Identifikation mit der Sache selbst. Am stärksten jedoch wogen die ethischen Bedenken: Die Probanden wurden über die Stromstöße und den Sinn der Studie getäuscht, sodass sie ein hohes Maß an psychischem Leid erlitten.

Vor Schmerzen schreiend verbrennt eine Frau vor den Augen zahlreicher Menschen. Angeblich ist sie eine Hexe. Diese brutale Hinrichtungsmethode war im Mittelalter ganz normal – heute unvorstellbar. Die Menschen damals glaubten sogar, den Ketzern und Hexen einen Gefallen zu tun: Indem sie im irdischen Leben litten, würden sie in ihrer Not Gott anerkennen und somit im letzten Moment vor der unendlichen Verdammnis gerettet, beschreibt der US-​amerikanische Psychologe Steven Pinker in seiner Schrift „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“. Auch heutzutage rechtfertigen wir unmoralische Taten durch unterschiedliche psychologische Mechanismen – und merken es meist nicht einmal.

Das Menschenbild der meisten von uns hat sich seit dem Mittelalter grundlegend verändert – auch wenn jüngste Ereignisse bisweilen etwas Anderes vermuten lassen. Die Erfahrung nach zwei Weltkriegen, dass die Würde des Menschen auch im 20. Jahrhundert noch aufs grausamste missachtet wurde, mündete in ihrer Festschreibung in den UN-​Konventionen und in Deutschland auch im ersten Artikel des Grundgesetzes. Allgemein denken wir von uns, dass wir humanistisch agieren – also im Bewusstsein der Würde des Menschen. Und trotzdem zeigt uns unsere jüngere Geschichte, dass Menschen immer noch in der Lage sind, Anderen grausame Dinge anzutun.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Die Banalität des Bösen

Der massenhafte Mord an unschuldigen Menschen durch die Nationalsozialisten, die Völkermorde in Ruanda oder die Misshandlung von Gefangenen durch US-​Soldaten in Abu Ghraib: Wir schreiben diese Taten oft monströsen Einzeltätern zu. Wie sonst könnte man solche Grausamkeiten begehen? Doch auch wir könnten dazu fähig sein. Denn jeder von uns trägt die Saat des Bösen in sich. Ob sie aufkeimt oder nicht, hängt jedoch von ganz vielen verschiedenen Faktoren ab.

Von der „Banalität des Bösen“ spricht die Politiktheoretikerin und Philosophin Hannah Arendt zum ersten Mal, als sie von dem Prozess gegen den ehemaligen SS-​Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem berichtet. Anstatt als Sadisten oder Psychopathen beschrieb Arendt ihn als erschreckend gewöhnlich – eben banal. Ein ganz normaler Mensch, der jedoch in der Lage war, die ungeheuerlichsten Straftaten zu begehen. Ein Bürokrat, der mehr damit beschäftigt war Befehle auszuführen, als sie zu hinterfragen.

Sechs Millionen Juden hatte Eichmann auf seinem Gewissen. Nur ein Gewissen – das schien er nicht zu haben. Ohne Reue und Schuldbewusstsein erklärte er immer wieder, er habe nur Befehle ausgeführt. „So wie Hannah Arendt ihn im Prozess beschrieben hat“, erläutert Niels Birbaumer vom Universitätsklinikum Tübingen, „würde ich sagen, dass er zumindest vom Verhalten her ein Psychopath war. Also jemand, der keine großartige Angst vor den Folgen dessen hat, was er tut.“ Das Fehlen dieser antizipatorischen Angst zeichne Psychopathen aus Das so genannte Böse. Ob Eichmann nun ein Psychopath war oder nicht, könne man jedoch nicht eindeutig sagen. Dafür würden die psychologischen Daten fehlen. Und selbst wenn: Eichmann war nicht allein für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich. Er gab zwar die Befehle, aber den Hebel haben ganz normale Menschen betätigt.

Ganz normale Menschen haben auch ihre Nachbarn ausgeliefert. Und ganz normale Menschen haben schweigend zugesehen. Sie alle waren einem vielschichtigen und extremen sozialen Druck ausgesetzt. So auch in dem berühmten und umstrittenen Experiment des Psychologen Stanley Milgram. In ihm forderte ein vermeintlicher Versuchsleiter Probanden auf, einem Schüler, der seine Aufgaben nicht richtig erledigte, stetig höhere Stromstöße zu verpassen. Der Schüler war zwar ein Schauspieler, seine Schmerzensschrei nur gespielt – doch das wussten die Teilnehmer nicht. Das schockierende Ergebnis: Erschreckende 65 Prozent der Probanden gehorchten bis zum bitteren Ende – und verpassten dem Schüler vermeintlich tödliche Elektroschocks (siehe Infokasten).

