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Die Heilkraft der Musik

Musik kann heilende Wirkungen entfalten. In der Therapie von neurologischen Störungen wie Schlaganfällen oder Morbus Parkinson erzielt sie deutliche Erfolge.

Grafik: MW


Wenn man krank ist, greift man je nach Beschwerden zu Medikamenten, man geht zum Physiotherapeuten oder macht eine Psychotherapie. An eine sehr naheliegende Hilfe jedoch denken viele Menschen nicht: die heilende Kraft der Musik. Dabei setzen Menschen sie schon seit Urzeiten für eben diese Zwecke ein. Bereits vor 4.200 Jahren komponierte die sumerische Königstochter Encheduanna Beschwörungsgesänge, um Kranke zu heilen. In der Zeit um Christi Geburt wandte der römische Arzt Celsus Musik bei Depressiven an. Und im Mittelalter sollte Musik die Regulierung der Körpersäfte optimieren, in deren Ungleichmäßigkeit man die Ursache von Krankheiten vermutete. 

Auch heute schwören viele Experten auf die positiven Wirkungen von Musik – sie gehen das Ganze allerdings ein wenig wissenschaftlicher an. Mit modernen Therapien rückt man neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfällen oder Morbus Parkinson zu Leibe. Statt auf religiöse Beschwörungsgesänge setzt etwa der finnische Psychologe Teppo Särkämö von der Universität Helsinki auf bevorzugte Musikrichtungen von Schlaganfallpatienten. In seinen Studien durfte sich jeweils eine Gruppe von Probanden in den ersten beiden Monaten nach einem Schlaganfall täglich „ihre“ Musik zu Gemüte führen. Eine zweite griff zu Hörbüchern und eine dritte musste ganz ohne akustische Eindrücke vom Tonband auskommen. Alle erhielten medizinische Betreuung und  Rehabilitationsmaßnahmen. 

Wie sich zeigte, verbesserte der Musikgenuss die Genesung der Patienten deutlich. Ihre durch den Schlaganfall beeinträchtigte Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, sowie ihr Gedächtnis für Wörter erholten sich besser als bei den anderen Gruppen. “Diese positive Wirkung ging Hand in Hand mit strukturellen Veränderungen im Gehirn”, sagt Teppo Särkämö. “Bei den Patienten vergrößerte sich das Volumen der grauen Hirnsubstanz im präfrontalen und limbischen Areal, die für kognitive Fertigkeiten und Emotionen wichtig sind”, – und zwar vor allem in der gesunden Hirnhälfte. Subjektiv hätten die Patienten das Musikhören als Mittel erlebt, zu entspannen und ihre Stimmung zu verbessern Die Macht der Musik.  

Das Wichtigste in Kürze

  • Schon seit tausenden von Jahren greifen Menschen auf die heilende Wirkung von Musik zurück. Heute wird Musiktherapie unter anderem bei neurologischen Störungen eingesetzt. 
  • Das Hören von Lieblingsmusik kann die Rehabilitation nach einem Schlaganfall fördern. Beim visuellen Neglect hilft sie, die vernachlässigte Seite des Gesichtsfeldes wieder stärker zu berücksichtigen. Denn über das Hören von Musik werden Gedächtnisspuren angelegt und positive Emotionen geweckt, die helfen die Aufmerksamkeit zu verbessern.  
  • Klavierspielen kann helfen, die verlorene Feinmotorik nach einem Schlaganfall wiederzugewinnen. Und über das Singen können Patienten mit Sprachstörungen ihre Sprachflüssigkeit verbessern.
  • Rhythmische Musik wirkt besonders stimulierend auf Parkinson-Patienten. Die Rhythmen wirken vermutlich als externe Taktgeber (Cues) auf die motorischen Regionen.    

Musik bei Entwicklungsstörungen

Auch bei der Entwicklungsstörung Autismus kann Musiktherapie hilfreich sein. Zahlreiche Autisten verfügen über ein gutes Gehör und musikalische Fähigkeiten. Über das Medium Musik sind sie in der Lage, ohne Worte Gefühle auszudrücken und eine Beziehung zu Mitmenschen aufzubauen. Das zeigt auch die Forschung mehr und mehr. In einer systematischen Übersichtsarbeit von 2014 sichteten Forscher um Monika Geretsegger von der dänischen Aalborg University die Belege für die Wirkung der Musiktherapie bei Kindern mit Autismus. Die Therapie verbesserte demnach die sozialen Fertigkeiten der Kleinen stärker als eine Scheinbehandlung oder eine Standardbehandlung.

