Sucht als Familienkrankheit – Ein Leitfaden für Angehörige

Eine Suchterkrankung in der Familie kann zur Zerreißprobe werden. Angehörige leiden mit den betroffenen Familienmitgliedern mit. Manchmal sogar so stark, dass sie selbst eine Therapie brauchen. Lassen Sie es nicht so weit kommen.

Wissenschaftliche Betreuung: Rainer Spanagel

Veröffentlicht: 04.11.2016

Das Wichtigste in Kürze
  • Eine Suchterkrankung ist eine große Herausforderung für alle Beteiligten: Nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für Familie, Freunde und Kollegen.
  • Achtung Co-Abhängigkeit: Die Begleitung eines Betroffenen ist eine Gratwanderung. Achten Sie auf sich selbst und Ihr eigenes Leben. Nur wenn es Ihnen gut geht, können Sie dem Betroffenen eine Stütze sein.
  • Holen Sie sich Hilfe, auch wenn der Betroffene selbst noch nicht dazu bereit ist. Zahlreiche Hilfsangebote richten sich speziell an die Bedürfnisse der begleitenden Angehörigen.
  • Seien Sie Kindern ein gutes Vorbild sowohl im Kontakt mit Betroffenen als auch im Umgang mit Drogen selbst. Wer erst später zur Droge greift, läuft weniger Gefahr, hängen zu bleiben.
  • Achten Sie bei der Organisation der Therapie auf nahtlose Übergänge zwischen den einzelnen Schritten. Das reduziert das Rückfallrisiko.

Sucht ist eine Krankheit, die nicht nur den Betroffenen etwas angeht. Denn sie wirkt sich ebenso auf Partner, Eltern, Kinder, Freunde und Kollegen aus. Das Suchtmittel – egal ob Alkohol, Nikotin, Heroin oder Glücksspiel – ist dem Betroffenen ein Freund geworden und hat Sie verdrängt. Sie können Ihren Platz wiederhaben. Doch das gelingt nur in Zusammenarbeit mit dem Betroffenen selbst und indem Sie sich Ihre Unabhängigkeit bewahren.

An sich selbst denken ist okay

Sie müssen zusehen, wie die Sucht nach und nach das Leben Ihres Angehörigen zerstört? Das ist Belastung genug. Lassen Sie nicht zu, dass Sie selbst auch zum Betroffenen werden: Machen Sie sich selbst unabhängig von der Abhängigkeit des anderen. Bei der Begleitung eines Suchtkranken begeben Sie sich auf eine Gratwanderung zwischen Hingabe und Selbstaufgabe. Eine große Gefahr birgt die so genannte Co-Abhängigkeit. Grund dafür ist der Versuch, den Schein zu wahren und die Suchterkrankung aus Scham zu vertuschen. Letztendlich droht auch Ihr gesamtes Leben von der Abhängigkeit dominiert zu werden, bis Sie selbst behandlungsbedürftig werden. Ihnen muss klar sein: Sie sind weder schuld an der Suchterkrankung noch können Sie die Situation alleine verändern. Um den Betroffenen angemessen zu unterstützen, müssen Sie auf sich selbst achten.

Die ersten Schritte

Zunächst hilft es, sich über die Krankheit zu informieren. So verstehen Sie Verhalten und Denken Ihres Angehörigen besser. Sie lernen zum Beispiel, dass der Betroffene in klaren Momenten zwar weiß, dass die Probleme in der Familie, mit Freunden oder im Job mit der Sucht zusammenhängen, gleichzeitig greift die Krankheit aber auf lange Sicht die Hirnareale an, die für die Kontrolle des eigenen Verhaltens zuständig sind.

