„Eine neue und kolossale Würde“

Grafikerin: Meike Ufer
Autor: Judith Rauch

Die Gelassenheit des Alters hat Mark Twain erst mit 70 gefunden. Judith Rauch, 56, sucht schon jetzt danach. Bisher mit mäßigem Erfolg, doch die Ergebnisse der Hirnforschung machen ihr Mut.

Wissenschaftliche Betreuung: Martin Korte

Veröffentlicht: 30.04.2013

Das Wichtigste in Kürze
  • Die zweite Lebenshälfte verläuft nach den Erkenntnissen der Gerontologen dynamischer, als man sich das bisher vorgestellt hat.
  • Reifungsprozesse im Gehirn unterstützen den Wandel in kognitiver und emotionaler Hinsicht.
  • Eine Neuausrichtung in der Lebensmitte ist typisch: Sie zielt auf mehr Sinn im eigenen Tun.
  • Das Ende des Berufslebens wird oft als Befreiung empfunden – und bietet die Chance, lang gehegte Träume zu verwirklichen.
  • Die Rückbesinnung in den späten Lebensphasen kann zu kreativen neuen Lösungen führen.

Schade, dass ich die Forschungen von Gene D. Cohen noch nicht kannte, als ich 50 wurde. Ich hätte mir sonst weniger Illusionen gemacht. Illusionen, die unter anderem genährt wurden durch die Lektüre von Frauenzeitschriften. Diese beschrieben – wohl um ihre Leserinnen zu umgarnen – die Dekade zwischen 50 und 60 als eine Art Hochplateau im Leben der Frau. Gelassen schreite die gereifte Dame durch die Welt. Nicht aus der Ruhe zu bringen sei sie durch berufliche und private Wechselfälle. Büro-​Intrigen und die Launen von Chef oder Ehemann kommentiere sie nur mit amüsiertem Lächeln. Und auch modisch lasse sie sich nichts mehr vorschreiben, die Lady ab 50. Sie habe ihren Stil gefunden. In jeder Hinsicht.

Ganz so ist es nicht gekommen. Nicht bei mir – und auch nicht bei den tausenden Menschen in der zweiten Lebenshälfte, deren Geschichten in die Studien von Gene D. Cohen eingeflossen sind. Dieser amerikanische Gerontologe, der leider 2009 verstorben ist, beschreibt die Jahre nach der Lebensmitte als im Gegenteil unruhige und dynamische Zeit mit nahezu pubertären Entwicklungsschüben und überraschenden Wendungen. Von Hochplateau und beständigem Stil hat er in seiner Forschung nichts gefunden. Wenn er recht hat, sollte man bei uns Silver Agern vielmehr auf alles gefasst sein! Denn nach dem Abschied von der eigenen Jugend geht es nicht einfach sanft bergab. Vier Phasen gilt es laut Cohen noch zu durchwandern, bevor man ermattet ins Grab sinkt.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Phase I: Neuausrichtung in der Lebensmitte

„Die meisten von uns werden in den mittleren Jahren zum ersten Mal ernsthaft mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert“, schreibt der 1944 geborene Psychiater. Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit äußere sich in drei klassischen Fragen: „Wer bin ich?“, „Wo bin ich gewesen?“ und „Wohin gehe ich?“.

Die Antwort auf diese Fragen kann zum Beispiel in einem Berufswechsel liegen oder im Anpacken eines völlig neuen Projekts. Cohen selbst begann mit Ende 40, Brettspiele für ältere Erwachsene zu entwickeln – sehr zum Erstaunen seiner Kollegen aus der Wissenschaft.

Steckt dahinter die viel diskutierte „Midlife-​Crisis“? Cohen bezweifelt das. Die wenigsten seiner Patienten und Studien-​Probanden hätten diese neue Zeit der Suche als wirkliche Krise erlebt, berichtet der Alternsforscher. Etwas anderes sei der Grund: „Aus der in diesem Lebensabschnitt häufigen nachdenklichen Stimmung geht der drängende Wunsch hervor, im eigenen Leben einen tieferen Sinn zu entdecken, neue Aufgaben in Angriff zu nehmen oder bei einer Aufgabe, mit der man bereits befasst ist, eine neue Richtung einzuschlagen.“

Zwischen Mitte 30 und Mitte 60 könne es zu einem solchen Umbruch kommen. In der Regel aber werde er zwischen Anfang 40 und Ende 50 erlebt. Die Hirnentwicklung hilft dabei mit, etwa durch die Reifung der Selbstkontrolle, der Selbsterkenntnis und der sozialen Fähigkeiten. Auf dem Weg zur Weisheit kommt man in diesem Alter ein gutes Stück voran.

