Wie, wenn ich ein Zombie wäre?

Grafikerin:Meike Ufer

Ein bisschen gleichen wir alle Zombies. Bei vielem, was wir tun und wahrnehmen, ist kein Bewusstsein mit im Spiel. Erschreckend und praktisch zugleich findet das Christian Wolf.

Wissenschaftliche Betreuung: Georg Northoff

Veröffentlicht: 28.08.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Vieles von dem, was wir im Leben tun, denken oder wahrnehmen, läuft ohne unser Bewusstsein ab.
  • Besonders gut eingeübte Bewegungsabläufe funktionieren ohne Bewusstsein besser.
  • Automatisierte Bewegungsabläufe beruhen auf so genanntem prozeduralen Wissen, einer Form von unbewusstem Wissen.
  • Automatisierte Abläufe sparen Zeit und Energie.
  • Auch bei Entscheidungen können unbewusste Prozesse unter bestimmten Umständen hilfreich sein. Intuitive Entscheidungen müssen beispielsweise auf viel Erfahrung beruhen, um gut zu sein.
  • Nur ein geringer Teil der auf uns einprasselnden visuellen Informationen erreicht unser Bewusstsein.
Der Zombie in der Philosophie

Er sieht im Prinzip aus wie du und ich und verhält sich auch nicht groß anders. Schneidet er sich beispielsweise in den Finger, wird er wie jeder andere vor Schmerz aufschreien. Doch subjektiv empfindet er rein gar nichts. Denn er hat kein Bewusstsein. Zombies kommen nicht nur in Horrorfilmen vor, sondern auch in Gedankenexperimenten von Philosophen.

Meist dienen sie als Argumente gegen Formen des philosophischen Materialismus oder Physikalismus. Diesen Positionen zufolge gibt es nur materielle oder physikalisch beschreibbare Dinge und Ereignisse im Universum. Laut dem australischen Philosophen David Chalmers müssen die Vertreter dieser Positionen letztlich annehmen, die Existenz von Bewusstsein ergebe sich alleine schon aus der physikalischen und funktionalen Beschreibung eines Lebewesens. Dass Zombies vorstellbar sind, demonstriert hingegen, dass selbst eine vollständige physikalisch-funktionale Beschreibung nicht die Existenz von Bewusstsein zwingend nach sich zieht.

Freuds Unbewusstes

Für den österreichischen Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939) ist das Unbewusste Dreh- und Angelpunkt seiner Konzeption. Unser Bewusstsein ist nur die Spitze des Eisbergs. In tieferen Schichten verbirgt sich das Unbewusste, verbergen sich die Triebe des Es wie der Sexualtrieb. Psychoanalytisch gesehen umfasst das Unbewusste nicht einfach alles, was nicht bewusst ist, sondern was aktiv verdrängt wird vom bewussten Denken. Freud sah das Unbewusste als einen Ort für sozial unerwünschte Ideen, Wünsche und traumatische Erinnerungen. Unbewusste Gedanken sind nicht direkt der Selbstbeobachtung zugänglich, können aber durch die Psychoanalyse angezapft und interpretiert werden, beispielsweise durch die freie Assoziation oder die Deutung von Träumen.

Manchmal komme ich mir vor, als wäre ich gerade auf Autopilot gestellt. Ich laufe grübelnd durch die Straßen und finde mich plötzlich vor meiner Haustüre wieder. Wie bin ich nur hierher gekommen, wundere ich mich dann. Oder ich staune über den schnellen Fluss der Worte, der ohne mein bewusstes Zutun aus meinem Mund strömt. Vieles von dem, was wir im Leben tun, denken oder wahrnehmen, läuft ohne uns ab – zumindest ohne dass wir mit unserem Bewusstsein dabei sind. Das haben Psychologen und Hirnforscher in den letzten Jahrzehnten deutlich gezeigt. Oft übernehmen unbewusste Prozesse dort, wo unser Bewusstsein überfordert oder zumindest nicht sehr hilfreich wäre. In solchen Fällen gleichen wir ein wenig einem Zombie, der bewusstlos durch die Welt taumelt.