„Blauäugige sind einfach dümmer“

Wie schnell wir eine andere Gruppe diskriminieren, macht das von der US-​amerikanischen Lehrerin und Aktivistin Jane Elliot entwickelte Experiment „Blue Eyed“ deutlich. In diesem Selbstversuch wird eine Gruppe anhand eines einzigen Merkmals aufgeteilt – der Augenfarbe. Der Versuchsleiter des Experimentes, das es inzwischen auch in Deutschland gibt, behandelt beide Gruppen sehr unterschiedlich: Freundlich und zuvorkommend ist er gegenüber den Braunäugigen, während er die Blauäugigen von Anfang an demütigt. Außerdem stellt er unterschiedliche Behauptungen über letztere auf. Zum Beispiel seien sie einfach dümmer, hielten sich für etwas Besseres und würden die Fehler immer bei anderen suchen.

Nach nur wenigen Stunden hat er die Braunäugigen so weit, dass sie ihm zu glauben scheinen. Sie lachen die Blauäugigen aus, beginnen sie abfällig zu behandeln – oder tun einfach nichts und sehen nur dabei zu, wie die Blauäugigen leiden. Das Experiment zeigt: Einzelne Merkmale genügen, damit wir uns mit einer Gruppe identifizieren – der Ingroup. Alle, die anders sind, gehören zur so genannten Outgroup. So entsteht ein „Wir“ und ein „die anderen“. Unser eigenes Verhalten passen wir dem der eigenen Gruppe an Mein Rudel — dein Rudel. Denn Menschen, das ist gemeinhin bekannt, haben ein ausgeprägtes Bedürfnis, einer sozialen Gruppe anzugehören, von ihr gemocht und akzeptiert zu werden – der normative soziale Einfluss. Laut Alex Haslam von der University of Queensland „möchten wir aber auch gerne glauben, dass unsere Ingroup etwas Besonderes ist. Das Bedürfnis diese Unterscheidbarkeit beizubehalten kann eine Motivation dafür sein, unwillkommene Außenseiter harsch zu behandeln.“

Ein weiterer Grund für die Verhaltensanpassung liegt im informativen sozialen Einfluss: Das Verhalten anderer Menschen ist eine wichtige Informationsquelle. Denn wir nehmen an, dass sich Gruppen „richtig“ verhalten. Wenn wir also handeln wie alle anderen, verhalten wir uns konform und sind auf der vermeintlich sicheren Seite. Tun alle anderen nichts gegen die Diskriminierung, ist das scheinbar okay so, erklärt die Psychologin Juliane Degner solches Verhalten in einer Fernsehdokumentation zum Blue Eyed-​Experiment. So zeigt das Projekt eindrucksvoll die Gruppenprozesse, welche zu Diskriminierung und letztendlich auch zu Gewalt führen können.

Motivation

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Ein Motiv ist ein Beweggrund. Wird dieser wirksam, spürt das Lebewesen Motivation – es strebt danach, sein Bedürfnis zu befriedigen. Zum Beispiel nach Nahrung, Schutz oder Fortpflanzung.

Sie sind wie die Tiere

Ein anderes sozialpsychologisches Experiment zeigte außerdem, wie stark der Prozess der so genannten Dehumanisierung sein kann, also anderen ihr Menschsein und damit ihre menschliche Würde abzusprechen: 1971 brachte Philip Zimbardo, heute emeritierter Professor der Standford Universität, in dem berühmten und umstrittenen Stanford-​Gefängnis-​Experiment ein Dutzend College-​Studenten in einem simulierten Gefängnis zusammen und teilte ihnen zufällig die Rollen der Wärter oder Insassen zu. Er bildete also zwei Gruppen, deren Verhalten er ausführlich in seinem Buch wiedergibt und erläutert. Die Wärter bekamen die Aufgabe, ohne körperliche Gewalt dafür zu sorgen, dass keiner der Insassen floh. Dafür durften sie bei den Insassen Langeweile, Angst und Hilflosigkeit erzeugen. Obwohl das Experiment für zwei Wochen angesetzt war, wurde es am sechsten Tag abgebrochen – so sehr eskalierte die Gewalt der Wärter. Und damit das gesamte Experiment, das die Fragilität der menschlichen Verfasstheit beweisen wollte – und am Ende selbst in der Kritik stand.

