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Die Grammatik der Gesten

Drei Jahre lang hat ein Team aus Neurologen, Linguisten und Primatologen an einer „Grammatik der Gesten“ gearbeitet – und so der für unsere Kommunikation wichtigen aber noch wenig erforschten Sprache der Hände eine grundlegende Struktur gegeben.


Auf dem Computerbildschirm läuft ein Videoausschnitt aus einer Comedy-Show. Fünf Kabarettisten sitzen nebeneinander, einer von ihnen hebt gerade an, etwas zu sagen, wirft seinen Oberkörper dabei mit Schmackes nach vorne – Zack. Das Video stoppt. „Haben Sie das gesehen?“, fragt Jana Bressem. Sie spult zurück und startet die Sequenz neu, diesmal in Slow-Motion. Gaaaanz langsam bewegt der Mann seinen Oberkörper wieder nach vorne – und jetzt sehe ich es auch: Die linke Hand geht gleichzeitig mit erhobenem Zeigefinger nach hinten.

So hat die Linguistin Jana Bressem zusammen mit anderen Wissenschaftlern rund 80 Stunden Videomaterial gesichtet. Bild für Bild ist sie Talkshows, Vorlesungen, Gespräche durchgegangen, hat jede Geste genauestens erfasst. Bewegt sich die Hand zum Körper oder von ihm weg? Auf welcher Höhe befindet sie sich? Welche Finger sind an der Geste beteiligt – und wie? Dann hat sie die Sequenzen nochmals auf das Zusammenspiel von Geste und Sprache untersucht: Unterstreicht die Hand einfach nur rhythmisch, was gesagt wird? Oder ergänzt sie es? Verläuft die Geste synchron zu den dazugehörigen Worten? Oder begleitet sie diese zeitversetzt, eher nachträglich?

Was Gesten mit Aristoteles zu tun haben

Jana Bressem gehört zum Team des Forschungsprojekts 'Towards a grammar of gesture – evolution, brain, and linguistic structures', kurz: togog, das 2006 mit dem Ziel startete, die noch junge Gestenforschung einen großen Schritt nach vorne zu bringen. Dazu hat es drei Jahre lang Wissenschaftler sehr unterschiedlicher Disziplinen zusammengebracht: Linguisten, Semiotiker, Neurologen und Primatologen. Die Leitung von togog lag bei Cornelia Müller, Professorin für Angewandte Sprachwissenschaft an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Sie wollte im Rahmen von togog eine Art Inventur menschlicher Gesten vornehmen und diese kategorisieren – im Stile einer 'grammar of gesture'.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gesten brauchen Sprache – aber Sprache braucht auch Gesten.
  • Gesten unterscheiden sich grundsätzlich in singuläre, spontan entstehende Gesten und rekurrente, konventionalisierte Gesten – beide sind auch kulturell geprägt.
  • Gesten sind Nachahmungen - von Handlungen, Objekten oder ihren Eigenschaften.
  • Menschenaffen gestikulieren ähnlich wie wir – aber nicht ganz so abstrakt.
  • Neurowissenschaftler vermuten, dass Gesten unabhängig von der Sprache konzeptionalisiert werden.

Projekt “Towards a grammar of gesture“

2006 startete das Forschungsprojekt „Towards a grammar of gesture: evolution, brain, and linguistic structures“, das drei Jahre lang von der Volkswagen-Stiftung finanziert wurde. Das Projekt war interdisziplinär angelegt: Neben Linguistinnen wie Cornelia Müller forschte etwa die Primatologin Katja Liebal zur Evolution von Gesten in der Beobachtung von Menschenaffen. Neurowissenschaftler wie Hedda Lausberg untersuchten die neurobiologischen Grundlagen des Gestikulierens, Semiotiker wie Ellen Fricke die Relevanz redebegleitender Gesten für die Sprache. So konnten sie die Grundprinzipien der Sprache von Händen und Armen erfassen, zum Beispiel, welche Arten von Gesten es gibt und wie sie gebildet werden. Nach wie vor sind jede Menge Fragen offen, aber vorher gilt, so Müller: „Jetzt wird erst mal publiziert.“

Vorsicht Missverständnis!

