Der Upload: Das digital-unsterbliche Ich

Grafik: MW
Upload Scan
Autor: Arvid Leyh

In diesen technisch hochgeschraubten Zeiten, in denen die Autos autonom werden, medizinische Diagnosen von KIs gestellt und alles Information ist – warum sollten wir uns künftig nicht selbst digitalisieren und so dem leiblichen Tod ein Schnippchen schlagen?

Veröffentlicht: 27.01.2020

Das Wichtigste in Kürze
  • Upload bezeichnet die transhumanistische Vision, das Gehirn auszulesen und dann den eigenen Geist auf eine Speichermedium hochzuladen – um auf diese Weise ewig zu existieren.
  • Ray Kurzweil, der Protagonist dieser Idee, hat eine Roadmap dafür entwickelt die auf die stete technische Weiterentwicklung setzt: Live long enough, to live forever.
  • Mit dem Konnektom gibt es eine mögliche anatomischen Grundlage für diese Idee – und hier ist die Entwicklung rasant.
  • Datensicherheit, Erbschaftstreitigkeiten, Vertragslaufzeit sind nur einige der Probleme, die dann auf uns zukommen.
  • Der Autor dieses Textes ist insgesamt eher skeptisch.
Digitaler Dualismus

Körper und Geist betrachten schon Kinder intuitiv als zwei unterschiedliche Dinge. René Descartes legte im 17. Jh. mit dem Dualismus die entsprechende philosopische Grundlage, die sich jedoch mit der modernen Physik – etwas nicht-Materielles wie der Geist kann nicht mit etwas Materiellem wie dem Körper interagieren – und den Erkenntnissen der klinischen Neurowissenschaften nicht vereinbaren lassen. Heute gibt es nur noch wenige Vertreter des Körper-Geist-Dualismus.

Das Konzept des Uploads bringt den Dualismus abgeschwächt jedoch wieder zurück: Indem sich geistige Prozesse – die „Software“, die „Information des Ich“ – aus der „Hardware“ Körper auslesen lassen, existieren beide wieder getrennt voneinander. Philosophisch ist das interessant: Die Hardware ist austauschbar, die Daten sind kopierbar, was also ist das Ich? Doch dass auch kybernetische Systeme im Prinzip bewusstseinsfähig sein können, daran haben Philosophen wie Thomas Metzinger keinen Zweifel.

Ein anfällig‘ Ding ist der Körper. Ungezählt seine Maladien, unheilbar seine Vergänglichkeit. Das ist nicht fair, denn – so erleben wir es zumindest ganz subjektiv – im Grunde ist dieser Körper doch nur die Hardware für die Software unseres Geistes, unseres Bewusstseins, unseres Ichs. Und während „wir“ auch im fortgeschrittenen Alter junggeblieben sind, ist er ein Auslaufmodell. Nicht nur so ganz individuell, sondern morgen oder übermorgen ganz allgemein. Möglich macht’s die Digitalisierung. Das zumindest ist die Hoffnung hinter dem so genannten Upload: Wie das kratzer- und bruch-anfällige Vinyl dem mp3-Format gewichen ist, soll unser Körper obsolet werden und unser Geist unsterblich in der Welt von Nullen und Einsen. Und immer mit Backup.

Klingt verwegen, scheint kaum umsetzbar und ist voller ungelöster technischer Probleme. Pure Science-Fiction, und dort kommt die Idee tatsächlich auch her: Hans Moravec hat Ähnliches schon 1988 in seinem Buch „Mind Children“ beschrieben. Doch so lange unsere smarten Sprachassistenten so sind, wie sie sind, mag zwar jeder von der Allgegenwart künstlicher Intelligenzen reden – im Alltag bleiben selbst sie doch nur Theorie. Und der Upload liegt auf dem Zeitstrahl der technischen Evolution noch ein ganzes Stück jenseits der KI. 

Brücken zur Unsterblichkeit

Doch es gibt bereits eine Roadmap, aufgebaut auf Moore’s Gesetz. Das besagt in seiner weichsten Interpretation, dass Computerchips ihre Leistung spätestens alle zwei Jahre verdoppeln – was lange tatsächlich so war (und günstiger wurden sie auch). Dieses Gesetz ist ein wenig in die Jahre gekommen, wird momentan nur noch über den Trick der Mehrprozessorkerne am Leben erhalten, doch in besagter Roadmap spielt es eine wichtige Rolle. Die wiederum stammt von Ray Kurzweil, Entwickler von Synthesizern, „Director of Engineering“ bei Google und Visionär des Transhumanismus, also des Gedankens, dass sich die humane Biologie technisch aufrüsten lasse.

