Verbündete gegen den Kopfschmerz - Ein Leitfaden für Angehörige

Kopfschmerzen können eine einschneidende Erkrankung sein. Als Angehöriger sind vor allem Ihr Verständnis und Mitgefühl gefragt, und sie können die Vorbeugung unterstützen.

Wissenschaftliche Betreuung: Lars Neeb

Veröffentlicht: 12.02.2017

Das Wichtigste in Kürze
  • Während einer Kopfschmerzattacke bei Ihrem Angehörigen: Fragen Sie nach, was er braucht und bleiben Sie zumindest in der Nähe.
  • Nach der Attacke: Signalisieren Sie Gesprächsbereitschaft und informieren Sie sich auch anderweitig über die Kopfschmerzform.
  • Seien Sie vorsichtig mit gut gemeinten Ratschlägen und Vergleichen. Ihre Offenheit, Ihr Mitgefühl und Verständnis sind gefragt.
  • Unterstützen und motivieren Sie den Betroffenen in der Therapie und Vorbeugung.

Vorhang zu, Tür zu, Licht aus und Decke über den Kopf. Und halt mir bloß die Kinder vom Hals. Als Angehöriger eines Kopfschmerzpatienten haben Sie kein leichtes Los. Sie müssen seine Erkrankung erleben , die ein sehr profanes Image hat, nämlich in eine Reihe mit einem Schnupfen gestellt wird, obwohl sie weitaus härter zuschlägt. Und wer selbst noch nie unter heftigen Kopfschmerzen litt, hat es besonders schwer, das Leiden nachzuvollziehen.

Der sonst so sanftmütige Mensch ist ungehalten und gereizt, vielleicht schreit oder weint er vor Schmerzen. Sie erkennen ihn nicht wieder. Versuchen sie trotzdem, die Fassung zu wahren, und fragen Sie ruhig nach, wie Sie helfen können.

Vielleicht schafft schon eine Kopf- oder Fußmassage oder ein Glas Wasser etwas Erleichterung oder aber der Betroffene möchte einfach, dass Sie bei ihm sind. Gut möglich, dass er aber auch allein sein möchte, weil er sich schämt, dass Sie ihn so erleben. Dann respektieren Sie diesen Wunsch, halten Abstand – und bleiben trotzdem in der Nähe.

Ist Kopfschmerz eine Erkrankung oder ein Symptom für eine Erkrankung? – im gesamten Text wird das inkonsistent benannt: mal als Symptom, mal als Erkrankung…

Macht nichts, denn wir erklären im anderen Text, dass Kopfschmerzen sowohl als eigenständige Erkrankung auftreten können, als auch als Folge einer anderen Erkrankung (sekundäre Kopfschmerzen). Ich denke, hier dürfen wir das als Synonyme behandeln.

Die Symptome werden auch unter der FAST-Regel zusammengefasst. Die Abkürzung steht für Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit): Beim Lächeln verzieht sich das Gesicht einseitig (Face). Die Arme lassen sich nicht mehr nach vorne strecken und nach oben drehen (Arme). Ein einfacher Satz lässt sich nicht mehr laut aussprechen. Die Stimme klingt vielleicht verwaschen oder Sie stottern (Sprache

Den Kopfschmerz kennen lernen

Um das Leiden ihres Angehörigen besser einordnen zu können, hilft es, nach einer Attacke mit ihm in Ruhe darüber zu sprechen. Signalisieren Sie Offenheit für ein Gespräch, überlassen Sie es aber dem Betroffenen, das Angebot anzunehmen oder nicht. Manchmal wollen Erkrankte aus Angst vor einem neuen Anfall nicht darüber reden. Wenn es jedoch möglich ist, lassen Sie sich beschreiben, welche Vorboten eine Kopfschmerzattacke ankündigen und wie sich diese anfühlt, damit Sie in der Ausnahmesituation wissen, was in Ihrem Angehörigen vor sich geht. Erkundigen Sie sich, welche Unterstützung Sie ihm während eines Anfalls geben können – Abstand, einen besonderen Rückzugsort, Kleinigkeiten wie frische Luft oder vielleicht Beistand.

