„Raben sind politische Talente“

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Thomas Bugnyar

Vögel wurden lange für wenig intelligent gehalten. Dass sich das geändert hat, liegt nicht zuletzt an der Forschung des „Rabenvaters“ Thomas Bugnyar.

Veröffentlicht: 14.02.2020

Niveau: leicht

Das Wichtigste in Kürze
  • Zu den Rabenvögeln gehören neben Raben und Krähen auch Häher und Elstern. Auch wenn ihre Lautäußerungen dies nicht sofort vermuten lassen, gehören die Rabenvögel zu den Singvögeln, und zwar zu den Sperlingsvögeln.
  • Mythen und Legenden heben immer wieder die Intelligenz von Raben hervor. Der nordische Gott Odin setzt zwei Raben Hugin und Munin als Boten ein, deren Namen übersetzt in etwas „Gedanken“ und „Gedächtnis“ bedeuten.
  • Rabenvögel ernähren sich vielseitig und haben Talent dafür, sich neue Futterquellen zu erschließen, gerade auch im Umfeld des Menschen. Viele ihrer beachtlichen kognitiven Leistungen kommen im Alltag vor allem zum Einsatz, um Futterschätze zu erlangen, zu verstecken und gegen Artgenossen zu verteidigen.
  • In Studien zeigen Raben ein besonderes Talent dafür, einzuschätzen, was andere Raben wissen oder wollen. Sie können Verstecke vortäuschen und soziale Beziehungen gezielt für sich nutzen oder sogar manipulieren.
  • Andere Rabenvögel sind besonders fähige Werkzeugnutzer. Neukaledonische Krähen stellen sogar ihre eigenen Werkzeuge her.
  • Auch Papageien zeigen erstaunliche kognitive Leistungen, zum Beispiel in der Kommunikation. Sie sind nicht eng mit Raben verwandt, haben aber genau wie diese große Gehirne und ein langes Leben.
Zur Person

Thomas Bugnyar, Jahrgang 1971, ist Professor für Kognitive Ethologie an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien und Leiter des Instituts für Kognitionsbiologie. Schon während seines Biologiestudiums faszinierte ihn die Evolution von Intelligenz. Seit seiner Doktorarbeit, die er 2001 abschloss, spezialisiert er sich auf die Erforschung der Intelligenz von Rabenvögeln. Sein besonderes Interesse gilt der sozialen Intelligenz und der Frage, wie kognitive Fähigkeiten und soziale Beziehungen einander beeinflussen.

Herr Bugnyar, wie sind Sie dazu gekommen, die Intelligenz von Rabenvögeln zu untersuchen?

Ich habe mich schon immer für die Evolution von Intelligenz interessiert, besonders von sozialer Intelligenz. Während meines Studiums forschten alle noch an Affen – ich auch. Über die Intelligenz von Vögeln wusste man sehr wenig. Durch Zufall bekam ich das Angebot, in meiner Doktorarbeit zu erforschen, ob Raben wirklich so gescheit sind, wie viele Mythen und Anekdoten es vermuten lassen.

Was sind das für Mythen und Anekdoten?

Rabenvögel spielen eine wichtige Rolle in den Sagen ganz unterschiedlicher Kulturen, zum Beispiel bei den indigenen Völkern Nordamerikas, im alten Rom oder in der nordischen Mythologie. In letzterer treten Raben als Boten des Gottes Odin auf, die dieser immer wieder auf die Erde schickt, damit sie ihm berichten, was dort geschieht. 

Aber galten Vögel im Vergleich zu Säugetieren nicht lange als weniger schlau? Im Englischen verwendet man den Ausdruck „bird brain“ ja sogar analog zu „Dummkopf“.

Das Vogelhirn ist nicht leistungsschwächer als das Säugerhirn! Die Hirnstrukturen sind sehr unterschiedlich, aber die Funktionen auf der Zellebene und die kognitiven Kompetenzen sind es nicht. 

