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Das soziale Gehirn

Die Größe des Frontalhirns geht mit dem Sinn für Gemeinschaft einher. Deshalb haben Schimpansen mehr Freunde als Pfauen.

Grafik: MW


Es könnte im Urlaub passieren: Eine Gruppe junger Männer grölt am Strand herum, einer übergibt sich in den feinen Sand. Alle Urlauber in der Nähe drehen die Köpfe nach den lauten Besuchern um. Deutsche Wortfetzen klingen herüber und weil man selbst aus Deutschland kommt, schämt man sich zutiefst über das ungehobelte Verhalten der Landsleute. Fremdscham.

Das Wichtigste in Kürze

  • Je größer das Stirnhirn, desto sozialer die Spezies und desto größer ihr Freundeskreis. Das zeigt sich an Affen, Vögeln und Huftieren.
  • Monogame Lebewesen sind tendenziell sozialer eingestellt.
  • Die Dichte der Endorphinrezeptoren im Gehirn korreliert mit der Zahl der Freunde und wie sehr der Kontakt mit anderen Menschen glücklich macht.
  • Soziale Emotionen wie Schuld, Scham und Peinlichkeit setzen das Einfühlen in Andere und das Ersinnen ihrer Gedanken voraus.
  • Bei sozialen Emotionen werden verschiedene Hirnregionen aktiviert. Immer jedoch das so genannte Mentalisierungssystem, das ein Nachdenken darüber beinhaltet, was andere über uns denken.

Spiegelneuronen – Nervenzellen für das Mitgefühl

Per Zufall entdeckten die Forscher um Giacomo Rizzolatti von der Universität Parma 1996 die Spiegelneuronen im Gehirn von Schimpansen. Sie wollten mit Elektroden aufzeichnen, welche Zellen aktiv sind, wenn die Tiere eine Nuss greifen, und bemerkten, dass dieselben Regionen ansprangen, wenn das Versuchstier einen Artgenossen bei der Handlung beobachtete. Die Spiegelneuronen ermöglichen es, zu imitieren, zu lernen, uns in andere hineinzuversetzen und miteinander zu kommunizieren. Sie sind aber auch die kognitive Grundlage für Mitgefühl und damit für das soziale Miteinander. Schlaganfallpatienten können dank der Spiegelneuronen verloren gegangene Fähigkeiten zurückerlangen. Bei einer halbseitigen Lähmung etwa beobachten sie im Spiegel, wie ihre gesunde Gliedmaße eine Bewegung ausführt. Das spricht dieselben Areale an, die nötig sind, um die gelähmte Partie zu bewegen.

Höchstwahrscheinlich ist nur der Mensch zu dieser sozialen Emotion fähig, glauben Soziologen und Psychologen. Alle sozialen Emotionen werden überhaupt erst durch das Gehirn erzeugt und wahrgenommen. Neurowissenschaftler sprechen vom sozialen Gehirn und meinen damit spezifische Gruppen von Arealen, die für die Einbettung des Menschen in die Gesellschaft, für Mitgefühl, Schuld und Scham verantwortlich sind. Es befähigt uns dazu, dass wir mit Freunden streiten und Kompromisse finden können, dass sich eine Familie trotz widerstreitender Interessen auf ein Urlaubsziel verständigt und dass Kollegen sich füreinander einsetzen.

150 Freunde

„Der Mensch ist unstreitig das sozialste aller Wesen“, sagt Robin Dunbar, Anthropologe von der Universität Oxford. „Dafür sind verschiedene Areale im Frontalhirn verantwortlich, die es uns ermöglichen, Kompromisse zu finden, Verhandlungen zu führen und andere komplexe Handlungen zur Aufrechterhaltung unserer Beziehungen auszuführen.“ Das Volumen des präfrontalen Cortex, so hat Dunbar herausgefunden, korreliert mit dem Ausmaß und der Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen.

Ein Mensch pflegt im Schnitt Kontakte zu rund 150 Personen, wobei sehr introvertierte Menschen isolierter leben und besonders extrovertierte Charaktere durchaus an die Tausend Freunde um sich versammeln können. Doch die eigentliche Komplexität der Beziehungen rührt laut Dunbar daher, dass diese unterschiedlich intensiv sind. Wir sind in der Lage, enge Vertraute, im Schnitt etwa fünf Personen, um uns zu haben, die wir jeden Tag sehen oder sprechen. Daneben haben wir gute Freunde, rund 15, wie Dunbar ermittelte. Wir zählen durchschnittlich 50 weitere Freunde und schließlich ungefähr 150 weitläufige Freunde.

„Man kann unser Beziehungsgeflecht entsprechend der Intensität der Beziehung in fünf verschiedene Ebenen einteilen“, erläutert der Neuropsychologe. „Das macht die Komplexität der sozialen Interaktion beim Menschen aus. Für den jeweils anderen Umgang mit engsten Vertrauten bis hin zum weitläufigen Freund brauchen wir immense Kapazitäten im Stirnhirn.“ Neben den kognitiven Gaben ist alleine Zeit der limitierende Faktor, da die Pflege von Beziehungen sehr zeitaufwändig sei.

Je größer bestimmte Hirnregionen, desto mehr und komplexer die sozialen Beziehungen

Bei Tieren sind die sozialen Netzwerke einfacher und auch kleiner. Bei Affen und Menschenaffen ist es mit etwa 50 befreundeten Artgenossen je Individuum noch am größten, was auch den vergleichsweise großen präfrontalen Cortex bei diesen Tieren erklärt. Das „Wer-kennt-wen“ machen Forscher daran fest, welche Tiere einander lausen. Passend zur Größe des Frontalhirns haben Schimpansen einen größeren Freundeskreis als Makaken. Aus den Daten dieser verschiedenen Affenarten leitete Dunbar die zu erwartende Größe des Freundeskreises beim Menschen ab. Und siehe da, er kam auf 150.

