Urlaub – die größere Pause fürs Gehirn

Copyright: Meike Ufer
Urlaub – die größere Pause fürs Gehirn

Im Urlaub erholen sich Körper und Geist. Aber kognitive Fähigkeiten, die tägliches Training benötigen, lassen nach. Und: Der Erholungseffekt für Gehirn und Geist währt nur kurz.

Wissenschaftliche Betreuung: Thorsten Fehr

Veröffentlicht: 21.07.2014

Niveau: mittel

Das Wichtigste in Kürze
  • Urlaub steigert die Kreativität und andere Gedächtnisleistungen.
  • Schüler sind nach den Sommerferien allerdings in jenen Fächern schlechter, die regelmäßige Übung erfordern, zum Beispiel das Kopfrechnen im Mathematik-Unterricht.
  • Wer eine Reise plant, profitiert von der Vorfreude.
  • Unmittelbar vor dem Urlaub sind viele Touristen aufgrund der Reisevorbereitungen allerdings gestresster als zuvor; manch einer spricht von einem „Prä-Urlaubssyndrom“.
  • Die Erholung durch einen Urlaub hält nur kurze Zeit an und wird vor allem durch Arbeitsstress nach der Rückkehr zunichte gemacht.
  • Zwei Wochen Urlaub halten Forscher für die perfekte Reisedauer, auch wenn die Verreisenden selber auch gerne länger Urlaub hätten.

Warum bloß müssen Menschen Koffer packen, Katzen in Tierheime geben und Tausende Kilometer weit fliegen, um sich zu erholen? Der Kabarettist Hagen Rether mokierte sich bei einem Auftritt in Berlin einmal über diese Paradoxie: Man müsse fort, um zu sich zu kommen. Irgendwie hat er ja Recht: Warum eigentlich brauchen wir Urlaub? Wir könnten uns doch zu Hause entspannen, an jedem Feierabend und am Wochenende.

Erst seit den 1990er Jahren befassen sich Urlaubsforscher intensiver damit, wie sich eine tage– oder wochenlange Arbeitspause auf die Gesundheit auswirkt. Der Psychologe Gerhard Blasche von der Medizinischen Universität Wien gehört zu den Urlaubsforschern der ersten Stunde. Für ihn ist klar: „Der Feierabend und das Wochenende reichen oft nicht, um sich vom Arbeitsstress zu erholen und abzuschalten.“ Deshalb benötigen wir längere Auszeiten.

Warum auch unser Gehirn Urlaub braucht: Sightseeing und Siesta

Ferien bedeuten vor allem Urlaub für den Kopf. Urlauber lassen sich verwöhnen und folgen ihrer Lust und Laune. Manche treiben Freizeitsport, andere faulenzen am Strand. Die Arbeit ist weit weg und mit ihr auch die immensen kognitiven Anforderungen, die viele am Arbeitsplatz erfüllen, vom Multitasking bis zur Höchstleistung unter Termindruck.

Die Entschleunigung des Denkens wirkt sich schon binnen kurzer Zeit mental aus – etwa auf die Kreativität. Neurowissenschaftler David Strayer von der University of Utah in Salt Lake City machte mit 30 jungen Männern und 26 jungen Frauen die Probe aufs Exempel. Rund die Hälfte schickte er für vier Tage in die Berge. Die anderen mussten am Computer weiterarbeiten. Die Ausflügler schnitten hinterher in Kreativitätstests um 50 Prozent besser ab, berichtet Strayer in der Online-​Fachzeitschrift PLoS One.

Ähnliches beobachtete die Urlaubsforscherin Jessica de Bloom, eine gebürtige Deutsche, die an der finnischen Universität Tampere forscht. Sie untersuchte 46 Arbeitnehmer vor und nach dem Urlaub. Nach der Pause waren diese ebenfalls kreativer. Sie hatten vielfältigere Ideen, was man mit einem Backstein anfangen könne, beispielsweise nicht nur etwas zu bauen, sondern auch ein Fenster einzuwerfen oder den Stein als Briefbeschwerer zu nutzen. De Bloom ließ auch drei unabhängig geschulte Personen die Antworten auf ihre Originalität hin einstufen. Die Erholten hatten zwar mehr verschiedene Ideen, das heißt, ihr Denken war flexibler, aber diese Ideen waren nicht origineller als zuvor.