Stimmt es, dass Vögel kein Großhirn haben?

Die Grundannahme, dass Raben sehr schlau sind, fußt auf jahrtausendealten Beobachtungen durch Menschen, dass solche Vögel Erstaunliches leisten. In der Verhaltensforschung hat man sich dafür nur lange nicht interessiert. Einer meiner Mentoren, Bernd Heinrich, hat in den 90er Jahren eine der ersten experimentellen Studien zur Rabenkognition durchgeführt und hatte zunächst Probleme, diese zu veröffentlichen. Er hat dann eine große Literaturrecherche gemacht und über 1.000 Einträge zur Rabenintelligenz gefunden, aber nur einen davon aus einer wissenschaftlichen Studie. Alles andere waren Anekdoten.

Was hat Ihre eigene Forschung über die Intelligenz von Raben ergeben?

Es hat sich herausgestellt, dass Raben ein ganz wunderbares Modell zur Erforschung von Intelligenz sind. Sie können einander zum Beispiel meisterhaft manipulieren und täuschen. Damit das klappt,  muss man in der Lage sein, die Perspektive anderer Individuen richtig einzuschätzen. Das ist ein Element der sogenannten Theory of Mind. ( Im Kopf der anderen [https://www.dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen])  Eine solche Fähigkeit im Experiment mit Tieren zweifelsfrei nachzuweisen, ist allerdings nicht leicht. Wir haben dazu eine ganze Serie von Versuchen durchgeführt und konnten am Schluss wirklich eindeutig nachweisen, dass Raben in der Lage waren, sich vorzustellen, was ein anderer Rabe wahrnehmen kann.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Wir wussten bereits, dass Raben Nahrung verstecken, damit andere sie nicht finden, und dass sie sich besondere Mühe geben, dabei nicht entdeckt zu werden, wenn andere Raben in der Nähe sind. Sie verstecken ihre Beute dann zum Beispiel besonders schnell oder hinter einem nicht einsehbaren Hindernis. Oder sie warten mit dem Verstecken, bis die Konkurrenz wieder weg ist. 

Um zu zeigen, dass bei solchen Tricks auch eine direkte Vorstellung über das mentale Innenleben der Konkurrenten im Spiel ist, haben wir Raben zuerst beigebracht, dass sie das Geschehen in einem Nachbarraum durch ein Guckloch beobachten können. Als dieselben Raben später Futter bekamen, haben sie es viel schneller versteckt, wenn sie im Nachbarraum Tonbandaufnahmen eines anderen Raben hörten, obwohl das Fenster, mit dem man sonst von Raum zu Raum blicken kann, verdeckt war. Bevor die Raben vom Guckloch wussten, hatten sie solche Rabengeräusche von nebenan nicht gestört, wenn das Fenster zu war – weil sie sich unbeobachtet wähnten. Dass sie sich nach Entdeckung des Gucklochs anders verhalten haben, zeigt also, dass sie sich wirklich vorstellen können, was ein anderer Rabe durch das Guckloch sehen kann.

Was können Raben noch besonders gut?

Raben sind große Politiktalente. Wir haben in den letzten Jahren Erstaunliches darüber herausgefunden, was Raben über andere Raben wissen, und wie sie dieses Wissen einsetzen. Bevor Raben mit einem lebenslangen Partner in die Familiengründung einsteigen, leben sie oft mehrere Jahre in losen Gruppen zusammen. Hier treffen von Konservativen, die immer am gleichen Ort bleiben, bis hin zu regelrechten Weltenbummlern ganz unterschiedliche Typen aufeinander. So können sich sehr spannende und flexible soziale Beziehungen entwickeln. 

