Zum Handeln geboren

Grafik: MW

Der Mensch ist ein Macher – und das Gehirn hilft ihm dabei: Forscher verstehen immer besser, wie stark das Handeln unsere kognitiven Fähigkeiten prägt.

Wissenschaftliche Betreuung: Martin Lotze

Veröffentlicht: 29.09.2015

Das Wichtigste in Kürze
  • Das Gehirn hat sich nicht entwickelt, damit wir die Wahrheit erkennen können, sondern, damit wir in der Welt handeln können. 
  • Das Handeln ist für die Kognitionsforschung ein recht neues Feld, denn um Menschen in Bewegung zu beobachten, brauchte es neue Messapparaturen. 
  • Handeln und Denken sind auch neuronal nicht klar zu trennen. Forscher vermuten in nicht ausgeführten Handlungen den Beginn des Denkens.  
  • Auch beim Menschen geschieht längst nicht alles Verhalten bewusst. 

“Das ist ein Würfel, ein Würfel ist das“: iCub, ein Roboter mit großen Kulleraugen und der Gestalt eines Dreijährigen streckt langsam die Hand nach dem bunten Ding aus, das seine Lehrerin ihm hinhält. Vor ein paar Jahren noch hätte man iCup an einen Rechner gestöpselt und ihm ganze Datenbanken in den Kopf geladen. Heute ist klar: Denken lernt man nur durch Handeln.

Wir nennen das Gehirn unser Denkorgan. Tatsächlich ist es unser Handlungsorgan. „Evolutionspsychologisch gesehen sind wir nicht optimiert, uns kluge und wahre Gedanken über die Welt zu machen, sondern so zu handeln, dass wir möglichst viele Nachkommen produzieren können“, sagt Wolfgang Prinz vom Max-​Planck-​Institut für Kognitions– und Neurowissenschaften in Leipzig. Nahezu ununterbrochen sind wir in Bewegung, machen, tun, interagieren mit anderen. Wie stark jedoch das Handeln unser Denken prägt, beginnen die Forscher gerade erst zu verstehen.

Denn anders als das Denken ist das Handeln bei der Erforschung des Gehirns ein recht neuer Forschungsgegenstand – auch wenn andere Professionen wie etwa die Sportwissenschaft hier schon seit langem eine Vielzahl an Erkenntnissen zusammengetragen haben, etwa beim motorischen Lernen. „In der Kognitionspsychologie aber ging es die längste Zeit vor allem um Wahrnehmungs– und Erkenntnisprozesse, da kam das Handeln nicht vor“, erklärt Prinz, der selbst eine neue Disziplin mit Namen „Action Science“ –Wissenschaft vom Handeln – aus der Taufe gehoben hat. Und der Kognitionsforscher Peter König von der Universität Osnabrück ergänzt: „Das lag auch daran, was wir messen konnten. Die letzten fünfzig Jahre mussten die Versuchspersonen ganz still sitzen und bekamen dann solche kleinen Stimuli präsentiert, einen Punkt hier, einen Balken da, mal einen Piepton. Man hatte sich darauf geeinigt, dass man das Gehirn verstehen könne, ohne dass die Versuchspersonen handeln, weil es einfach nicht anders ging.“ Denn jede Bewegung produzierte ein Störsignal in den Messapparaturen.

Vom Standardsandwich zum neuen Handlungsmodell

Dieser Ansatz führte zu einem Model, das Spötter heute das Standardsandwich nennen: Wahrnehmen, Nachdenken, Handeln. Input, Verarbeitung, Output. Alles fein säuberlich getrennt. Doch mit dieser Aufteilung ist es in Wahrheit nicht weit her: Schon anatomisch lassen sich die Aufgaben des Gehirns nur selten eindeutig zuordnen. Wo etwas im Cortex stattfindet, ob etwa im motorischen oder sensorischen Cortex, interessiert die Forscher deshalb längst weniger als die Organisation und die Dynamik der neuronalen Netzwerke, die an der Erledigung verschiedener Aufgaben beteiligt sind. So aktiviert zum Beispiel die Wahrnehmung von Handlungen dieselben Neuronenverbände, die wir bräuchten, um die Handlung selbst auszuführen. Ob ich eine Tasse nehme oder einen anderen eine Tasse nehmen sehe, ist neuronal demnach erst einmal kein großer Unterschied.