Die Dehumanisierung der Insassen verstärkten folgende Umstände: Sie trugen sackähnliche Kleidung, die so kurz war, dass man ihre Geschlechtsteile sah, sobald sie sich bückten. Denn Unterwäsche war nicht erlaubt. Außerdem trugen sie eine Mütze aus Nylon, die eine Glatze nachahmen sollte. Und zu guter Letzt waren sie in dem simulierten Gefängnis nur eine Nummer. All dies führte dazu, dass die Wärter sie nicht mehr als Individuen wahrnahmen – und später nicht mehr als Menschen. Sie beschimpften und erniedrigten die Insassen, sperrten sie stundenlang in einen Kleiderschrank, verweigerten ihnen Mahlzeiten und verlangten von ihnen obszöné Taten. Aus den gewöhnlichen College-​Studenten wurden Opfer und Täter.

„Wenn wir jemanden nicht als Menschen wahrnehmen, reduziert das die übliche Hemmschwelle, ihm Schaden zuzufügen“, sagt Nick Haslam von der University of Melbourne. So kann Dehumanisierung als Werkzeug für Gewalt benutzt werden. Die Nationalsozialisten haben vorgemacht, wie das funktioniert: Sie bezeichneten zum Beispiel Juden als „Ratten“ und gaben ihnen in den Konzentrationslagern eine Nummer.

Aus Worten werden Überzeugungen

Die Wärter im Stanford-​Gefängnis-​Experiment hätten wohl nie gedacht, in der Lage zu sein, solche Grausamkeiten auszuführen – in der Tat konnten sich viele von ihnen vor dem Experiment nicht einmal vorstellen, die Rolle des Wärters zu spielen. Später hatten sie diese Rolle vollkommen verinnerlicht. Doch wie konnten sie ihr Verhalten mit sich selbst vereinbaren?

Dafür liefert die inzwischen gut untersuchte Dissonanztheorie eine von mehreren möglichen Erklärungen. Diese nimmt an, „dass Menschen generell nach Übereinstimmung zwischen ihrem Handeln und ihren Absichten streben“, so Nick Haslam. „Kognitive Dissonanz ist im Grunde ein Konflikt zwischen Taten und Gedanken“ und werde als unangenehm empfunden. Sie tritt beispielsweise auf, wenn man glaubt ein moralischer Mensch zu sein, eine andere Person aber grundlos misshandelt hat. Um kognitive Dissonanz zu reduzieren, können wir unser Verhalten ändern oder unsere Einstellung. Letzteres erfolge zum Beispiel, wenn man die Konsequenzen herunterspielt: „Ich habe ihn gar nicht so fest geschlagen“. Oder man schreibt die Schuld dem Opfer zu: „Er ist schuldig, er hat angefangen“ oder „Er ist sowieso keiner von uns“, „Sie sind doch eh wie Tiere“. Diese Rechtfertigungen können sogar zu festen Überzeugungen werden. Paradoxerweise immer dann, wenn die Tat kaum zu rechtfertigen ist und somit eine große kognitive Dissonanz entsteht, wie eine klassische Studie aus den 1960er Jahren zeigt.

Diese Rationalisierungsprozesse laufen meist sehr schnell und unbewusst ab, wie eine Studie zeigt. Nicht bewusst sind sich viele Menschen auch der Umstände, die Böses in uns fördern können. Dazu zählen, wie Zimbardo in seinem Buch erläutert, unter anderem sozialer Druck, Abgeschiedenheit, Langeweile, mangelnde Überwachung, keine persönliche Verantwortung, fehlende klare Leitlinien und Vorurteile. Diese situationsbedingten Faktoren sind keinesfalls Entschuldigungen für Gewalt. Sie helfen aber dabei, sie zu verstehen. Ebenso kann das Verständnis der psychologischen Mechanismen, die bei der Ausübung und Rechtfertigung von Gewalt wirken, möglicherweise dabei helfen, zukünftige Gewalt zu verhindern. Denn wenn wir wissen, dass wir bei der Reflektion unserer eigenen bösen Taten eine trübe Brille aufhaben, können wir versuchen, diese abzusetzen.

zum Weiterlesen:

  • Milgram, Stanley: Obedience to Authority: An Experimental View, New York City (1974).
  • Zimbardo, Philip: The Lucifer Effect. How Good People Turn Evil, London (2008).
  • Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem: ein Bericht von der Banalität des Bösen, München (1986).
  • Youtube-​Video zum Blue-​Eyed-​Experiment

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