Durch die systematische Analyse konnten Cornelia Müller und ihr Team auch ein verbreitetes Klischee entkräften: Nämlich, dass Südländer viel mehr und übertriebener gestikulierten als etwa Deutsche. Stimmt nicht, sagt Müller, sie gestikulieren anders: „Bei Nordeuropäern geht die Geste vom Handgelenk, bei Mittel- und Südeuropäern aber vom Ellenbogengelenk aus.“ Dadurch wirken die Bewegungen größer, ausladender und es entsteht der Eindruck wilden Gestikulierens. Auch in der Bedeutung mancher Gesten gibt es interkulturelle Unterschiede. Ein klassisches Beispiel ist die Ringgeste, bei der Daumen und Zeigefinger zusammengeführt werden. Während sie in Deutschland beim Sprechen verwendet wird, um Präzision zum Ausdruck zu bringen, steht sie in Japan für Geld. In Südeuropa wiederum bezeichnet sie eine Körperöffnung und gilt als obszön. Das gestische Repertoire ist also kulturgeprägt, was zu Missverständnissen führen kann.

Die Wissenschaftler konnten zwei Haupttypen von Gesten unterscheiden: singuläre und rekurrente. „Singuläre Gesten entstehen spontan während des Sprechens“, erklärt Cornelia Müller. „Wenn ich zum Beispiel erzähle, dass ich schnell meinen Koffer ausgepackt habe...“ Die Forscherin lässt ihre Hände abwechselnd von innen unten nach außen oben kreisen. „Bei den rekurrenten Gesten handelt es sich um tradierte Gesten, die immer wieder in derselben Form und Bedeutung verwendet werden.“ Müller hebt ihren rechten Arm angewinkelt auf Brusthöhe, streckt ihn dann weit nach vorne aus, die Hand ist senkrecht aufgestellt: Eine wegschiebende Bewegung, die Ablehnung ausdrückt. „Oft basieren diese Gesten auf Alltagshandlungen. Man weist Menschen oder Gegenstände ja wirklich zurück, indem man sie wegschiebt.“

Daneben gibt es noch feiner differenzierte Unterkategorien, wie die Linguistin mit Doktortitel in Psychologie und ihr Team herausfanden „Gesten sind eine Form der aristotelischen Mimesis, mit Handbewegungen ahme ich etwas nach.“ Müller unterscheidet verschiedene Arten des Nachahmens. Erstens: Das Repräsentieren. „Dabei wird die Hand selbst zu einem Objekt, zum Beispiel zu einem Telefonhörer“ (sie führt Daumen und kleinen Finger zum Ohr). Zweitens: Das Agieren. „Dabei ahmt die Hand Alltagshandlungen nach (sie dreht die rechte Faust nach außen), also das Öffnen eines Fensters oder das Herumdrehen eines Schlüssels im Schlüsselloch.“ Agierende Gesten erinnern also oft an Verben. Sie können aber auch eine adjektivische Rolle übernehmen und beschreiben, wie etwas beschaffen ist. „Zu den agierenden Gesten gehören auch das Nachzeichnen, wenn ich mit dem Zeigefinger die Kontur eines Schranks in die Luft zeichne, und das Modellieren, wenn ich die Form eines Bilderrahmens darstelle.“