Akkorde verändern die Kognition

Können schon einzelne Akkorde unser Denken verändern? Glaubt man einer Studie der Psychologen Jochim Hansen von der Uni Salzburg und Johann Melzner von der Uni München, dann lautet die Antwort “ja”: Hörten Probanden disharmonische Akkorde, dachten sie eher abstrakt. Für sie waren dann Dinge auf einer Einkaufsliste wie Reinigungstücher und Küchenpapier Gegenstände derselben Kategorie. Schließlich hatten sie auf einer abstrakten Ebene etwas gemein. Bei harmonischen Akkorden hingegen dachten die Freiwilligen konkreter. Sie berücksichtigten die Unterschiede stärker – Reinigungstücher und Küchenpapier gehörten dann nicht mehr zur selben Kategorie. Zur Erklärung dieses Phänomens verweisen die beiden Forscher auf eine psychologische Theorie (Construal Level Theory), der zufolge wir abstrakter von Dingen und Ereignissen denken, denen gegenüber wir eine räumliche, zeitliche oder soziale Distanz verspüren. Ungewohnte disharmonische Akkorde erzeugen bei uns, ihrer Ansicht nach, genau ein solches Gefühl der Distanz. In der Folge denken wir abstrakter. 

Musik als Folter

Musik kann im wahrsten Sinne des Wortes auch eine Folter sein. Zu diesem Zweck wurde sie etwa in dem berüchtigten US-Gefangenenlager Guantanamo Bay eingesetzt. Hier traktierte man Häftlinge stundenlang mit Liedern in extremer Lautstärke, darunter nach Aussagen eines Gefangenen etwa Songs von Marilyn Manson und den Bee Gees, wie die Musikwissenschaftlerin Suzanne Cusick von der New York University beschreibt. Diese Foltermethode ist eine Variante der „no-touch-torture“ – Folter, die schmerzhaft ist, ohne dass direkte physische Gewalt angewandt wird. Tatsächlich legen psychologische Studien nahe, dass sowohl der Entzug von Sinneseindrücken (wie etwa in der Einzelhaft) als auch die Überflutung mit solchen (wie beim Ausgesetztsein lauter Musik) die Fähigkeit zerstören können, sich in der Realität zu verorten. Der Musikwissenschaftlerin Suzanne Cusick berichteten Folteropfer aus Guantanamo Bay von seelischem Stress und davon, sich machtlos gefühlt zu haben. 

Musik weckt Erinnerungen

Doch wie kann Musik zu solchen tiefgreifenden Veränderungen im Gehirn führen? Beim Hören von Klängen und Rhythmen passiert ganz viel in unserem Kopf. Unter anderem werden dabei musikalische Erinnerungsspuren angelegt und Gedächtniszentren angeregt. Dem Ohr schmeichelnde Klänge können über positive Gefühle auch der Aufmerksamkeit auf die Sprünge helfen.

Das machten sich 2009 auch Forscher um David Soto vom Imperial College London zunutze. Ihnen ging es darum, visuellen Neglect zu behandeln, der als Folge eines Schlaganfalls auftreten kann: Bei dieser neurologischen Störung ist meist ein Teil des Parietallappens der rechten Hirnhälfte betroffen, mit dessen Hilfe wir unsere Aufmerksamkeit von einem Punkt des Raumes auf einen anderen richten können. In der Folge kommt den Betroffenen eine Hälfte der Welt abhanden. Obwohl ihr Sehvermögen oftmals intakt ist, ignorieren sie die der Hirnschädigung gegenüberliegende Seite ihres Gesichtsfeldes. Sie essen nur noch von einer Tellerhälfte oder rasieren sich lediglich eine Seite des Gesichts.     

In der Studie von Soto und seinen Kollegen nun fiel es drei Patienten beim Lauschen ihrer Lieblingsmusik leichter, geometrische Formen auf einem Bildschirm korrekt zu identifizieren – und zwar genau in der Hälfte des Gesichtsfeldes, die sie eigentlich ignorierten. In solchen Situationen zeigte sich per Bildgebung eine funktionale Verknüpfung zwischen Hirnregionen, die für Emotionen wichtig sind und solchen, die für die Aufmerksamkeit relevant sind. Spätere Studien anderer Forscher kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Soto und seine Kollegen vermuten, dass die durch die Musik ausgelösten positiven Emotionen die visuelle Aufmerksamkeit verbesserten.  

Kopplung von Motorik und Hören

Bei anderen Musiktherapien werden die Patienten selbst aktiv. Sie singen gemeinsam mit dem Therapeuten oder lernen, ein Instrument zu spielen. In den Studien von Eckart Altenmüller lernen Patienten mit ihrer betroffenen Hand Klavierspielen, um so nach einem Schlaganfall ihre verlorene Feinmotorik wiederzugewinnen. “Durch die gespielten Töne bekommen sie ein direktes Feedback des Bewegungserfolges der einzelnen Finger”, sagt Altenmüller, der Neurologe an der Hochschule für Musik und Theater Hannover ist.