Betroffene können diese Einsichten also nicht mehr in angemessenes Verhalten umwandeln. Sie sehen, es ist unmöglich, die Sucht des anderen im Alleingang zu bekämpfen. Seien Sie realistisch, das beugt Enttäuschungen vor. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zum Beispiel hat verschiedene Infotelefone eingerichtet (die meist kostenfreien Telefonnummern erhalten Sie auf der Internetseite der BZgA – www.bzga.de), unter anderem zu Essstörungen und Glücksspielsucht sowie zur Nikotinentwöhnung und Suchtprävention. Letzteres ist auch für allgemeine Suchtberatung und die Weitervermittlung an geeignete Beratungsdienste zuständig, wo Sie dann umfassende Informationen über Hilfsangebote in Ihrer Nähe erhalten. Darunter finden sich Selbsthilfegruppen und Psychotherapie, Einzel- oder Gruppengespräche sowohl ausschließlich für Sie als Angehörige als auch gemeinsam für Sie und Betroffene. Hier können Sie offen über Ihre Sorgen und Ängste sprechen.

Der Vorteil der Selbsthilfegruppe besteht in einem tiefen Verständnis der Teilnehmer füreinander. In geschützter Atmosphäre ist ein Austausch auf Augenhöhe möglich und Sie erhalten Ratschläge von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen. Treten Sie aus der Heimlichkeit zu Hause heraus und begeben Sie sich in helfende Hände – auch dann, wenn der Betroffene selbst noch nicht dazu bereit ist.

Im Gespräch

Suchen Sie das Gespräch, um den Verdacht der Abhängigkeit oder gleich Möglichkeiten zur Therapie zu thematisieren. Dabei sollten Sie ein paar Regeln beachten: Nutzen Sie die Gelegenheit, wenn der Betroffene nüchtern ist. Beschränken Sie ihn nicht nur auf seine Suchterkrankung, sondern zeigen Sie Interesse an seiner Person. Betonen Sie, wie wichtig Ihnen Ihre Beziehung zueinander ist. Seien Sie ehrlich und schlagen Sie ruhig vor, eine Beratungsstelle aufzusuchen – bieten Sie hier am besten direkt Ihre Begleitung an. Der Betroffene muss die Hilfe von außen aber freiwillig annehmen. Ihn zu überreden oder zu zwingen kann dazu führen, dass er das Vertrauen in Sie verliert und sich verschließt. So würde er nur weiter in die Arme des Suchtmittels getrieben. 

Seien Sie ein Vorbild

Wenn Ihnen Therapie-, Selbsthilfe- oder Beratungsangebote gut tun, kann sich das auch auf Ihren Angehörigen positiv auswirken. Wenn Sie die Suchterkrankung nicht länger vertuschen oder herunterspielen, wird dem Betroffenen das ganze Ausmaß seiner Erkrankung bewusst. Gleichzeitig beobachtet er, wie Sie immer unabhängiger von ihm werden.

Die Angst wächst, sie zu verlieren, und damit steigt auch die Motivation zur Veränderung. Sie sind ein Beispiel dafür, wie fremde Hilfe die Situation eines Menschen positiv verändern kann. So fällt es dem Betroffenen leichter, sich selbst auch darauf einzulassen. Ein Hilfsangebot, das bereits von einer vertrauten Person besucht und für hilfreich empfunden wurde, erscheint weniger bedrohlich.

Motivation

Motivation/-/motivation

Ein Motiv ist ein Beweggrund. Wird dieser wirksam, spürt das Lebewesen Motivation – es strebt danach, sein Bedürfnis zu befriedigen. Zum Beispiel nach Nahrung, Schutz oder Fortpflanzung.

Gemeinsam durch die Therapie

Hat sich der Betroffene für eine Therapie entschieden, könnten Sie dabei ein wichtiger Begleiter sein. Aber Sie sind nur dann eine wertvolle Hilfe, wenn Sie sich nur so viel zumuten, wie Sie auch tragen können. Die Therapie stellt sowohl für den Betroffenen als auch für Sie eine große Chance, aber eben auch eine enorme Herausforderung dar.

Zunächst wird das Therapievorhaben vom Kostenträger (Kranken- oder Rentenversicherung oder Sozialhilfeträger) geprüft. Gefordert sind ein medizinisches Gutachten zur Notwendigkeit der Therapie sowie ein Sozialbericht. Der Betroffene muss der Behandlung einsichtig und motiviert gegenüberstehen.