Raben haben zum Beispiel ein phänomenales Gedächtnis für Beziehungen und wissen auch nach drei Jahren Trennung noch, wer früher ihr Freund war. Oder, wenn wilde Raben streiten, schreit der unterlegene Rabe auf übertriebene Weise, wenn unter den Zuschauern enge Verwandte oder Freunde sind, um Hilfe zu bekommen. Besteht das Publikum aus Freunden des Angreifers, verhält er sich dagegen still. Raben merken auch, wie Beziehungen sich verändern. Befreundete Raben gewinnen mehr Konflikte, weil sie sich gegenseitig helfen. Wenn die Bindung zwischen zwei Tieren enger wird, gehen verstärkt dominante Raben dazwischen, um die beiden am Kraulen oder Spielen zu hindern. Wir vermuten, dass Konkurrenz durch neue Teams so im Keim erstickt werden soll.

Ist die Intelligenz von Raben etwas Besonderes in der Vogelwelt?

Von den meisten Vögeln wissen wir bislang wenig über ihre kognitiven Leistungen. Ich vermute, dass es ausgeprägte soziale Intelligenz wahrscheinlich bei vielen anderen Vögeln gibt, die in Paaren und Gruppen leben, das ist aber noch kaum untersucht worden. Das große Talent zur Manipulation könnte hingegen rabenspezifisch sein – wegen ihrer Futterpräferenzen. Raben essen am liebsten frisches Aas. Einen so großen Futterfund kann man am besten gemeinsam erobern und gegen andere Tiere verteidigen, sodass sich die Zusammenarbeit in Gruppen lohnt. Gleichzeitig entsteht aber innerhalb der Gruppe großer Konkurrenzdruck, der Täuschungsmanöver und Tricks zum Aushebeln der Rivalen begünstigt.

Andere Rabenvögel haben in eine ganz andere Richtung beachtliche kognitive Leistungen entwickelt: Neukaledonische Krähen zum Beispiel können Werkzeuge auf hoch komplexe Weise nutzen und sogar selbst herstellen, um damit Insekten aus Ästen zu pulen. Und auch viele Papageien bringen Topleistungen. Die haben genau wie Raben große Gehirne und leben ebenfalls sehr lange. Ihr Sozialleben ist ähnlich komplex, aber sie sind weniger scheu gegenüber Neuem. Papageien sind nicht nur zu Recht berühmt für ihr Talent, Stimmen nachzuahmen. Sie verstehen in Experimenten sogar abstrakte Konzepte, wie Farben oder Zahlen. 

Wenn man sich anschaut, wie viele Jahre uns die Primatologie voraus ist, brauchen wir einfach noch mehr Zeit, um die Intelligenz von Vögeln besser zu verstehen.

Wie wirkt sich die Intelligenz der Vögel auf die Interaktion mit den Menschen aus, die sie erforschen?

Sobald man mit den Tieren zusammenarbeitet, entwickelt man Beziehungen zu ihnen, weil sie auch sehr unterschiedliche Persönlichkeiten haben. Es gibt einige Raben, die bei allen beliebt sind, und andere, die nur mit bestimmten Personen können. Man muss versuchen, diese Präferenzen einerseits auszuschalten, damit die Forschung objektiv bleibt. Aber andererseits kann man manchmal die persönliche Beziehung auch dazu nutzen, um die Tiere überhaupt erst zum Mitmachen zu bewegen.

Herr Bugnyar, herzlichen Dank für das Gespräch!

Zum Weiterlesen:

  • Bugnyar, T., Reber, S. & Buckner, C. Ravens attribute visual access to unseen competitors.  Nat Commun 7, 10506; 2016. (z um Volltext)
  • Boucherie, Palmyre H et al: What constitutes “social complexity” and “social intelligence” in birds?  Lessons from ravens.  Behavioral Ecology and Sociobiology  2019; 73:12  ( zum Volltext )
  • Auersperg, Alice M.I., und von Bayern, Auguste P. Who’s a clever bird — now? A brief history of parrot cognition.  Behaviour 2019; 156(5-8), 391-407. ( zum Volltext )

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