Ich erlebe es manchmal beim Tischtennis: Denke ich nicht darüber nach, gehen mir die schnellsten Ballwechsel leicht von der Hand, fast wie von selbst. Würde ich beispielsweise darüber grübeln, in welchem Winkel ich den herannahenden Ball schlagen soll. Ich wäre nicht nur zu langsam. Mir ginge es auch ein bisschen so wie dem Hundertfüßer in einer Fabel des antiken griechischen Dichters Äsop: Von einem Frosch befragt, wie er seine vielen Beinchen koordiniert, gerät er unweigerlich aus dem Tritt.

Bewusstsein behindert automatisierte Bewegungsabläufe

Tatsächlich schadet Bewusstsein bei gut eingeübten Bewegungsabläufen mehr als es nützt. Psychologische Studien haben gezeigt, dass zwar Anfänger besser werden, wenn sie sich etwa beim Lernen einer Sportart bewusst auf den Bewegungsablauf konzentrieren. Experten auf einem Gebiet verschlechtern sich hingegen, wenn sie auf ihre Bewegungen achten. Ähnliches gilt für das Spielen eines Instruments. Bewusste Konzentration auf einzelne Noten lähme den Klavierspieler beim schnellen Spielen, so ein Beispiel des kanadischen Kognitionswissenschaftlers Merlin Donald in seinem Buch „Triumph des Bewusstseins“.

Gut eingeübte und automatisierte Bewegungsabläufe beruhen auf so genanntem prozeduralen Wissen. Es entsteht, indem im Gedächtnis mit der Zeit ein bestimmter Reiz mit einer bestimmten Reaktion verknüpft wird – unbewusst. Schwinge ich mich zum Beispiel auf mein Fahrrad, löst das gewisse motorische Aktivitäten aus. Es handelt sich um ein implizites Wissen. Man kann etwas, ohne genau zu wissen, wie man es anstellt.

In seinem Bestseller „Blink“ berichtet der englische Wissenschaftsjournalist Malcom Gladwell von diesem Phänomen bei Spitzenspielern im Tennis: Sie könnten außerhalb des Tennisplatzes nie genau das beschreiben, was sie auf dem Platz machen. Viele ihrer Geschichten stimmen auch einfach nicht. Ein Weltklassespieler behauptete etwa, den Ball bis zum Moment seines Schlages genau im Auge zu behalten. Das ist aber nach Gladwell gar nicht möglich. „Dazu ist der Ball viel zu schnell und zu nah: Anderthalb Meter bevor der Ball auf den Schläger trifft, verschwindet er aus dem Sichtfeld des Spielers. Der eigentliche Schlag erfolgt blind.“

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Vor– und Nachteile unbewusster Prozesse

Die Vorteile von automatisierten Abläufen liegen auf der Hand: Sie sparen mir Zeit und Energie. Ich muss nicht erst groß nachdenken, wie ich etwas mache. Außerdem bin ich nicht den Kapazitätsbeschränkungen des Bewusstseins unterworfen. Auch wenn wir gerne das Gegenteil glauben möchten: Studien zum Multitasking haben belegt, dass wir nicht zwei Prozesse gleichzeitig ausüben können, die Bewusstsein erfordern. Ich kann also nicht jemandem konzentriert am Telefon zuhören und dabei noch schnell eine fehlerfreie E-​Mail tippen. Die unbewussten Verarbeitungssysteme des Gehirns können hingegen durchaus parallel zueinander arbeiten.

Leider haben auch automatisierte Abläufe ihre Mängel. Man kann sie nicht ohne weiteres auf andere Aufgaben übertragen. Dass ich beim Tischtennis gar nicht übel bin, hilft mir beim Klavierspielen herzlich wenig. Da bin ich eher kläglich.

Lieber eine Nacht drüber schlafen?

Hilfreich können unbewusste Prozesse auch bei manchen Entscheidungen sein. Das bewusste Denken ist oft überfordert, wenn zu viele Informationen und Optionen zur Verfügung stehen. „Hör auf dein Bauchgefühl“ oder „Schlaf mal drüber“ empfehlen mir daher Psychologen in den Zeitschriften und im Fernsehen angesichts komplexer Entscheidungen. Unbewusst – quasi im Schlaf – nachzusinnen, rät beispielsweise der Psychologe Ap Dijksterhuis von der Radboud University in Nijmegen. In seinen Experimenten trafen die Probanden die besten Kaufentscheidungen, die vom bewussten Nachdenken über verschiedene Optionen abgelenkt wurden. Wenn ich also demnächst meinen mit dem Schreiben von Artikeln angehäuften Reichtum in mein nächstes Haus investieren möchte: Soll ich mich dann auf mein Unterbewusstsein verlassen, statt fleißig Informationen über die Immobilie zusammenzutragen?