Wie mir scheint, habe ich diese Wende schon hinter mir: Schon bald nach meinem 40. Geburtstag machte ich in meinem Berufsleben einen scharfen Schnitt. Obwohl ich damals als Reporterin eines internationalen Magazins gut verdiente und ein interessantes Leben mit vielen Reisen führte, wollte ich es ändern: Ein Spezialgebiet, das mich intellektuell mehr forderte, sollte her. Mit wichtigen, zukunftsträchtigen Themen wollte ich mich beschäftigen und mit Menschen, die wirkliche Erkenntnisse mitzuteilen hatten. So kündigte ich meine Stelle, wurde Wissenschaftsjournalistin und bald schon Dozentin für dieses Fach.

Ich könnte also wieder mal zufrieden sein. Und doch ist da diese gewisse Unruhe, die mich fast ungeduldig auf die nächste Phase warten lässt. Von Mitte 50 bis Mitte 70 spielt sie sich ab, laut Cohen, in der Regel aber zwischen Ende 50 und Anfang 70.

Phase II: Befreiung

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Solche Sätze seien typisch für Menschen in dieser Phase der Befreiung, und oft werde nach dem Ende der beruflichen und elterlichen Pflichten ein lange gehegter Wunsch in die Wirklichkeit umgesetzt. „Planen und Handeln sind von dem neuen Gefühl geprägt, dass uns eigentlich nichts hindern kann, zu sagen, was wir wirklich denken, und unseren Bedürfnissen entsprechend zu handeln.“

Ein Anwalt aus meiner Nachbarschaft scheint Phase II schon erreicht zu haben. Vor kurzem hat er mit Anfang 60 seine gut gehende Kanzlei einfach dicht gemacht, seine Sachen gepackt und ist von zu Hause ausgezogen – in die Wildnis Kanadas, ganz allein. Ein Befreiungsschlag. Der den Rest der Familie ratlos zurückgelassen hat. Nie hatten sie geahnt, dass der Vater nicht nur die berufliche Tretmühle, sondern auch das Familienleben als drückende Pflicht empfand. Dass er insgeheim ganz andere Träume hegte.

Experimente und Innovationen sind typische Bedürfnisse dieser Phase, sagt Cohen. Und Hirnforscher haben beobachtet, dass sich gerade jetzt in Teilen des Gehirns, die für die Verarbeitung neuer Eindrücke zuständig sind, neue Neurone bilden: im Hippocampus und möglicherweise auch in Teilen des Großhirns. Körperliche Bewegung und anspruchsvolle geistige Tätigkeit regen diese Neurogenese an, Dauerstress bremst sie dagegen.

Ich warte sehnsüchtig auf das Sprießen dieser Neurone. Mir ist nach Experimenten und Innovationen zumute, nach neuen Eindrücken und nie gekannten Erfahrungen. Ich weiß nur noch nicht, wo ich sie suchen soll. Vermutlich nicht in der Wildnis Kanadas.

Obwohl … Ich bemerke neuerdings, dass mein Verhältnis zur Natur sich verändert. Seit einer Reise durch die Wälder und Sümpfe Südamerikas vor zwei Jahren kann ich der Schönheit von Vögeln und Schmetterlingen viel mehr abgewinnen als je zuvor. Vor kurzem ertappte ich mich sogar dabei, wie ich eine Dreiviertelstunde lang einer Ameise zusah, die einen Brotkrümel nach Hause in den Bau trug. Es kann sich also noch einiges tun in meinem Gehirn. Womöglich muss ich mich auf eine zweite Pubertät einstellen. So viel zur Ruhe auf dem Hochplateau.

Vielleicht muss ich dazu erst 70 werden. Wie Mark Twain, der zu diesem Anlass schrieb: „Der siebzigste Geburtstag! Das ist der Zeitpunkt in deinem Leben, wo sich eine neue und kolossale Würde einstellt, wo du die sittsame Zurückhaltung, mit der du dich eine Generation lang herumgequält hast, zur Seite werfen kannst, um furchtlos und unerschrocken auf deinem sich in sieben Terrassen aufschwingenden Gipfel zu stehen, hinabzublicken und andere zu lehren – ohne das dich irgendeiner zurechtweisen kann.“

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Hippocampus

Hippocampus/Hippocampus/hippocampual formatio

Der Hippocampus ist der größte Teil des Archicortex und ein Areal im Temporallappen. Er ist zudem ein wichtiger Teil des limbischen Systems. Funktional ist er an Gedächtnisprozessen, aber auch an räumlicher Orientierung beteiligt. Er umfasst das Subiculum, den Gyrus dentatus und das Ammonshorn mit seinen vier Feldern CA1-​CA4.

Veränderungen in der Struktur des Hippocampus durch Stress werden mit Schmerzchronifizierung in Zusammenhang gebracht. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Verstärkung von Schmerz durch Angst.