Tiere, die monogam leben, haben oft ein größeres Gehirn und zeigen komplexere soziale Verhaltensmuster, konnte Dunbar zeigen. Dazu gehören Elefanten und Delfine. Dagegen sind Antilopen und Kühe, die ihre Sexualpartner in rascher Folge wechseln, nicht besonders gut vernetzt. Der Zusammenhang zwischen Sexualverhalten und Gemeinsinn findet sich auch bei verschiedenen Vogelarten: Albatrosse, Adler, viele Krähen und Raubvögel leben vielfach ihr ganzes Leben mit einem Partner zusammen. Sie haben größere Gehirne und mehr Freunde, mit denen sie beispielsweise gemeinsam Futter picken und sich zuzwitschern. Unsere heimischen Singvögel wechseln jährlich den Partner. Ihr Gehirn hat eine mittlere Größe. Pfauen, die ständig neue Weibchen anlocken, haben dagegen kleine Gehirne.

Allerdings entscheiden noch andere Eigenschaften des menschlichen Gehirns über die Zahl der Freunde. So können Menschen umso mehr Schmerz ertragen, je mehr Freunde sie haben. Beides geht mit der Zahl der Endorphinrezeptoren im Gehirn einher, wie Dunbar zeigte. Endorphine sind körpereigene Glückshormone. Die Konzentration an Endorphinen bzw. die Dichte der Rezeptoren korreliert damit, wie belohnend zwischenmenschliche Bindungen empfunden werden und wie gut man negative Emotionen aushält.

Wo sitzt die Peinlichkeit?

Während sozialer Interaktion ist das Gehirn auf unterschiedliche Weise gefordert. Der Hirnforscher Sören Krach von der Universität Lübeck untersucht, was im Kopf bei zwischenmenschlichen Gefühlen wie Peinlichkeit, Scham und Schuld geschieht.

Er lud dazu 27 Probanden ein, wie er 2015 in der Zeitschrift Neuroimage beschrieb. Jeder machte zunächst einzeln Bekanntschaft mit drei Personen, die ihnen als Schauspieler vorgestellt wurden, unterhielt sich und scherzte mit ihnen, ohne zu wissen, dass diese nur Statisten des Experiments waren. Durch diese Vorbereitung schaffte Krach eine soziale Beziehung zwischen dem Probanden und den drei Personen. Die Versuchsperson musste dann im Hirnscanner liegend Schätzaufgaben lösen und dazu Fragen nach der Entfernung zur Tür oder zum Gewicht einer Flasche beantworten. Die drei Schauspieler hörten zu. Krachs Team ließ den Probanden jedoch scheitern, indem es die Antwort als falsch oder weit weg vom richtigen Ergebnis hinstellte. Das Missgeschick war den Testpersonen vor den drei Beobachtern peinlich. Krach konnte dies auch an der Hirnaktivität sehen. Zum einen feuerten die Nervenzellen in der Inselregion, weil der Proband erwartet hatte, die Aufgabe gut zu lösen. Daneben waren aber auch verschiedene Zonen des so genannten Mentalisierungssystems aktiv, das immer dann anspricht, wenn wir uns Gedanken machen, was andere über uns denken. „Ohne die Schauspieler wäre das nicht der Fall gewesen. Der Fehler wäre uns vielleicht nicht recht, aber auch nicht peinlich.“, erklärt Krach.

Je näher, desto stärker die Gefühle

Wie unangenehm uns ein Missgeschick ist, hängt allerdings auch von der Nähe der Beziehung sowie von der Art des Malheurs ab. „Wenn man auf einer Bananenschale ausrutscht, lacht man vielleicht vor Freunden herzhaft darüber. Aber vor Kollegen schämt man sich“, erklärt Frieder Paulus, der in Krachs Team forscht.

Den Einfluss der sozialen Nähe haben beide Wissenschaftler bei Fremdscham studiert und die zugehörigen Experimente 2015 veröffentlicht. Dazu wurde den Probanden eine Situation vorgespielt, in der ein Freund oder eine Unbekannter an der Kasse eines Supermarktes seine Waren nicht zahlen konnte, weil er nicht genug Geld dabei hatte. Je näher der Bargeldlose den 64 Probanden stand, desto stärker sprach ihr Mentalisierungssystem an, genauer gesagt die Inselregion und der anteriore singuläre Cortex wie auch der präfrontale Cortex. Analog zum stärkeren Gefühl reagieren diese Areale gewissermaßen heftiger. Verursacht ein Freund das Malheur, ist zusätzlich der Precuneus aktiv, was dafür spricht, dass der Proband in diesem Moment „mehr über sich selbst nachdenkt und reflektiert, etwa: Blamiere ich mich jetzt vor allen Leuten, weil mein Freund nicht zahlen kann?“, verdeutlicht Paulus.

Die soziale Interaktion umfasst auf kognitiver Ebene häufig Gedanken darüber, was die Anderen denken und fühlen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Menschen umso mehr Aktivierung in den Experimenten zeigen, je empathischer sie sind. Umgekehrt konnte Krachs Arbeitsgruppe belegen, dass Autisten viel schwächer reagieren.

Was peinlich ist, hängt allerdings mehr noch als von der Persönlichkeit von kulturellen Normen und von der Zeit ab. War es in den 50er Jahren vielleicht noch unangemessen, wenn ein Mann der Frau die Tür nicht aufhielt, so eckt man heute an, wenn man eine Frau mit „Fräulein“ anspricht.

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3D-Gehirn
Infos zum Beitrag
Datum:
01.09.2016
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Dr. Danilo Bzdok
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