Gestik braucht Sprache – und umgekehrt

Cornelia Müller plädiert zwar dafür, die Rolle der Gestik aufzuwerten und ihre Bedeutung für die menschliche Kommunikation besser anzuerkennen, betont aber, dass es sich nicht um „eine eigene, unabhängige Sprache“ handelt. Denn Gesten existieren – außer bei Taubstummen – nicht losgelöst von der Lautsprache. Deswegen lautet der Titel des Forschungsprojekts auch „towards a grammar“ – es nähert sich einer Grammatik an, eine richtige, eigenständige kann es aber nicht geben. Gesten brauchen das gesprochene Wort. Umgekehrt würde der Sprache ohne Gesten aber viel fehlen: Wie sonst als mit begleitenden Handbewegungen würde man einem Kind beibringen, eine Schuhschleife zu binden? Für Cornelia Müller ist Sprache multimodal: „Es gibt keine Gespräche, bei denen nicht in irgendeiner Form gestikuliert wird. Wenn Sie die Hände nicht bewegen dürfen, bewegen Sie den Kopf. Wenn Sie den nicht bewegen dürfen, hemmt das irgendwann Ihren Sprachfluss.“

An der Europa-Universität Viadrina in Franfurt (Oder) erforschte ein interdisziplinäres Team mehrere Jahre den Gebrauch von Gesten.  Copyright: Volkswagen Stiftung/ Klaus Siebahn
An der Europa-Universität Viadrina in Franfurt (Oder) erforschte ein interdisziplinäres Team mehrere Jahre den Gebrauch von Gesten. Copyright: Volkswagen Stiftung/ Klaus Siebahn
Bleibt die Frage nach Henne oder Ei: Waren Gesten eine Vorform der gesprochenen Sprache, mit der sich unsere Vorfahren verständigt haben? Oder haben sie sich gleichzeitig, unabhängig voneinander entwickelt – weswegen sie noch heute beide existieren? Die Suche nach Antworten zur Evolution der Gestik führt zu Katja Liebal, einer Biologin, die an der Freien Universität Berlin und der englischen Universität Portsmouth lehrt. Ihr Forschungsinteresse gilt den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Kommunikation von Menschenaffen und Menschen. Rund 700 Stunden hat sie dafür Schimpansen, Orang-Utans und Gibbons beobachtet, sowohl im Zoo als auch im Freiland, hat sie gefilmt und die Aufnahmen analysiert. Dabei half ihr die Interdisziplinarität von togog. Denn Liebal fehlte eine systematische Methode für ihre Auswertungen: „Das ist ungefähr so, als wenn Sie eine Ihnen unbekannte Sprache analysieren müssen, für die es noch keine Beschreibungskategorien gibt“, erklärt sie.

 

Menschenaffen betteln ähnlich wie wir

Nun konnte sie sich an den Kategorien der Linguisten im Team orientieren. Liebal stellte fest, dass Menschenaffen ihre Gesten in der Gruppe bewusst einsetzen, um das Verhalten der anderen Tiere zu beeinflussen, sie etwa zum Spielen aufzufordern –, und dass sie beim Gestikulieren durchaus kreativ vorgehen. Ein Orang-Utan-Weibchen zum Beispiel hielt einem Männchen die flache Hand unter den Mund, um Futter zu erbetteln, drehte vorher sogar noch seinen Kopf in ihre Richtung, um die Aufmerksamkeit sicherzustellen. Diese Bettelgeste leite sich von einer Handlung ab, erklärt Liebal, weil junge Orang-Utans der Mutter oft Futter aus dem Mund nehmen. „Die Geste der bettelnden Hand ist eine Abstraktionsleistung, weil das Objekt als solches – nämlich das Futter – in dem Moment nicht vorhanden ist.“

Da Menschenaffen ein großes Gestenrepertoire haben – britische Primatenforscher haben bei Orang-Utans mindestens 64 verschiedene gefunden – erscheint es wahrscheinlich, dass die menschlichen Vorfahren auch schon Gesten benutzt haben. Dennoch betont Liebal die Unterschiede der Gesten-Kommunikation von Menschen und Primaten. Letztere zeigen vor allem agierende Gesten, also solche, die Handlungen nachahmen. Repräsentierende, modellierende oder zeichnende Gesten scheinen ein zu hohes Maß an Abstraktion zu erfordern. Gestik ist also eine komplexe kognitive Leistung. Wie und wo sie im Gehirn ihren Ursprung findet, ist noch weitgehend unbekannt. Man weiß, dass für die Lautsprache vor allem die linke Gehirnhälfte verantwortlich ist: Hier befindet sich das Sprachzentrum.