Die Patienten lernen gewissermaßen, die motorischen Zentren über die Hörregionen anzuregen. “Denn wie auch bei gesunden Menschen kommt es bei ihnen durch das Klavierspielen zu einer Kopplung von motorischen Zentren und Hörregionen.” Im Endergebnis verbessern sich dadurch die feinmotorischen Fertigkeiten der Betroffenen auch im Alltag, etwa das Eindrehen von Schrauben oder das Greifen von kleinen Gegenständen. “Vermutlich werden über das Hören Bewegungszentren in den Basalganglien angesprochen, die Bewegungen unterstützen und einleiten können.”

Vom Singen zum Sprechen

Die aktive Musiktherapie kommt auch bei Aphasien – Sprachstörungen etwa nach Schlaganfällen – zum Einsatz. Sprache wird vorwiegend in einer Hirnhälfte verarbeitet, der “dominanten” Hirnhälfte. Bei Rechtshändern, also der Mehrheit der Bevölkerung, ist dies die linke. Bei der so genannten “melodischen Intonationstherapie singen Patienten mit Schädigungen von Sprachzentren der linken Hirnhälfte zunächst sehr einfache Sätze wie Guten Morgen.

Gleichzeitig bewegen sie die linke Hand rhythmisch mit, die von der rechten Hirnhälfte gesteuert wird.  Durch das Singen werden Zentren der rechten, nicht betroffenen Hirnhälfte angesprochen, erklärt Eckart Altenmüller. Diese hatten ganz früher, zu Beginn des Spracherwerbs in der Kindheit, noch Reste von Sprachfunktionen und dienen später vor allem der Melodieverarbeitung. Durch die Handbewegungen wiederum werden vermutlich vor allem die Rhythmusareale aktiviert und gleichzeitig die Durchblutung in der ganzen rechten Hirnhälfte verbessert. Das komme dann auch den Melodiezentren zu Gute, so Altenmüller. Allmählich werden die gesungenen Worte und Sätze für die Patienten komplizierter. Im letzten Schritt werden die gesungenen Sätze wieder der normalen Sprachmelodie angepasst. 

Nach zwanzig bis vierzig Therapiestunden führt das bei einigen Patienten zu einer deutlichen Verbesserung etwa der Sprachflüssigkeit, sagt Altenmüller. Der Neurologe Gottfried Schlaug von der Bostoner Harvard Medical School konnte zeigen, dass diese Therapie tatsächlich die rechte Hirnhälfte aktiviert, insbesondere die Bahnen zwischen der rechten Hörregion und den rechten Sprachregionen. 

Musikalische Zeitgeber

Auch bei der neurodegenerativen Erkrankung Morbus Parkinson haben die Betroffenen mit der Motorik zu kämpfen. Die Krankheit hat ihre Ursache im Absterben von Nervenzellen in der substantia nigra im Mittelhirn, die den wichtigen Botenstoff Dopamin produzieren. Die Patienten haben unter anderem Schwierigkeiten, die Schrittlänge zu regulieren und sie laufen deutlich langsamer. Hier setzt die Rhythmisch Auditorische Stimulation an. Die Therapeuten nutzen dabei rhythmische Musik, die sie oft individuell für den Patienten live spielen. Die Patienten bewegen sich dabei zum Rhythmus. Allmählich wird dann das Schritttempo angezogen. Durch das Hören der rhythmischen Musik können sie die Bewegungen besser synchronisieren, sagt Eckart Altenmüller. Damit verbessern sie letztlich die Länge und Geschwindigkeit ihrer Schritte.

Die rhythmischen Klänge wirken wie Zeitgeber. Denn die Rhythmen aktivieren nicht nur Hörregionen im Gehirn, sondern auch wichtige motorische Areale unter anderem in den Basalganglien. Das schreiben Forscher um die Neurowissenschaftlerin Jessica Grahn an der kanadischen University of Western Ontario in einer Übersichtsarbeit von 2013 Get the rhythm

Für den Musiktherapeut Joachim Nolden der SRH Hochschule Heidelberg ist aber noch ein weiterer Punkt wichtig: Wenn die Parkinson-Patienten im Rahmen der Musiktherapie mit ihrem Lebensgefährten tanzen, fokussieren sich nicht mehr auf die problematischen Bewegungen. Sie konzentrierten sich vielmehr auf die Musik und den Tanz. Sie können dann beim Tanzen spontan Bewegungen abrufen, die sie in einer Übungssequenz nicht hinbekämen. Ein wichtiger Nebeneffekt: Beim Tanzen mit dem Partner geht es auch um zwischenmenschliche Aspekte, etwa die Freude daran, dass die Partnerin einen anlächelt.

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Infos zum Beitrag
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Reinhard Dengler
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