Die Roadmap besteht größtenteils aus „Brücken“ und geht gemäß Kurzweils Buch „Homo s@piens“ aus dem Jahr 1999 so: Erst müsse der Körper durch gesunde Lebensweise (und viele Nahrungsergänzungsmittel, die Kurzweil auch vertreibt; er selbst nimmt angeblich um die 250 Wirkstoffe pro Tag) lange genug am Leben bleiben. 125 Lebensjahre seien so machbar, meint er – für ihn wäre das im Jahr 2074. Bis dahin sollte die Medizin ihre größten Probleme gelöst haben. Durch Nanobots bliebe man dann so lang am Leben, bis die „Singularität“ eingetreten sei. Heißt: Die Intelligenz der KIs wäre um so viel höher, als die unsere, dass wir ihnen geistig nicht mehr folgen können. Ab da würden technologische Sprünge möglich, die wir uns bisher noch nicht vorstellen können. Und damit dann auch der Upload: Das Auslesen des eigenen Gehirns, um dessen Inhalt – „uns“ – auf ein Speichermedium hochzuladen. Mehrere Brücken also mit genau einem Ziel: Live long enough to live forever.

Technologische Sprünge und Bewusstsein


Soweit die Roadmap. Und Kurzweil hat durchaus einige Punkte auf seiner Seite. Natürlich das Totschlagargument „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“ (ich kenne es von Niels Bohr, aber es gibt andere Zuschreibungen). Ein gutes Argument – wer hätte schon 2006 die Umwälzungen in unserem Alltag vorhersehen können, die das Smartphone brachte? Technologie entwickelt sich in Sprüngen, und nur weil den KIs heute schon wieder ein digitaler Winter vorhergesagt wird, heißt das nicht, dass in 20 Jahren nicht Quantencomputer auf jedem Schreibtisch stehen. Zudem entwickeln Forscher schon länger neuromorphe Hardware, also Chips, die nach dem Vorbild der Arbeitsweise von Neuronen geschaffen werden. Was es bringt, werden wir sehen, doch die Erkenntnis ist: Technik entwickelt sich gern exponentiell.

Auch aus der „Philosophie des Geistes“ gibt es gute Argumente. Dort beschäftigt man sich mit der Frage, wie denn aus unserer evolutionär völlig handelsüblichen Ausstattung des Nervensystems so etwas Geniales, Beeindruckendes, Unerklärliches wie der menschliche Geist entstehen konnte – dieses Gefühl des Ich mit all seinen Hoffnungen, Befürchtungen, Visionen? Oder anders: Wie kommt es zu dem Gefühl, jemand zu sein?

Eine der aktuell sehr einflussreichen, aber auch sehr kontrovers diskutierten Theorien dazu stammt von dem Psychiater und Neurowissenschaftler Giulio Tononi und trägt den unhandlichen Titel „Integrated Information Theory“ (IIT). Die Einzelheiten sollen uns momentan nicht belasten (hier finden Sie ein Interview), wichtig ist allerdings, dass für Tononi nicht nur biologische Systeme bewusstseinsfähig sind – Bewusstsein könne auch auf anderen „Medien“ laufen. Zum Bespiel einem Computer. 

Die integrierte Information von Tononi kam nach Kurzweil und meint etwas anderes, doch auch bei Kurzweil kommt der Begriff der Information vor. In einem Interview mit der Zeitschrift „Was ist Erleuchtung“ (er schreibt aber durchaus auch für wissenschaftliche Zeitschriften) sagt Kurzweil: „Wer bin ich? Was ist ein Mensch? Ich bin ein Muster aus Materie und Energie. Ich bin nicht das Zeug, dass ich sehen kann, denn diese bestimmten Partikel waren vor sechs Monaten vollkommen anders. Wir wissen, dass unsere Zellen sehr schnell ausgewechselt werden, und obwohl unsere Neuronen länger bestehen, werden ihre Bestandteile, die Tubuli und Filamente, tatsächlich innerhalb von Tagen oder Wochen ausgetauscht.“ Kurzum: Kurzweil definiert „uns“ als Information. 
 

