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Inflation der Intelligenzen

Ratgeber geben Tipps, wie man seine soziale Intelligenz steigern kann. Managerseminare wollen die emotionale Intelligenz von Führungskräften auf Trab bringen. Was ist dran an den immer beliebter werdenden alternativen Spielarten von Intelligenz?

Grafikerin: Meike Ufer


Sie haben wahrlich Konjunktur: Sachbücher und Ratgeber zu immer neuen Spielarten von Intelligenz. Meist ist schon im Titel die Rede von „Köperintelligenz“, „Sozialer Intelligenz“ oder „Wettbewerbsintelligenz“. Die letzten Jahrzehnte erlebten eine wahre Inflation des Intelligenzbegriffs. Ein Reiz der neuen Vielfalt scheint darin zu liegen, dass sich jeder auf mindestens einem Gebiet als intelligent betrachten kann.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ob soziale, emotionale oder musische Intelligenz: Diverse Spielarten von Intelligenz werden in den Medien und der allgemeinen Bevölkerung immer beliebter.
  • Bereits in den 1980er Jahren entwickelte der amerikanische Erziehungswissenschaftler Howard Gardner eine Theorie multipler Intelligenzen. Zu seinen sieben Intelligenzen zählen unter anderem die soziale und die körperliche Intelligenz.
  • In pädagogischen Kreisen wurde Gardners Theorie teilweise enthusiastisch aufgenommen.
  • In den 1990er Jahren brachten die Psychologen John Mayer und Peter Salovey den Begriff der „emotionalen Intelligenz“ in die wissenschaftliche Diskussion ein. Der Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman machte dieses Konzept populär. Er betonte unter anderem die Bedeutung der emotionalen Intelligenz für das Berufsleben.
  • Viele Psychologen kritisieren allerdings diese „alternativen“ Intelligenztheorien. Nicht nur werde der Begriff „Intelligenz“ immer unschärfer. Es fehle auch an Tests, mit denen man etwa die emotionale Intelligenz verlässlich prüfen könne.
  • Anders als es Gardner behauptet, liegt vielen geistigen Fertigkeiten ein kognitiver Grundfaktor, ein allgemeiner Intelligenzfaktor zu Grunde. Diesen Faktor entdeckte erstmals der Statistiker und Psychologe Charles Spearman.

Die „klassische“ Intelligenz und ihre Vermesser

  • Den ersten Versuch, einen Intelligenztest zu entwickeln, unternahm Charles Darwins Cousin Sir Francis Galton (1822-1911). Sein Leben lang beschäftigte ihn die Frage, was manche Menschen zu genialen geistigen oder schöpferischen Leistungen befähigte. Intelligenz war für Galton eine Frage außergewöhnlicher sensorischer Fähigkeiten. Da alle Informationen über die Sinne aufgenommen würden, sei eine Person umso intelligenter, je empfindlicher und genauer ihre Wahrnehmungsfähigkeit beschaffen sei. Galton entwickelte auch eine Serie von Tests, die beispielsweise Reaktionszeiten oder Sehschärfe registrierten. Enttäuscht musste er allerdings feststellen, dass Maße wie die Reaktionszeiten keinen Zusammenhang mit anderen Maßen der Intelligenz aufwiesen.
  • Der Erfinder des (modernen) Intelligenztests war der französische Psychologe Alfred Binet (1857-1911). Er stand vor der großen Herausforderung, im Auftrag des französischen Erziehungsministeriums einen Test zu entwickeln, mit dem frühzeitig schwachbegabte Kinder ausfindig gemacht werden konnten. Anders als Galton ging Binet davon aus, dass kognitive Fähigkeiten wie das Schlussfolgern mit den Testaufgaben gemessen werden sollten. Seine „Metrische Skala der Intelligenz“ ist in abgewandelter Form als Stanford-Binet-Test weltweit noch heute stark verbreitet.

Der S-Faktor

Der Neuropsychologe Elkhonon Goldberg von der New York University School of Medicine hält nicht viel vom Konzept eines allgemeinen Intelligenzfaktors, des so genannten g-Faktors. Der Grund: Ihm sei „nicht ein einziges, bestimmtes Merkmal des Gehirns bekannt, das für solch einen g-Faktor eine Erklärung liefern könnte“. In seinem Buch „Die Regie im Gehirn“ schlägt er daher den S-Faktor (S für „smart“/“schlau“) vor. Es handele sich um die exekutive Intelligenz, die wir intuitiv bei anderen Menschen als Schlauheit interpretieren. Sie sei im vorderen Teil des Gehirns beheimatet und helfe dabei, Handlungen auf der Grundlage von Absichten und Entscheidungen zu steuern.