„Im Urlaub bekommt unser Gehirn neuen Input: Wir essen andere Dinge, hören eine andere Sprache, erleben eine andere Umgebung. Das regt die Kreativität an“, sagt de Bloom. „Der Rückzug ins stille Kämmerchen ist nicht der Ort, wo wir brillante Ideen haben. Das zeigt die bisherige Forschung.“ Zudem sei geistiger Müßiggang wie das Tagträumen wichtig, damit sich Erinnerungen aufbauen können und Gelerntes sortieren kann. Dieser Leerlauf im Kopf, der sich in den Ferien einstellt, sei allerdings nachrangig, glaubt de Bloom. Hingegen sehen andere Forscher, etwa der bekannte Psychologe Erwin Pöppel, gerade das Nichtstun für den Kopf als eigentliche Quelle der Kreativität an. Womöglich liegt die Wahrheit in der Mitte: Sowohl neue Eindrücke als auch geistige Ruhepausen nähren den Einfallsreichtum.

Warum Urlaub auch gefährlich für den Kopf ist: Schlechter in der Schule

So gut Urlaub dem Kopf tut: Die lange Auszeit hat auch ihre Tücken fürs Gehirn: So haben mehrere Studien gezeigt: Während der großen Sommer-​Schulferien bauen Schüler kognitiv sogar ab. Vor allem Fertigkeiten, die regelmäßig trainiert werden müssen – wie Kopfrechnen und Buchstabieren –, lassen nach. Und je älter die Schüler, desto schlimmer wirkte sich das Sommerloch aus, war das Ergebnis einer Metaanalyse, für die 39 Studien ausgewertet wurden.

Aber keine Sorge: Daraus abzuleiten, dass alle kognitiven Leistungen im Urlaub schwinden, wäre vorschnell. Peter Totterdell von der Universität Sheffield hatte nämlich bei 61 Krankenschwestern beobachtet: Je länger sie frei gehabt hatten, desto besser schnitten sie in Gedächtnistests ab.

Von wegen Vorfreude: der Prä-​Urlaub-​Stress

Kein Zweifel: Im Urlaub steigt das Wohlbefinden bei den meisten Teilnehmern – körperliche Beschwerden lassen nach, Bluthochdruck schwindet, die Herzfrequenz sinkt, Herzinfarkte werden seltener, der Schlaf wird besser, die Laune steigt. Diesen Effekt ins Gegenteil zu verkehren, das können nur negative Erlebnisse wie Stress bei der An– und Abreise, Krankheiten, schlechtes Wetter oder schwere Enttäuschungen und Streit im Urlaub. In diesen Fällen sind die Reisenden froh, wieder heimzukehren.

Doch schon vor dem Urlaub macht sich Frohsinn breit. Ist diese Vorfreude die eigentliche Freude? David Gilbert und Junaida Abdullah von der University of Surrey bemerkten bei einer Befragung aus dem Jahre 2002, dass sich jene glücklicher fühlten und auch zufriedener mit der Familie waren, die gerade einen Urlaub planten. In dieselbe Richtung weist eine Analyse des Tourismusforschers Jeroen Nawijn von der Erasmus-​Universität in Rotterdam. Von 1530 Niederländern zeigten sich jene schon Monate vorher besonders heiter, die einen Urlaub gebucht hatten. Wer daheim blieb, hatte indes keinen Grund zur Vorfreude.