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Das Konnektom

Ein drittes Argument stellt eines der aktuell wichtigsten Forschungsfelder der Neurowissenschaften: Das Konnektom – eine feinkörnige Form der Anatomie, wie wir sie zu sehen vor wenigen Jahren technisch noch gar nicht in der Lage waren. Das Konnektom ist nichts anderes als die exakte Vernetzung einzelner Neurone mit ihren Kollegen. 2013 gelang dies erstmals für die Netzhaut des Auges und es war eine arbeitsintensive Sensation. 2019 erst hat Moritz Helmstaedter vom MPI für Neurowissenschaften die Latte eine Stufe höher gelegt: 500 Kubikmicrometer aus dem primären somatosensorischen Cortex einer Maus wurden digital rekonstruiert. In diesem winzigen Stückchen Gewebe befanden sich 89 Neurone samt einer Gesamtverkabelung aus Dendriten und Axonen von fast zwei (!) Metern Länge. Gedauert hat das mehrere Jahre. In dieser Zeit wurden winzigste Scheiben des Gehirns abgehobelt und die jeweils oberste Schicht fotografiert. Dann wurde das zweidimensionale Material Bild für Bild wieder in ein dreidimensionales Ganzes zusammengesetzt.

Wissenschaftlich ist das natürlich hochinteressant – wer hemmt wen, wie ist die Verschaltung im Einzelnen – an solch einem Datensatz haben die Anatomen über Jahre hinweg ihre Freude. Philosophisch und auch psychologisch ist die Bedeutung nochmal eine ganz andere: Denn was sind wir anderes, als die ganz individuelle Vernetzung von Nervenzellen, wie sie in jedem anderen Gehirn auch vorkommen? Wie verläuft der neuronale Weg vom Ziegenkäse zum Belohnungszentrum? Von Rammstein zum Ekel? Welche Gedanken und Gefühle löst das Wort „Mutter“ in uns aus? Wir sind unser Konnektom, da hat der amerikanische Protagonist dieser Forschung Sebastian Seung wohl Recht. Und könnten wir es einmal auslesen … und wieder zusammensetzen … wir wären dem Upload ein ganzes Stück näher.

Aktuell ist das auch für winzige Gebiete noch ein enormer Aufwand, doch in der Science-Fiction erfasst man diese Daten bereits für das ganze Gehirn eines Menschen. 

Ja, aber …

Das liest sich alles sehr nett, doch meine Befürchtung ist, dass Ray Kurzweil seinen Upload nicht mehr erleben wird. Der allgemeine Grund ist, dass wir das Gehirn bisher viel zu wenig verstehen. Nicht nur was die berühmten neural corralates of consciousness – also die notwendigen innerkopfigen Strukturen für Bewusstsein – angeht, sondern auf einer ganz fundamentalen Ebene: Es fehlt rundweg an einer grundlegenden Theorie zum Gehirn. Ganz einfach, weil es sich dabei um ein komplexes System mit vielen Einflussgrößen handelt, bei dem Schmetterlinge ruckzuck Wirbelstürme auslösen können.  Dmitri Krioukov formulierte das 2014 in  Frontiers in Computational Neuroscience weise so: „This way or the other, one thing is certain: as far as the brain and other complex systems and networks are concerned, we are at a rather Ptolemaic stage, collecting the data, awaiting for Copernicus.  Forget about Einstein for a time being“ (So oder so, eines ist klar: Soweit es das Gehirn und andere komplexe System und Netzwerke betrifft, befinden wir uns noch im Ptolemäischen Stadium, sammeln Daten und warten auf Copernicus. Von Einstein brauchen wir noch gar nicht zu sprechen).  Anders gesagt: Wir segeln noch sehr im Nebel.

Kritiker der Kritik werden das als banal empfinden und auf künftige technische Entwicklungen verweisen, Stichwort: sprunghafte Entwicklung. Dieses iPhone-Argument stimmt natürlich, doch für viel schwerer halte ich dieses Problem: Die Daten eines Konnektoms transportieren keine Aktivität. Sie sagen uns nur, welches Neuron mit welchen anderen Neuronen zum Zeitpunkt des Todes vernetzt war. Klar, wir wissen, dass es ein sensorisches Neuron war, wenn es im somatosensorischen Cortex sitzt, und auch ein motorisches Neuron würden wir erkennen. Dass beide für den linken großen Zeh zuständig sind … dafür müssten wir schon das gesamte Nervensystem einlesen (was gut wäre, denn ein Gehirn ohne Körper hat ein akutes Feedback-Problem, selbst wenn nur beide virtuell existieren). Doch wie steht es mit fremdsprachlichen Verben, dem subjektiven Gefühl der roten Rose, der Erinnerung an den berühmten ersten Kuss? 