Kopfschmerzen sind das Symptom einer mitunter einschneidenden Erkrankung, die in ihrer schlimmsten Form den Lebensmut rauben kann. Je besser Sie die Kopfschmerzart Ihres Angehörigen verstehen und kennen, desto eher können Sie mit seinem Leiden umgehen und ihm zur Seite stehen. Sie können sich dazu Informationsmaterial, Ratgeberbroschüren, Bücher und Leitlinien über die Erkrankung beschaffen. Wenn der Betroffene es gutheißt, können Sie ihn auch bei einem Arztbesuch begleiten und in der Praxis Ihre Fragen stellen.

Chronisch kranke Menschen wollen ein offenes Ohr und Mitgefühl, in aller Regel aber wollen sie nicht bemitleidet werden. Sensibel reagieren sie auch auf Bewertungen oder Vergleiche mit anderen Personen. Mit Sätzen wie: “Meine Tante hat auch manchmal Kopfschmerzen”, stoßen Sie ihn vor den Kopf. Jeder Erkrankte erlebt das Leiden unterschiedlich; die Attacken fallen unterschiedlich intensiv und häufig aus. Besonders konfliktträchtig sind Reaktionen
, wie “jetzt reiß dich mal zusammen” oder “du musst nur durchhalten”. Sie signalisieren damit Unverständnis und mangelnde Empathie. Ihr Angehöriger wird verletzt und verärgert reagieren.

Verschiedene Typen

Kopfschmerzen sind häufig die Folge oder Begleiterscheinung einer ganz anderen Grunderkrankung, sie werden dann sekundäre Kopfschmerzen genannt. Dagegen stellt beim primären Kopfschmerz das Leiden die eigentliche Erkrankung dar. Insgesamt lassen sich über 240 Formen von Kopfschmerzen unterscheiden. Die drei häufigsten primären Kopfschmerzarten sind die Migräne, der Spannungskopfschmerz und die Clusterkopfschmerzen. Diese drei zu kennen und zu unterscheiden, wird Ihnen bereits weiterhelfen:

Eine Migräne ist dadurch gekennzeichnet, dass der Betroffene licht- und lärmempfindlich wird, sich oft auch erbricht oder zumindest über Übelkeit klagt. Die Kopfschmerzen können drückend oder pochend sein. Eine Attacke kann nach ein paar Stunden vorüber sein oder aber Tage anhalten.

Daneben ist der Spannungskopfschmerz die häufigste Kopfschmerzform. Sie tritt beidseitig meist als dumpfer drückender Schmerz auf. Anders als bei der Migräne gibt es meist keine Begleiterscheinungen wie Übelkeit. Oft verspannt sich bei einem Anfall die Nackenmuskulatur merklich.

Besonders schwer zu ertragen ist der Clusterkopfschmerz, der einseitig mit bohrenden Schmerzen hinter dem Auge, der Stirn oder der Schläfe auftritt. Während eines Anfalls rötet sich und tränt meist das Auge, die Nase läuft oder ist verstopft. Manchmal schwillt das betroffene Auge sogar zu. Die Attacken dauern bei den meisten Patienten zwischen 30 und 90 Minuten, und sie können bis zu acht Mal am Tag aufs Neue auftreten. Da die Schmerzen den Betroffenen hart treffen, zieht er sich oft zurück. Die Angst vor den ständigen Anfällen und die eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten können ihn in die Verzweiflung treiben und depressiv machen. Bei dieser Erkrankung ist es besonders wichtig, dass Sie Verständnis entwickeln und Ihren Angehörigen in Aktivitäten unterstützen, die ihm als Ausgleich zu den Strapazen der Attacken dann Lebensmut und Zuversicht spenden. Das können Kleinigkeiten sein, wie ein Kinobesuch oder ein Treffen mit Freunden.