Seinen Anfang nimmt der Hype zu Beginn der 1980er-Jahre. Zwar gab es auch schon zuvor eine Theorie sozialer Intelligenz in der Psychologie. Aber erst das Buch „Frames of Mind. The theory of multiple intelligences“ (später auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Abschied vom IQ: Die Rahmentheorie der vielfachen Intelligenzen“) schlug wirklich große Wellen, die auch die Öffentlichkeit erreichten. In diesem Werk entwickelte der amerikanische Entwicklungspsychologe und Erziehungswissenschaftler Howard Gardner eine Theorie multipler Intelligenzen.

Ausgangspunkt war Gardners Unzufriedenheit mit herkömmlichen IQ- und Leistungstests. Zu Unrecht, so glaubte er, fragten diese nur typische schulische Fertigkeiten ab – etwa mit sprachlichen und mathematisch-logischen Denkaufgaben. Solche Tests hielt er daher jenseits der Schule für wenig nützlich. Mathematische und verbale Fertigkeiten seien letztlich nicht von größerer Bedeutung für den Erfolg im wahren Leben als andere Formen von Klugheit, die dabei helfen, Probleme zu lösen. Überhaupt werte man mathematische und verbale Fertigkeiten zu stark auf, indem man nur sie als relevant für Intelligenz erachte.

Nicht eine, nicht zwei, sondern sieben!

Um diesen Misstand zu beheben, durchforstete Gardner nach eigenen Angaben Hunderte von Studien, um verschiedene Formen von Klugheit herauszufiltern. Auch das Leben von historisch herausragenden Talenten wie zum Beispiel Einstein und Picasso nahm er unter die Lupe. Am Ende der Bemühungen stand eine Liste von sieben Intelligenzformen, die er später noch erweiterte. Zu ihnen zählten unter anderem die musische und die körperliche Klugheit. Über letztere verfügen beispielsweise neben Tänzern oder Athleten auch fingerfertige Chirurgen. Auch eine Form der sozialen Intelligenz führte Gardner auf: Menschen mit einer hohen Begabung in diesem Bereich sind besonders gut darin, sich in andere hineinzuversetzen.

Die Theorie der multiplen Intelligenzen wurde von Pädagogen und Eltern teilweise enthusiastisch begrüßt. Die Botschaft, dass Menschen über jeweils einzigartige Fähigkeiten verfügen, passte gut zu den Erfahrungen der Erzieher, dass Kinder oft in sehr unterschiedlicher Weise lernen. Einige Schulen und Kindergärten weltweit haben Gardners Ideen aufgegriffen und folgen seiner Empfehlung, die verschiedenen Spielarten der Intelligenz zu fördern.

Emotional klug

Gardners Theorie bildete auch den Keim einer noch viel bekannteren Konzeption, nämlich der Theorie der emotionalen Intelligenz. Die Psychologen John Mayer von der University of New Hampshire und Peter Salovey von der Yale University brachten den Begriff 1990 in die wissenschaftliche Diskussion ein. Sie meinten damit unter anderem die Fähigkeit, eigene aber auch fremde Gefühle korrekt wahrnehmen zu können. Populär machte den Begriff dann der Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman Mitte der 1990er in seinem Buch „Emotionale Intelligenz“. Ähnlich wie Gardner stellte auch Goleman die alleinige Bedeutung der herkömmlichen Intelligenztests für den Erfolg im Leben infrage und betonte stattdessen den großen Einfluss des emotionalen Verstandes. Im Berufsleben beispielsweise sei es wichtig, mit Kritik umgehen zu können. Man solle sie konstruktiv nutzen, statt sich von ihr entmutigen und von negativen Gefühlen überschwemmen zu lassen.

Daniel Goleman auf dem jährlichen
Daniel Goleman auf dem jährlichen "World Economic Forum" Treffen 2011, via Wikimedia Commons
Mittlerweile ist die emotionale Klugheit in aller Munde. Wie der Psychologe Detlef Rost von der Uni Marburg in seinem „Handbuch Intelligenz“ schreibt, werden zahlreiche seichte Bücher zu dem Thema allen Berufsgruppen, aber auch Lehrkräften und Eltern angedient – als „besserer“ Ersatz für die „klassische“ Intelligenz.