Nawijn und de Bloom erkundigten sich noch einmal genauer nach dem Befinden kurz vor Abreise. Sie befragten 96 Wintersport-​Urlauber in den zwei Wochen vor den Ferien – und stellten eine Art „Prä-​Urlaubssyndrom“ fest: Gesundheit und Wohlbefinden nahmen deutlich ab, je näher die Abfahrt rückte. Je mehr Stress im Büro herrschte, desto ausgeprägter war das Stimmungstief. Frauen litten besonders unter diesem Vor-​Urlaubs-​Stress, weil sie zumeist die gesamten Reisevorbereitungen wie Kofferpacken und das Versorgen von Haustieren übernehmen und dadurch besonders beansprucht sind. Aber die gute Nachricht: „Dieser Einbruch wird durch die Erholung im Urlaub wieder aufgewogen, sodass sich hinterher alle besser fühlen als vorher“, so de Bloom.

Wie kurz die Erholung nach dem Urlaub anhält: flüchtige Freude

Nach der Rückkehr aus dem Urlaub ist die Regeneration allerdings rasch dahin. Schon nach einer Woche am Arbeitsplatz fühlten sich die 96 Wintersportler wieder genauso wie vor dem Urlaub. Nawijns älterer Erhebung an 1530 Holländern zufolge ließ sich die Erholung maximal acht Wochen lang in den Alltag hinüberretten. Stress nach dem Urlaub lässt die Erholung besonders rasch dahinschmelzen, bemerkten die Psychologinnen Jana Kühnel und Sabine Sonnentag. 2011 hatten sie Lehrer vor und nach den Ferien zu Ostern und zu Pfingsten gefragt.

Weil die Wohltat der Auszeit rasch verfliegt, rät de Bloom, nicht nur auf eine einzige und dafür lange Reise im Jahr zu setzen. Denn diese kann zum einen schief gehen und dann sogar auf die Stimmung schlagen. Zum anderen ist es für die seelische Balance gesünder, immer wieder mal über das Jahr verteilt mehrere Tage der Arbeit fernzubleiben.

Wie lang der perfekte Urlaub sein soll: zwei Wochen, gerne länger

Die Forscher raten, dass ein Urlaub maximal 14 Tage dauern sollte. Dafür spricht de Blooms Untersuchungen zufolge, dass die Stimmung bis zum achten Tag klettert, dann aber stagniert. Doch die Länge alleine ist nicht entscheidend: Von 191 Urlaubern erholten sich einer Untersuchung von Blasche zufolge jene am besten, die am freiesten über ihre Zeit verfügen konnten, die warmes Wetter hatten, Sport trieben, gut schliefen und neue Bekanntschaften machten.

Trotzdem sagten zwei Drittel der Teilnehmer in einer Befragung auch, dass sie gerne mehr als zwei Wochen urlauben möchten. Blasche weiß aus eigener Erfahrung, dass lange Auszeiten mehr Abstand zum Alltag und zum eigenen Tun bringen und daraus neue Impulse für Veränderungen im Leben entstehen können. Dem will der Forscher künftig auf den Grund gehen. Das letzte Wort über die perfekte Urlaubslänge ist also noch nicht gesprochen. Dass aber auch der ausgedehnte Urlaub nicht auf Dauer regeneriert – Blasche wundert das nicht: „Schlafen kann man doch auch nicht auf Vorrat.“

zum Weiterlesen:

  • Nawijn J et al.: Pre-​Vacation Time: Blessing or Burden? Leisure Sciences, 2013, Bd. 35, 33 – 44 (zum Abstract).
  • Atchley RA, Strayer DL, Atchley P: Creativity in the Wild: Improving Creative Reasoning through Immersion in Natural Settings. PLoS ONE, 2012, 7(12) (zum Text).
  • De Bloom J et al.: Effects of Short Vacations, Vacation Activities and Experiences on Employee Health and Well-​Being: Lots of Fun, Quickly Gone. In: Journal of Occupational Health 24, 2011, 196 – 216 (zum Abstract).
  • Kühnel J, Sonnentag S.: How Long do You Benefit from Vacation? A Closer Look at the Fade-​out of Vacation Effects. Journal of Organizational Behavior 32, 2011, 125 – 143 (zum Abstract).

No votes have been submitted yet.

Autor

Wissenschaftliche Betreuung

Lizenzbestimmungen

Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.

BY-NC: Namensnennung, nicht kommerziell