Phase III: Resümee

Da deutet er sich schon an: der Wunsch, andere an den eigenen Einsichten teilhaben zu lassen. Laut Gene D. Cohen ist er typisch für die dritte Phase des späten Erwachsenenlebens. Sie kann von Ende 60 bis in die 90er ablaufen, in der Regel erlebt man sie zwischen Ende 60 und Ende 80. Es ist die Zeit, in der Menschen sich verstärkt mit der eigenen Biographie beschäftigen. Nicht nur, um Rückschau zu halten und in Erinnerungen zu schwelgen. Sondern auch, um unerledigte Dinge wieder hervorzuholen und unaufgelöste Konflikte endlich anzugehen.

Hirnforschern ist aufgefallen, dass auch diese anspruchsvollen Aufgaben mit neuem Rüstzeug im Gehirn angegangen werden. Eleanor A. Maguire und Chris Frith vom Londoner University College stellten fest, dass sich die Funktionsweise des Hippocampus verändert. Ältere Erwachsene setzen beim Nachdenken über vergangene Ereignisse den linken und den rechten Hippocampus gleichermaßen ein, während bei den Jüngeren vorwiegend der linke aktiv ist. Cohen folgert daraus, dass so die Erinnerungen plastischer und facettenreicher werden. Das ist doch wirklich ein Grund, sich auf dieses Alter zu freuen!

Auch sonst scheint diese Phase die guten Seiten im Menschen ans Licht zu bringen: Es ist das Alter, in dem reiche Mäzene große Vermögen stiften, in dem Künstler noch einmal ein bewundernswertes Werk schaffen (Giuseppe Verdi schrieb seinen „Falstaff“ mit 80) und gewöhnliche Menschen sich in Ehrenämtern engagieren. Mein Lebensgefährte, obwohl noch nicht 70, hat diesen Weg mit viel Idealismus eingeschlagen. Und er sieht dabei ganz glücklich aus.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Hippocampus

Hippocampus/Hippocampus/hippocampual formatio

Der Hippocampus ist der größte Teil des Archicortex und ein Areal im Temporallappen. Er ist zudem ein wichtiger Teil des limbischen Systems. Funktional ist er an Gedächtnisprozessen, aber auch an räumlicher Orientierung beteiligt. Er umfasst das Subiculum, den Gyrus dentatus und das Ammonshorn mit seinen vier Feldern CA1-​CA4.

Veränderungen in der Struktur des Hippocampus durch Stress werden mit Schmerzchronifizierung in Zusammenhang gebracht. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Verstärkung von Schmerz durch Angst.

Phase IV – Da capo

Das ist noch nicht alles. Wer das Glück hat, 80 zu werden und noch ein paar Jahre zu leben – ohne dass Demenz ihm die Denkfähigkeit raubt –, kann eine vierte Phase durchleben. In ihr greift der alte Mensch alte Lebensthemen erneut auf und gibt ihnen unter Umständen einen ganz neuen Dreh. Cohens Paradebeispiel ist eine Künstlerin, die erst mit 94 anfing, Tonfiguren zu formen: Es waren Eulen – Vögel, die sie in ihrer Kindheit auf einer Farm bereits fasziniert hatten und für die sie nun, im hohen Alter, einen kreativen Ausdruck fand.

Auch diese letzte Lebensphase wartet noch mit einer positiven Hirnentwicklung auf. Sie betrifft die Amygdala, das Organ, das unsere Stimmung reguliert. Angst, Wut und Hass werden mit zunehmendem Alter immer weniger stark empfunden, stattdessen dominiert eine positive Grundstimmung den Lebensabend. (Glückliche Greise)

Bei meiner Mutter scheint mit dem 80. Geburtstag ein solcher Stimmungswandel eingetreten zu sein. Die vielen Schicksalsschläge, die sie hat einstecken müssen, ihre Unfälle und Krankheiten nimmt sie seitdem mit mehr Gleichmut hin. Sie freut sich, dass sie nach einem Beinbruch wieder ohne Krücken gehen kann. Und sie macht wieder Witze, manchmal ziemlich sarkastische. Als ein gleichaltriger Witwer ihr stolz seine neue Freundin vorstellte, meinte sie nur: „Einer wie der käme mir jedenfalls nicht ins Haus.“

Neulich ließ meine Mutter durchblicken, dass sie nichts dagegen hätte, 90 zu werden. Wer weiß, womit sie uns bis dahin noch überrascht.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

zum Weiterlesen:

  • Cohen, Gene D.: Geistige Fitness im Alter. So bleiben Sie vital und kreativ. Frankfurt 2009 (englische Originalausgabe 2005)
  • Korte, Martin: Jung im Kopf. Erstaunliche Einsichten der Gehirnforschung in das Älterwerden. München 2013

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

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