Sprechen Sie bei der weiteren Planung der Therapie einzelne Punkte mit dem Betroffenen ab. Sein Wunsch sollte bei jeder Entscheidung im Vordergrund stehen – immer entsprechend der Schwere seiner Abhängigkeit und seiner persönlichen Verfassung. Die Internetseiten der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sowie der Bundesverband für stationäre Suchtkrankenhilfe bieten hilfreiche Plattformen bei der Suche nach einem geeigneten Therapieplatz.

Unter Angabe diverser Suchkriterien können Sie hier nach freien Plätzen suchen. Für den Erfolg einer Behandlung ist der nahtlose Übergang zwischen den einzelnen Therapieabschnitten ausschlaggebend: Vom Entzug zur Entwöhnung, die jeweils ambulant, teilstationär oder stationär in zugelassenen Facheinrichtungen erfolgen können, bis hin zur Nachsorge und Rückfallprophylaxe. Kümmern Sie sich frühzeitig um den jeweils nächsten Schritt.

Trotz glaubhaft geäußerter Abstinenzabsichten werden Betroffene oft erschreckend schnell nach ihrer Entlassung wieder rückfällig. Für Sie ist das eine schwere Enttäuschung. Verurteilen Sie dabei nicht den Betroffenen. Rückfällig zu werden, ist Teil der Abhängigkeitserkrankung und kann zum Heilungsprozess dazugehören. So ist bei einem Alkoholiker die Reduktion der Trinktage bereits ein erster großer Therapieerfolg.

Die besondere Rolle der Eltern

Eltern kommt eine doppelte Verantwortung zu. Hier geht es nicht mehr nur um Sie, sondern auch darum, das Kind vor einer Co-Abhängigkeit zu bewahren. Seien Sie ein Vorbild und handeln Sie, denn Kinder aus suchtbelasteten Familien haben genetisch bedingt ein drei- bis viermal erhöhtes Risiko, selbst eine Sucht zu entwickeln. Die Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien NACOA steht Kindern und Jugendlichen mit Chats, Telefonberatung und weiteren Hilfsangeboten zur Seite. Leidet Ihr Kind womöglich selbst an einer Abhängigkeit, bietet zum Beispiel ELSA (Elternberatung für Suchtgefährdung und Abhängigkeit von Kindern und Jugendlichen) eine Anlaufstelle für Sie als Eltern mit Informationen und Beratungen per Chat, Mail und Telefon.

Gerade in der jüngeren Generation wächst die Bedeutung der Sucht nach Computer, Internet oder Smartphone. Christian Montag von der Universität Ulm bietet mit seinem Team einen Selbsttest zur Smartphone-Sucht an unter www.smartphone-addiction.de. “Computer-, Internet-, und Smartphone-Sucht sind zwar noch nicht offiziell anerkannt, es liegen jedoch bereits Kriterien vor”, so der Psychologe. Ob es sich um eine Sucht nach einer Substanz odereinem Suchtverhalten im Zusammenhang mit der neusten Technologie handelt: Wichtig ist, dass Sie zwischen exzessivem und krankhaftem Konsum unterscheiden. Gerade bei Jugendlichen sollte nicht jede Verhaltensweise, die exzessiv ausgeübt wird, in die Suchtecke gestellt werden. Bei vielen jungen Menschen sind dies häufig vorübergehende Phänomene und Ausdruck eines pubertären Verhaltens. Fühlen Sie sich aber unsicher, zögern Sie nicht, sondern holen Sie Hilfe. Damit schützen Sie nicht nur das Leben des Betroffenen, sondern auch Ihr eigenes und am Ende das der gesamten Familie.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

zum Weiterlesen:

  • Bundesverband für stationäre Suchtkrankenhilfe; URL: http://www.suchthilfe.de/ [Stand: 27.10.2016]; zur Webseite
  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.; URL: http://www.dhs.de/ [Stand: 27.10.2016]: zur Webseite
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