Dieses Argument eine Stufe tiefer betrachtet: Das Nervensystem ist plastisch – es entwickelt sich entlang der Geschichte seines Besitzers/Bewohners. Aus dem Konnektom können wir nicht ersehen, welches Netzwerk für den ersten Partner vom ersten Kuss zuständig ist und welches für den nächsten Partner. Sprich: Das Konnektom transportiert keine Bedeutung, es liefert nur Vernetzung ohne Aussage. Für philosophisches Kleinvieh wie Wahrnehmung und Bewegung reicht das völlig, doch die großen Fragen von Bewusstsein und Sinn und Liebe werden nicht mitgescannt. 

Nun gut, hier hülfe ein Quantensprung der Technik: Schon Kurzweil hofft auf die Nanoroboter für die Erhaltung der körperlichen Gesundheit und auch hier wären sie hilfreich: Als Recorder-Medium sämtlicher Hirnaktivität von … ja, eigentlich von Anfang an, intrauterin. Wer neben der Neuronenaktivität noch das jeweilige Geschehen aufzeichnet, kann den Datensatz Konnektom um den Datensatz Aufgabengebiet und Bedeutung erweitern. So könnte es funktionieren. Irgendwann.

Sklavenarbeit, dystopisch

Jetzt stehen wir schon mit mehr als einem Fuß in der Science-Fiction. Gehen wir den ganzen Schritt, finden wir uns nach unserem Ableben und der Digitalisierung – und der damit verbundenen Zerstörung unseres Gehirns – im besten Fall in einer artgerechten Umgebung. Das sollten wir erwarten dürfen, zumal es genug Entwickler da draußen gibt, die in der Schaffung neuer Welten für digitale Mitbürger einen Markt sehen sollten.

Wir leben also schwerelos oder am Karibikstrand oder in separaten Arealen von World of Warcraft und lassen es uns gut gehen. Doch auch hier gibt es Fragen: Wie oft gibt es uns? Wer hat das Copyright? Wer erbt jetzt unser Vermögen? Wir selbst? Was geschieht, wenn der Strom ausfällt? Wie ist das mit der Datensicherheit? Regiert der fiese Obermafiosi die Familie aus dem digitalen Jenseits? Was, wenn er sich durchs Netz davon macht, die Lottozahlen manipuliert, die gegnerische Familie hackt, noch lebende Politiker mit dem Inhalt ihrer Festplatte erpresst? Was, wenn Donald Trump auch posthum weiter gegen einen Schurkenstaat antwittert und ihm den Krieg erklärt? Die Abstimmung über den Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken manipuliert, weil Strom halt nun mal lebenswichtig ist und diese Fleischklumpen da draußen auf das falsche Pferd gesetzt haben?

Und was, wenn in 100 Jahren mein Konto leer ist? Muss ich dann als Gesichtserkennungsbot meine Existenz in einem totalitären System verdienen? Verkauft an den meist Bietenden, und wenn ich nicht mitspiele, werde ich halt gelöscht?

Natürlich kann alles auch ganz anders kommen. Womöglich werden Posthumane als Astronauten eingesetzt, als Erkundungstrupps in coladosen-großen Raumschiffen, und können damit auch nicht das irdische Internet kapern. Auch diese Idee ist aus bestehenden Büchern geklaut.

Um jetzt wieder aus der Sci-Fi raus und in das reine Gedankenexperiment zurückzukommen: Wenn Sie könnten – würden Sie sich uploaden?

Zum Weiterlesen:

  • Homo Sapiens: Leben im 21. Jahrhundert - Was bleibt vom Menschen?, Ray Kurzweil, Ullstein, 2000, Sachbuch
  • Fall Or, Dodge In Hell, Neal Stephenson, HarperCollins, 2020, Science Fiction
  • From Bacteria to Bach and back – The evolution of minds, Daniel C. Dennett, Penguin Books, 2018, grundlegendes Sachbuch zur materiellen Philosophie des Geistes

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