Gesten werden nicht durch das Sprachzentrum ausgelöst

Um mehr über die kognitiven und emotionalen Prozesse bei der Gestenproduktion herauszufinden, war Hedda Lausberg in das Forschungsprojekt eingebunden. Die Neurologin von der Universität Jena untersuchte mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie die zerebrale Aktivierung in drei Fällen. „Erstens: Jemand hält ein Objekt, zum Beispiel eine Zahnbürste, in der Hand. Zweitens: Jemand tut pantomimisch so, als ob er eine Zahnbürste in der Hand hält. Drittens: Die Hand repräsentiert das Objekt, der Zeigefinger wird zur Zahnbürste.“ Das Ergebnis: Während die reale Handlung im gesamten Gehirn Wirkung zeigt, wird bei der pantomimischen Geste besonders stark die linke Hirnhälfte aktiviert. Im Unterschied dazu scheint der dritte Fall ein Phänomen der rechten Hemisphäre zu sein – und die ist, vereinfacht gesagt, für ganzheitliche Vorstellungen und Emotionen zuständig.

Lausberg ging einen Schritt weiter. Sie zeigte Splitbrain-Patienten, denen die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften fehlt, Zeichentrickfilme mit geometrischen Objekten, zum Beispiel einen grünen Ball, der auf ein blaues Dreieck zurollt, während ein rotes Viereck weghüpft. Die Probanden sollten diese Szenen nacherzählen. Dabei repräsentiert bei gesunden Menschen üblicherweise jede Hand einen geometrischen Gegenstand. Bei den Splitbrain-Patienten beobachtete die Forscherin, dass sich die rechte Hand, für die die linke Hemisphäre zuständig ist, immer nur rechts von der Körpermitte bewegte, sie in der Erzählung nie auf das Objekt beziehungsweise die Hand im linken Gestenraum zugehen konnte. Die linke Hand hingegen konnte den gesamten Gestenraum nutzen – und wird von der rechten Hirnhälfte gesteuert. Für die Gesten scheint also die rechte Hemisphäre wichtiger zu sein – das Sprachzentrum aber sitzt in der linken. „Das bestätigt die Vermutung, dass Gesten unabhängig von Sprache konzeptionalisiert werden und vielmehr von so etwas wie räumlichen Strukturen, räumlichem Denken abhängig sind“, schlussfolgert Neurologin Lausberg.

Das legt die Möglichkeit nahe, dass sich Sprache und Gesten unabhängig voneinander entwickelt haben könnten. Um diese These zu überprüfen, ist aber noch viel Forschungsarbeit notwendig. Den interdisziplinären Ansatz verfolgen die Forscherinnen dabei weiter: Zusammen mit Hedda Lausberg und der Semiotikerin Ellen Fricke hatte Linguistin Cornelia Müller schon 2004 das Berlin Gesture Centre gegründet, das nicht nur die verschiedenen Disziplinen, sondern auch Forschung und Lehre mit Ausbildung und Beratung verbindet. Müller, Lausberg und die Primatologin Katja Liebal gehören außerdem zum Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ der FU Berlin, das die Zusammenhänge zwischen Emotionen und Zeichenpraktiken untersucht. Die Arbeit wird den Gestenforscherinnen dabei nicht ausgehen, zeigt sich Cornelia Müller überzeugt: „Wir stehen gerade mal am Anfang.“

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3D-Gehirn
Infos zum Beitrag
Datum:
31.08.2011
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Ute Habel
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