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Neuroskeptizismus: Im Zweifel gegen den Angeklagten

Ob Gottesmodule im Gehirn, Liebeszentren oder Areale für unentschlossene Wähler: Die Hirnforschung möchte all das erklären, zum Teil auch mit überzogenen Ansprüchen. Das brachte eine neue Bewegung hervor: den Neuroskeptizismus. Die Kritik der Zweifler könnte die Hirnforschung voranbringen.

Grafik: MW


„Schatz, du aktivierst meinen anterioren cingulären Cortex!“ Könnte so das Liebesgeständnis der Zukunft aussehen? Das könnte man fast glauben. Denn in Medienberichten der letzten Jahre musste die eine oder andere Hirnregion als Erklärung für viele psychische Phänomene herhalten. Besonders der anteriore cinguläre Cortex, kurz ACC, scheint eine Hirnregion für alle Fälle zu sein: Er regt sich nicht nur als eines der „Liebeszentren“, wenn frisch Verliebte das Foto ihres Liebsten betrachten. Er reagiert auch verstärkt bei Online-Süchtigen, die ihr Lieblingsspiel auf Fotos betrachten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Kritik an den Erklärungsansprüchen der Neurowissenschaften hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die so genannten Neuroskeptiker kritisieren unter anderem, dass die Ergebnisse mit bildgebenden Verfahren überzogen gedeutet werden.
  • Sie verweisen darauf, dass Methoden wie die funktionelle Magnetresonanztomografie eben keine 1:1-Liveschaltung ins Gehirn ist, sondern dass ein Hirnscanbild das Ergebnis vieler messtechnischer Erhebungen und statistischer Berechnungen darstellt.
  • Das sogenannte „Manifest“ der Hirnforschung resümierte 2004 den Stand der damaligen Hirnforschung. Es löste einige Kontroversen aus mit Aussagen wie der Prognose, dass in Zukunft auf der Grundlage der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse auch ein neues Menschenbild entstehen werde.
  • Zum zehnjährigen Jubiläum des Manifests erschien eine Art Gegenmanifest, das Memorandum „Reflexive Neurowissenschaft“. Die beteiligten Forscher plädierten darin für eine nachdenkliche(re) Neurowissenschaft.
  • Kritisiert wird auch immer wieder der angebliche Größenwahn von Großprojekten der Hirnforschung wie etwa das Human Brain Project, das auf die vollständige Simulation des menschlichen Gehirns abzielt.
  • Die Neuroskeptiker selbst werden ebenfalls kritisiert: Deren Kritik sei zu pauschal und überzogen, sagen die zunächst Kritisierten. Die Kritik gründe nicht auf dem nötigen Fachwissen und würde letztlich den wissenschaftlichen Fortschritt behindern.
  • Für die Neurowissenschaften sind die berechtigten Vorwürfe der Neuroskeptiker insgesamt durchaus positiv. Sie fordern von ihnen, sich genauer mit den Möglichkeiten und Grenzen der Forschung auseinanderzusetzen und übertriebene Versprechungen zu hinterfragen.

Und als US-amerikanische Wähler Fotos von möglichen Präsidentschaftskandidaten zu sehen bekamen und anschließend einen Fragebogen ausfüllen müssten, da steigerte vor allem Hillary Clinton die Aktivität dieses Hirnareals. Wohlgemerkt bei solchen Wählern, die die Demokratin eigentlich nicht wählen wollten, wie Forscher um den Neurowissenschaftler Marco Iacoboni von der University of California in einem Zeitungsartikel schrieben. Mit Liebe oder Sucht hatte es also offensichtlich nichts zu tun. Iacoboni und seine Kollegen vermuten stattdessen in der Aktivität den neuronalen Ausdruck eines inneren Kampfes gegen den nicht eingestandenen Impuls, Clinton doch zu mögen. Und nicht zuletzt ein „Gottesmodul“ für den religiösen Glauben haben einige Hirnforscher im Schläfenlappen ausgemacht. Glauben sie zumindest.

