Wie Stress das Navigationssystem des Gehirns stört
Unter Stress können sich Menschen schlechter räumlich orientieren. Warum das so ist, haben Bochumer Forschende herausgefunden.
Veröffentlicht: 13.03.2026
Das Stresshormon Cortisol stört das Navigationssystem des Gehirns. Es beeinträchtigt die Funktion der sogenannten Gitterzellen, die für die Orientierung entscheidend sind. Das zeigten Forschende der Ruhr-Universität Bochum in einer bildgebenden Studie mit 40 Personen. Die Teilnehmenden absolvierten ein virtuelles Navigationsexperiment, während ihre Gehirnaktivität im Kernspintomografen aufgezeichnet wurde. Hatten sie zuvor das Stresshormon Cortisol eingenommen, schnitten sie schlechter ab und das präzise Aktivitätsmuster der Gitterzellen verschwamm. Die Ergebnisse wurden online am 12. März 2026 in der Zeitschrift PLOS Biology veröffentlicht.
Dass Stress das menschliche Verhalten und Denken beeinflusst, ist hinlänglich bekannt. Doch wie genau das Stresshormon Cortisol die Schaltkreise im Gehirn stört, die für die Navigation zuständig sind, war bisher kaum verstanden. Ein Team um Dr. Osman Akan vom Bochumer Lehrstuhl für Kognitionspsychologie ging dieser Frage mit Kolleginnen und Kollegen vom Lehrstuhl für Neuropsychologie der Ruhr-Universität Bochum sowie vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nach.
Cortisol
Cortisol/-/cortisol
Ein Hormon der Nebennierenrinde, das vor allem ein wichtiges Stresshormon darstellt. Es gehört in die Gruppe der Glucocorticoide und beeinflusst im Körper den Kohlenhydrat– und Eiweißstoffwechsel, unterdrückt das Immunsystem und wirkt direkt auf gewisse Neuronen des zentralen Nervensystems.
Virtueller Orientierungstest im Kernspintomografen
40 gesunde Männer nahmen an dem Versuch teil, jeweils an zwei verschiedenen Tagen. An einem Tag erhielten die Probanden 20 Milligramm Cortisol, am zweiten ein Placebo. An beiden Tagen absolvierten sie einen Orientierungstest, während ihre Hirnaktivität im Kernspintomografen aufgezeichnet wurde.
Für den Test mussten die Teilnehmenden in einer virtuellen weitläufigen Wiesenlandschaft nacheinander verschiedene Bäume ansteuern, die nach der Ankunft jeweils verschwanden. Anschließend mussten sie den direkten Rückweg zum Ausgangspunkt finden, ohne dass die Strecke dorthin vorgegeben war. In einem Teil des Tests war die Umgebung völlig frei von permanenten Orientierungspunkten, die Bäume dienten lediglich als temporäre Zielpunkte. In einem anderen Teil des Tests diente ein Leuchtturm als dauerhafte Orientierungshilfe.
Schlechtere Orientierung unter Cortisol-Einfluss
Cortisol
Cortisol/-/cortisol
Ein Hormon der Nebennierenrinde, das vor allem ein wichtiges Stresshormon darstellt. Es gehört in die Gruppe der Glucocorticoide und beeinflusst im Körper den Kohlenhydrat– und Eiweißstoffwechsel, unterdrückt das Immunsystem und wirkt direkt auf gewisse Neuronen des zentralen Nervensystems.
Neuronales Koordinatensystem fällt unter Stress aus
Der Einfluss von Cortisol zeigte sich auch in den funktionellen Kernspinaufnahmen. Ohne den Einfluss des Stresshormons Cortisol feuert eine spezielle Gruppe von Nervenzellen im entorhinalen Kortex während räumlicher Orientierungsaufgaben in einem Gittermuster – daher der Name Gitterzellen; sie bilden sozusagen das innere GPS des Menschen.
Unter dem Einfluss von Cortisol verschwamm das Aktivitätsmuster der Gitterzellen; insbesondere beim Navigieren in Umgebungen ohne Landmarken hatten die Zellen praktisch keine Funktion mehr. „Unter Stress verliert das Gehirn die Fähigkeit, seine internen Navigationskarten effektiv zu nutzen“, resümiert Osman Akan.
Zudem beobachteten die Forschenden unter Cortisol eine verstärkte Aktivierung in einem anderen Hirnareal, dem Nucleus caudatus „Das deutet darauf hin, dass das Gehirn versucht, den Ausfall des Haupt-Navigationssystems im entorhinalen Kortex durch alternative Strategien zu kompensieren“, erklärt Akan.
Cortisol
Cortisol/-/cortisol
Ein Hormon der Nebennierenrinde, das vor allem ein wichtiges Stresshormon darstellt. Es gehört in die Gruppe der Glucocorticoide und beeinflusst im Körper den Kohlenhydrat– und Eiweißstoffwechsel, unterdrückt das Immunsystem und wirkt direkt auf gewisse Neuronen des zentralen Nervensystems.
Nucleus
Nucleus/Nucleus/nucleus
Nucleus, Plural Nuclei, bezeichnet zweierlei: In der Zellbiologie den Zellkern, der unter anderem die Chromosomen enthält. In der Neuroanatomie bezeichnet es im Nervensystem eine Ansammlung von Zellkörpern – im zentralen Nervensystem als graue Substanz, im peripheren als Ganglien.
Nucleus caudatus
Nucleus caudatus/Nucleus caudatus/caudate nucleus
Teil der Basalganglien und bildet gemeinsam mit dem Putamen das Striatum. Anatomisch liegt der Nucleus caudatus frontal zur Mitte des Gehirns und zieht nach hinten, sodass er ein C bildet. Er besteht aus einem Kopf– (Caput nuclei caudati), einem Körper — (Corpus nuclei caudati) und einem Schwanzbereich (Cauda nuclei caudati). Im Gegensatz zu den eher motorischen Anteilen der Basalganglien besteht hier neben Motorfunktionen eine starke Vernetzung mit dem präfrontalen Cortex. Dadurch ist dieser Teil des Striatums auch stark an Kognition, Motivation und Emotion beteiligt.
Bedeutung für das Verständnis der Alzheimer-Krankheit
Der enthorinale Kortex ist diejenige Gehirnregion, die bei der Alzheimer-Erkrankung als eine der ersten geschädigt wird. „Da chronischer Stress als Risikofaktor für Demenz gilt, liefert unsere Studie einen entscheidenden Mechanismus, wie Stresshormone diese empfindliche Region destabilisieren“, sagt Osman Akan.
Demenz
Demenz/Dementia/dementia
Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.
Originalveröffentlichung
Osman Akan, Varnan Chandreswaran, Henry D. Soldan, Anne Bierbrauer, Nikolai Axmacher, Oliver T. Wolf, Christian J. Merz: Cortisol Treatment Impairs Path Integration and Alters Grid-like Representations in the Male Human Entorhinal Cortex, in: PLOS Biology, 2026, DOI: 10.1371/journal.pbio.3003661
Cortisol
Cortisol/-/cortisol
Ein Hormon der Nebennierenrinde, das vor allem ein wichtiges Stresshormon darstellt. Es gehört in die Gruppe der Glucocorticoide und beeinflusst im Körper den Kohlenhydrat– und Eiweißstoffwechsel, unterdrückt das Immunsystem und wirkt direkt auf gewisse Neuronen des zentralen Nervensystems.