Gemeinsam vorbeugen

Vieles beim Kopfschmerz dreht sich um die Vorbeugung. Denn ein bestimmter Lebensstil, aber auch Medikamente können helfen, dass die Attacken weniger häufig und hart ausfallen. Doch diese lebenslange Therapie erschöpft viele Betroffene, weshalb Sie ihm allein schon durch Motivation unter die Arme greifen können. Bei allen Kopfschmerzerkrankungen wirkt regelmäßiger Ausdauersport günstig. Zwar gibt es mehr Studien, die Yoga eine Wirkung gegen Kopfschmerzen bestätigen, als beispielsweise für das Nordic Walking. Es ist aber plausibel, dass jegliche Art von Bewegung die Therapie unterstützt. Wenn es Ihrem Angehörigen schwer fällt, sich zum Sport aufzuraffen, könnten Sie beispielsweise ein gemeinsames Angebot suchen. Oder vielleicht findet sich ein Freund.

Auch jenseits des Sports können Entspannungsverfahren als Ausgleich zu Stress und Belastung die Kopfschmerzattacken in ihrer Häufigkeit und Härte mindern. Kann sich der Betroffene nicht aus freien Stücken dazu entschließen, macht manchmal ein Gutschein etwa für eine Massage oder ein gemeinsamer Besuch eines Kurses für Autogenes Training oder Alexandertechnik den Anfang. Wichtig ist dabei, dass Sie aufmerksam wahrnehmen, was Ihrem Angehörigen gefällt und was ihn tatsächlich entspannt. Einige sprechen auf ein Kursprogramm mit Musik besonders an, während andere die Berührung der Massage brauchen. Wenn Sie diese individuellen Vorlieben beherzigen, werden Sie gewiss viele passende Angebote finden.

Fällt es Ihrem Angehörigen schwer, die Medikamente einzunehmen, können Sie ihm dabei helfen, diese etwa zurechtlegen, aus der Apotheke mitbringen und ihm behutsam erklären, weshalb die Einnahme wichtig ist. Daneben sollten Sie den Alltag der Erkrankung anpassen: Die meisten Kopfschmerzpatienten sollten nicht übermäßig Alkohol trinken und regelmäßig essen. Manchmal kann eine fehlende Mahlzeit tatsächlich eine Attacke bedingen. Eine abwechslungsreiche gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse unterstützt die Gesundheit am besten.

Ist Ihr Angehöriger offen für Hausmittel, können Sie ihn ermuntern, diese auszuprobieren, und gemeinsam Buch darüber führen, was am ehesten hilft. Gegen Spannungskopfschmerz empfiehlt die Leitlinie etwa zwei bis drei Tropfen Pfefferminzöl zum Auftragen auf die Stirn. Das vielleicht bekannteste Mittelchen ist aber Kaffee gefolgt von einem Glas frisch gepresstem Zitronensaft. Diese Kombination ist nicht nur kein Hochgenuss. Sie macht auch Arbeit, die Sie Ihrem Angehörigen abnehmen können.

zum Weiterlesen:

  • Bundesverband der Clusterkopfschmerz-Selbsthilfe-Gruppe (CSG) e.V. zur Webseite
  • Deutsches Krebsforschungszentrum; URL: http://www.dkfz.de/de/index.html / [Stand 23.09.2014] zur Webseite
  • Medienpsychologie. Ein Lehrbuch für die Praxis, hg. von Michaela Mönch, Frankfurt (1996)
  • Mösgen, Peter: Selbstmord oder Freitod? Das Phänomen des Suizides, Eichstätt (1999)
  • Hermann, Günther: Das Medienzeitalter. Monopolisten auf dem Vormarsch, Süddeutsche Zeitung, Nr. 237 vom 13./14. Oktober 2001, S. 2
  • Zickgraf, Arnd: Wer trauert, darf auch lachen, Zeit Online, 18.01.2013 (zum Text)
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