Solche überzogenen und von den Medien oftmals sensationslüstern aufgebauschten Erklärungsansprüche riefen in den letzten Jahren viele kritische Stimmen hervor. Eine ganze Reihe von Neurologismen, pardon, Neologismen (Wortneuschöpfungen), tauchten plötzlich in Fachartikeln, in Büchern und in den Medien auf. Die Rede war von „Neuromythologie“ oder „Neuromanie“. Den so genannten Neuroskeptikern geht es darum, die Grenzen neurowissenschaftlicher Erklärungen kritisch zu betrachten. Dabei kommen die Neuroskeptiker nicht nur aus der Psychologie oder der Philosophie, sondern vielfach aus den Neurowissenschaften selbst.

Die verführerische Macht der Bilder

Oftmals richtet sich die Kritik der Neuroskeptiker gegen überzogene Interpretationen von Ergebnissen mit bildgebenden Verfahren (Wann können wir die (Neuro-)Wissenschaft wieder beim Wort nehmen?). Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, doch was sagen uns die bunt leuchtenden Bilder aus dem Hirnscanner nur? Den Hirnforschern geht es ein bisschen so, als würde man auf eine Stadt in der Nacht blicken und aus den beleuchteten Fenstern auf die Aktivität darin schließen. Vergessen darf man dabei nicht, dass etwa die funktionelle Magnetresonanztomografie nicht die Nervenaktivität selbst misst, sondern nur Änderungen der Sauerstoff-Sättigung in der Hirndurchblutung. Denn die Tätigkeit von Neuronen zieht einen stärkere Durchblutung und einen erhöhten Sauerstoffverbrauch nach sich.

„Ein Bild aus dem Hirnscanner ist nicht einfach ein wahrheitsgetreues Abbild der Hirnaktivitäten“, betont der Pharmakologe Felix Hasler von der Berlin School of Mind and Brain an der Humboldt-Uni zu Berlin. „Hinter dem finalen Bild steckt eine ganze Kette von messtechnischen Entscheidungen und komplexen statistischen Berechnungen.“ Wenn man irgendwo eine andere Entscheidung trifft, kann es also sein, dass das Hirnbild ganz anders aussieht.

„Vor einigen Jahren, als moderne bildgebende Verfahren noch relativ neu waren, wurde sehr euphorisch in den Medien über Hirnforschung berichtet“, sagt Steve Ayan, Redakteur der Zeitschrift „Gehirn und Geist“. Ayan zufolge hat sich diese Euphorie mittlerweile etwas gelegt. „Man musste feststellen, dass die bildgebenden Verfahren doch nicht solch einen Liveblick ins Gehirn ermöglichen, wie man dachte.“ Heute sei Forschern, aber auch Journalisten viel stärker bewusst, wie viele Vorannahmen und Berechnungen in die bunten Bilder aus dem Hirnscanner einfließen.

Die bildgebenden Verfahren und so manche Überinterpretationen sind natürlich ein leichtes Ziel für die Neuroskeptiker. Es gibt aber selbstverständlich auch noch andere Methoden der Neurowissenschaften, deren Anwendung weit weniger umstritten ist. Man denke nur an Mikroelektroden, mit denen sich gezielt die Aktivität von einzelnen Nervenzellen messen lässt.

Das Manifest

Wie viel die Neurowissenschaften in den letzten Jahren herausgefunden haben, machte ein 2004 erschienenes Manifest in „Gehirn und Geist“ deutlich. Eine Gruppe von Hirnforschern um Hannah Monyer von der Universität Heidelberg gewährte darin einen Blick auf den seinerzeit aktuellen Stand der Hirnforschung und einen Ausblick auf deren Zukunft: Man wisse bereits viel über die Aufgabenverteilung zwischen verschiedenen Hirnarealen der Großhirnrinde; auch die Vorgänge an einzelnen Nervenzellen und Synapsen seien gut verstanden. Als Folge der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse prognostizierten die beteiligten Wissenschaftler ein neues Menschenbild, – wenn sich die Einsicht erst einmal durchsetzt, dass alle geistig-seelischen Phänomene widerspruchsfrei aus biologischen Prozessen erklärbar seien.