 

Massive Kritik

So beliebt die neuen Spielarten von Intelligenz auch sein mögen, vor allem von Seiten der Psychologen regt sich massive Kritik. Einige bemängeln, dass der Intelligenzbegriff zunehmend verwässert und unschärfer werde. Der amerikanische Psychologe Edwin A. Locke von der University of Maryland kritisiert beispielsweise, es sei vollkommen willkürlich, die verschiedensten Gewohnheiten und Fähigkeiten als intelligent zu bezeichnen. Ein gewichtiger Einwand ist auch, dass man bisher mit keinem Test die verschiedenen Spielarten von Klugheit verlässlich prüfen kann. Zwar haben etwa Peter Salovey und John Mayer einen Test entwickelt, um die emotionale Intelligenz zu messen. Er fragt unter anderem ab, wie gut man in der Lage ist, Emotionen in Gesichtern zu erkennen. Anders aber als bei klassischen Intelligenztestaufgaben gibt es beim Erkennen von Emotionen und dem Umgang mit ihnen keine eindeutig richtigen und falschen Antworten. Das ist problematisch, wie Detlef Rost anmerkt.

Auch die Ergebnisse empirischer Forschung bieten den Theorien von Howard Gardner und Co. bisher wenig Rückhalt. So behauptet Gardner beispielsweise, die multiplen Intelligenzen hingen nur wenig miteinander zusammen. Außerdem seien sie relativ unabhängig von der allgemeinen Intelligenz. Doch 2006 kamen Forscher um die Psychologin Beth Visser von der kanadischen Trent University Oshawa zu einem anderen Ergebnis. Sie prüften bei 200 Erwachsenen die verschiedenen Spielarten von Klugheit ab. Sie fanden heraus, dass Fertigkeiten mit einem kognitiven Anteil wie die visuell-räumliche Intelligenz oder die soziale Intelligenz keineswegs voneinander unabhängig waren. Außerdem hingen sie eben doch mit der allgemeinen Intelligenz der Probanden zusammen.

Der g-Faktor

Die Ergebnisse von Beth Visser und ihren Kollegen sprachen einmal mehr dafür, was schon lange in der Psychologie bekannt ist: Es gibt vermutlich eine Art kognitive Grundfähigkeit, die verschiedenen geistigen Fertigkeiten zugrunde liegt. Auch musikalische Fähigkeiten beispielsweise existieren nicht unabhängig von dieser allgemeinen Intelligenz, wie Detlef Rost betont.

Auf eine kognitive Grundfähigkeit war bereits der englische Psychologe und Statistiker Charles Spearman (1863-1945) beim Studium von Leistungstests gestoßen: Die Personen, die in einem kognitiven Test gut waren, hatten tendenziell auch bei anderen Aufgaben geglänzt, die abstraktes Denken verlangten. Spearman entwickelte daraufhin ein spezielles mathematisches Verfahren. Die Idee dahinter ist, dass Tests, die stark miteinander korrelieren, wahrscheinlich die gleiche zugrunde liegende Fähigkeit messen. Spearman taufte diese kognitive Grundfähigkeit den „Generalfaktor“ oder „g-Faktor“ der Intelligenz. Noch heute zählt die Theorie einer kognitiven Grundfähigkeit zu den am stärksten verbreiteten Intelligenztheorien.

Und hier liegt auch ein weiteres Problem für die alternativen Intelligenztheorien. Zwar sind der g-Faktor und herkömmliche Intelligenztests nicht vollkommen unumstritten. In den Augen sehr vieler Psychologen können sie aber sehr wohl leisten, was Gardner und Goleman ihnen absprechen: Sie können durchaus erfolgreich vorhersagen, wie gut jemand das Leben meistern wird. Eine höhere allgemeine Intelligenz geht – zumindest statistisch – nicht nur mit größerem Erfolg in Schule und Beruf einher, sondern beispielsweise auch mit einer höheren Lebenszufriedenheit und Gesundheit. Ob die Theorien von Gardner und Goleman hier einen zusätzlichen Erklärungswert bieten, ist bislang mehr als fraglich.

Aber auch wenn es nur „eine“ Intelligenz geben sollte. Dass Menschen über wertvolle Fähigkeiten und Talente jenseits der klassischen Intelligenz verfügen, zieht wohl niemand in Zweifel.

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Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Elsbeth Stern
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