Lieber nicht. Denn manch anderer Psychologe warnt davor, die Fähigkeiten des Unterbewusstseins zu überschätzen. Etwa Ben Newell von der University of New South Wales in Sydney: Bewusst nachsinnenden Probanden fiel es in seinem Labor leichter als den unbewusst abwägenden, unter verschiedenen Autos das beste herauszufinden. Voraussetzung war allerdings, dass sie die Angaben zu den verschiedenen Fahrzeugen in Ruhe studieren und längere Zeit darüber nachdenken konnten. Es hänge von der Art der Entscheidung und den Umständen ab, welche Form des Abwägens man wählen soll, erklärt Newell in einem Aufsatz von 2009. Mal eine Nacht über eine Entscheidung zu schlafen, könne in der Tat nützlich sein. Dinge zur Seite zu legen und später darauf zurückzukommen, ermögliche uns, den Entschluss noch einmal mit frischem Blick zu betrachten. Das heiße aber gerade nicht, das Unterbewusstsein könne Dinge für uns „magisch“ lösen.

Auf sein Bauchgefühl hören?

Auch mit dem viel gerühmten Bauchgefühl ist es nicht ganz so einfach. Die Technik, schnell und intuitiv eine Entscheidung zu treffen, empfiehlt mir Malcolm Gladwell in seinem Buch. Als Beispiel nennt er einen Leutnant der Feuerwehr, der im Bruchteil einer Sekunde beschloss, ein Gebäude zu evakuieren – kurz bevor der Wohnzimmerboden zusammenkrachte, auf dem er und seine Männer gerade noch gestanden hatten. Viele Informationen habe der Feuerwehrmann unbewusst verarbeitet, etwa dass das Feuer nicht auf den Wassereinsatz in der Küche reagierte und dass das Wohnzimmer so heiß war. Denn tatsächlich befand sich der Brandherd im Keller unter der Küche. „Zu diesem Zeitpunkt hätte der Leutnant die Zusammenhänge natürlich nicht in dieser Form beschreiben können“, so Gladwell. „Der Denkprozess fand hinter der verschlossenen Tür seines Unbewussten statt.“

Das klingt für mich zunächst durchaus einleuchtend. Aber in seinem Aufsatz belehrt mich Ben Newell wieder eines Besseren. Natürlich gebe es Fälle, in denen ein schnelles Abwägen angebracht sei, so Newell. Allerdings nur, wenn die Intuition auf genügend Erfahrung in dem jeweiligen Bereich beruhe, – wie eben in dem Falle des Feuerwehrleutnants. Manche rasche Entscheidung, die scheinbar intuitiv getroffen werde, sei in Wahrheit das Ergebnis jahrelangen Nachdenkens und des bewussten Erwerbs von Informationen.

Bewusstsein als Benutzeroberfläche

Trotz dieser Einschränkungen ist es keine Frage, dass unbewusste Prozesse bei unseren Entscheidungen eine große Rolle spielen. Und auch im Falle der Wahrnehmung ist unser bewusstes Erleben nur die Spitze eines Eisbergs. Nicht alle visuellen Informationen, die aus der Umgebung auf mich einprasseln, erreichen auch mein Bewusstsein. Würde man mir im Labor beispielsweise einen Reiz auf einem Bildschirm präsentieren und anschließend innerhalb weniger Millisekunden einen weiteren, würde mir der erste Reiz überhaupt nicht bewusst. Viele Reize – vor allem sehr kurze – verarbeitet mein Gehirn, ohne dass ich etwas davon mitbekomme.

Wenn die Vorstellungen vieler Wissenschaftler und Philosophen zutreffen, dann erlebe ich quasi nur eine vereinfachte Benutzeroberfläche. Im Hintergrund erledigt mein Gehirn die komplizierten Rechenvorgänge. Nicht die volle Kontrolle zu haben, klingt erschreckend, ist aber auch sehr praktisch. Wie eben auch beim Autopiloten.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

zum Weiterlesen:

  • Newell, B.R. et al: Think, blink or sleep on it? The impact of modes of thought on complex decision making. The Quarterly Journal of Experimental Psychology. 2009; 62(4), S. 702 – 732 (zum Text).
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