Das Gegenmanifest

Das Manifest erhielt viel positive Aufmerksamkeit in den Medien. Doch es sorgte auch für einige Kontroversen – bis heute: Pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum veröffentlichte eine Gruppe von Forschern um den Psychiater Felix Tretter von der Ludwig-Maximilians-Universität München in der Zeitschrift „Psychologie Heute“ eine Art Gegenmanifest. In diesem Memorandum „Reflexive Neurowissenschaft“ zogen sie eine eher ernüchternde Bilanz der vorangegangenen zehn Jahre. Sie kritisieren vor allem, dass es den Neurowissenschaften an einer echten Theorie des Gehirns fehlt und sie eine Reflexion über der eigenen wissenschaftlichen Grundlagen und Methoden vermissen lassen.

Auch den Wert der Erklärung psychologischer Phänomene durch neurobiologische Vorgänge schränken die Neuroskeptiker des Memorandums ein: Etwa hohe Dopamin- und Endorphin-Konzentrationen in bestimmten Hirnregionen einem Zustand der Lust zuzuordnen, bedeute nicht, das psychologische Phänomen Lust nun neurochemisch treffend beschreiben zu können. Tretter und seine Kollegen plädieren für eine nachdenkliche Neurowissenschaft, die Ernst macht mit einer interdisziplinären Ausrichtung. Auch Erkenntnisse der Psychologie, der Philosophie und der Wissenschaftstheorie sollten einfließen.

Purer Größenwahn?

Wasser auf die Mühlen von Neuroskeptikern ist zudem der vermeintliche Größenwahn von Großprojekten wie das von der Europäischen Union mit einer Milliarde Euro geförderte Human Brain Project (Die Gehirn-Versteher). Besonders das von den Medien herausgestellte Ziel, das menschliche Gehirn in zehn Jahren komplett mittels moderner Supercomputer zu simulieren, ruft Bedenkenträger auf den Plan. Man wisse bislang viel zu wenig über die Abläufe im Gehirn, um sich überhaupt an eine Simulation wagen zu können, sagen selbst Kritiker aus den eigenen Reihen. Schließlich habe man noch nicht einmal ein wesentlich kleineres Neuronen-Netzwerk wie das des Fadenwurms C. elegans verstanden: Das hat nur exakt 302 Neurone.

Bei allem berechtigten Zweifel an der Möglichkeit einer Hirnsimulation in den nächsten Jahren: Mindestens einen berechtigten Kern hat das Human Brain Project: Anders als lange in von den Medien wahrgenommen, versteht es sich als eine IT-Plattform für die fachübergreifende Zusammenarbeit. Damit sind beispielsweise Datenbanken gemeint, in denen klinische Daten von Patienten mit neurologischen Leiden gesammelt und analysiert werden. Das könnte einen wichtigen Beitrag dazu liefern, endlich die riesigen von den Neurowissenschaften angehäuften Datenberge zusammenzuführen.

Kritiker in der Kritik

Die Kritik der Neuroskeptiker bleibt wiederum nicht von Kritik verschont (Projekt unterschätzt, aber auf Kurs). Die Vorwürfe der Neuroskeptiker seien zu pauschal und überzogen, sie gründeten nicht auf dem nötigen Fachwissen und würden letztlich den wissenschaftlichen Fortschritt behindern – sagen die von den Neuroskeptikern kritisierten Experten.

Als ein Versuch der Versöhnung zwischen den streitenden Parteien versteht sich nun ein neues, drittes Positionspapier (9 Ideen für eine bessere Neurowissenschaft). Es ist aus einer Tagung hervorgegangen, die Ende 2014 an der Berlin School of Mind and Brain an der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltet wurde (Mind the Brain – ein Kongressbericht). Das Papier enthält unter anderem fünf Punkte, um die Hirnforschung zu verbessern, und es sieht auch den Journalismus in der Pflicht, neurowissenschaftliche Ergebnisse kritischer einzuordnen.

Für die Neurowissenschaften sind zumindest die berechtigten Vorwürfe der Neuroskeptiker insgesamt durchaus positiv. Die Vorwürfe fordern sie auf, sich genauer mit den Möglichkeiten und Grenzen der Forschung auseinanderzusetzen und übertriebene Versprechen zu hinterfragen. Mit ein wenig mehr Selbstreflexion haben die Neurowissenschaften eine Zukunft vor sich – jenseits von plakativ beschriebenen Funden wie „Liebeszentren“ und „Gottesmodulen“ im Gehirn.

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Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Ulrich Dirnagl
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