Wie elementar es ist, in der Welt zu handeln, wird klar, wenn man einmal versucht, einfach nur still zu sitzen. Es geht nicht. Die Nase juckt, und man muss sich unwillkürlich kratzen. Und dann wippt auch noch der Fuß, weil von Ferne Musik zu hören ist. Unser Körper ist auf Bewegung ausgerichtet. Gut 650 Muskeln sind dafür zuständig, 30 davon kümmern sich allein um die Mimik Motorik. Und selbst wenn wir uns einfach nur umschauen, sind wir höchst aktiv: Unser Sehapparat formt ständig Annahmen darüber, was wir als nächstes sehen werden, lenkt unsere Augen entsprechend. Führten die Augen nicht ständig kleinste Bewegungen aus, könnten wir gar nichts erkennen.

Wir eröffnen uns die Welt, indem wir uns in ihr bewegen. Selbst Hören und Sehen können wir nur unterscheiden, weil wir uns bewegen und erfahren, wie unterschiedlich sich visuelle und auditorische Reize verändern, erklärt König. Sogar das Denken selbst (Welten im Kopf) gilt den Forschern heute als ein direkter Abkömmling des Handelns. Ein Gedanke ist demnach eine Art nicht ausgeführte Handlungsplanung, deren Konsequenzen im Kopf bewertet werden.

Für Peter König ist deshalb klar: Wir müssen das Gehirn in Aktion betrachten, wenn wir es verstehen wollen. Dank neuer Techniken geht das immer besser: EEG-​Ableitungen, während die Probanden im Wald herum spazieren, Messungen der Augenbewegungen, wenn sie eine fremde Stadt erkunden. „Da tut sich für Hirnforscher eine neue Welt auf“, so König.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Nase

Nase/Nasus/nose

Das Riechorgan von Wirbeltieren. In der Nasenhöhle wird die Luft durch Flimmerhärchen gereinigt, im oberen Bereich liegt das Riechepithel, mit dem Gerüche aufgenommen werden.

Mimik

Mimik/-/facial expression

Fünf Muskelgruppen kontrollieren die sichtbaren Bewegungen an unserer Gesichtsoberfläche – und das gilt für alle Menschen auf der Welt. Aus diesem Grund hinterlassen die Basisemotionen Angst, Wut, Ekel, Trauer, Überraschung und Freude überall ähnliche Spuren im Gesicht, die wir in der Regel auch bei Fremden zuverlässig identifizieren können. Neurowissenschaftler vermuten, dass diese Fähigkeit dadurch zustande kommt, dass wir unbewusst den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers nachahmen.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Handeln ist mehr als Verhalten

Doch die Mikrobewegungen der Augen, das Kratzen der juckenden Nase und der zur Musik wippende Fuß sind nicht wirklich das, was wir im Alltag als Handlung bezeichnen würden. Handlungen, dazu gehört der Gang zum Bäcker am Morgen, die E-​Mail, die wir verfassen, der Kuchen, den wir backen. Um ein wenig Ordnung in die Vielfalt der Phänomene zu bringen, haben Philosophen die Unterscheidung von Handeln und Verhalten eingeführt. Handlungen haben Gründe, jemand hat sich etwas dabei gedacht – und sie sind damit den höheren Lebewesen vorbehalten. Alles andere ist Verhalten: die Schnecke, die ihre Fühler einzieht, wenn man sie antippt, die Ameise, die dem Weg folgt, der am stärksten durch Duftstoffe markiert ist, der Mensch, der zurückzuckt, wenn er einen Knall hört: Sie können nicht anders.

Tatsächlich ist der Übergang zwischen Verhalten und Handlung oft fließend – der Mensch wäre hoffnungslos überfordert, müsste er jeden seiner Handgriffe reflektieren. Das meiste, das wir tun, tun auch wir automatisch: Umherschauen, Schlucken, Gehen etwa. Manche elementaren Prozessen wie Schlaf und Traum können wir gar nicht bewusst steuern Schlaf und Traum. Und in wen wir uns verlieben, entscheiden wir schon gar nicht Liebe und Triebe. Andere Handlungen gehen erst nach einer längeren Lernphase wie von selbst von der Hand. Jeder wird sich erinnern, wie mühsam die ersten Fahrstunden waren. Und feststellen, wie leicht das Fahren mit einigen Jahren Erfahrung gelingt. Routine zu entwickeln entlastet das Gehirn. Bis ein Wildschwein im Scheinwerferlicht auftaucht und ein gehöriger Stoß Adrenalin dafür sorgt, dass die Aufmerksamkeit sich der unerwarteten Situation zuwendet.

Im großen Bereich der Mimik, Gestik und Körpersprache gilt: Man muss schon eine besondere Motivation haben, diese weitgehend unbewusst ablaufenden Prozesse aktiv steuern zu wollen Mimik und Körpersprache. Und meist gelingt das nicht besonders gut. Nicht umsonst gilt die Körpersprache als verlässlichster Indikator dafür, was wirklich in einem Menschen vor sich geht: Wie er sich fühlt und ob er sich verstellt. Und auch in der Kommunikation spielt die Körpersprache eine zentrale Rolle. Filmt man zwei Menschen im Gespräch und lässt den Film langsam genug ablaufen, sieht man, dass sie ein regelrechtes Ballett aufführen: erst beugt der eine sich vor, dann der andere, erst fasst sich der eine an die Nase, dann sein Gesprächspartner. Und je harmonischer dieses Ballett, als desto angenehmer bewerten die Menschen das Gespräch.

Nase

Nase/Nasus/nose

Das Riechorgan von Wirbeltieren. In der Nasenhöhle wird die Luft durch Flimmerhärchen gereinigt, im oberen Bereich liegt das Riechepithel, mit dem Gerüche aufgenommen werden.

Adrenalin

Adrenalin/-/adrenaline

Gehört neben Dopamin und Noradrenalin zu den Catecholaminen. Adrenalin ist das klassische Stresshormon. Es wird im Nebennierenmark produziert und bewirkt eine Steigerung der Herzfrequenz sowie der Stärke des Herzschlags und bereitet so den Körper auf erhöhte Belastung vor. Im Gehirn wirkt Adrenalin auch als Neurotransmitter (Botenstoff), hier bindet es an sogenannte Adenorezeptoren.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Gestik

Gestik/-/body language

Eine nonverbale Form der Kommunikation, bei der bestimmte Bewegungen Inhalte transportieren – ein Zucken der Schultern, eine abwinkende Armbewegung.

Motivation

Motivation/-/motivation

Ein Motiv ist ein Beweggrund. Wird dieser wirksam, spürt das Lebewesen Motivation – es strebt danach, sein Bedürfnis zu befriedigen. Zum Beispiel nach Nahrung, Schutz oder Fortpflanzung.

Menschliches Handeln ist flexibel

Doch der Mensch kann eben auch im anspruchsvollen philosophischen Sinne handeln: motiviert, geplant, erfolgskontrolliert, vom Fahrrad reparieren über die Großbaustelle bis zur Organisation eines Staates. Darin ist er den anderen Tieren vor allem in einer Hinsicht überlegen: Er ist flexibler. Termiten etwa können bewundernswert komplexe Strukturen errichten. Menschen sind nicht unbedingt effizienter in der Organisation von Großbauten, können sich aber flexibler auf neue Anforderungen einstellen und zum Beispiel Flughäfen auch noch nachträglich mit einem Brandschutzsystem ausstatten – das die Termiten freilich gar nicht erst vergessen hätten. Oder Politiker nach einer Wahl abstrafen, indem sie einer anderen Partei die Stimme geben Das politische Gehirn.

Diese Flexibilität entsteht, weil wir nicht immer gleich ausführen müssen, was uns durch den Kopf geht, weil wir Möglichkeiten erwägen und bewerten, weil wir denken können. Allerdings ist auch dieses Denken in großen Teilen etwas, was uns geschieht und weniger etwas, was wir tun. Zu den anspruchsvollsten Unternehmungen des Menschen gehört daher der Versuch, sein eigenes Denken in den Griff zu bekommen. Verschiedene Meditationspraktiken können – nach entsprechender Übung – dazu beitragen, die mentale Plappermaschine, die uns ständig mit mehr oder weniger guten Ideen beschäftigt, kurzzeitig zum Schweigen zu bringen Warum Meditation?.

Wir lernen die Welt zu verstehen, indem wir mit anderen interagieren, indem wir die Hände ausstrecken und die Welt ganz buchstäblich begreifen. Bewegung verbessert das Gedächtnis und hebt unser Wohlbefinden. Peter König ist sich sicher: „Schach spielen und grübeln, das ist für Menschen nicht der Normalmodus, das ist die Ausnahme.“ Wir sind zum Handeln geboren.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

zum Weiterlesen:

  • Experimentelle Handlungsforschung: Kognitive Grundlagen der Wahrnehmung und Steuerung von Handlungen, hg. von Prinz, W. Stuttgart, (2014).

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

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